Der Frust und die AfD

Justus Bender ist Journalist bei der FAZ. Dort schreibt er u.a. über die AfD. Seine Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit dieser Partei hat er nun in einem Buch niedergeschrieben, aus dem gestern ein Auszug auf FAZplus (die mit der Bezahlschranke[1]) veröffentlicht wurde. Dessen Überschrift lautet „Das Recht des Lauteren“, und er behandelt die Frage, warum bei der AfD die radikaleren Kräfte fast naturgesetzlich an Bedeutung gewinnen. Eine besondere Rolle schreibt der Autor dabei dem Internet zu, und die geschilderten Wirkmechanismen erinnern sehr an einen Beitrag, den der Werwohlf selbst vor über einem Jahr verfasste: „Woher der Hass kommt“. Im Großen und Ganzen sind die Ausführungen Benders interessant, nicht unschlüssig und decken sich oft mit den auf diesem Blog vertretenen Ansichten, was für Qualität spricht[2].

Doch sie bedürfen auch der Kritik und der Ergänzung. Fangen wir mit letzterer an. Ein wichtiger Gesichtspunkt scheint dem Werwohlf der Frust zu sein. Die Mitgliederschaft und Anhängerschar der AfD speist sich zu einem großen Teil aus Menschen, die sich zwar mit politischen Fragen beschäftigten, dabei aber immer mehr Frusterlebnisse anhäuften, weil sie sich mit ihrer Meinung ziemlich allein auf weiter Flur sahen. Weder die öffentlichen Verlautbarungen, noch die Reaktionen der örtlichen Autoritäten, vom Bürgermeister über die Lehrerschaft bis zum Pfarrer, und in Folge auch nicht die der normalen Bürger ließen darauf schließen, dass sie auch nur wesentliche Teile der Ansichten dieser Frustrierten teilten. Das führt zu Frust, und Frust führt zu Wut. Diese so vorkonditionierten Seelen trafen nun endlich, endlich auf die lange so vermissten Gleichgesinnten, aber eben auch auf Bestände derer, die sie damals so schmählich allein ließen. Die Reaktion darauf war vorherzusehen. In der Gewissheit, nun aber mal eine Menge Freunde an der eigenen Seite zu wissen, wird dem ganzen angestauten Frust, der lange mühsam zurückgehaltenen Wut freie Bahn gelassen – alles muss raus, jetzt, wo man es diesen so Selbstgewissen mal zeigen kann. Die sollen spüren, wie es ist, unverstandene Minderheit zu sein und ständig mit dem Verdacht konfrontiert zu werden, im Grunde eine ganze andere Agenda zu verfolgen. So, wie für einen selbst immer die Nazi-Keule griffbereit lag, so kriegen die anderen es jetzt auch ab, diese FDP-2.0-Uboote und „Halben“ (Höcke). Der Werwohlf weiß nicht, wie es den Lesern geht, aber so richtig wütende und hasserfüllte Liberale sind ihm bisher nicht begegnet – also kein Wunder, dass eher in diese Richtung tendierende AfDler der sich als Online-Gebrüll artikulierenden Rache der Unterdrückten nichts entgegen zu setzen hatten und haben. Zumal in der AfD besonders derjenige Rum und Ähre einheimsen kann, der besonders heftig gegen die Vertreter der herrschenden Linie wettert. Je radikaler, desto besser. Seit dem Essener Parteitag 2015 wird zurückgeschossen[3].

Kommen wir zur Kritik. Es ist klar erkennbar, dass Bender von der AfD nichts hält. Aber auch so gar nichts. Er bedenkt Kritiker des Euros mit dem Spott, sie meinten doch – natürlich fälschlicher- und dreisterweise, was erlaube AfD? – tatsächlich, besser als die Bundesregierung zu wissen, wie die Euro-Krise zu lösen sei[4], oder aber sie unterlägen der Selbsteinschätzung (im Kontext gemeint ist anscheinend „dem Wahn“), die Welt „in Gänze“ verstanden zu haben und jeder „Errungenschaft“ der Europäischen Union ein „Preisschild anheften“ zu können. Nun ist selbstverständlich die Position, der Euro sei eine ebenso großartige Sache wie die EU heute insgesamt, und die Bundesregierung habe bei der Befassung mit diesen Themen alles so sehr richtig gemacht, dass allein schon der Gedanke, dem könne nicht so ein, eine tadelnswerte Anmaßung darstellt, demokratisch durchaus legitim[5]. Wer aber Benders Texte zur AfD liest, sollte sich darüber im Klaren sein, mit welchem Grundverständnis hier geschrieben wurde und wird, so dass mancher Artikel vielleicht mehr über den Kritiker aussagt als über das Objekt seiner Kritik. Das ist nun nichts Neues oder Verwerfliches, denn jeder Autor schreibt aus einer bestimmten subjektiven Sicht. Im Gegenteil: Dadurch, dass Bender seinen Standpunkt nicht verhehlt, kann man seine Analysen zur AfD erst so richtig mit Gewinn lesen –  wenn man dies immer ein wenig als Nebenbedingung im Hinterkopf behält[6].

[1] Das soll jetzt wirklich keine Werbung sein (der Werwohlf sieht dafür auch keinen müden Euro), aber das kostenlose und das stark ermäßigte vierwöchige Probe-Abo von FAZ Plus lohnt sich wirklich. Die Lektüre dieser Texte lässt erahnen, wie Qualitätsjournalismus in der digitalen Welt vielleicht aussehen könnte.
[2] Es soll tatsächlich Leute geben, die dem Werwohlf zutrauen, einen solchen Halbsatz völlig ernst zu meinen.
[3] Spätestens.
[4] Wie kann man auch nur auf diese Idee kommen? Lief doch bisher alles super. Oder ist irgendwo Krieg ausgebrochen?
[5] Was natürlich nicht verhindert, dass Leute wie der Werwohlf sie für reichlich bescheuert halten. Erläuterungen in alten Blog-Texten oder auf Anfrage.
[6] Der Werwohlf muss erst noch zwei andere, dickere Werke durchackern. Erst. wenn er die durch hat, wäre der Kopf frei für Benders Buch. Mal sehen.

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One Comment on “Der Frust und die AfD”

  1. n_s_n sagt:

    „[2] Es soll tatsächlich Leute geben, die dem Werwohlf zutrauen, einen solchen Halbsatz völlig ernst zu meinen.“

    Mein lieber Werwohlf, dann bekenne ich mich einmal als einen ebensolchen.

    Von dir habe ich gelernt, dass das Wort „Bescheidenheit“ vielmehr eine psychische Deformation als eine Tugend beschreibt. Wer in sich ruht kann sagen, was ist, auch wenn es ihn einsam macht. Für denjenigen, der das nicht versteht, mag es manchmal wie ein Affront erscheinen. Für denjenigen, der es begriffen hat, ist es eine Wohltat.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht


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