Der Zorn des Werwohlfs

Es ist wohl so: Der Fußball bringt in uns die schlechtesten Seiten hervor. Der Werwohlf kennt sich eigentlich als jemanden, der, obwohl er nicht aus dem Rheinland stammt, jederzeit bereit ist zu sagen: „Man muss auch jönne könne!“. Sicher, das fällt in manchen Fällen leichter als in anderen (z.B. bei Selbstbedienungen von Managern und Politikern), aber im Grunde sieht der Werwohlf es entspannt, wenn der liebe Gott (oder das Schicksal) es offensichtlich besonders gut mit jemandem meint.

Von dieser Regel gab es bisher nur eine Ausnahme. Und seit gestern gibt es deren zwei. Beide haben mit Fußball zu tun. Der Werwohlf hat es dem Hamburger SV nie verziehen, sich durch einen unberechtigten Freistoß im Relegationsspiel gegen den Karfsruher SC durchgesetzt zu haben (Saison 2014/2015). Seitdem wünscht er dem HSV den Abstieg. Danach darf er gerne wieder kommen, aber ein Mal soll es eben doch mal nach unten gehen. Auch wenn der Werwohlf den Herrn Gisdol eigentlich ganz sympathisch findet.

Und jetzt ist es dieses Tor der Bayern in der letzten Sekunde gegen Hertha zum 1:1-Ausgleich, das in einer Spielminute fiel, die noch über die angezeigten 5(!) Minuten Nachspielzeit hinaus ging. Es handelte sich um den spätesten Treffer der Bundesliga seit Beginn der Aufzeichungen im Jahr 2004. Von nun ist der Werwohlf im Meisterschaftsrennen zum RB-Leipzig-Fan mutiert (damit kennt er sich aus…) und wünscht dem nächsten Gegner der Bayern im Viertelfinale der Schwammerl-Liga alles Gute, vielleicht sogar einen entscheidenden Treffer in der 96. Minute. Barcelona ist überall! Alternativ nähme er auch einen Kantersieg der Gunners im Rückspiel, aber obwohl in einer Welt, in der ein narzisstischer Trottel zum US-Präsidenten gewählt werden kann, vieles möglich erscheint, sollte man darauf besser nicht viel wetten.

Ja, die Argumente, warum dieses Tor dann letztlich doch allein der unbestrittenen Qualität der Bayern zu verdanken sei, sind bekannt. Richtig ist auch, dass eine Mannschaft, die den Herrn Robben so frei im Strafraum zum Schuss kommen lässt, sich nicht wundern darf, wenn sie daraufhin einen Treffer kassiert. Aber all das ändert nichts an dieser doch recht originellen Nachspielzeit. Ja, Hertha spielte zum Schluss nur noch auf Zeit. Aber das ist nun alles andere als ungewöhnlich in der Liga. Trotzdem werden auch dann meist die „handelsüblichen“ 3 Minuten gegeben. Der Herr Robben mag Recht haben, wenn er darauf hinweist, dass die Nachspielzeiten in der Bundesliga allgemein zu knapp ausfallen, aber die Frage muss erlaubt sein, warum diese Regel ausgerechnet in einem Spiel durchbrochen wird, wo das den Bayern nutzt. Die Einwendungen der Bayern, durch Einwechslungen in der Nachspielzeit sei deren nochmalige Verlängerung berechtigt gewesen, sind auch nicht falsch, aber auch das wird eben in dieser orthodoxen Auslegung eher selten praktiziert und fiel somit in diesem Spiel als Besonderheit auf.

Man kann somit in keinem Fall eine Regelwidrigkeit unterstellen, aber eine nicht übliche Praxis eben schon. Das ist nun das Schlimme am Fußball: Der Werwohlf als Hertha-Fan fühlt sich durch diesen Ausgleichstreffer um 95 Minuten Mitfiebern beim leidenschaftlichen Kampf seiner Mannschaft betrogen, und das nimmt er übel[1]. Von den netten Äußerungen des Herrn Neuer mal ganz zu schweigen. In der nächsten Saison vermag er vielleicht wieder neutral-positiv auf die Bayern zu blicken, aber mindestens in dieser wird die einzige Freude, die sie ihm bereiten können, die Schadenfreude sein. Ja, es kann gut sein, dass die Bayern weiter so erfolgreich sind, dass sie wieder mal alle Titel holen. Dann geht der Zorn des Kahn Khan Werwohlfs eben in die Verlängerung…

 

[1]Gerechtigkeitsfanatiker werden einwenden, dass es nicht die Schuld der Bayern sei, wenn ein Schiri zu Eskapaden neigt. Nehmen wir es mal an. Die haben dann aber den ersten Satz nicht gelesen.

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5 Kommentare on “Der Zorn des Werwohlfs”

  1. Paul sagt:

    Werter Werwohlf,
    diese Nachspielzeit ist für mich schon seit einiger Zeit ein Stein des Anstoßes.
    In der heutigen Zeit müsste es möglich sein eine gewisse Transparenz einzuführen. Der Aufwand dafür dürfte nicht so erheblich sein.
    Bei Spielunterbrechungen wird vom Schiedsrichter die Spielzeit angehalten. Das muss nicht der Hauptschiedsrichter auf dem Platz machen, sondern ein gesonderter Zeitnehmer. An einer Stadionuhr könnten Zuschauer und Spieler die Spielzeit ablesen. Es reicht, wenn das in der Bundesliga eingeführt wird, weil dort das meiste Geld unterwegs ist. Das wäre auch ein Schutz für den Schiedsrichter.

    Herzlich, Paul

    • Werwohlf sagt:

      Da hast du sowas von Recht, lieber Paul. Fußball ist in vielen Dingen noch sehr rückständig. Das wird mit Tradition verklärt, ist aber Unsinn. Torlinientechnik und Videobeweis sind jetzt endlich schon da bzw. werden bald kommen, aber auch das erst lange, nachdem sie in anderen Sportarten eingeführt wurden.

  2. Klaus sagt:

    Interessantes Statement, dass ich so nicht vom Werwohlf erwartetet hätte. Fanboys halt.
    Dabei ist es doch ganz simpel: die Spieler und der Trainer beschäftigen sich zu sehr mit der Frage „Warum pfeift er nicht ab“. Ob der vermeintlichen Benachteiligung lässt die Konzentration auf das Wesentliche nach und schon passiert das Befürchtete, die Bayern schießen einen Lastminutetreffer. Danach ist die Wut derer umso größer, die sich als Opfer von Ungerechtigkeit und Benachteiligung sehen (mit unschönen Taten nach dem Abpfiff). Dabei mussten die Bayern wegen ihres CL Spiels am Mittwoch sicher mehr die Zähne in der Nachspielzeit zusammen beißen.
    Zum Glück bleibt eine solche Einstellung auf den Fußball beschränkt.

    • Werwohlf sagt:

      Interessantes Statement, dass ich so nicht vom Werwohlf erwartetet hätte. Fanboys halt.

      Ich erinnere mal so nebenbei nochmal an den ersten Satz des Beitrags.

      Dabei ist es doch ganz simpel

      Die von dir genannte Einstellung könnte tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Ändert aber nichts daran, dass dieses Spiel eine überdurchschnittliche Nettospielzeit aufwies. Man hat auch festgestellt, dass Spiele mit den Bayern ca. 2 Minuten länger dauern, wenn die Bayern zurückliegen, im Vergleich zu jenen, in denen sie führen

      Dabei mussten die Bayern wegen ihres CL Spiels am Mittwoch sicher mehr die Zähne in der Nachspielzeit zusammen beißen.

      Ähem – wegen des lockeren Freizeit-Kicks gegen ein desolates Arsenal? Mein Herr belieben zu scherzen… Abgesehen davon konnten z.B. die für das System der Bayern nicht ganz so unwichtigen Spieler Lewandowski und Alonso über große Teile des Spiels geschont werden, während Herthas Kicker so lange auf dem Platz blieben, bis sie Krämpfe bekamen. Die Laufleistung der Herthaner pro Mann war deutlich höher als die der Bayern. Das ist zwar normal so, weil man als Normalo-Bundesliga-Team gegen eine solche Mannschaft nur über mehr Einsatz zum Erfolg kommen kann, ändert aber nichts am Problem.

      Man beschwert sich immer über die mangelnde Spannung in der Liga. Aber alle Aktiven scheinen gar nichts anderes zu wollen. In der Regel stellen sich die angeblichen Verfolger selbst mindestens ein Bein, und wenn es doch einmal droht, anders zu laufen, kommen die Schiris ins Spiel. Wobei man nicht sagen kann, dass die Bayern grundsätzlich bevorzugt werden. Robben z.B. bekommt meiner Beobachtung nach nicht alle Elfer zugesprochen, die fällig wären, weil er (nicht ganz zu Unrecht) im Ruf steht, ein „fliegender Holländer“ zu sein. Aber in bestimmten Situationen kommt es trotzdem auffallend oft zu ansonsten eher seltenen Regelinterpretationen. Man muss da keine VT wittern, aber dass es einem als Betroffenem stinkt, ist, glaube ich, nachvollziehbar. Wie der Stinkefinger von Ancelotti wegen des Anspuckens.

  3. n_s_n sagt:

    Um den berühmten Fußball Philosophen Bill Shankley zu zitieren:

    „Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“

    Du siehst lieber Werwohlf, das Konzept der Römer, „Brot und Spiele“ funktioniert auch heute noch. 🙂


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