Fremd? Oder doch nicht?

Schon seit langem wollte der Werwohlf zum Thema mal was schreiben. Heute ist es soweit. Ein Tweet aus der „Tagesspiegel“-Reihe „Berliner Liste“ gab den Anlasss: https://twitter.com/TSPSonntag/status/832526544484589568

In ihm wird die Geschichte von einer Frau und zwei Männern „südländischen Aussehens“ erzählt. Sie sitzen im selben Restaurant, und die Frau fragt die beiden: „Woher kommen Sie denn?“ Worauf einer der beiden – wie der „Tagesspiegel“ betont: akzentfrei – antwortet: „Von der Arbeit.“Man könnte das als witzige Begegnung abhaken, wenn da nicht der Kommentar des Twitterers wäre: „Das übliche…“ Als in politischer Korrektheit hinreichend gechulte Leser müssen wir die Frage der Frau natürlich als rassistisch verurteilen, denn offensichtlich wollte sie nicht das wissen, was ihr der Mann antwortete, sondern ihre Frage zielte auf die ethnische Herkunft der beiden ab. Und das gilt dann eben als ausgrenzend und damit rassistisch, denn warum sollte nur aufgrund eines etwas anderen Aussehens darauf schließen, dass jemand nicht von „hier“, in diesem Fall also: Deutschland, sei?

In die gleiche Richtung zielen Beschwerden vieler Deutscher mit Vorfahren aus anderen Ländern und Kontinenten, dass sie mitunter für ihr gutes Deutsch gelobt werden, obwohl das doch die Sprache ist, mit der sie aufgewachsen sind.

All das gilt als Kennzeichen für einen in der Gesellschaft weiterhin verwurzelten Rassismus. Der Werwohlf hält das für Bullshit.

Nehmen wir zunächst den letzteren Fall, weil dieser eindeutiger ist. Da nahm jemand allein aufgrund des Aussehens einer anderen Person an, diese sei nicht in Deutschland aufgewachsen. Insbesondere Menschen mit afrikanischem Familienhintergrund (jaja, das sind wir letztlich alle, aber einigen wir uns mal auf einen Zeitraum von ca. 100 Jahren) dürfte das so gehen. Aber lassen wir doch mal die Kirche im Dorf: Der Umstand, der da von den angeblichen Rassisten angenommen wurde, sollte doch der weitaus häufigere sein – in Zeiten umfangreicher Migration sogar noch wahrscheinlicher als vorher. Trifft nun jemand auf einen Schwarzen mit gutem Deutsch, so kann er nur zwei Vermutungen anstellen: Der Andere hat entweder durch langen Aufenthalt in deutschsprachigen Ländern oder durch ein gründliches Studium woanders die Sprache so gut erlernt, oder er wuchs eben damit auf. Für letzteres gibt es kein Lob, und es ist, wie gesagt, auch nicht wirklich der Normalfall. Der Deutsche will nun höflich sein, ja, er zeigt womöglich mit der Frage sogar ernsthaftes Interesse an seinem Gegenüber,  und – eingedenk der Wahrscheinlichkeiten – durch ein Lob zu einer positiven Kommunikationsatmosphäre beitragen, aber nein – rummms, hat er sich damit als Rassist entlarvt. Mit einer Erwiderung wie „Äh – ich bin hier geboren, ich sollte das können…“ würde man den vorwitzig Lobenden etwas, allerdings nicht allzu sehr in Verlegenheit bringen, und beiderseitiges Wohlwollen vorausgesetzt, könnte das Gespräch dann weitergehen, vermutlich sogar besser als vorher, weil man sich näher kennengelernt und wohl auch zusammen gelacht hat.

Der Werwohlf weiß nicht, woher die Erwartung dunkelhäutiger Menschen kommt, in Deutschland nicht zunächst als anders bzw. als fremd wahrgenommen zu werden. Das mit den Kolonien hat damals nicht geklappt, und auch sonst gab es bisher wenig Gründe anzunehmen, dass ein Deutscher eine schwarze Hautfarbe hat. Das mag sich ändern, wird es auf lange Sicht sogar wohl sehr wahrscheinlich, wenn wir den zunehmenden Migrationsdruck aus dem afrikanischen Kontinent in Betracht ziehen. Es gibt inzwischen ja auch bereits prominente Beispiele, z.B. bei Fußballern, Schauspielern oder Musikern. Aber erst, wenn auch im privaten Lebensumfeld des Einzelnen die unterschiedliche Hautfarbe so zur Regel wird, dass es auch unter kleinen Kindern keine besondere Ausnahme mehr darstellt, kann man auch erwarten, dass immer weniger auf die Idee kommen, jemanden mit anderer Hautfarbe seiner Sprachkenntnisse wegen zu loben. Davon sind wir aber noch ein gutes Stück weg.

Rassistisch wäre es allerdings, wenn man dunkle Hautfarbe und Deutschsein als unvereinbar ansehen würde. Aber nichts spricht dafür, dass es in diesen Fällen der Fall ist.

Vielleicht hätte man das Missverständnis wegen der Sprachkenntnisse ja vermeiden können? Zum Beispiel, indem man den Anderen einfach fragt, woher er kommt. Aber nein – rummms  – ist eben auch rassistisch. Und damit sind wir beim zweiten Fall, der etwas uneindeutiger ist. Wir erfahren nichts über den Hintergrund der Frau, aber dass man gerade in Berlin viele Menschen „südländischen Aussehens“ antreffen wird, die auch da geboren und zur Schule gegangen sind, sollte man hierzulande eigentlich wissen. Insofern sind nur zwei Motive für ihre Frage vorstellbar: Entweder war sie komplett unwissend, oder sie interessierte sich für den, wie es so schön heißt, Migrationshintergrund der beiden Herren. Was zwar für des Werwohlfs Geschmack auch zu indiskret, aber keinesfalls äußerst verwerflich gewesen wäre.

Wie auch immer: Die Antwort des Mannes passt zu Berlin. Wir wissen leider nicht, wie die Frau darauf reagiert hat. Wenn sie – womöglich zusammen mit den beiden Männern – darüber gelacht hätte, hätte sich vielleicht noch ein schönes Gespräch unter zunächst völlig Fremden daraus ergeben können. Was ja auch eine feine Sache wäre.

Wie schön das Leben doch sein könnte, würden wir die Menschen Menschen sein lassen und uns jede ideologische Verbissenheit schenken.

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