Zwei Beobachtungen zu Karneval

Früher, als der Werwohlf noch ein unbedarfter junger Mann war (Ruhe da hinten! Ja, das war schon nach dem Krieg!), schaute er sich, obwohl in gänzlich unkarnevalesken Breiten lebend, gerne zwei Sendungen zur „fünften Jahreszeit“ an, und zwar „Mainz bleibt Mainz“ und die Übertragung der Rosenmontagsumzüge. An beiden mochte er besonders, wie gewitzte Beiträge, sei es in sprachlicher oder plastischer Form, die Politik und hierbei insbesondere die Regierung aufs Korn nahmen. Zugegebenerweise speiste sich ein nicht unerheblicher Teil des Vergnügens aus der Tatsache, dass die damals vom Werwohlf präferierte Partei auf Bundesebene die fiktiven Oppositionsbänke drückte und „die Anderen“ einen Großteil der Kritik ab bekamen, allerdings nicht nur.

Das scheint heutzutage etwas anders zu sein. In der „Meenzer Fassenacht“ gibt es leider keinen „Boten vom Bundestag“ mehr, der seine Kritik an Regierung und Opposition in gedrechselten Wortspielen verpackte. Stattdessen wird dort geflucht und gepöbelt wie an irgendeinem Stammtisch, und zwar nicht gegen die Regierung, auch nicht gegen die Opposition, sondern entweder gegen Politiker in anderen Ländern oder gegen eine 10%-Partei im eigenen Land, während sich diejenigen, die für die reale Politik dieses Staates verantwortlich sind, vor lauter Begeisterung darüber gar nicht mehr einkriegen können. So sehr, dass sie sich nicht entblöden, diese Anreihung von Invektiven gegen die einzigen, die im staatstragenden Konsens irgendwie noch aus der Reihe zu tanzen wagen, auch noch als „scharfzüngiges Voraugenführen der gegenwärtigen Verhältnisse“ (Dreyer) zu preisen. Merke: Wenn die Herrschenden dich loben, hast du als Kritiker versagt.

Bei den Umzügen scheint es nicht viel anders gewesen zu sein. Besonders viel Schamlosigkeit wurde offensichtlich bei der Verächtlichmachung des amerikanischen Präsidenten an den Tag gelegt, der z.B. als Vergewaltiger dargestellt und dessen von seinen inner-amerikanischen Gegnern abgeschlagener Kopf präsentiert wurde[1]. Wie mutig, frech und aufmüpfig, genau in die „Kerbe“ zu schlagen, die von deutschen Medien und Politikern schon längst bis auf Autobahnbreite ausgehöhlt wurde…

Die kritische Botschaft des Karnevals in diesem Jahr war: Folge brav den Leitmedien. Man wagt es ja kaum, sich auszumalen, wenn die mal kriecherisch werden sollten.

[1] Und das an dem Tag, an dem die Enthauptung einer deutschen Geisel durch eine kriminelle Gang bekannt wurde. Nun ja.

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11 Kommentare on “Zwei Beobachtungen zu Karneval”

  1. Paul sagt:

    Die Veranstaltung in Mainz habe ich auch gesehen.
    Neben dem, was Du, werter Werwohlf, bemerkt hast, ist mir bei der Vorstellung der im Saal anwesenden Politiker besonders aufgefallen, dass Altmaier förmlich in den Allerwertesten gekrochen wurde.
    Besonders peinlich war der fast ausbleibende Applaus für den vorgestellten Politiker der AfD.
    Das zeugte von wenig Demokratieverständnis und war auch ein Verstoß gegen die Höflichkeit.

    In der „Aktuellen Kamera“ von ARD und ZDF wurde bei der Beschreibung der Rosenmontagsumzüge besonders die an Trump geübte Kritik hervorgehoben. Zunächst dachte ich, dass ich im falschen Film bin, weil ich die Umzüge zum großen Teil gesehen hatte.
    In der Berichterstattung wurde dann mitgeteilt, dass es in Düsseldorf wohl drei Themenwagen waren (zwei waren nur geschmacklos), in Mainz und Köln war es nur jeweils ein Themenwagen der sich mit Trump beschäftigte. Die waren m.E. völlig normal und angemessen.

    Es war also nicht die im Aufmacher der Sender erzeugte Invasion gegen Trump.
    Na gut, „Übertreibung führt zur Eindringlichkeit“, sagte meine Oma immer. Unter seriöser Berichterstattung verstehe ich etwas anderes.

    Helau und Alaaf, Paul

    • Werwohlf sagt:

      Danke, lieber Paul („werter“ benutze ich nur für die, die ich auf keinen Fall mit „lieber“ anreden würde, aber das muss unter uns bleiben ;-)), für die Zusatzinfo die Umzüge betreffend. Ich meinte auch, im Subtext des ZDF-Kommentars erkennen zu können, dass wenigstens die Kölner den Dom in Kölle gelassen haben. Aber bei der Berichterstattung von ZDF „heute“ fühlte ich mich ingesamt wirklich an die „aktuelle kamera“ erinnert. Als Wessi verfolgte ich die damals aus dem hinreichend grenznahen Niedersachsen heraus wie etwas Exotisches, doch dieser Reiz wäre heute(!) wohl verflogen. Auf „heute“ nur positive Stimmen hinter die Präsentation der Anti-Trump-Wagen und Anti-AfD-Wagen gepflanzt – es hat nur noch gefehlt, dass von denen die Übererfüllung des Kritik-Plans zu Ehren des anstehenden Parteitags der SED in Aussicht gestellt worden wäre. Und dann gab es ja noch das Interview mit dem Düsseldorfer Wagenbauer, einem Herrn Tilly – so sehr voller grün-linker Betroffenheitsklischees, dass einem schlecht werden konnte.

      Die Behandlung der AfD-Vertreter im Saal beim „Mainz bleibt Mainz“ empfand ich auch als stillos, vor allem, wenn man sie mit dem freundlichen Umgang vergleicht, der einer Frau Peters von der Mauermörderpartei zuteil wurde. Ja, die mit dem Angriff auf die Polizei, weil diese Frauen in Köln ein sicheres Silvester ermöglichte.

      Narri, narro!

      • n_s_n sagt:

        „„werter“ benutze ich nur für die, die ich auf keinen Fall mit „lieber“ anreden würde.“

        Wenn ich nicht wüßte, dass du soviel schlauer bist als ich, würde ich meinen, du hättest das von mir übernommen. So schließe ich auf eine anerzogene Seelenverwandschaft.

      • Paul sagt:

        Lieber Werwohlf,
        da es nun doch nicht unter uns geblieben ist, eine Senfchen von mir dazu. „Lieber“ ist bei mir unterschwelliger als „werter“. In Berlin sagen wir auch schon mal „mein lieeeeber Scholli“. „Werter“ ist für mich der Ausdruck besonderer Wertschätzung. Aber diese Auffassung liegt wohl an meinem höheren Alter.

        Nachdem das geklärt ist, 🙂 weiter zum Thema.
        Unsere Beobachtungen und die daraus resultierenden Wahrnehmungen und Beurteilungen sind Deckungsgleich. Der Tilly aus Düsseldorf war für mich so „unterste Schublade“, dass ich ihn nicht erwähnt habe.
        Der öffentlich rechtliche Meinungsverbilder verbreitet das, ist aber dafür eine Facebookpolizei einzurichten.

        Herzlich, Paul

  2. n_s_n sagt:

    Mein lieber Werwohlf, da hast du an meine Seele gerührt.

    In einem anderen Blog habe ich ja einmal über meine Heimat geschrieben. Diese Stadt, die singt und lacht.

    Als junger Mann, auch ich war das einmal, war ich kein eingefleischter Karnevalist, aber in Mainz und Umgebung, zumal mit einer Mutter und meiner damaligen Frau, die den Karneval immer liebten, kann man sich seinem durchaus vorhanden Charme nicht entziehen. Er ist für mich Teil meiner Heimat.

    Vor allem aber ist auch Teil meiner Heimat dieses „alte“ „Mainz bleibt Mainz“, welches du oben so liebevoll beschrieben hast. Wie oft schaue ich mir noch heute die Reden des leider viel zu früh verstorbenen Jürgen Dietz [1] an, dessen grandioser Wortwitz, gepaart mit einem Flair aus Traurigkeit und Lebensfreude, eines der feinsten Florette war, die man führen konnte. Und er führte es meist gegen die Mehrheit der „Meinenden“, nicht gegen die Minderheit.

    Umso mehr schmerzen die grob geschlagenen Holzkeulen, die heute ausschließlich gegen die „Minderheiten“ der „Meinenden“ geschwungen werden. Vor allem Herr Reichow. Es ist mir unerklärlich wie man sich über das, was man bei anderen Menschen als Fehlverhalten wahrnimmt, als zivilisierter Mensch mit solch niveaulosen Invektiven glaubt lustig zu machen können. Wie nahe sind diese Menschen doch denen, welche sie kritisieren – und sie scheinen es nicht zu bemerken.

    Und das war es, was ich mich bei dieser Sitzung so oft fragte: „Wie kann es sein, dass man sich verhält wie diejenigen, die man kritisiert und sich nichts dabei denkt?“ Steht es so schlimm um Erziehung, Zivilisiertheit und Aufgeklärtheit unseres Bürgertums?

    Einigermaßen positiv ist mir immerhin noch Guddi Gutenberg aufgefallen. Er hat es zumindest auch geschafft die Regierung zu kritisieren. Dass man diejenigen, die anderes meinen als man selbst nur als Nazis beschimpfen kann, ist wohl einem Zeitgeist geschuldet, dem sich keiner mehr entziehen kann, auch wenn er in meinen Augen unentschuldbar ist. Jemanden wie Herrn Junge zum Beispiel in einen Topf mit Nazis zu werfen ist, gleichgültig was man von seinen politischen Überzeugungen hält, weit über das Ziel hinaus geschossen.

    Alles in allem tat mir in der Seele weh, dass sich bei diesem Karneval die herrschende Meinung Bauchpinselte und die Minderheiten verunglimpft wurden. Eigentlich ging Karneval immer anders herum. Und gerade in meinem geliebten Rheinhessen gäbe die völlig Windrad verschandelte Landschaft mehr als genug Raum für niveauvoll, witzige Kritik an grün roten Oxymora.

    Früher war nicht alles besser. Aber ich meine die Mainzer Prunksitzung hatte zumindest deutlich höheres Niveau. Man denke an das vielleicht schönste Trostlied, das es je gab, das ich heute noch meiner Tochter singe. Oder an den leider ebenfalls schon verstorbenen Willi Görsch, dessen unpolitischen Ulk-Reden ich fast alle auswendig konnte. Mit einer seiner Pointen, aus einer Rede die seine Erlebnisse auf einer Narrensitzung zum Thema hatte, möchte ich auch schließen.

    „Und dann kam so en Quizmaster uff die Bühn. Der hott a Frach gestellt. „Warum ist es am Rhein so schön?“ – Un do kam nix. Un do hot er nochemol gefrot: „Warum ist es am Rhein so schön?“ – un do kam wirrer nix. Un do wurds mer abber zu bunt. Do bin ich enuff uff die Bühn un hun gesaat: „Horsch zu Kemerad, wenns doch kaaner was, dann stell doch einfach die Ersatzfrage!“[2]

    Helau!

    [1] https://www.youtube.com/results?search_query=j%C3%BCrgen+Dietz

    [2] Hier fällt mir das Diktum einer guten Freundin ein, welche einmal zu mir meinte: „Herr XXX, Sie sprechen zweieinhalb Sprachen. Englisch und Rheinhessisch fließend und deutsch verstehen Sie.


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