Was zum Establishment

Wenn man sich eines Tages fragen sollte, warum die AfD trotz aller Ausfälle ihrer extremen Vertreter und der etwas allzu simplen Politikvorschläge dennoch eine lange Zeit Wahlabsichten in Höhe von über 10% auf sich vereinigen konnte, dann wird man unbedingt über das Unverständnis der labernden Klasse reden müssen, die Gründe für den Aufstieg dieser Partei auch nur annähernd zu begreifen.

Als Beispiel möge uns diesmal ein Artikel aus FAZ.net dienen: „Kampfbegriff Establishment„. In ihm beschwert sich der Autor darüber, dass sich (u.a.) die AfD gegen „das Establishment“ wende, obwohl ein solches, als „etablierte Struktur“ übersetzt, doch für das Funktionieren demokratischer Gemeinwesen essentiell sei und die Partei letztlich selbst Teil dieses Establishments werden wolle.

Der Werwohlf versteht diese Argumente nicht. Natürlich braucht es Strukturen, und es braucht auch Hierarchien, selbst in einer Volksherrschaft, um mal die Übersetzung von „Demokratie“ heranzuziehen. Die Frage ist doch aber: Wie wirken diese Strukturen? Wie werden diese Hierarchien besetzt?Und da muss man dem sich – wie ungelenk auch immer – artikulierenden Unwillen zumindest in Teilen Recht geben: Das bundesrepublikanische System ist mehr oder weniger erstarrt. Die herrschenden westdeutschen Parteien, mit dem folkloristischen Sprenkel der „Linken“ im Osten, haben die Claims dieser Republik weitgehend abgesteckt. Ihr Einfluss reicht bis in den letzten institutionellen Winkel hinein, und nur vereinzelt schaffen es besondere Persönlichkeiten, sich darüber zu erheben. Aber auch diesen konnte es nur gelingen, indem sie zunächst brav die vorgegebenen Pfade beschritten, bis sie eine Position erreichten, wo ihr direkter Draht zu den Wählern ihnen die nötige Unabhängigkeit verschaffte. Und es sind nur Ausnahmen.

Durchzusetzen scheint sich hingegen allgemein der aalglatte Typ des Politikmanagers, der in der Partei mit Strippenziehen beschäftigt ist und nach außen hin die geforderten Worthülsen absondert. Besonderes Kennzeichen: Politisches Engagement von Jugend an, danach politikrelevantes Studium (bevorzugt Soziologie oder Politikwissenschaften, seltener Jura oder Ökonomie, fast nie ein naturwissenschaftliches oder technisches Fach), dann Assistenz bei einem Abgeordneten, schließlich selbst Mandatsträger, sei es durch Übergabe eines „todsicheren“ Wahlkreises, sei es durch „Absicherung“ auf einer Landesliste. Bei den Grünen kommt noch das Schmankerl dazu, dass man besser Frau sein sollte, weil das die Chancen vergrößert.

Solche Gestalten können es, selbst wenn ihnen unmittelbare minsterielle Weihen verwehrt bleiben, bis in die Nähe von CEO-Jobs staatseigener bis staatsnaher „Unternehmen“ schaffen. Oder sie werden irgendwann zum Bundesrichter. Der Anschlussverwendungen gibt es viele.

Ebenso konservative wie romantische Geister wie der Werwohlf erinnern sich gerne an früher, wo abgesehen davon, dass eh alles besser war, man noch den Eindruck haben konnte, Parteien brächten sperrige Persönlichkeiten hervor, die mehr die Partei prägten als diese die Person. Da ist vermutlich sogar was dran, aber dieses Privileg könnte der besonderen Situation im Nachkriegsdeutschland geschuldet sein, weil sich dort noch nicht so schnell ein System bilden konnte, dass seine Protagonisten nach Schema F formte. Wer als wirklich unbelastet, wenn nicht gar als ausgewiesener Gegner das NS-Regime überlebte, bei dem handelte es sich meist schon fast automatisch um eine herausragende Persönlichkeit, der es auch in der Bundesrepublik nie eingefallen wäre, einer Herde hinterherzulaufen oder sich von einem Apparat vereinnahmen zu lassen.

Insofern ist der Werwohlf bereit, der AfD gerade wegen ihrer destruktiven Gestalt eine konstruktive Rolle im Gebilde dieses Staates zuzugestehen. Die Dinge müssen sich ändern, damit es bleibt wie es ist. Dabei liegt die Hoffnung weniger auf der AfD selbst als auf dem Vermögen der „etablierten“ Parteien, aus deren Aufstieg die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was sich, wie eingangs erwähnt, offensichtlich als schwierig erweist.

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2 Kommentare on “Was zum Establishment”

  1. huegelkind sagt:

    Romantisch war mein Politikverständnis bis in die frühen 80er. Während ich einem späteren Großmeister der politischen Kunst über die Schulter schauen musste, schwand die Romantik und machte einem über lange Zeit gepflegten Desinteresse Platz. Letztlich war ich enttäuscht, dass meine idealistische Vorstellung von Demokratie in der Realität das Bohren von Brettern unterschiedlicher Stärke in Hinterzimmern und Ausschüssen bedeutet und dass die Gremien, denen ich so viel Bedeutung zugemessen hatte, in erster Linie Abnickorgane für die erzielten Kompromisse waren (und sind).

    Heute, Jahrzehnte später, will ich mir das Desinteresse nicht mehr leisten. Neben (manchmal ätzender) Kritik an den Auswüchsen des verkrusteten Apparats (bin ich damit schon „Neue Rechte“, oder muss ich dafür „System“ sagen?) zermartere ich mir das Hirnkasterl ob neuen Formen der Teilhabe, mit denen wir Bürger den uns zustehenden Einfluss auf die politische Gestaltung unseres Lebens zurückerobern können. Eine „Reconquista“, sozusagen.

    Es scheint sich jetzt zu rächen, dass die Väter und wenigen Mütter das Grundgesetz der alten Bundesrepublik unter dem unmittelbaren Eindruck des zweiten, zweifelsfrei von Deutschen verschuldeten, Weltenbrandes verfasst haben (und wer wollte es ihnen verdenken?) Wo die amerikanische Verfassung ein Bollwerk der freien Bürger gegen Übergriffigkeiten des Staates darstellt, ist das Grundgesetz ein Bollwerk gegen wiedererwachenden Faschismus und Nationalsozialismus. Das war richtig und wichtig, doch bin ich bis heute der Meinung, mit dem Fall der so genannten „DDR“ wäre es an der Zeit für uns gewesen, uns als souveränes Staatsvolk eine zeitlose Verfassung zu geben. Es wäre die Chance gewesen, mündigen Bürgern größere Mitwirkungsrechte zuzugestehen.

    Ob dadurch eine AfD hätte verhindert werden können? Wer weiß. Ich bin sicher, ein solch großes Vorhaben wie eine neue Verfassung für ein geeintes Deutschland hätte die Mehltaudecke von der damals schon weitgehend erstarrten Kohl-Regierung weggezogen und etwas positives Neues entstehen lassen.

    Völlig überein stimme ich mit Ihnen in der Analyse, dass sich etwas ändern muss, damit es so bleibt, wie es war. In Teilen dürfte es gern besser werden.

    Herzlichen Gruß aus Bielefeld vom huegelkind.

    PS Mein Blog steht freundlichen Besuchern immer offen: https://huegelkind.eu/huegelkindsblog/

    • Werwohlf sagt:

      So schlecht ist das Grundgesetz nun wirklich nicht. Das, was an ihm und seiner Praxis eher schlecht ist, sind die nachträglichen Änderungen durch die Zweidrittel-Legislative und die „lebenden“ Interpretationen des heiligen Verfassungsgerichts…

      Bei Formulierungen wie „wir Bürger“ oder „uns als Volk“ bin ich etwas skeptisch, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass eine große Mehrheit dieser in der Formulierung so einheitlichen und vereinnahmenden Menge in den meisten politischen Fragen anders entscheiden würde als ich – und somit nicht viel anders als es die herrschende Politik jetzt schon tut. Und das Problem der Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit wäre damit auch nicht viel anders geartet als jetzt.

      Wenn man mich nach sinnvollen Reformen fragte, würde ich das Mehrheitswahlrecht nennen – einfach, weil es die Dominanz der Parteien etwas erschüttert und es dem einzelnen Politiker ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu leisten, wenn er in seinem Wahlkreis populär ist.

      P.S.: Zweimal pauschale Werbung geht in Ordnung, aber für die Zukunft sollte der Link unter dem Nick reichen, okay? Hinweise auf thematisch passende, konkrete Beiträge selbstverständlich ausgenommen…


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