Bullshit-Rhetorik à la Schulz

Ganz Deutschland ist im Schulz-Fieber. Gut, die öffentlich-rechtlichen Medien tragen ihren Teil dazu bei, aber der Hype lässt sich nicht allein dadurch erklären. Große Teile der Wähler fallen geradezu in Trance wegen dieses Kandidaten, der dem Werwohlf bislang nur als Drescher hohler Phrasen und europäischer Zentralist aufgefallen war, und das eben auch noch unangenehm.Jetzt werden erste Konkretisierungen seines „Gerechtigkeit“-Geredes sichtbar: Er möchte wieder ein Stück zur Zeit vor Schröders Agenda 2010, als man hohe Arbeitslosenzahlen noch dem Systemversagen des Kapitalismus anlasten konnte, verbunden mit fantasievollen Bildern von Menschen in unendlichem Elend, weil aus der Arbeitswelt unbarmherzig ausgegrenzt und als minderwertig aussortiert. Das ist aus linker Sicht durchaus nachvollziehbar, und Schulz stellt es dankenswerterweise auch klar:

Es gibt keine Gerechtigkeit in diesem Land, solange auch nur einem einzelnen Menschen Unrecht widerfährt und wir nicht alles tun, dieses Unrecht zu beseitigen.

Lassen wir mal für einen Moment beiseite, dass „Gerechtigkeit“ so dankbar undefiniert ist, was eigentlich schon reicht, um diesen Satz auf den Müll rhetorischer Phrasen zu werfen. Aber in ihm ist auch noch ein anderer Unsinn enthalten, nämlich die 100%-Lösung. Jeder Mensch mit hinreichend Lebenserfahrung weiß, dass 100%-Lösungen unrealistisch sind. Diktatoren, wohlmeinende und weniger wohlmeinende, haben sich in der Geschichte immer wieder daran versucht, aber egal, was sie ohne störenden Widerstand einer Opposition mit aller Staatsgewalt versuchten durchzusetzen, sie scheiterten daran. Immer. Und es kommt noch schlimmer: Selbst 95%-Lösungen, also solche, die nach Schulzens Willen schon als verwerflich angesehen werden müssen, sind unverantwortlich teuer, weil die dafür einzusetzenden Ressourcen an anderer Stelle viel dringender benötigt werden oder weil ihr Einsatz höchst unwillkommene Nebenwirkungen zeitigt. Wie gesagt, das weiß jeder, der sich jemals mit realen Problemen auseinandersetzen musste. Und das gilt für so gut wie alle denkbaren Probleme dieser Welt, von der Verbrechensbekämpfung über wirtschaftliche Optimierungen bis zur Kindererziehung. Wer also eine 100%-Lösung als Maßstab propagiert, der kann nur als Populist bezeichnet werden. Und dessen Rhetorik ist nichts anderes als Bullshit.

Ebenso wie das hier:

Und der Kandidat betonte: „Unterm Strich geht es immer um den Wert der Arbeit!“ Denn sie sei „die Grundlage unseres Wohlstandes, nicht die Zockerei auf den Finanzmärkten“.

Ein bisschen veraltete Ökonomie à la Marx („Wert der Arbeit“), ein bisschen populistische Finanzmarkt-Kritik – das sind also die Erleuchtungen, die uns der moderne St. Martin, der im Gegensatz zur Legende nur andere ihre Mäntel teilen lassen will, zu überbringen hat. Platte, erbärmliche Dichotomie. Kein Wort über Zukunfts-Investitionen, woher die kommen sollen und was zu deren Förderung beiträgt – dabei wäre genau das eine der wichtigsten Fragen, die von der Politik zu beantworten wären. Aber der Maddin will seine Umverteilungs-Litanei ja nicht durch komplizierte ökonomische Fakten beeinträchtigen. Verständlich.

In der Sache folgt der Kandidat sowieso klassischen, linken Fehlschlüssen. So führen Arbeitsmarkt-Restriktionen vielleicht vorübergehend zu sicherer Beschäftigung, aber eben nur bei denen, deren Produktivität ausreicht, um unter diesen Schild zu schlüpfen (die wären eh sicher) bzw. bei denen auf Arbeitsplätzen mit geringer Produktivität, die sich schon im Job befinden. Gerade angesichts der Aufgabe, (absehbar) über eine Million Migranten mit vergleichsweise geringem Ausbildungsniveau in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, ist eine solche Abschottungspolitik nach unten das genau falsche Signal.

Und eine weitere Aufstockung der Rentenzahlungen aus Haushaltsmitteln würde der demografisch bedingten Ausgaben-Dynamik nur noch mehr Schwung verleihen. Schon jetzt nehmen diese Kosten den größten Teil des Haushaltspostens für „Soziales“ ein. Hier tickt eine Bombe, und Politiker wie Schulz sind – ganz progressiv denkend – nur daran interessiert, den Zeiger der Zeituhr noch etwas vorzustellen.

Es ist wohl so: Niemand lernt aus der Geschichte. Alle Fehler müssen sich ständig wiederholen.

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2 Kommentare on “Bullshit-Rhetorik à la Schulz”

  1. n_s_n sagt:

    Schulz wird, so glaube ich mittlerweile, die ökonomische Implosion Merkel Deutschlands einleiten, der eine politische folgen wird und je länger die Merkel CDU in ihrer jetzigen Form am Tropf bleibt, desto unangenehmer werden die Folgen für alle.

    Das schlimme an Schulz Gerechtigkeit, wenn mir das anzumerken erlaubt ist, ist übrigens, dass es keine rechtsstaatliche Gerechtigkeit sondern seine persönliche ist, Damit ist es Totalitarismus und nichts anderes. Ob zu 100%, zu 95% oder zu 80% ist völlig gleich.

    „Wollt ihr die totale Gerechtigkeit?“ — „Ja!“

    Es ist eigentlich eine interessante Sache, dass sich aus einer Sozialdemokratischen Partei in den letzten Jahren eine immer mehr offen sozialistische entwickelt hat, mit totalitären Ansätzen. Was hätten wohl die Sozialdemokraten der Weimarer Republik gedacht, hätte man ihnen gesagt, dass die Kommunisten einmal ihre politischen Verbündeten werden würden?

    • TB sagt:

      Sozialdemolratisch oder sozialistisch ist doch nur der Anstrich, hinter der Fassade sieht es doch ganz ander aus. Das ist doch alles nur Kasperletheater.
      „Die SPD, die mit der Forderung nach Mindestlöhnen beim Wähler punkten will, hat einen entsprechenden Antrag im Bundestag ins Leere laufen lassen – weil er von der Linkspartei stammt. Dabei hatte die die Formulierungen wortwörtlich aus SPD-Papieren übernommen. “
      Der Tagesspiegel vom 27.04.2007


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