Christen in fortschrittlichen Parteien?

Kann ein gläubiger Christ eine fortschrittliche Partei führen?

Diese Frage stellt heute FAZ.net.

Die Antwort darauf ist natürlich schwierig. Denn was unterscheidet einen „gläubigen Christen“ von einem „nichtgläubigen Christen“, und was zum Geier ist eine „fortschrittliche Partei“? Fangen wir von hinten an. Eine Partei gilt gemeinhin als um so „fortschrittlicher“, je linker sie ist. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass üblicherweise deren Anhänger sicher sind, wie sich die Geschichte zu entwickeln hat, sei es, weil das die einzig vorgegebene Möglichkeit sei (klassischer, kommunistischer Histomat-Ansatz, mit ökonomischem Schwerpunkt), sei es, weil es sich dabei um die moralisch einzig zulässige Entwicklung handelt (moderner „Regressive Left“-Ansatz, mit Ökologie- und Identitäts-Schwerpunkt). Führt man sich den kürzlich stattgefundenen evangelischen Kirchentag in Berlin vor Augen, könnte man nur zu dem Schluss kommen, dass sich Christen bei beiden Ansätzen sehr zu Hause fühlen müssen. Irgendwelcher Widerspruch dagegen wurden jedenfalls nicht bekannt, dafür aber viele Aussagen, die dazu bestens passen würden.

Den traditionellen Störenfried stellt in diesem Zusammenhang allerdings die katholische Kirche. Was den klassischen Ansatz angeht, so gibt es durchaus Überschneidungspunkte, wie z.B. in der sog. „Befreiungstheologie“ und wie es bei den Äußerungen des amtierenden Papstes deutlich wurde. Mehr Gegenwehr gibt es vom Vatikan gegen den Ansatz der „Regressive Left“. Traditionelle Auffassungen zu Ehe und Familie oder zu Homosexualität stehen hier dem entgegen, was von den Verfechtern dieses Ansatzes für hehr und gut gehalten wird.

Vermutlich dürfte es bei evangelikalen Christen auch nicht viel anders aussehen als bei katholischen – ja gegenüber ersteren könnten letztere durchaus als „liberal“ gelten, schon deswegen, weil es bei ersteren keine die Überlieferung relativierende Instanz geben darf, wie sie dann letztlich doch die Konzile und die Päpste selbst darstellen.

Die einfache Antwort auf die Eingangsfrage könnte also lauten: Die Briten haben Tim Farron, die Deutschen Katrin Göring-Eckardt. Und für das Christsein in angeblich „fortschrittlichen“ Parteien folgt allein daraus nichts, denn dazu, auch wenn das bei Kirchentagen gerne unterzugehen pflegt, müsste man die Damen und Herren zu Aussagen wie der leiblichen Auferstehung befragen, die in der Politik aus guten Gründen nichts zu suchen haben.

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4 Kommentare on “Christen in fortschrittlichen Parteien?”

  1. Dennis sagt:

    Gut, all das mag problematisch sein. Indessen gibt es da in D auch noch eine nicht ganz unbedeutende Partei, genau genommen sogar zwei, die den Begriff „christlich“ im Namen führen. Ist das ein geringeres Problem als die leibhaftige Göring-Eckart? Sie hat sich aus den EKD-Gremien übrigens zurückgezogen, das nur nebenbei. Wenn Göring-Eckart ein Aufreger ist, müsste die CDU mindestens ein solcher hoch fünf sein.

    Oder sind polit-christliche Konnektivitäten im Falle von Parteien, die auf so genannte Fortschrittlichkeit keinen großen Wert legen, unproblematisch, im anderen Fall dagegen problematisch? Zumal es so ist: Wenn für die Christen in „fortschrittlichen“ Parteien allein daraus „nichts folgt“, muss das bei der CDU durchaus anders sein, sonst hätte sie diesen Namen nicht.

    Runtergekocht liegen die Dinge doch wohl so: In die politische C-Kiste kann man eigentlich alles reinpacken, was einem gerade so einfällt respektive aus der C-Kiste in die Polit-Kiste umpacken, und was nicht passt wird passend gemacht.

    Also: Niedriger hängen.

    Herzlich
    Dennis

    • Werwohlf sagt:

      Gut, all das mag problematisch sein.

      Äh – nein. Ich sehe da nirgendwo Probleme, sondern wende mich gegen einen Artikel, der das tat.

      Wenn Göring-Eckart ein Aufreger ist, müsste die CDU mindestens ein solcher hoch fünf sein.

      Hä? Wer regt sich denn auf? Und erst recht über Frau Göring-Eckardt? Sie wird hier nur erwähnt als Beispiel, dass Christen durchaus eine führende Rolle in „fortschrittlichen“ Parteien spielen können, was andere anscheinend angesichts des Schicksals des LibDem-Vorsitzenden bezweifeln.

      Oder sind polit-christliche Konnektivitäten im Falle von Parteien, die auf so genannte Fortschrittlichkeit keinen großen Wert legen, unproblematisch, im anderen Fall dagegen problematisch?

      In keinem der beiden Fälle sind sie das. Nichts anderes vertrete ich im Beitrag.

      Also: Niedriger hängen.

      Noch niedriger?

  2. Senftorte sagt:

    Ich habe über das Problem des Konservativismus eine lange Zeit nachgedacht und ich glaube inzwischen, dass es insgesamt drei größe Strömungen des Konservativismus gibt:
    1) Eine aus der Skepsis kommende Kritik an Neuerungen. Die gegenwärtige Tradition ist etablierte Praxis, ihr kann man sozusagen unkritisch folgen; aber für jeden Ansatz, die Gesellschaft zu verbessern, gibt es wiederum Gegenargumente etc.
    2.) der KUlturpessimismus.
    Wer in einer Ära des moralischen Verfalls, des Niedergangs lebt, der will das Rad lieber Anhalten als es weiter drehen lassen.
    3.) Religion.

    Das bedeutet, es gibt eine Tendenz von Religion zum Konservativismus, bei Linken ist das nicht so.

    • Werwohlf sagt:

      Das bedeutet, es gibt eine Tendenz von Religion zum Konservativismus, bei Linken ist das nicht so.

      Scheint mir zur Zeit aber nicht zwingend zu sein. Vielmehr deutet einiges darauf hin, dass es sowohl konservative als auch linke Religiöse gibt – auf jeden Fall im Christentum, wohl auch im Judentum, aber eher weniger im Islam. Was daran liegt, dass Buchstabengläubige in den beiden erstgenannten Religionen eher nur eine Variante darstellen (die zudem noch von keiner der großen Kirchen unterstützt wird), die mit diversen anderen Auslegungen konkurriert. Wer in Jesus also z.B. vor allem eine Art sozialrevolutionären Hippie sieht, der nebenbei auch noch mittels hunderter Verbiegungen irgendwo doch halbwegs symbolisch als „Sohn Gottes“ bezeichnet werden kann, kann das tun und sich ebenso Christ nennen wie derjenige, der streng alle Vorgaben des Katechismus befolgt und glaubt. Dass diese beiden Kategorien auch politisch anders ticken, wäre dann kaum verwunderlich.


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