Vollpfosten oder Widerständler? Über die Motivation der AfD

Thomas Schmid verdammt mal wieder die AfD. Das ist okay, der Werwohlf hält von der Partei auch nicht viel. Er wird aber den Eindruck nicht los, als hätten Wessis wie Thomas Schmid (und der Werwohlf selbst, aber der ist vielleicht lernwilliger ;-)) vieles an der AfD und ihrem z.T. ostdeutschen Führungspersonal nicht verstanden.

Die Anregung Frauke Petrys, den Begriff „völkisch“ positiv zu besetzen, kann Schmid (unter Berufung auf einen Wessi-Historiker) nur so verstehen, dass da bewusst „Grenzen des Sagbaren verschoben“ werden sollen, dass also letztlich Petry beabsichtigt, die Bedeutung, welche die Nazis mit dem Begriff verbanden und dann im Sprachgebrauch durchsetzten, sozusagen durch die Hintertür wieder ins Spiel zu bringen. „Salonfähig zu machen“ würde es im Schablonendeutsch der heutigen politisch-medialen Elite heißen. Die Nazis verwendeten diesen Begriff, um dem angeblich reinen, deutschen Volk die angeblich schlechten, fremden Elemente gegenüberzustellen, insbesondere die Juden.

Das ist der Hintergrund, wenn Schmid matmußt, Petrys Initiative beabsichtige damit eine Einbindung radikal rechter Elemente. Und vor allem ginge es ihr und der AfD um „Enthemmung, Verzicht auf Konventionen, Regeln und Achtung“. Es gäbe „einen neuen Spaß an der Regelverletzung, auch am Sich-Suhlen im Verbotenen und Unflätigen“.

Das ist höchstens halb richtig. Fangen wir mal mit „völkisch“ an. Dem Werwohlf würde spontan keine Gelegenheit einfallen, wie er diesen Begriff verwenden könnte, aber er ist eben auch ein Wessi. Als Ossi jedoch dürfte die Erinnerung an den Slogan „Wir sind das Volk“ immer eine besondere Rolle spielen. Die Menschen, die Ende der 80er Jahre dieses skandierend auf die Straße gegangen sind, haben einiges riskiert. Für sie war der Begriff „Volk“ wertvoll als Gegenentwurf zur abgehobenen Elite der SED-Funktionäre – „Volk“, das waren aus ihrer Sicht eben vor allem „wir hier unten“ und nicht „die da oben“, so sehr sich diese auch darauf beriefen, eben für dieses „Volk“ zu sprechen und in seinem Namen zu handeln – tagtäglich greifbar z.B. durch die angeblich „volkseigenen Betriebe“. Die Ossis hatten eben ihren Marx gelesen, und mit „Wir sind das Volk“ stellten sie das von der Parteiführung verwendete Vokabular vom Kopf des SED-Bonzen auf die Füße der Demonstranten.

Auf ein sehr, sehr ähnliches Gefühl heute ist die AfD die Antwort. Viele Menschen sind auch jetzt der Meinung, ihre Stimme werde nicht mehr gehört, „da oben“ in Berlin oder gar in Brüssel werde über ihre Köpfe irgendwelcher Unsinn zu ihrem Nachteil entschieden (und so platt man das auch formulieren kann, es hat einen wahren Kern…). Da liegt der Rückgriff auf die damals erfolgreichen Rezepte nahe. Die AfD erhebt hier den Anspruch, für das „eigentliche“ Volk zu sprechen, so wie damals die Demonstranten[1]. Und wenn man nun mal den Eindruck hat, die Regeln, Konventionen und die Definition des Nicht-Sagbaren ergäben sich nicht aus dem gesellschaftlichen Konsens, sondern würden von einer Elite definiert, die womöglich noch nicht einmal hinreichend demokratisch legitimiert ist, dann ist das Brechen dieser Vorgaben nicht etwa ein Appell an niedere Instinkte des Bürgertums, wie uns Schmid anscheinend nahe legen will, sondern es bezieht seine Legitimation als Akt des Widerstands gegen die Herrschenden.

Man muss diese Sichtweise selbstverständlich nicht nachvollziehen. Aber die Motivation der AfDler wenigstens verstehen zu wollen, statt ihr eine verfälschte Deutung überzustülpen, die einem selbst vielleicht sogar besser in den Kram passt, das würde aus Sicht des Werwohlfs die demokratische Redlichkeit gebieten. Und es wäre eine notwendige Voraussetzung, ihr wirksam entgegenzutreten.

[1] Wäre der Werwohlf böswillig, könnte er die Tatsache, dass heute Wessi-Linke ausgerechnet das Bundesland, das dem SED-Regime zum Schluss den größten Widerstand entgegensetzte, gerne rhetorisch abschaffen möchten. als Versuch einer Revanche einstufen, weil die Sachsen dafür verantwortlich gemacht werden, dass diesem Teil der westdeutschen Politik die angeblich bessere Alternative verlustig gegangen ist.

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