Keine Nazis!

Es gibt viele Gründe, als Deutscher die Spanier zu beneiden. Da wären die Tapas. Da wäre das Land, in dem man von schneebedeckten Bergen bis an den Sandstrand fahren kann. Da wären die Temperaturen. Da wäre der Club-Fußball, der die Champions League beherrscht.

Aber das einzige, um das wir die Spanier wirklich beneiden sollten, ist ihre Nationalhymne. Die hat nämlich keinen Text. Und gerade mit dem ist das bei uns irgendwie fürchterlich kompliziert. Als der gute Hoffmann von Fallersleben den seinen damals niederschrieb, dachte er auch nicht im Entferntesten an revanchistische Gelüste, sondern an das, was sich ihm als „deutsch“ damals offerierte. Und er formulierte seine Liebe zu diesem Land, die ihm „über alles“ ging. Wobei man noch wissen sollte, dass damals Nationalbewusstsein und demokratische Gesinnung so ziemlich Hand in Hand gingen – für die meisten Deutschen stellte sich der einigende Nationalstaat als demokratische Alternative zu den vielen Fürstentümern dar, aus denen damals die deutschen Lande bestanden.

Nun, die Nazis nahmen die „über alles“-Formulierung dankbar auf und verwendeten sie in ihrem Sinn. Verständlich, dass das Nachkriegsdeutschland davon nichts mehr wissen wollte, zumal die im Lied formulierten Grenzen der deutschen Kultur deutlich nicht mehr mit den aktuellen staatlichen übereinstimmten. Die dritte Strophe hingegen erwies sich als segensreich, formulierte sie doch vor allem unstrittig positive Sehnsüchte „danach lasst uns alle streben“), die mittels eines Wir-Gefühls („brüderlich“) zu erreichen wären. Okay, man hätte noch gendern müssen, aber das war damals aus unerfindlichen Gründen kein Thema.

Die zweite Strophe hätte den deutschen Nationalcharakter vielleicht besser getroffen, spielte sie doch auf Trinkfestigkeit und sexuelle Gelüste an, aber damit konnte man eben keinen Staat machen. Die fiel also aus. So einigten sich in einem Briefwechsel damals Papa Heuss und Bundeskanzler Adenauer darauf, zwar das gesamte Deutschland-Lied von Fallerslebens zur Nationalhymne zu erklären, aber nur die dritte Strophe singen zu lassen. Nach der Wiedervereinigung packte Kanzler und Präsident erneut die Schreiblust, und Richie und Kohl einigten sich darauf, überhaupt nur noch die dritte Strophe zur Nationalhymne des wiedervereinigten Landes zu erklären.

Das wiederum muss einem Lehrer im US-Bundesstaat Hawaii entgangen sein, der mit der Aufgabe betraut wurde, irgendwelchen Tennis-Mädels aus einem fremden Land, das nicht Texas hieß, einen Gefallen zu tun. Vermutlich googelte der „Deutschland-Lied“, fand den gesamten Text Hoffmann von Fallerslebens und verbrachte fortan seine Zeit damit, diese schreckliche Sprache voller Konsonanten soweit zu lernen, dass er den Text einigermaßen fehlerfrei singen konnte. Weder Google noch sonst jemand schafften es offensichtlich, den Mann darüber aufzuklären, dass das mit der deutschen Hymne nicht so einfach ist. Und dass ausgerechnet die dritte Strophe des Herkunftslieds die eigentlich einzige ist.

Es kam, wie es kommen musste. Er sang die verpönte erste Strophe.

Aber das wirklich interessante war die Reaktion der deutschen Delegation. Die taten geradezu, als sei mit der gesungenen ersten Strophe des alten Textes Adolf Nazi himself beschworen worden. Bevor sie sich einer unbekannten Amerikanerin gegenüber in die Niederlage schickte, bekannte eine deutsche Spielerin noch atemlos, dass die falsche Hymne das Schlimmste sei, was ihr in ihrem Leben je passierte. Und noch bevor sich die Welt aufraffen konnte, der jungen Frau deswegen herzlich zu gratulieren, trudelten auch die Reaktionen der restlichen Delegation ein. Man war empört. Und wie. Als hätte man live einem Versuch der Machtergreifung beigewohnt, der nur durch entschlossenes Virtue Signaling der deutschen Delegation zu verhindern war. Und das auch noch knapp.

Damit war das Ansehen der Deutschen im Ausland gerettet. Wir sind keine Nazis. Wir haben nur einen an der Waffel.

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5 Kommentare on “Keine Nazis!”

  1. stefanolix sagt:

    Natürlich ist das alles absurd und natürlich ist es schade, dass der Sport so in den Hintergrund gedrängt wird. Generell hätte man sich vom deutschen Verband eine professionelle Reaktion gewünscht – etwa in der Art: Sportlerinnen beruhigen, Irritation erst mit den Gastgebern und später bei der Pressekonferenz klären.

    Die Sportlerinnen werden heute m. E. auch in eine Rolle gedrängt, die sie nicht ausfüllen können. Sie sollen zu allem eine druckreife Meinung äußern, können sie sich aber in der kurzen Zeit gar nicht bilden. Ich versetze mich mal in die Situation: Wenn ich bei einem Treppenlauf oder Marathon meiner Altersklasse die falsche Hymne gehört hätte, dann hätte ich nicht so konfus reagiert. Aber unsereins ist seit Jahrzehnten an Politik interessiert, hat auch viele Pannen gesehen, kann das alles einordnen. Die Sportlerinnen sind viel jünger als wir, haben diese Erfahrungen nicht – und leben als Profis vorwiegend für ihren Sport.

    Allerdings hätte der Tennisverband der USA als Gastgeber die Chance gehabt, seine Abläufe besser zu kontrollieren. Man achtet ja z. B. auch darauf, dass die richtigen Flaggen gehisst werden und dass nicht versehentlich eine deutsche Reichskriegsflagge eingesetzt wird.

    • Werwohlf sagt:

      Die Sportlerinnen sind viel jünger als wir, haben diese Erfahrungen nicht – und leben als Profis vorwiegend für ihren Sport.

      Das lässt solche Reaktionen jedoch nicht als unvermeidlich anzunehmen. Im Grunde ist weniger das Verhalten der Spielerinnen und ihrer Teamchefin der Punkt, an dem anzusetzen ist, sondern das gesellschaftliche Klima, das sie dazu bewegt, genau dieses Verhalten zu zeigen. In alles, was auch nur annähernd mit dem Dritten Reich zu tun hat, wird bei uns unglaublich viel Hysterie hinein gemischt, und am heftigsten wird dieser nachträgliche Widerstand gegen Symbole geleistet – so, als besäßen diese die magische Kraft, uns alle wieder zu den bekannten Untaten zu verführen. Wer da nicht rechtzeitig und laut genug sein Schibboleth aufsagt, landet öffentlich ruckzuck in einer wenig schmeichelhaften Umgebung.

      Wie oben geschrieben, ist, wenn wir die Entstehungsgeschichte betrachten, die erste Strophe ja durchaus nicht „nazi“ (und darf wohl auch jederzeit irgendwo von jemandem gesungen werden), sondern wurde, wie so vieles andere auch, von den Nazis für ihre Zwecke missbraucht. Die Ignoranz, die eine der Spielerinnen den Amerikanern vorwarf, sollte daher vielleicht eher bei denen gesucht werden, die diese Strophe dann zu einem originären Nazi-Symbol machen.

      Die Maßstäbe verrutschen da auch. Während z.B. anti-semitische Ausfälle schulterzuckend geduldet werden, macht man um tote Symbolik einen Heidenaufstand. Das passt nicht.

      Allerdings hätte der Tennisverband der USA als Gastgeber die Chance gehabt, seine Abläufe besser zu kontrollieren. Man achtet ja z. B. auch darauf, dass die richtigen Flaggen gehisst werden und dass nicht versehentlich eine deutsche Reichskriegsflagge eingesetzt wird.

      Ja, schon, aber gerade bei unserer Hymne ist das ja nicht gerade einfach, wie oben bereits gesagt. Es gibt da dieses Deutschlandlied, und das hat drei Strophen. Wie soll denn jemand, der nicht deutsche Geschichte studiert hat, überhaupt auf den Gedanken kommen, dass ausgerechnet die dritte nur als Nationalhymne gilt? Das wissen in (West-)Deutschland vermutlich selbst nicht viele, weil sie noch auf dem Stand von vor 1990 sind. Wie ebenfalls oben angedeutet: Für die Leute auf Hawaii ist vermutlich schon Texas exotisch und Deutschland ungefähr so relevant wie Burkina Faso, wenn nicht gerade wieder evil nazi officers oder terrorists über die Bildschirme flimmern (flimmern LCDs eigentlich?). Ich fürchte, mit solchen Situationen werden deutsche Sportler auch künftig immer mal wieder konfrontiert werden – wenn auch hoffentlich erstmal nicht mehr in der Tennis-Welt. Es wäre dann vielleicht eher Aufgabe der deutschen Verbände, ihre Sportler auf sowas vorzubereiten, damit die dann eine gelassenere Reaktion parat haben.

      • n_s_n sagt:

        „sondern das gesellschaftliche Klima, das sie dazu bewegt, genau dieses Verhalten zu zeigen.“

        Das ist der entscheidende Punkt. Was in meinen Augen dabei von den meisten überhaupt nicht verstanden wird ist, dass dieses Klima in seiner Natur genau dasjenige ist, welches das Nationalsozialistische Deutschland so schrecklich werden ließ. Etablieren von Feindbildern, Verbot individueller Gedanken, zulässige Ausgrenzung und schließlich zulässige Diffamierung als Normalität in der Gesellschaft sind der zwangsläufige Ausfluß dieses Klimas.

        Natürlich wird heute niemand von der Gestapo abgeholt aber die unterliegende Struktur des gesellschaftlichen Klimas weist meines Ermessens bedenkliche Parallelen zu damals auf, ohne dass sich dies jemand bewußt macht.

        Die entscheidende Frage ist, wie stabil die „Schicht“ der Zivilisation heute ist, die sie vor einem Bruch bewahrt…. und da muß ich zum Beispiel an die Galgen der Pegida Demonstrationen denken, an Guillotinenatrappen die „Reiche“ köpfen auf Wahlkampfständen von Parteien, welche aktuell im Bundestag vertreten sind oder an öffentliche Äußerungen von Regierungspolitikern, welche Bürgern dieses Staates den Status des „Mensch seins“ absprechen.

        Ich weiß nicht wo das alles hinführt. Ich weiß auch nicht, wie bedenklich das nun wirklich ist. Aber es fällt auf, das im Kern keiner den Wert der Toleranz wirklich vertritt. Es ist immer nur die Toleranz gegenüber denjenigen, welches das gleiche denken, bei gleichzeitigem Hochhalten eines Feindbildes, dem man nicht selten die Vernichtung zu wünschen scheint.

        • Werwohlf sagt:

          Es ist immer nur die Toleranz gegenüber denjenigen, welches das gleiche denken, bei gleichzeitigem Hochhalten eines Feindbildes, dem man nicht selten die Vernichtung zu wünschen scheint.

          Ja, leider. Man hat aus dem Unrecht nicht den Schluss gezogen, künftig kein Unrecht mehr zuzulassen, sondern nur, die Richtung des Unrechts umzudrehen.

  2. Nobody sagt:

    „Die zweite Strophe hätte den deutschen Nationalcharakter vielleicht besser getroffen, spielte sie doch auf Trinkfestigkeit und sexuelle Gelüste an, aber damit konnte man eben keinen Staat machen.“

    Ich glaube eher, dass bei diesem Teil der Hymne gewisse Kreise angewidert wären, während andere lachend unterm Tisch lägen. 😉

    Mal im Ernst, die Ablehnung von sowas wie der ersten Strophe erinnert häufig an magisches Denken, das ist richtig.


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