Was zu Höcke

Etwas erstaunlich ist es schon, dass gerade von links jetzt so getan wird, als habe man in Höcke nicht schon immer einen Nazi gesehen. Aber gut, jetzt hat er etwas getan, was in Deutschland gar nicht geht. Er hat die moralische Kernkompetenz dieses Landes in Frage gestellt: das Erinnern und Mahnen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Holocaust. Alles entzündet sich am Begriff „Denkmal der Schande“, aber diese Worte kann man auch so interpretieren, wie es Höcke dann selbst in seiner nachgeschobenen Erklärung tat: Nicht das Denkmal selbst sei die Schande, sondern das, an das es erinnert.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Erinnerung an die monströsen Untaten des Dritten Reiches ist richtig und wichtig. Bloß bestätigen die Reaktionen auf Höckes Rede ihn doch nur, wenn er diesem Land eine extreme Fixierung darauf vorwirft.

Das Problem in diesem Fall ist nämlich, dass mit der – zugegebenermaßen allen Mediengesetzen entsprechenden – Fokussierung auf die „Schande“-Formulierung der Rest der Rede völlig aus dem Blickfeld zu geraten droht. Doch der hat es wirklich in sich. Man kann einige der Passagen, die beim Werwohlf die Warnlichter aktivierten, in einem Artikel der „Welt“ nachlesen. Da wird die Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai 1945 als „Rede gegen das eigene Volk“ verunglimpft, da wird den Alliierten im 2. Weltkrieg unterstellt, sie wollten durch vernichtende Bombenangriffe den Deutschen „die kollektive deutsche Identität nehmen“ , da wird von einer „Umerziehung“ nach dem Ende des Krieges gefaselt, die die „Wurzeln“ der Deutschen „roden“ sollte. Nehmen wir dazu noch Begriffe wie „vollständiger Sieg“, „Geschichte schreiben“ und dann eben „Denkmal der Schande“, sowie den ganzen Redestil voller Pathos, dann erscheint dem Zuhörer die ganze Ansprache wie aus der Zeit gefallen, ungute Erinnerungen weckend.

Hinzu kommt noch das Publikum, das geradezu ekstatisch dem Redner zu folgen scheint, jeden seiner rhetorischen Kanonenschüsse geradezu lustvoll aufgreifend, um ihn dann letztlich wie einen Messias zu feiern.

Ohne hier etwas gleichsetzen zu wollen: Aber wer schon mal Aufnahmen von Reden Hitlers oder Goebbels gehört und gesehen hat, den muss eine solche Inszenierung doch abstoßen. Dass Höcke danach zurückrudert, gehört zum Spiel – wahrscheinlich wurde die entsprechende Erklärung schon zusammen mit der Rede selbst verfasst. Aber es handelt sich hier um ein perfektes Beispiel für das, was man „Fischen am rechten Rand“ nennt, und zwar an einem extrem rechten. Die Ansprache galt einem Weltbild, das durch Adjektive wie anti-liberal, anti-westlich, nationalistisch und reaktionär gut beschrieben wird. Der Weg zur nationalsozialistischen Ideologie ist von dort aus nur noch kurz.

Die Frage ist jetzt, ob die üblichen Ausgrenzungsrituale hier noch etwas nutzen. Unsere Parteiendemokratie schafft es offensichtlich nicht mehr, das Entstehen solcher Auswüchse zu verhindern. Womöglich muss man sich auf fragen, ob sie diese nicht selbst erzeugt hat durch eine sich über die Jahre mehr und mehr einnistende Professionalisierung, als ständige Wiederkehr des Gleichen mit von Worthülsen begleiteten „alternativlosen“ Entscheidungen und vielfältiger Versuche, unter Missachtung der Lebensumstände vieler Menschen weltfremde Vorgaben in die Tat umzusetzen. Zu viele Menschen, gerade auch im Osten der Republik, sind weniger ökonomisch als vielmehr ideell „abgehängt“, so dass sie Politik nicht als etwas empfinden, bei dem sie noch etwas mitzureden hätten, sondern etwas, das als „Fremdbestimmung“ über sie kommt. Wenn die Politik darauf auch noch mit Herablassung reagiert, vergrößert sie das Problem weiter. Für eine Demokratie ist das jedoch hochgefährlich.

Es kann hier nicht darum gehen, einzelnen Personen oder Parteien eine Schuld dafür zuzuweisen. Das Problem steckt im System, in seinen Institutionen, in seinen Anreizen, und damit ist nicht nur die Politik im engeren Sinn gemeint, sondern zum einen auch alles, was als „labernde Klasse“ um sie herum kreist, vor allem die Medien, aber auch die akademische Welt. Und zum anderen die Welt des „Crony Capitalism“. Wenn es hier nicht zu tiefgreifenden Reformen kommt, wird sich der Trend fortsetzen und wir werden mehr Höcke erleben, mehr Brexit und mehr Trump. Vielleicht kann aus dem Scherbenhaufen, der dadurch entsteht, wieder etwas Neues, Besseres wachsen, aber setzen sollte man darauf nicht.

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8 Kommentare on “Was zu Höcke”

  1. n_s_n sagt:

    Die labernde Klasse, wie du sie so schön nennst, hat ja schon die Lucke AfD zu Nazis gestempelt und in dieser banalen Handlung wird das ganze Dilemma offenbar: Das Fixieren auf die eigene Überzeugung und die Ausgrenzung alles jenseits der eigenen Überzeugung führt zur Stärkung der extremen Ränder.

    Hätte man sich mit der Lucke AfD sachlich auseinander gesetzt (nicht Seitens der Politik, sondern Seitens der Pressse, den Oberlaberern und seitens der Bevölkerung, die sich großteils gerne als unmündige Moralfetischisten gerieren), hätten wir heute höchstwahrscheinlich eine kleine, koalitionsfähige, konservative Partei und wohl eine andere Positionierung von CDU, FDP und SPD in der Parteienlandschaft. Vielleicht wäre uns sogar die „Wir schaffen das Katastrophe“ erspart geblieben.

    Wie man sich bettet so liegt man und dass es keine relevante, gemäßigte politische Kraft in diesem Land gibt, welche dem alternativlosen Unsinn widerspricht, sagt viel aus über das Volk der Dichter und Denker.

    Ich muß da immer wieder an das legendäre Zitat des armen Generals Strategus in „Asterix bei den Gothen“ denken: „Sie sind alle so dumm und ich bin ihr Chef.“

    • Werwohlf sagt:

      An dieses Zitat musste ich in meinem Berufsleben schon öfters denken 😉

    • erlingplaethe sagt:

      Hätte man sich mit der Lucke AfD sachlich auseinander gesetzt (nicht Seitens der Politik, sondern Seitens der Pressse, den Oberlaberern und seitens der Bevölkerung, die sich großteils gerne als unmündige Moralfetischisten gerieren), hätten wir heute höchstwahrscheinlich eine kleine, koalitionsfähige, konservative Partei und wohl eine andere Positionierung von CDU, FDP und SPD in der Parteienlandschaft. Vielleicht wäre uns sogar die „Wir schaffen das Katastrophe“ erspart geblieben.

      „Die Presse“ habe ich noch nie wahrgenommen. Es gab zur Lucke AfD unterschiedliche Betrachtungen. Meine eigene musste ich nicht ändern und ich bin, abgesehen von einigen Austritten, auch gar nicht von einer signifikanten Verschiebung der AfD nach rechts außen überzeugt.
      Die AfD deckte schon immer die Höcke-Bewegung und Schnellroda ab. Die lautstarken AfD-und Pegida-Fans im Netz sind mir ein Beleg. Lucke, Henkel und viele andere Konservative sind gegangen als sie innerparteilich immer lauter wurden.
      Das hat nichts mit den Reflexionen der Außenwelt auf die Partei zu tun, sondern mit ihren Mitgliedern. Die AfD selbst war angetreten um sich zu unterscheiden von allen anderen Parteien die sie als homogenen Block ansahen, wie auch die Presse. Man sollte an dieser Stelle nicht Ursache und Wirkung vertauschen wenn man überhaupt eine Wirkung feststellt, was ich nicht tue.
      Mir kommt das vor wie ein Spiegelbild linker Propaganda die auch immer äußere Umstände, in deren Sprache: gesellschaftliche Umstände, für ihre ausgemachten Missstände verantwortlich macht. So auch im Fall der AfD. Da ist es auch „die Presse“ die auf dem rechten Auge blind ist, der Verfassungsschutz selbstverständlich und die Gesellschaft, die noch nicht genug linksextremistische Überzeugungen in ihren Wertekanon aufgenommen hat.
      Diese Argumentation lässt Fördergelder an Antidemokraten fließen und ist in der Tat sehr erfolgreich.
      Richtiger wird sie dadurch aber für mich nicht.

      • Werwohlf sagt:

        Ich sehe das aus Ex-Innen-Sicht etwas anders.

        Natürlich war es schon ein Problem der Lucke-AfD, dass sie so schnell wuchs (auch wachsen sollte) und dieses Wachstum erstens diverse Knallköppe und Radikalinskis anzog und zweitens auch zu Lasten eigener Grundsätze erfolgte. Ich bin mir noch nicht mal sicher, dass Lucke und seine Anhänger da hätten viel anders machen können. Wer will schon angesichts des eigenen Bedeutungszuwachses riskieren, das alles wegen rigoroser innerer Konflikte zunichte zu machen? Schwierig. Momentan haben wir da einen Schwebezustand. Die Partei zehrt noch vom inhaltlichen Input der Lucke-Fraktion, wird aber immer attraktiver für Rechtsaußen. Die wären ja auch mit dem Klammerbeutel gepudert, würden sie in der AfD nicht ihre Chance wittern.

        Aber die „alte“ AfD, die war eben mal mehrheitlich anders gepolt. Ich habe auch in Essen, als es längst zu spät war und der Pöbel die Macht ergriff, noch jede Menge ehrbarer Konservativer und Liberaler getroffen, die von der Entwicklung ihrer Partei ebenso entsetzt waren wie ich. Nicht alle darunter wollten allerdings sofort die Konsequenz ziehen in der Hoffnung, die Dinge noch irgendwie zum Besseren zu wenden. Wie viele davon noch in der AfD aktiv sind, weiß ich nicht.

        Auf der anderen Seite hat die von Anfang an einsetzende Dämonisierung durch die großen Medien erheblich dazu beigetragen, die Rechtsaußen in die Partei zu spülen. So, wie die AfD dort beschrieben wurde, konnte sie denen nur attraktiv erscheinen. Es gab genug Versuche von Lucke & Co., sich in der Öffentlichkeit von den Extremen abzugrenzen, aber diese Medien waren nur darauf erpicht, diese zu „entlarven“, um dahinter den Strohmann zu entdecken, den sie selbst zu errichten sich bemühten. Es war eine Art sich selbst erfüllender Prophezeihung. Die Ausgrenzung aus „dem System“ führte letztlich dazu, dass die AfD nur noch als Partei gegen „das System“ Erfolg haben konnte. Wie man in den Wald hinein ruft…

        Mit der Merkelschen Flüchtlingspolitik verging aber die Hoffnung auf eine konservative Alternative schnell, weil dieser weitere radikale Schwenk der Union deutlich greifbarer war als die eher abstrakteren Themen wie Energiewende oder Euro-Politik. Nichts trug mehr zu der Polarisierung bei, die wir heute in großen Teilen erleben. Merkel hat den „no borders“-Ideologen eine vorher ungekannte Legitimität verschafft, und die toben sich deswegen heute in der Öffentlichkeit als moralisch überlegene Bewegung aus. Spätestens dadurch musste die AfD zur Gauland-Höcke-AfD werden.

        Die von den abtrünnigen AfDlern um Lucke gegründete Partei „ALFA“, die sich heute LKR nennt (nennen muss), findet hingegen in der Öffentlichkeit nicht statt. Nicht, weil sie dazu keine Versuche unternimmt, sondern weil es leicht ist, sie totzuschweigen. Die Medien sind an dieser Partei nicht interessiert – null Bedeutung (allerdings ein Henne-Ei-Problem) und vor allem null Unterhaltungswert im Vergleich zu AfD. In der medialen Welt des Schwarz-Weiß haben mittlerweile alle ihren zugewiesenen Rollen eingenommen.

        Herzlichen Glückwunsch.

      • n_s_n sagt:

        „„Die Presse“ habe ich noch nie wahrgenommen.“

        Viele mir nahestehende Menschen (alle intelligent, erfolgreich, mitten im Leben stehend) sind nicht bereit, Nachrichten und deren Einordnung aus dem ÖRR in Zweifel zu ziehen und selbst zu bewerten. Was in Tagesthemen und Tagesschau gesendet wird, ist gesetzte Prämisse für jedwede weitere Diskussion.

        Das ist das, was ich persönlich im Kern mit Presse meine: Der ÖRR

        Bei den Zeitungen gibt es sicherlich Diversität: Allerdings sind in denjenigen mit hoher Durchdringungstiefe und als seriös wahrgenommen in der Bevölkerung, Artikel welche nicht auf „ARD/ZDF Linie“ liegen, eher deutlich unterrepräsentiert.

        Meine persönliche Wahrnehmung.

        • Werwohlf sagt:

          Meine persönliche Wahrnehmung.

          Teile ich.

          Ich folge auf Twitter folgenden deutschen Zeitungen und Zeitschriften: FAZ, Süddeutsche, Welt, Zeit, Spiegel, taz, Berliner Zeitung, Tagesspiegel (Wiwo mal außen vor wegen anderen Themenschwerpunkts). Dadurch kenne ich zwar nicht den gesamten Inhalt dieser Blätter, bekomme aber deren Artikel zu den prominenten Themen des Tages mit. Mein Eindruck: Bis auf FAZ und Welt alles mehr oder weniger unisono in der Ausrichtung, mit der taz noch etwas progressiver (was die taz heute vertritt, vertreten übermorgen die anderen). Bei der Welt ist die Mischung zwischen dem durch den ÖRR verbreiteten Mainstream und abweichenden Meinungen 50:50, bei der FAZ 30:70.

  2. Dipl. Ing. Oliver Walter sagt:

    Neun Minuten Applaus wie in der DDR ist das andere extrem.

    Was wir brauchen ist das Ende des Neokapitalismus und die Konzentration auf den Menschen. Erstens kommen dann keine Flüchtlinge mehr, weil sie auch in Afrika Ihr auskommen haben, da fair bezahlt für Ihre Güter und zweitens bringt es bei uns keine Einkommensscheren von 1 Euro Pro Stunde für den Ingenieur der über das Amt in die Amtsstube zur Netzwerkpflege vermittelt wurde und dafür 10 Semester studiert hat bis zu einer Million pro Woche bei manchem Kicker mit Rechtschreibschwäche oder korrupten Vorstand.
    Das Ende der Soros, Zuckerbergs, Blankfeins, Podolskis, Schumachers, Steve Jobs und Ackermanns dieser Welt wäre die Lösung sein, wäre.


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