Grundkurs im Strohmann-Bau

Es gibt ein Gebiet, auf dem Deutschland führend sein muss. Nein, nicht den Automobilbau. Auch nicht die Steuergesetzgebung. Die Rede ist vom Strohmann-Bau[1].

Egal, wo man hinhört, -sieht oder -liest: Niemand argumentiert mehr gegen die Aussagen der anderen Seite, sondern nur noch gegen den Strohmann, den er sich als Ersatz für sie selbst gebastelt hat. Das passt besser in die moderne Zeit: Es ist zeitsparender, man muss nicht so viel nachdenken und es lässt sich so auch knackiger formulieren. Natürlich gibt es auch beim Strohmann-Bau Unterschiede zwischen echten Profis und Amateuren. Wer klein anfangen möchte, kann dies bei Twitter tun. Dieses Medium eignet sich wegen der ohnehin vorgesehenen Verknappung exzellent dafür. Als bestes Werkzeug hat sich hier die verdrehte Logik erwiesen.

Logisch gilt ja, wenn aus A und B C folgen soll:

A: Alle Singvögel können fliegen.
B: Die Amsel ist ein Singvogel.
C: Also kann die Amsel fliegen.

Aber für den Strohmann-Bau muss man das etwas verdrehen, indem man den Schluss statt über die definierte Grundgesamtheit auf einer dieser zugeschriebenen Eigenschaft basiert, die aber auch auf andere Grundgesamtheiten zutreffen kann. Also so:

A: Alle Finken können fliegen.B: Die Amsel kann fliegen.
C: Also ist die Amsel ein Fink.

Aktuellere Beispiele gefällig? Gerne:

A: Nazis sind gegen unkontrollierte Einwanderung.
B: Der Werwohlf ist gegen unkontrollierte Einwanderung.
C: Also ist der Werwohlf ein Nazi.

Oder:

A: Alle Linken sind gegen TTIP.
B: Trump ist gegen TTIP.
C: Also ist Trump ein Linker.

Der kleinere Bruder dieser beliebten Fehlschlüsse ist der „Beifall von der falschen Seite“.

A: Der Werwohlf spricht sich gegen unkontrollierte Einwanderung aus.
B: Ein Nazi findet das gut.
C: Also sind der Nazi und der Werwohlf der gleichen Meinung.
(unausgesprochenes, aber heftig suggeriertes D: Also ist der Werwohlf ein Nazi.)

Solche Versuche, jede Gegenposition zur eigenen Meinung auf das entgegengesetzte Ende des Meinungsspektrums zu verschieben, sind nicht nur billig, sondern durch die Unterstellung, Politik sei eine digitale Angelegenheit, bei der man sich nur zwischen genau zwei Positionen entscheiden könne, eine demokratiefeindliche und anti-pluralistische Meinungsmache.

Der in anderen Medien aktive Profi geht allerdings weiter. Der bedient sich nicht nur des Fehlschlusses und dessen kleinen Bruders gleichzeitig, er wirft danach der Gegenseite auch noch die Polarisierung vor, die er selbst damit erst mutwillig herbeigeredet hat. Dies wird auch gerne in Arbeitsteilung erledigt. Die einen besorgen mit der kruden Logik den Boden, auf dem dann die mahnenden Worte der anderen aufsetzen.

Also ungefähr so:

A: Ausländerhasser sind gegen unkontrollierte Einwanderung.
B: Einige Leute sind gegen unkontrollierte Einwanderung.
C: Diese Leute hassen Ausländer.

Und schon treten z.B. Kirchenfürsten auf den Plan, ihren ganzen Mut beim Befolgen der Vorgaben der öffentlichen Meinung demonstrierend[2], um diese Leute wegen ihres Hasses zu tadeln und sie indirekt zu exkommunizieren. Eine Lektion aus dem Grundkurs: „Wie bastele ich mir ein mainstream-kompatibles Feindbild?“

Schauen Sie sich um. Sie werden diesen Mustern überall begegnen. Spätestens, wenn ihre kritische Meinung bei Facebook oder Twitter, einem dringenden Bedürfnis des z.Zt. in Berlin herrschenden Parteienkartells abhelfend, mal gelöscht wird und Sie wegen ihrer Frevel vom Nutzen dieser Dienste verbannt werden.

[1] Der Werwohlf nimmt an, dass es durchaus im Sinn der weiblichen Leserschaft ist (ja, du bist gemeint!), an dieser Stelle nicht zu gendern. Und wenn nicht, ist es ihm auch egal. Er muss ja nicht Zustimmung zu diesem Unfug heucheln.
[2] Beim Bekennen ihres Glaubens pflegt der Mut dieser Oberhirten eher geringer auszufallen.

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One Comment on “Grundkurs im Strohmann-Bau”

  1. […] Grundkurs im Strohmann-Bau → […]


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