Vom Nutzen der Fake News

„Fake News“ sind seit ein paar Tagen eins der Themen, die das Netz bewegen. Da vermischen sich Spionagethemen mit simplen Erfindungen Einzelner, und irgendwie sind sich alle einig, dass man das alles nicht will. Einer Politikerin, der man eh jeden Unsinn zutraut, wird ein aus Sicht ihrer Kritiker allzu passendes Zitat untergeschoben, das sie dann endgültig diskreditieren könnte – nur: Es stimmt nicht. Frei erfunden.

Verständlich, dass die erwähnte Dame sowas nicht will. Auch verständlich, dass andere Politiker wenig davon erbaut sind, in ähnliche Situationen zu kommen. Schon etwas weniger verständlich, dass man zur Vermeidung derselben staatliche Maßnahmen zu ergreifen gedenkt, sowohl institutioneller als vielleicht auch gesetzlicher Art. Alles begleitet von einer durch Agenturen hochgehaltenen Kampagne. Verleumdung, üble Nachrede und was es da alles sonst noch gibt, sind schon jetzt Bestandteile des StGB. Wer von ihnen betroffen ist, kann Anzeige erstatten, auf dass der Staat sich dann der Sache annehme. Tatsächlich passiert das auch, und der Typ, der oben genannter Politikerin die falschen Worte in den Mund legte, hat gerade wenig zu lachen. Wozu also soll der Wind dienen, der da jetzt gemacht wird?

Der deutschen Öffentlichkeit droht Ungemach: Die amerikanische Website „Breitbart“ plant einen Auftritt im Land Goethes und Schillers. Die Alarmglocken läuten. „Breitbart“ hat keinen guten Ruf. Die Berichte dort nähmen es mit der Wahrheit nicht genau, und überhaupt sei die ganze Ausrichtung politisch rechts einzuordnen. „Rechts“, also fremdenfeindlich, homophob, antisemitisch… Es stört keinen der wackeren Kämpfer gegen das absolut Böse, dass in der Spitze von „Breitbart“ orthodoxe Juden und Homosexuelle zu finden sind –  das Narrativ muss schließlich gewahrt bleiben.

Nun kann der Werwohlf zu „Breitbart“ nur wenig sagen. Grund: Er kennt es nicht. Okay, das hält heutzutage eigentlich niemanden von einer Meinung ab. Aber ihn schon.

Er sieht im Aufkommen solcher Publikationen aber eine Chance. Ja, es besteht das Risiko, dass sich die absolut Verbohrten an solchen Websites hochziehen und sich bestätigt sehen. Aber das ist in der Auswirkung klein, denn es gibt wahrscheinlich eh nichts, was diese Leute zu einer Änderung ihrer Weltsicht bewegen könnte. Wer die Fiktion braucht, wird sie immer finden. Sie kostet nicht viel in der Herstellung und ließe sich auch in Heimarbeit erzeugen. Es geht eher um die Normalos. Leute, die nicht die Zeit haben, sich ständig am Puls der Zeit zu bewegen. Leute, die nicht mehrere Zeitungen, Zeitschriften und Online-Auftritte regelmäßig verfolgen. Es geht stattdessen um Leute, die nur eine begrenzte Zahl an Informationen mitbekommen, weil sie tagsüber Besseres zu tun haben, z.B. ihre Familie zu ernähren. Soll’s ja geben.

Sehen diese sich nun mit Informationsquellen konfrontiert, die Bullshit verbreiten, so könnte – das ist eben die Hoffnung – diese Erkenntnis dazu führen, gegenüber Informationsquellen schlechthin skeptisch eingestellt zu bleiben. Dazu brauchen wir nicht auf Ausdrücke wie „Lügenpresse“ zurückzugreifen. Es geht nicht um pauschale Urteile, sondern darum, bei jeder politisch relevanten Information, mit der man so konfrontiert wird, den Kritik-Apparat einzuschalten. Woher kommt die Info? Verfolgt derjenige, der sie veröffentlicht, womöglich eine bestimmte Absicht damit? Oder vielleicht die Quelle, auf die er sich beruft? Lässt sich die Aussage nachprüfen? Kommen Gegenstimmen (die gibt es immer) zu Wort oder wird so getan, als könne es nur eine Meinung geben? Falls letztere Frage mit „Ja“ beantwortet werden kann: Weisen rhetorische oder schnitt-technische Tricks darauf hin, dass man als vernünftiger Mensch nur zu einer ganz bestimmten Meinung gelangen kann? Und zu guter Letzt: Wird die Info von anderen bestätigt? Im Inland? Im Ausland? Oder wird gar etwas verschwiegen, was man aus anderen Quellen erfahren kann? Im Inland? Im Ausland?

Kurzum: Es geht um kritische Rezeption. Zu des Werwohlfs Schulzeiten wurde das gelehrt. Von linken Lehrern, wohlgemerkt.

Wenn also das Aufkommen solcher – wenn es denn stimmt – bewusst einseitiger und verfälschender Websites wie „Breitbart“ dazu führte, dass man „Nachrichten“ grundsätzlich kritisch betrachtet, dann wäre das eine Entwicklung, die man nur begrüßen kann.



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