Neues Deutschland (I)

Neue Rubrik für Diverses, das den Werwohlf dessen Asynchronität lehrt. Heute geht es um Pseudonymität und böse Zahlen.„Netzpolitik.org“ beschäftigt sich dankenswerterweise und ohne ideologischen Bias mit einem Vorhaben der nicht mehr ganz so „Großen Koalition“: Es geht um die Forderung nach einem zivilrechtlichen Anspruch auf Herausgabe der persönlichen Daten bei Persönlichkeitsverletzungen. Sprich, wer sich von irgendjemandem beleidigt oder verleumdet fühlt, darf ganz allein, ohne Einschaltung anderer Instanzen oder gar eine juristische Überprüfung der Vorwürfe, die Herausgabe der persönlichen Daten des Anderen verlangen[1]. Die SPD verlangt noch einen Richtervorbehalt, aber netzpolitik.org verweist dazu auf die eher laxe Praxis, die eine solche Hürde nicht als besonders hoch erscheinen lässt.

Dass dies zu einem raschen Ende der Pseudonymität im Netz führen und folglich die Meinungsäußerungen dort enorm beschränken würde, sollte auf den ersten Blick klar sein[2]. Der Werwohlf z.B. würde sofort verstummen, wenn so etwas Gesetz wird. Nicht, weil er so gerne andere Personen beleidigt oder verleumdet (jedenfalls nicht mehr, als dies nach geltendem Recht gedeckt wäre, sondern weil er damit rechnen müsste, dass politisch Andersdenkende unter einem solchen Vorwand seine persönlichen Daten erlangen möchten, um ihm damit auf dem einen oder anderen Weg zu schaden. Und ja, er kennt genug Beispiele von Bloggern mit Klarnamen, denen genau solche Dinge geschehen sind, mit unterschiedlichem Ausgang.

Wer jetzt ganz üble Absichten unterstellt, könnte zu dem Schluss kommen, dass genau das gewollt ist. Dieser Staat verfolgt seine Kritiker nicht mehr selbst. Er sorgt nur dafür, dass eine Horde bereitwilliger „Milizen“, also zur ideologisch begründeten Anwendung aller denkbaren Mittel bereite Leute[3], alles an die Hand bekommt, um durch ihre Aktionen das staatlicherseits Gewünschte umgesetzt zu bekommen. Und da er auch noch genug Chuzpe besitzt. um aus einem Schelmen anderthalbe zu machen, wird er das Ausschwärmen seiner stürmischen Abteilungen hinterher noch als Erfolg der Zivilgesellschaft feiern lassen.

[1] Jaja, die Vorratsdatenspeicherung wird nur für ganz, ganz schwere Straftaten gebraucht. Man sollte ein Jahr Party ausrufen für das erste Mal, wenn solche Sprüche wirklich ein Jahr überdauern.
[2] Wir reden hier nicht strafbaren Delikten. Wo es solche gibt, darf und soll der Staat aktiv werden. Aber auch dann sollten wir an Begründungen denken…
[3] Wo diese überwiegend von Staatsknete leben, kann man vielleicht sogar von „Söldnern“ reden…

 

In Nordbayern ist Unglaubliches geschehen. Ein Fußballspieler wagte es, mit der Rückennummer „88“ aufzulaufen. Und wie wir wissen, zuckt es jedem Deutsch sofort unwillkürlich in der rechten Hand, wenn der diese Zahl irgendwo sieht. Er beginnt dann, sich nur noch marschierend fortzubewegen und gutturale Laute auszustoßen. Zugleich entwickeln sich in ihm Gelüste, Angehörige von Minderheiten zu ermorden.

Das darf natürlich nicht sein. Zwar versuchte der Verein noch ziemlich hilflos, die Zahl durch einen Verweis auf einen 1888 gegründeten Verein zu erklären, aber diesen Versuch der Relativierung der NS-Verbrechen kann man selbstverständlich nicht durchgehen lassen.

Birgit Mair vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung zweifelt allerdings an der Unwissenheit. Der Zahlencode werde auf dem Platz öffentlich getragen und sei für jeden sichtbar. „Ich frage mich, warum das eine ganze Mannschaft inklusive Trainer nicht in den Griff kriegt. Warum traut sich da niemand was dagegen zu sagen?“

So sieht es nämlich aus! Es ist doch völlig egal, wie es zu diesem Aufruf zur Machtergreifung gekommen sein soll – allein die Tatsache, dass niemand dagegen aufbegehren wollte, womöglich weil man der äußerst fadenscheinigen Begründung des Vereins folgte[4], spricht doch genau dafür, dass wir es hier mit NS-Symbolik zu tun haben. Wenn Klein-Fritzchen schmutzige Lieder pfeift, muss er das eben nach Logik seiner Lehrerin sofort einstellen. Der Verein folgte dieser zwingenden Argumentation dann letztlich auch, zumal ein Mitglied, das zugliech auch SPD-Funktionär war, entsprechend intervenierte und sich für die Unverschämtheit entschuldigte, dass eine beliebige Zahl des Dezimalsystems ohne jedes politische Gespür oder gar aus Unkenntnis auf einem Trikot erschien.

[4] Wir alle wissen doch: Jede Zahl hat immer nur einen Zweck!

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One Comment on “Neues Deutschland (I)”

  1. Paul sagt:

    Werter Werwohlf, Du hast mir soeben die Augen geöffnet, für Regionen, die mir vorerst wohl verschlossen geblieben währen.
    Die ehrenamtliche Facebookpolizei reicht nicht, wir brauchen eine generelle Netzpolizei. Wenn wir noch die DDR hätten, dann würde es mich nicht wundern, wenn die Stasi auch im Internet ein Netz von IM aufbauen würde.

    Von der Bundesrepublik hätte ich das nicht erwartet.

    Leider begegnen mir, besonders im Fernsehen, DDR-Erinnerungen. Obwohl ich die Aktuelle Kamera nicht so oft gesehen habe, erinnern mich Tagesschau und Heute manchmal an das DDR-Fernsehen. Besonders auffällig war es bei der durchgehenden Lobhudelei von Schulz.

    Ich kann es verstehe, dass ein im Berufsleben Stehender auf Anonymität bedacht sein muss. Als Rentner sehe ich das eher gelassen. Der Vorgang selbst ist ungeheuerlich.

    Herzlich, Paul


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