Ein Nachruf?

Alle Medien waren voll in den letzten Tagen von Nachrufen anlässlich des Todes von Altkanzler Helmut Kohl. Viele teilten ihre Erinnerungen an diesen Mann, der über Jahrzehnte maßgeblich Deutschlands Politik mitbestimmte. Auch diejenigen, die ihm während seiner aktiven Zeit kritisch gegenüberstanden, ja ihn energisch bekämpften, bemühten sich, das aus ihrer Sicht Positive an seinen Leistungen hervorzuheben. Zwei Dinge standen dabei naturgemäß im Vordergrund: Kohls Verdienste im Zusammenhang mit der Überwindung der deutschen Teilung und sein Eintreten für ein einiges Europa.

Auch im politischen Leben des Werwohlfs spielte Helmut Kohl eine sehr wichtige Rolle. Kohl war CDU-Vorsitzender zu der Zeit, als der Mensch hinter dem Werwohlf sich für Politik zu interessieren begann. Als Mitglied der Jungen Union war der Werwohlf quasi schon von Amts wegen Fan des „Schwarzen Riesen“, wie er damals genannt wurde, bevor das verächtliche „Birne“ der Linken sich in der öffentlichen Wahrnehmung durchsetzte. Allerdings schlug des Werwohlfs Herz damals eher für die geschmeidigeren Herrschaften vom Schlage eines Ernst Albrecht oder Walther Leisler Kiep, und ihm lag auch ein so demonstrativ über den Tag hinaus denkender Politiker wie Kurt Biedenkopf näher als der für seinen Geschmack doch zu „uncoole“ Kohl, den er im Vergleich zum schneidigen Schmidt als in einer anderen Gewichtsklasse boxend ansah. Selbst Strauß schien im fähiger zu sein, obwohl er kein Freund von dessen politischen Stil war. Sagen wir es mal so: Des Werwohlfs Bild von Helmut Kohl entsprach weitgehend dem, das man als den Vorgaben der maßgeblichen Medien folgendes Mitglied von JU oder CDU haben konnte.

Dieses Bild änderte sich erstmals ein Stück anlässlich einer Massenveranstaltung der CDU – wann und wo genau die war, ist inzwischen in des Werwohlfs Erinnerung zu tief vergraben. Jedenfalls wurden damals aus ganz Deutschland Anhänger zu diesem Treffen gefahren, und auch aus dem Landkreis des Werwohlfs machten sich viele auf den Weg. Veranstaltungsort war so eine Art Messegelände, und es kamen so viele Unionsfreunde zusammen, dass viele davon in getrennten Hallen untergebracht werden mussten und nur über Leinwänder das Geschehen im eigentlichen Hauptsaal verfolgen konnten. Das war der Stimmung natürlich etwas abträglich. Doch Kohl zeigte sein Gespür für die Partei. Er ließ es sich nicht nehmen, auch bei den „Ausgelagerten“ vorbei zu schauen und einige Worte zu ihnen zu sprechen – als einziger prominenter CDU-Politiker damals. Das flößte dem Werwohlf Respekt ein. Der Mann wusste offensichtlich, Menschen für sich einzunehmen.

Ein weiteres Mal musste der Werwohlf sein Kohl-Bild revidieren, als ihm klar wurde, wie geschickt dieser seinen Rivalen Franz-Josef Strauß im Wahljahr 1980 auflaufen ließ, wonach ihm zwei Jahre später, nach dem Seitenwechsel der FDP, die Kanzlerschaft völlig unumstritten zufiel. Die Wahl 1983 stellte den Höhepunkt Kohls im Ansehen des Werwohlfs dar. Dieser, zu der Zeit übrigens seinen Wehrdienst leistend, hielt auch den damals äußerst umstrittenen NATO-Doppelbeschluss für folgerichtig, und deswegen imponierte ihm, dass Kohl sich auch in dieser Frage nicht beirren ließ.

Doch dann entwickelte er immer liberalere Vorstellungen in Sachen Wirtschafts- und Sozialpolitik, die ihn mehr und mehr auf Distanz zur CDU und zum Kanzler brachten. Insbesondere die Einführung der Pflegeversicherung führte zum gedanklichen Bruch. Danach wuchs eigentlich vor allem der Ärger aufgrund der ausbleibenden Reformen, so dass der Werwohlf als ehemals treuer CDU-Wähler vermehrt sein Kreuz bei der FDP zu machen begann.

Dazwischen kam der Fall der Mauer. Es war kein Zufall, dass es Kohl war, der die sich ergebende Chance und das vermutlich sich nur kurz öffnende Fenster nutzte, um konsequent den Weg zur Einheit zu beschreiten, denn bei allem Machtbewusstsein und der Fähigkeit zum Taktieren und Intrigieren war Kohl ein Mann mit klaren Überzeugungen – und dass man sich mit der deutschen Teilung nie abfinden dürfe, gehörte dazu. Bei der SPD z.B. schien man das inzwischen ganz anders zu sehen, was letztlich in Oskar Lafontaines kaum verhohlener Distanz zur Wiedervereinigung deutlich wurde. Man darf auch nicht vergessen, dass sich deutsche Einheit und die Wiedergewinnung der Freiheit in den mitteleuropäischen und baltischen Ländern gegenseitig bedingten – die Deutschen haben hier insbesondere den Polen und den Ungarn viel zu verdanken, aber durch die Einheit Deutschlands war eben notwendigerweise auch die gewaltsame Spaltung Europas überwunden. Helmut Kohl hat sich in diesen Tagen als großer Staatsmann erwiesen.

Hier kam ihm auch seine zweite Grundüberzeugung zu Hilfe. Für Helmut Kohl war es eine klare Konsequenz aus der Geschichte, dass ein vereinigtes Deutschland unbedingt in einen europäischen Rahmen eingebettet sein müsse. Dass er dies in Wort und Tat deutlich machte, erleichterte selbst skeptischen europäischen Staaten die Zustimmung. Ob der Euro in diesem Zusammenhang vor allem auf französischen Druck zustande kam oder auch einer tiefen Überzeugung Kohls entsprang (oder sich hier beides traf), ist auch heute noch historisch umstritten – jedenfalls ist er wohl, wenn nicht als Bedingung, so doch als unmittelbare Folge der Einheit anzusehen. Seine ökonomische Ahnungslosigkeit[1] mag es Kohl auch erleichtert haben, diesen Weg zu gehen.

Bei der Einführung der D-Mark in der nun wirklich demokratischen DDR und bei der Festsetzung des Umtauschkurses mag diese auch eine Rolle gespielt haben. Es gab zwar genug prominente Warner. Aber auch ein Bundesbankpräsident fand beim Kanzler nicht Gehör – nicht nur, weil dieser von Ökonomie nicht viel verstand, sondern sicher vor allem auch, weil Pöhl ein SPD-Mann war, und die „Sozen“ waren für Kohl Zeit seines Lebens ein rotes Tuch. Zumindest die in Deutschland, denn zu denen im Ausland konnte er oft verblüffend gute Beziehungen herstellen[2], wie zu François Mitterand oder Felipe Gonzáles. Aber die waren eben auch keine politischen Konkurrenten, sondern nützliche Bundesgenossen. Diese Fähigkeit, bei anderen Menschen Vertrauen zu wecken und mit ihnen schnell Freundschaft zu schließen, half bekanntermaßen somit auch enorm bei den Verhandlungen rund um die deutsche Wiedervereinigung.

Es ließ sich vermutlich beides – die DM-Einführung und darauf folgende Ausdehnung westdeutscher Rahmenbedingungen auf den Osten sowie die Einführung des Euro – politisch kaum vermeiden und ist damit Helmut Kohl kaum vorzuhalten. Ob er die damit verbundenen Probleme sah oder nicht, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Dass er sie nicht sah, darauf deutet auch das Reden von den „blühenden Landschaften“ hin, womit er vielleicht nicht falsche, so doch auf jeden Fall vorschnelle Erwartungen weckte  – die daraus resultierende Zustimmung schlug denn auch bald in Enttäuschung und Frust um.

Aus Sicht des Werwohlfs glich Kohl nach der gelungenen Einheit mehr und mehr einem erfolgreichen, alten Unternehmer, der zu lange an sich und an seinen Methoden festhielt, weil er, auch durch die vielen Speichellecker in seiner Umgebung, mehr und mehr von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt war. Er wäre als noch größere Persönlichkeit in Erinnerung geblieben, hätte er sich einige Jahre als Kanzler erspart. Die Hybris, sich mit einem „Ehrenwort“ über Gesetze zu erheben, hätte er sich in seinen früheren Jahren nicht geleistet. Und sein Einsatz für die Politik hat vor allem seiner Familie einen sehr hohen Preis abgefordert.

Aber kein Mensch ist ohne Fehler, und große Menschen machen leider auch große Fehler. Was an ihrer Größe[3] nichts ändert. In diesem Sinn: Mit Helmut Kohl verliert dieses Land einen Mann, der viel dazu beitrug, dass seine Menschen heute in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben.

Einige Nachgedanken:

Es ist verblüffend, aber bislang haben es fast alle Bundeskanzler geschafft, mit bestimmten, wegweisenden Maßnahmen dieses Land maßgeblich zu prägen. Adenauer mit seiner Verankerung der Bundesrepublik Deutschland im Westen, Brandt mit seiner Entspannungspolitik, Schmidt mit dem Widerstand gegen den Terror, Kohl mit der deutschen Einheit und Schröder, ja doch, mit der Agenda 2010. Erhard (als Kanzler) und Kiesinger fallen im Vergleich dazu ab (hatten auch ungünstigere Rahmenbedingungen). Und Merkel? Nun ja. Man vergleiche selbst.

[1] Muss man wohl so drastisch sagen. War halt nicht seins. Aber vielleicht besser als eine falsche Ahnung.
[2] Vor allem in seinen späteren Regierungsjahren konnte er gegenüber denen, die er nicht als gleichrangig ansah, sehr herablassend sein. Manche sagen wohlwollend: „patriarchalisch“.
[3] Jaja, lang wer er auch.

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4 Kommentare on “Ein Nachruf?”

  1. Schwarzmaler20 sagt:

    „Dass er sie nicht sah, darauf deutet auch das Reden von den „blühenden Landschaften“ hin.“ Ich hatte einen anderen Eindruck. Die Einführung der DM und die Vision von den blühenden Landschaften war genau das, was eine vorwärtsblickende Führung für die ehemalige DDR brauchte. Ein positives Zeichen, eine Hoffnung, statt nur die Wüstenei und die Probleme, die offensichtlich vorhanden waren, im Blick zu haben. Ich denke, deswegen tragen die Linken, die der DDR hinterhertrauern, dieses Wort von den „blühenden Landschaften“ Kohl bis heute nach. Allerdings müsste man auch mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, was in den letzten zwanzig Jahren im Osten entstanden ist.

    • Werwohlf sagt:

      Die Einführung der DM und die Vision von den blühenden Landschaften war genau das, was eine vorwärtsblickende Führung für die ehemalige DDR brauchte. Ein positives Zeichen, eine Hoffnung, statt nur die Wüstenei und die Probleme, die offensichtlich vorhanden waren, im Blick zu haben.

      Ich sehe das etwas anders. Meines Erachtens wäre eine „Blut-Schweiß-und Tränen“-Rede angemessener gewesen. Die hätte immer noch die Hoffnung auf eine viel bessere Zukunft enthalten können, hätte aber zugleich die Erwartung gedämpft, das ginge alles ohne Opfer ab (und diese Erwartung herrschte bei vielen im Osten offensichtlich vor). Ich bin überzeugt, dass damals auch alle dazu bereit gewesen wären. Die Wähler im Westen hätten auch nicht belogen werden müssen, dass dies alles ohne zusätzliche Belastungen für sie abginge.

      Allerdings müsste man auch mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, was in den letzten zwanzig Jahren im Osten entstanden ist.

      Definitiv. Aber erst nach einiger Zeit, und auch auf Kosten nicht blühender, sondern z.T. verödeter Landschaften.

  2. Dennis sagt:

    Einen Nachruf zu schreiben ist ja nicht so ganz einfach. Hier im Biss einer der besten, die ich bisher zu Kohl gelesen habe, u.a. weil der Autor nicht künstlich-neutral bleibt. Sehr gut gelungen.

    ’n bissle was zu meckern hab ich natürlich dennoch, und zwar im Hinblick auf das leidige Thema „Kohl und das Ökonomische“:

    Mit Ahnungslosigkeit hat das – glaub ich – nix zu tun. Auch in dieser Sache ähnlich wie Adenauer, dessen, ich sach mal freundlich, nitt ganz störungsfreies Verhältnis zu Erhard ja legendär ist, hat Kohl „das Ökonomische“ polit-hierarchisch bewusst irgendwo eher weiter unten angeordnet, insbesondere wenn es galt, Wahlen zu gewinnen. Es leuchtet ein, dass, wenn man Bundeskanzler werden und bleiben will, diese Rücksichtnahme unumgänglich ist.

    Noch wesentlicher durfte jedoch der ökonomische Kram, die Deutschland-, Europa- und überhaupt die Außenpolitik nicht „stören“. Ggf. kann man ja den Wirtschafts- und Finanzkram später zurechtbiegen und anpassen, wenn die faits accomplis erstmal da sind. Pöhls SPD-Mitgliedschaft, die eh noch aus der zu dieser Zeit längst abgemeldeten Godesbergphase stammte und nurmehr eine gewisse Treue zum Ausdruck brachte, spielte da wohl keine Rolle, für Kohl war er wahrscheinlich eher ein unpolitischer Erbsenzähler.

    Das, scheint mir, war auch die Überlegung bei Maastricht und Euro. Hat insofern was für sich, als Währungen noch nie aus der ökonomischen Studierstube kamen, und auch mir ist ein homo oeconomicus – ausser zwischen zwei Buchdeckeln – eigentlich noch nicht begegnet.

    Herzlich
    Dennis

    • Werwohlf sagt:

      Einen Nachruf zu schreiben ist ja nicht so ganz einfach.

      Deswegen entschloss ich mich, mehr einen Nachruf über mein Verhältnis zu Helmut Kohl als über ihn selbst zu schreiben. Mit mir kenne ich mich mittlerweile ziemlich gut aus…

      ’n bissle was zu meckern hab ich natürlich dennoch, und zwar im Hinblick auf das leidige Thema „Kohl und das Ökonomische“:

      Mit Ahnungslosigkeit hat das – glaub ich – nix zu tun.

      Ich will gerne einräumen, dass Prioritätensetzung auch eine Rolle gespielt hat, bleibe aber dabei, dass Ahnungslosigkeit dafür auch enorm hilfreich war.

      Pöhls SPD-Mitgliedschaft, die eh noch aus der zu dieser Zeit längst abgemeldeten Godesbergphase stammte und nurmehr eine gewisse Treue zum Ausdruck brachte, spielte da wohl keine Rolle, für Kohl war er wahrscheinlich eher ein unpolitischer Erbsenzähler.

      Zumindest ein Störenfried, der ihm widersprach, und da hat die Mitgliedschaft, egal wie sie individuell motiviert war, für einen so sehr in Parteigrenzen denkenden Menschen wie Kohl dann sicher mit eine Rolle gespielt.

      Hat insofern was für sich, als Währungen noch nie aus der ökonomischen Studierstube kamen, und auch mir ist ein homo oeconomicus – ausser zwischen zwei Buchdeckeln – eigentlich noch nicht begegnet.

      Es gibt meistens zwei Wege, wie eine Währung zustande kommt. Entweder von unten, als Zahlungsmittel, das das meiste Vertrauen genießt. Oder von oben in einem Staat, wobei es entweder einen Finanzausgleich geben muss oder Teilstaaten bankrott gehen können. Der Euro war und ist ersteres nicht. Und letzteres auch nicht, weil er mit Finanzausgleich in Deutschland und anderen Staaten nicht durchsetzbar gewesen wäre, der Verzicht auf Hilfeleistungen aber aus eben demselben Grund nur ein Lippenbekenntnis war, wie die Finanzmärkte auch richtig antizipierten.

      Btw: Die wenigsten Menschen, die ich kenne, nehmen bei Entscheidungen, die ihr unmittelbares Umfeld betreffen, regelmäßig Nachteile für sich in Kauf und verzichten auf die Wahl einer besseren Alternative. Et voilà: der Homo oeconomicus.
      Der, auch btw, für eine Euro-Kritik gar nicht erst groß bemüht werden müsste: Die geht ganz locker auch mit keynesianischem Aggregatszauber.


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