Von der Lust an der Ausgrenzung

Bei der Ausgrenzung anderer Menschen, ihrer Stigmatisierung und Verfolgung bis hin zur vollständigen Vernichtung scheint es sich um einen Trieb zu handeln, der ganz tief in uns Menschen angelegt ist. So lustvoll wird ihm gefrönt, und zwar auf der ganzen Welt, mal mehr, mal weniger intensiv und grausam. Aber überall ist dasselbe Schema zu beobachten: Menschen ordnen andere Menschen in eine auszusondernde Gruppe ein, um dann endlich lustvoll all die Dinge an dieser Gruppe praktizieren zu können, die ihnen sonst versagt sind. Natürlich nur im Namen des Hehren und Guten: Diese andere Gruppe ist das Böse, und eben deswegen ist es ja nur recht und billig, im Umgang mit ihr alle Zurückhaltung abzulegen. Wenn nicht im Namen eines Gottes, dann doch wenigstens zur Rettung der Menschheit. Besonders beliebt bei der Begründung der Ausgrenzung ist das Spiel über die Bande: Es sei ja gerade diese böse Gruppe, die am liebsten alle anderen ausgrenzen und verfolgen würde, wenn man sie denn lässt, und eben deswegen bleibt einem selbst nun leider nichts anderes übrig, als auszugrenzen und zu verfolgen.

Die Muster sind insgesamt aber so variabel und auf der ganzen Welt anzutreffen, dass die Wahrscheinlichkeit dafür spricht, die Begründungen vor allem nur als Exkulpierung der Lust zu sehen, andere Menschen zu entmenschlichen, auszugrenzen, zu verfolgen, zu demütigen und letztlich zu „beseitigen“.

Das historisch bisher stabilste und auch in vorher unbekannten, bis dato einmaligen Dimensionen praktizierte Beispiel ist der Antisemitismus. Aber er hat kleine Brüder und Schwester überall, wo diese „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ herrscht. Fremdenhass, Christenverfolgung, Rassismus (in seiner engen Definition, nicht der beliebigen, modernen) – all das passt in dieses Schema.

Aber das Muster ist auch aktiv bei für die Betroffenen nicht unmittelbar lebensbedrohenden Konstellationen.

Nehmen wir doch mal nur die AfD.

„Der Werwohlf vergleicht Antisemitismus mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Nazis!!!!einself!!“ Äh, nein. Das tut er nicht. Er beschreibt nur eine offensichtlich im Menschen angelegte Sehnsucht, einen Bereich zu finden, in dem dieser die ihm gesellschaftlich auferlegten Grenzen gegen seine Artgenossen endlich mal wieder überschreiten darf, und er sieht in beidem, dem Antisemitismus und dem „Widerstand“ gegen die AfD Ausprägungen davon. Unabhängig davon, dass es sich hier um völlig unterschiedliche Dimensionen handelt, mit völlig unterschiedlichen Konsequenzen für die Betroffenen. Juden waren und sind noch heute existenziell bedroht, überall auf der Welt, aber vor allem in ihrem eigenen Staat, dessen Vernichtung erklärtes Ziel von Staaten und Institutionen ist, mit denen Deutschland gerne höchst diplomatisch und freundschaftlich umgeht. AfD-Mitglieder müssen nur damit rechnen, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu dürfen, ihr Eigentum zerstört zu bekommen und sozial ausgegrenzt zu werden. Von der Freiheit, sich im Rahmen der grundgesetzlich garantierten Freiheiten politisch zu engagieren, ganz zu schweigen. Der Staat ist hier auch nicht aktiv Handelnder, sondern in Form diverser Funktionsträger äußerst wohlwollender Zuschauer – er bedient sich dann gerne derer, die ihren Testosteron-Überschuss mit der oben beschriebenen Lust an der Verfolgung der bösen Gruppe lustvoll zu verbinden wissen. Wobei er noch eine unterbezahlte Truppe in seinen Diensten bereitstellt, damit die Verfolger auf jeden Fall etwas zum Ausleben ihrer Gewaltbereitschaft vorgesetzt bekommen – quasi anstatt einer formalen Entlohnung.

Die Sucht nach dem nächsten Adrenalinschub, das Ausleben der als unbändig empfundenen eigenen Kraft, wenn sich beides mit einem nur allzu bereit liegenden dichotomischen Weltbild paart, dann bekommt die Unmenschlichkeit eine moralische Legitimation – als Kampf gegen die Umenschlichkeit natürlich, die ganz allein bei „denen da“ anzutreffen ist. Die Chiffre „Nazi“ dient in erster Linie zu eben dieser Rechtfertigung, den anderen Menschen nicht mehr als einen von uns, sondern etwas Auszumerzendes hinzustellen, auf das keine Rücksicht mehr genommen werden muss.

Was natürlich nicht heißt, dass es nicht eben auch die gibt: Die „Nazis“, die andere Menschen als das Auszumerzende betrachten, seien es nun Muslime, Menschen mit anderer Hautfarbe oder eben Juden. Aber die Untat steht für sich und ist keine Frage der richtigen Seite. Das Grundgesetz und der Rechtsstaat geben den Rahmen vor, in dem alle, die sich angeblich für das Gute einsetzen, handeln können. Es gibt keine höhere Legitimation für Taten, die diesen Rahmen verlassen. Auch nicht die als Widerstand gegen das Böse getarnten archaischen Triebe.

 

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2 Kommentare on “Von der Lust an der Ausgrenzung”

  1. n_s_n sagt:

    Lieber Werwohlf.

    Nachdem ich gestern wieder einmal schweigend einem im Weltbild fest gefügten Gespräch lauschen musste, in welchem ich oft an dich dachte, um die Kraft zu finden schweigen zu können, tut es gut von dir zu lesen.

    Du beschreibst hier eine offensichtliche Konstante menschlichen Handelns in der Zeit, von denen es einige gibt. Starke Kohäsion im gesellschaftlichen Weltbild ist eine andere. Für denjenigen der selbst gerne einmal denkt ist das mitunter eine Qual.

    Ich habe es ja schon oft gesagt, das Mittelalter und Heute die gesellschaftlichen Sehnsüchte und Praktiken betreffend nicht all zu weit auseinander liegen. Inquisition und Gläubige verstehen sich heute nur anders und die Zivilisiertheit der Auseinandersetzung ist um Äonen größer. Zweites, so ist meine große Befürchtung, könnte aber nur ein reines Wohlstandsphänomen sein.

    Vielleicht bin aber auch ich der den es auszugrenzen gilt, weil meine Gedanken und Ansichten eine Gefahr darstellen. Das meine ich ernst. Wer weiß sowas schon.

    Auch dunkle Gedanken sind wohl eine Konstante menschlichen Bewusstseins.

    Herzlich

    n_s_n

    • Werwohlf sagt:

      Vielleicht bin aber auch ich der den es auszugrenzen gilt, weil meine Gedanken und Ansichten eine Gefahr darstellen. Das meine ich ernst. Wer weiß sowas schon.

      Eine Gefahr sind deine Ansichten ganz sicher für alle, die gegen eine freiheitliche Gesellschaftsordnung agitieren. Aber das muss ja auch so sein.


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