Kleiner Ausflug in die Pathologie

Also der Mensch, der sich hier an der Tastatur in einen Werwohlf verwandelt, ist ja auch bei Xing. Es gibt nun mal einige Kontakte, die leider nicht bei LinkedIn aktiv sind, dem Netzwerk, das von ihm bevorzugt wird, schon allein wegen der internationaleren Klientel. Der Nutzen der Xing-Mitgliedschaft ist überschaubar. Man wird an Geburtstage einiger Kontakte erinnert, und manch einer, den man bislang aus den Augen verlor, findet einen dort wieder – erst recht, wenn man auf Facebook nicht anzutreffen ist.

Mit Erstaunen hat er bislang zur Kenntnis genommen, wie aktiv einige Leute in diesen Netzwerken sind. Die schreiben Beiträge, diskutieren über irgendwas und verlinken, was das Zeug hält. Das bis vorhin von Roland Tichy herausgegebene Xing News nutzte der Werwohlf nie. Um so verwunderter war er dann, als er auf Twitter erfuhr, dass diese Herausgeberschaft für einen bestimmten Herren aus der Werbebranche so unerträglich war, dass er reichlich lauthals seine Mitgliedschaft kündigte, verbunden mit der Aufforderung an andere, es ihm gleich zu tun. Er fand auch gleich begeisterte Gefolgschaft, wobei sich, das ist nun mal so bei Twitter & Co., kaum nachvollziehen lässt, wer wirklich was tat. Einige Tweets lasen sich auch so, als seien die betreffenden Nutzer durch die Aktion vor allem daran erinnert worden, eine Karteileichen-Mitgliedschaft endlich zu beenden.

Es ist unschwer zu erkennen, was mit der Aktion erreicht werden sollte: Erstens gab es nach langer Zeit (also ungefähr ein bis zwei Tagen) mal wieder eine Gelegenheit, die eigene moralische Integrität in hellem Licht erscheinen zu lassen – etwas, das heutzutage mehr und mehr an die Stelle von Politik tritt. Und zweitens wollte man damit natürlich Druck auf Xing ausüben, die Zusammenarbeit mit Tichy zu beenden, um diesem eine Einkommensquelle abzuschneiden. Moralisches Fehlverhalten ist schließlich unakzeptabel und kann nur mit Ächtung beantwortet werden.

Es hat funktioniert: Tichy ist nicht mehr Herausgeber der Xing News.

Der Grund der Aktion: ein auf „Tichys Einblick“ veröffentlichter Artikel, der „grün-linken Gutmenschen“ unterstellt, sie würden unter einer geistigen Krankheit leiden (blöder Ausdruck eigentlich, denn die machen, einmal nur angenommen, die Unterstellung stimmte, ja nicht gerade den Eindruck, als leideten sie daran), weswegen es auch sinnlos sei, mit ihnen zu diskutieren[1].

Nun gehört der Vorwurf, die jeweils Anderen seien dumm, von Grund auf schlecht, korrupt oder eben krank, so sehr zum kleinen Einmaleins einer gepflegten Diskussion im Internet, dass man sich über diese plötzliche Empörung wirklich nur erstaunt zeigen kann. Die Erkenntnis, dass viele, wie man in der Nachbarregion des Werwohlfs gerne sagt, „ums Verrecke“ keine anderen Meinungen ertragen können, sollte doch so neu nicht sein. Aber wie das nun mal so ist: Gerade bei den Betroffenen wird die Existenz der schlechten Angewohnheit gerne verleugnet. Was die Kampagne dann ja auch an den Tag brachte.

Der Werwohlf hat den fraglichen Artikel auch gelesen, danach mit den Schultern gezuckt und sich gefragt, was für einen Sinn und Zweck so etwas haben soll. Sollte es vielleicht verzweifelten Liberalen oder Konservativen, die nach einer Diskussion mit Linken ratlos zurück blieben, einen Trost verschaffen? Der wäre dann aber wirklich sehr billig. Hoben die Kritiker des Beitrags meist hervor, wie menschenfeindlich (des Werwohlfs Unwort der letzten Jahre) und gefährlich eine solche Einstellung sei – neben dem an dieser Stelle zwingend erforderlichen weiteren Beleg für Godwin’s Law wurden auch Erinnerungen an die Sowjetunion herangezogen -, so ist es aus der nicht-linken Sicht des Werwohlfs zunächst vor allem die intellektuelle Armut der These, die den umstrittenen Blogbeitrag abwertet. Die Begründung, so der Werwohlf sie denn verstehen konnte, denn der Autor hatte viel mehr Fächer studiert als er, konnte ihn dann auch nicht überzeugen. Ein „Ihr seid doch einfach nur alle krank!“ hätte wohl dieselbe Information deutlich effizienter vermittelt. „Pathologisch“ klingt allerdings gebildeter, das muss man zugeben.

Man kann jedenfalls verstehen, dass ein so auf die Kraft des inhaltlichen Arguments setzender Liberaler wie der geschätzte stefanolix von diesem Erguss alles andere als begeistert war, gerade weil sein Auge wohlwollend auf dem Blog selbst ruht.

Warum aber ausgerechnet jene sich vor moralisch gerechtfertigtem Furor überschlagen, die an anderer Stelle keine Probleme haben, Positionen als „islamo-“ oder „homophob“ zu verdammen und sich die Ansicht weiter Teile der Bevölkerung nur durch „irrationale Ängste“ erklären können, erschließt sich dem distanzierten Beobachter schon weniger. Jedenfalls rein inhaltlich.

Ansonsten ist die Sache klar. Den Anderen, also den moralisch verkommenen Subjekten, die sich eine andere Meinung als die einzig humane und fortschrittliche herausnehmen, sollte wieder ein wirkungsvoller Treffer versetzt werden, ohne den – man ist ja ohnehin auf der Seite des Lichts, ein Lichtbringer sozusagen – völlig überflüssigen Umweg über eine inhaltliche Auseinandersetzung gehen zu müssen. Einfach das Böse an den Grundlagen seiner Existenz treffen – nur so rottet man es mit Stumpf und Stiel aus. Demzufolge nutzten Tichy die Löschung des fraglichen Beitrags und eine Entschuldigung gar nichts, denn er hatte ja sein „wahres Gesicht“ gezeigt, und alles andere konnte dann nur unglaubwürdig sein. Und wieder ist Deutschland ein Stück toleranter, bunter und weltoffener geworden.

Natürlich könnte man an dieser Stelle auch das Verhalten von Xing kritisieren. Denn wer annimmt, dem Rückzug Tichys seien nicht entsprechende Gespräche vorausgegangen, der bekam seine Geschenke an Weihnachten auch von einem weißbärtigen Dicken in einem roten Mantel. Aber als Unternehmen in einem umkämpften Markt (in Deutschland noch ein Duopol, das aber netzüblich nach einem Monopol verlangt – entsprechend ist die Konkurrenz) geht man den Weg des geringsten Widerstands, indem man sich schnellstmöglich aus Schlagzeilen herauszieht. Wer letztlich Herausgeber von Xing News ist, ist vergleichsweise unwichtig, aber man will sich keinesfalls in den Sog eines Shitstorms ziehen lassen[2].

Aber nur mal rein informativ: Ist eigentlich schon mal jemand gefeuert worden, weil er irgendwo eine dezidiert linke Meinung vertreten hatte (also nicht nur SPD-Wischiwaschi oder Mainstream-Grünes) und dies von einem wackeren Kämpfer für Toleranz und Weltoffenheit öffentlich gemacht wurde? Nein, der „Stratege“[3], der „Tichys Einblick“ und der „Achse des Guten“ an den Karren fahren wollte, zählt nicht –  der wurde wegen ganz konkreter, unmittelbarer Folgen der von ihm ausgelösten Kampagne attackiert.

Würde den Werwohlf wirklich interessieren. Seine These: Das kommt nicht vor, weil so gute wie alle denkbaren linken Positionen von der herrschenden, labernden Klasse nicht nur geduldet, sondern billigend in Kauf genommen werden. Was müsste man als Linker eigentlich verbreiten oder wo müsste man Mitglied sein, um auf Podiumsdiskussionen boykottiert oder für Unternehmen untragbar zu werden? Nicht, dass es wünschenswert wäre, wenn sich nun die andere Seite dieser Methoden befleißigte, aber die Antwort auf diese Frage dürfte zeigen, wer besser beraten ist, anonym zu twittern und zu bloggen.

 

[1]Mehr zum Blogbeitrag selbst bei stefanolix.

[2]Wobei dieser seine Wirkung – daran muss immer wieder erinnert werden – vor allem daraus bezieht, das auf „Qualitätsmedien“ über ihn berichtet wird. Es gibt in Deutschland nicht so viele Twitterer, dass irgendein größeres Unternehmen auf sie Rücksicht nehmen müsste, wenn deren Meinung nur auf Twitter veröffentlicht würde. Wenn.
[3] Liegt es eigentlich an der professionellen Beherrschung einer Kampagne, dass immer wieder Werbefuzzis mit sowas auffallen? Oder finden sich in der Werbebranche überproportional viele Linke – ausgerechnet, wo die doch meist zu den größten Kritikern von Werbung zählen?

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4 Kommentare on “Kleiner Ausflug in die Pathologie”

  1. stefanolix sagt:

    Ich vertrete ja die bescheidene Meinung, dass die Endung »-phob« umgangssprachlich einfach für »-feindlich« oder auch »-unfreundlich« eingesetzt wird.

    Zuallererst scheint mir das für »homophob« zu gelten: die meisten Anwender bezeichnen damit eine Person, die gegenüber Homosexuellen feindlich oder unfreundlich eingestellt ist (oder auch nur eine distanzierte Haltung einnimmt). Wir hatten ja solche Kommentatoren früher im Blog und manchmal musste man jemanden sperren, der dumme Sprüche vom Stapel ließ.

    Aber ein psychiatrisches Krankheitsbild, bei dem die Person Homosexuelle wirklich krankhaft hasst, verfolgt oder gewalttätig angreift – das dürfte doch selten sein. Dummheit ist häufiger.

    Es stimmt, dass von »linker« Seite Abwertungen eingesetzt werden. Diese zielen aber meist darauf, den Abzuwertenden einen niedrigen IQ oder (wie Du oben schreibst) Menschenfeindlichkeit zu unterstellen. Im Verlauf der Diskussion ist mir auch aufgefallen, wie oft man »Religiot« hört (und die meinen wirklich, dass nur Idioten glauben können). Das kann man als eine Art Pathologisierung bezeichnen, ist aber nicht spezifisch links.

    Ich habe Tichys Einblick vehement gegen die infame Einstufung in die Liste der »rechten Hassquellen« verteidigt und ich schreibe ja auch in meinem aktuellen Artikel, dass Dissidenten-Meinungen für eine freie Gesellschaft sehr wichtig sind.

    Ausgerechnet, als ich vom Streiten so richtig müde war, kam dieser Artikel und mir platzte wirklich der Kragen. Das Eintreten gegen Pathologisierung ist ein Thema, das mich schon lange begleitet. Die parallel laufende Kritik (zusammengefasst in dem Leser-Feedback durch A. Wallasch) hatte ich erst bemerkt, als ich fast fertig war. Ich ahnte überhaupt nichts von dem Thema Xing und Tichy, weil ich mit Xing wirklich nichts zu tun habe und weil die Aktivisten in meiner Timeline nicht auftauchten.

    • Werwohlf sagt:

      Ich vertrete ja die bescheidene Meinung, dass die Endung »-phob« umgangssprachlich einfach für »-feindlich« oder auch »-unfreundlich« eingesetzt wird.

      Da hast Du nicht Unrecht, aber die andere Variante existiert weiter auch noch.

      Aber ein psychiatrisches Krankheitsbild, bei dem die Person Homosexuelle wirklich krankhaft hasst, verfolgt oder gewalttätig angreift – das dürfte doch selten sein. Dummheit ist häufiger.

      Klar ist sie das, realiter. Aber unterstellt wird eben gerne auch was anderes.

      Es stimmt, dass von »linker« Seite Abwertungen eingesetzt werden. Diese zielen aber meist darauf, den Abzuwertenden einen niedrigen IQ oder (wie Du oben schreibst) Menschenfeindlichkeit zu unterstellen.

      Oder dass man korrupt sei.

      Im Verlauf der Diskussion ist mir auch aufgefallen, wie oft man »Religiot« hört (und die meinen wirklich, dass nur Idioten glauben können). Das kann man als eine Art Pathologisierung bezeichnen, ist aber nicht spezifisch links.

      Sogenannte Liberale haben auch gerne mal eine äußerst herablassende Einstellung gegenüber gläubigen Menschen. Aber es ist ja völlig egal, ob persönliche Herabsetzungen in irgendeiner Form spezifisch sind oder nicht. Es ändert nichts daran, dass sie von allen Seiten gerne vorgenommen werden.

      Ausgerechnet, als ich vom Streiten so richtig müde war, kam dieser Artikel und mir platzte wirklich der Kragen.

      Wobei man wirklich sagen muss, dass sich derartig pauschale Verunglimpfungen wie im Artikel im Grunde selbst ad absurdum führen. Sie *können* nicht stimmen. Also wenn ich mich irgendeinem politischen Bekenntnis zugehörig fühlen würde und dieses würde derart grobschlächtig angegangen, wäre ein verächtliches Grinsen schon das Maximum an Empörung, das ich da aufzubringen in der Lage wäre.

      Ich ahnte überhaupt nichts von dem Thema Xing und Tichy, weil ich mit Xing wirklich nichts zu tun habe und weil die Aktivisten in meiner Timeline nicht auftauchten.

      Wenn man genug „rechte“ Aktivisten in der Timeline hat, wird man auch darauf aufmerksam gemacht 😉

      • stefanolix sagt:

        Manchmal hat man einen Tunnelblick. Ich habe eine sehr gemischte Timeline, aber wenn man gar nicht in Twitter reinschaut (weil man ja schreibt), nimmt man es auch nicht wahr. Wenn ich den Beitrag als Leserbrief an TE gesendet hätte, wäre es im Endeffekt aber auch nicht anders ausgegangen.

  2. n_s_n sagt:

    Es mag sein, dass ich ein Empfinden zu diesem Sachverhalt habe, welches hier so nicht geteilt wird. Zu diesem Eindruck komme ich zumindest nach der Lektüre von Stefanolix Kommentierung, auf die du dich ja auch beziehst.

    1) Ich habe den angesprochenen Beitrag nicht als wissenschaftlichen Fachbeitrag gelesen, sondern als Satire, die durchaus auch mit (wenn auch entnerftem) Augenzwinkern geschrieben wurde. Ich mußte zumindest lächeln als ich ihn zum ersten Male gelesen habe, ohne auch nur eine Sekunde den Gedanken zu haben, dass er als ernst gemeinter Diskussionsbeitrag zu verstehen sei.
    Man könnte diesen Beitrag in meinen Augen daher als so etwas wie „rechtes Kabarett“ verstehen. Ob es so etwas braucht oder nicht, ob so etwas grenzwertig ist oder nicht, ob man darüber lachen kann und wo man so etwas veröffentlichen sollte (auf Tichys Einblick) oder nicht, will ich gar beurteilen.

    2) Der Artikel (da beziehe ich mich auf Stefanolix Beitrag), bezieht sich nicht auf alle Grünen, sondern auf „grün linke Gutmenschen“. Der Autor spezifiziert das nicht näher, aber zu unterstellen er meine damit alle Grünen, ist zumindest die „schlechtest mögliche“ Interpretation des Gesagten. Die Annahme es handele sich um eine nicht näher spezifizierte Untermenge ist mindestens ebenso plausibel. Für einen wissenschaftlichen Fachbeitrag wäre dieses „nicht näher spezifiziert“ ein absolutes no go. Nicht für Satire.

    3) Da ich im privaten Umfeld, einigen Umgang mit Menschen habe, die a) dezidiert grün links sind und b) die Diskussionen zu bestimmten Themen ganz grundsätzlich ablehnen, bzw. auf abweichende Meinung sehr aggressiv reagieren, habe ich da möglicherweise eine eigene Sicht auf den Artikel. Er las sich für mich eher wie eine humoristisch, kabarettistische Einlassung zur Stabilisierung meiner seelischen Gesundheit.

    Ich habe persönlich im privaten Umfeld so viele Diskursverbote erlebt, dass ich dazu möglicherweise eine andere Einstellung habe als ihr beiden. Und diese Diskursverbote sind eben nicht so einfach zu umgehen, wenn sie gleichzeitig in einem sozialen Umfeld mit Abhängigkeiten eingebettet sind. Das Vermeiden von Diskussionen zu bestimmten Themen ist ein Zustand, den ich schon längst aktiv in die Tat umgesetzt habe (natürlich ohne dabei den Gegenüber zu pathologisieren). Ich nehme die Artikulation von Thesen, welche ich absolut nicht teile, daher immer wieder unwidersprochen hin. Das ist für mich Normalzustand. Vor allem auch wenn solche (impliziten, sozial sanktionierten) Diskursverbote Einfluß auf wesentliche Elemente der eigenen Familie nehmen, ist das sehr unschön.
    Da bleibt manchmal nur noch Humor und Lachen, wenn man nicht platzen will. Als ein solches Ventil habe ich den Beitrag gelesen, ohne die Intention des Autors damit für mich vereinnahmen zu wollen.

    Dieser Beitrag ist für mich etwas anderes, als ein intellektueller Raum für sachlichen Diskurs. Auf einen solchen bezieht sich wohl vor allem auch Stefanolix Beitrag und unter dieser Prämisse betrachtet, sind seine Argumente natürlich stimmig.

    So kann die Wahrnehmung eines solchen Textes also durchaus vom persönlichen Hintergrund abhängen. Das wollte ich fix los werden.

    Herzlich

    n_s_n


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