Was zu Urlaub

„Internetkrawallo“ (selten eine so unzutreffende Bezeichnung gelesen) Dushan Wegner provoziert dann doch mal mit einem Urlaub-Bashing:

Es soll Menschen geben, die nehmen Schulden auf, um ihren Urlaub zu finanzieren. Sie arbeiten danach, weil sie im Urlaub waren. Sie arbeiten, um wieder in Urlaub zu fahren.

Aus Wegners Sicht ist diese Fixierung des Lebens außerhalb des Jobs, das er als „uneigentlich“ bezeichnet, letztlich Ausdruck des Unwillens oder Unfähigkeit, am „eigentlichen“ Leben so viel zu ändern, dass diese hohe Bedeutung des Urlaubs schwindet. Wahrscheinlich, weil die Menschen so begeistert von ihrem Alltag sind, dass die kaum noch das Bedürfnis empfinden, „in Urlaub zu fahren“.

Nun, der Werwohlf ist auch kein Freund des Urlaubs im herkömmlichen Sinn. Vieles daran erscheint ihm allzu zwanghaft, von der Wahl des Ortes (im Sommer muss es Strand sein, im Winter die Berge) bis hin zur z.T. wirklich absonderlich hohen Bedeutung, die er für viele Menschen einnimmt. Nun ist der Werwohlf ein (freiberuflicher) Söldner. Das heißt, er arbeitet nicht, um besonders Sinnerfülltes oder Sinnerfüllendes zu verrichten, sondern er arbeitet, weil man ihn dafür bezahlt. Wenn der Preis und das Arbeitsumfeld stimmen, macht er jeden Mist mit. Sein Bedürfnis nach Urlaub ist allerdings gering. Was er hingegen braucht, ist freie Zeit. Zwischen den Jobs bzw. Projekten verbringt er gerne die Zeit zu Hause, liest, schreibt, werkelt, geht ins Fitness-Studio und genießt generell die Abwesenheit der künstlichen Aufregungen, die ihn bei seinen Aufträgen fast immer begleiten. Manchmal packt ihn die Neugier auf besondere Orte, meist Städte, und dann besucht er diese zusammen mit seiner liebsten Wöhlfin. Dieses vollkommene andere, was sich die meisten Menschen unter Urlaub vorstellen, braucht er nicht.

Wer seinen Traumjob gefunden hat, braucht es wahrscheinlich auch nicht. Man liest von solchen beneidenswerten Menschen ja ab und zu. Bewundernd wird dann ihr Arbeitspensum beschrieben, aber sie können dieses auch nur deshalb durchziehen, weil sie die Arbeit nicht als solche, also belastend, empfinden, sondern einfach nur das tun, was ihnen sowieso Spaß macht. Würde man ihnen diese Aufgaben nehmen, wüssten sie mit ihrer Zeit nichts anzufangen.

Aber nun kommt der casus knaxus: Die typische Situation eines Arbeitnehmers ist weder die des Werwohlfs, noch die des Traumjobbers. Die meisten Menschen sind mehr oder weniger zufällig in einem Job gelandet, für den sie bis zu einem gewissen Grad geeignet sind und mit dem sie leben können. Von außen und von innen (also vom Unternehmen, in dem sie arbeiten) wird immer wieder die Anforderung an sie herangetragen, sich doch bitte voll mit ihrem Job zu identifzieren und ihn mit Leidenschaft auszuüben, aber seien wir ehrlich: Wenn dem so wäre, gäbe es kaum einen Grund, überhaupt noch Löhne zu zahlen. Aber die gesellschaftliche Anforderung steht ständig im Raum und sorgt deshalb für Frustation. Der Arbeitnehmer merkt, dass er in seinem Job nie so glücklich werden kann, wie es ihm von Anfang an als Ziel eingeredet wurde und wie es ihm immer wieder auferlegt wird, egal welche Volten sein Topmanagement in den letzten fünf Jahren den Mitarbeitern bereits auferlegt hat – und von denen jede angeblich die allein seligmachende war. Was bleibt so jemandem übrig, der unbewusst mehr und mehr das Gefühl bekommt, an einer Aufführung von Ionesco oder Beckett beteiligt zu sein? Er nimmt den Traum mit in eine andere Welt und projiziert alle positiven Gefühle, die ihm im Alltag verwehrt bleiben, auf die in Deutschland immerhin vergleichsweise üppige Urlaubszeit. Die soll das täglich belastete Gefühlskonto wieder aufladen, und zwar so, dass wieder viele Tage Frust möglich werden.

Meistens schafft der Urlaub das nicht. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Doch der „normale“ Arbeitnehmer ist nicht reich an Alternativen. Vielleicht könnte er den Job wechseln, wenn seine Qualifikationen hoch sind und er sich noch in einem genehmen Alter befindet. Aber meist lässt sich das nicht vereinbaren mit den sonstigen Verpflichtungen, die man als ehrbarer Bürger so einzugehen pflegt: Ehe und Familie. Vielleicht gibt es da sogar ein (natürlich noch nicht abbezahltes) Haus mit fraglichem Marktwert und ähnliche Lasten. Und es besteht keine Gewähr, dass der neue Job so viel besser sein wird als der alte.

Deswegen: Leute, wenn ihr das mögt, was ihr den ganzen Tag lang treibt, dankt Gott dafür, aber blickt bitte nicht voll Verachtung auf die vielen, denen das nicht vergönnt ist.

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16 Kommentare on “Was zu Urlaub”

  1. Dushan sagt:

    Hallo Werwohlf, ganz lieben Dank für diese Replik! Werde schauen, wie ich sie im Beitrag verlinke!

  2. […] Der Blogger Werwohlf hat eine schöne Replik geschrieben. Hier können Sie nachlesen: https://werwohlf.wordpress.com/2016/10/28/was-zu-urlaub/ […]

  3. n_s_n sagt:

    Für mich ist Arbeitszeit schon immer der Eintausch von Lebenszeit gegen Materielle Vergütung gewesen, welche es mir ermöglicht ohne Sorgen (und ohne Zwang!) Dinge tun zu können, die mir Freude bereiten. Diese Abhängigkeit die (erzwungene!) Arbeitszeit und (zwanglose!) Lebensfreude für mich haben, verhindert daher implizit und grundsätzlich die Verbindung von Arbeit und Freude.

    Würde ich von dem was mir (zwanglose) Freude macht, die Existenz meiner Familie bestreiten müssen, wie könnte es mir (zwanglose) Freude machen?

    Freude an ihrer (existenzsichernden) Arbeit können daher wohl nur Menschen empfinden mit deutlich weniger Sinn für materielle Absicherung, als sie mir anerzogen wurde.

    So wie der Werwohlf ist für mich Urlaub damit auch nicht ein Synonym für Reisen, sondern ein Synonym für Freizeit abseits jeglichen Zwangs. Dass sich diese „Freizeit abseits jeglichen Zwangs“ für einen Familienvater oft auch in einer Urlaubsreise manifestiert, steht auf einem anderen Blatt, genauso wie die Tatsache, dass die Bedürfnisse meiner Seele das Reisen manchmal angebracht erscheinen lassen.

    Das über was Herr Wegner bei seiner Analyse stolpert, ist möglicherweise der Umstand, dass viele Menschen ohne Anleitung ihr Leben zu führen nicht imstande sind: Sie suchen nach der „zwanglosen Freude“ abseits der Arbeit im Leben und werden bei dieser Suche durch die kommunizierte gesellschaftliche Norm konditioniert. Das ist genau wie in Politik und gesellschaftlichem Leben, wo die Kommunikation der (gewünschten) gesellschaftlich Norm, die Erwartung des Individuums an sich selbst definiert.

    Daher wird der Urlaub (die Urlaubsreise!) zum Zwang der gesellschaftlichen Konditionierung „umfunktioniert“, anstatt dass er (sie) zwanglose Freude ist. Welch großes Mißverständnis! Vielleicht wäre die Lösung einfach im Urlaub zuhause zu bleiben und („nur“) die Abwesenheit von Zwang zu genießen.

    Ansonsten lieber Werwohlf sei mir bitte ein Wort an Herrn Wegner erlaubt:

    Ihre brillianten Texte zu lesen ist mir jedesmal ein großer Gewinn. (Danke dafür an dieser Stelle) Sie können es fast mit denen des Werwohlfs aufnehmen.

    • Werwohlf sagt:

      Ich kann Dir nur zustimmen, lieber n_s_n. Bis auf den letzten Absatz. Mit Texten von Profis wie Dushan Wegner kann man meine eilig zusammengestoppelten Werke kaum vergleichen… Trotzdem danke! 😉 Aber Dein sehr berechtigtes Lob auf ihn wäre auf seinem Blog natürlich viel besser plaziert, wenn Du mir diesen Hinweis gestattest. Nicht, weil ich es hier nicht haben wollte (durchaus, durchaus – kommet und lobpreiset, wenn es zum Thema passt!), sondern weil es da dann auch mehr Menschen lesen würden.

      • n_s_n sagt:

        „Mit Texten von Profis wie Dushan Wegner kann man meine eilig zusammengestoppelten Werke kaum vergleichen… Trotzdem danke!“

        Mein lieber Werwohlf!

        Seit wann reagierst du auf Lob und überliest es nicht? Ist am Ende selbst auch deine Seele gegen Komplimente nicht gefeit, wenn sie nur groß genug werden?

        Aufgrund meines partiellen Selbstbewußtseins, welches ich auch dir verdanke, traue ich mir dabei durchaus zu, Intellekt zu erkennen und zu beurteilen. Des Weiteren liebe ich Zweideutigkeit, auch wenn ich sie nicht immer mit einem Smile zu kommentieren pflege. 🙂 Laß mich dir doch halt einfach mal ein nettes Kompliment machen. Ich will auch keines zurück.

        „Aber Dein sehr berechtigtes Lob auf ihn wäre auf seinem Blog natürlich viel besser plaziert.“

        Bis zu deinem Beitrag wusste ich ja nicht einmal, dass er ein Blog betreibt und kannte seine Texte nur von Tichys Einblick. Ich folgte einfach einem spontanen Bedürfnis und wollte „Danke!“ sagen in der Annahme, dass sich Herr Wegner sicher noch einmal hierher verirrt… „äh verzeih“, ich meinte natürlich aufgrund der Qualität deines Blogs sich immer wieder hierher begeben wird und sich dann, wenn er es liest, über ein Dankeschön von Unbekannt an unerwarteter Stelle schlicht freut.

        „sondern weil es da dann auch mehr Menschen lesen würden.“

        Ach, wenn die Leute, die seinen Blog lesen, den IQ von Knäckebrot zumindest knapp überschreiten – wovon eher auszugehen ist-, muß ich sie nicht über das Offensichtliche in Kenntnis setzen. Was sollte es daher bringen, wenn „viele Menschen“ durch meine unmaßgebliche (aber meistens richtige) Meinung ihre eigene bestätigt fänden?

        Es war ein spontanes Dankeschön, induziert aus einem unerwarteten Zusammentreffen und ich finde, es ist hier, in deiner heimeligen Wohlfshöhle – in der ich mich so wohl fühle – genau richtig aufgehoben.

        LG

        n_s_n

        • Dushan sagt:

          Ein Gruppendanke! Und: der Blog ist neu. Ich will eine Outlet für »Ideen«, die nicht ganz ein Artikel sind, noch »im Werden«… schöne Woche allesamt!

          • Werwohlf sagt:

            Ich will eine Outlet für »Ideen«, die nicht ganz ein Artikel sind, noch »im Werden«…

            Gute Idee. Ich finde, ein Blog eignet sich perfekt dazu. Vor allem, wenn man die passenden Kommentatoren (oder Pingbacker ;-)) bekommt!

        • Werwohlf sagt:

          Lieber n_s_n,

          Seit wann reagierst du auf Lob und überliest es nicht? Ist am Ende selbst auch deine Seele gegen Komplimente nicht gefeit, wenn sie nur groß genug werden?

          Frag mal meine Freundin 😉 Aber selbstverständlich liebe ich es, wenn man mich lobpreist und mir Geschenke bringt (wo bleibt die Knete?!!). Nur anerzogene, gesellschaftlich konstruierte Normen der Bürgerlichkeit hindern mich meistens, in solchen Fällen meinem Drang nachzugeben und „Mehr! Mehr!“ zu rufen. Aber was zu viel ist, ist zu viel…

          Ich folgte einfach einem spontanen Bedürfnis und wollte „Danke!“ sagen in der Annahme, dass sich Herr Wegner sicher noch einmal hierher verirrt… „äh verzeih“, ich meinte natürlich aufgrund der Qualität deines Blogs sich immer wieder hierher begeben wird und sich dann, wenn er es liest, über ein Dankeschön von Unbekannt an unerwarteter Stelle schlicht freut.

          Hat wohl funktioniert 😉

          Es war ein spontanes Dankeschön, induziert aus einem unerwarteten Zusammentreffen und ich finde, es ist hier, in deiner heimeligen Wohlfshöhle – in der ich mich so wohl fühle – genau richtig aufgehoben.

          Ich glaube, ich liebe dich…

          • Dushan sagt:

            I have yuuuge Pingbackers. I have the best Pingbackers, like you wouldn’t believe! Everyone agrees!

            • Werwohlf sagt:

              I proudly present on this blog: The Dushan!

            • n_s_n sagt:

              “ I have the best Pingbackers“ – Aber hallo. Noch pflege ich hier zu pingen.

            • n_s_n sagt:

              I proudly present on this blog: The Dushan!

              Womit wohl klar wäre, dass für eine Mimose wie mich sich das wie eine Beleidigung liest. Obacht, lieber Werwohlf. Die Liebe ist ein scheues Reh.

              😀

            • Werwohlf sagt:

              Womit wohl klar wäre, dass für eine Mimose wie mich sich das wie eine Beleidigung liest.

              Hilf mir mal auf die Sprünge – wer könnte da beleidigt worden sein? „The Dushan“ oder Mimose n_s_n, weil ich nicht „The Nachdenken“ proudly presented habe?

          • n_s_n sagt:

            „wo bleibt die Knete?“

            Wenn du darauf bestehst, bezahle ich dich. In bar!?

            „Ich glaube, ich liebe dich…“

            Ach, dass denken alle, deren Geist ich lange genug verunreinige, bis zu dem Zeitpunkt an dem ich ihnen nur noch auf die Nerven gehe. 🙂

            • Werwohlf sagt:

              Wenn du darauf bestehst, bezahle ich dich. In bar!?

              Money talks, bullshit walks. 😉

              Ach, dass denken alle, deren Geist ich lange genug verunreinige, bis zu dem Zeitpunkt an dem ich ihnen nur noch auf die Nerven gehe.🙂

              Klingt nach einer Null-Acht-Fuffzehn-Beziehung. Aber dazu sind wir beide doch gar nicht fähig 😉


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