Empörung am Hochrhein – ein paar Einwände

In der kleinen, beschaulichen Stadt Bad Säckingen am Hochrhein gibt es einen „multikulturellen Beirat“, der eine „interkulturelle Woche“ veranstaltet. Nun frage man den Werwohlf nicht danach, ob das eine gute oder eine schlechte Sache sei: Wenn sich genug Menschen finden, die sich für sowas einsetzen, und wenn sie das schaffen, ohne dem Werwohlf irgendwelche Vorschriften zu machen oder sich ungefragt an seinen Einnahmen zu beteiligen, warum nicht? Vielleicht sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass der Werwohlf „Multikulturalität“ in organisierter Form eher für entbehrlich hält – echtes Miteinander ergibt sich spontan und individuell, oder eben auch nicht. Wie dem auch sei, beides gibt es, aber das allgemeine Wohlwollen ob solcher Institutionen, von dem im heutigen Deutschland wohl ausgegangen werden kann, bekam jetzt einen Riss, der es sogar schaffte, die stets empörungsbegierige Twitter-Meute zu entfesseln: Im Zusammenhang mit der „interkulturellen Woche“ sollte ein Film gezeigt werden, der „das Thema Homosexualität zwischen einem Palästinenser und einem Israeli behandelt“[¹].

Dieser Film wurde jedoch letztlich aus dem Programm genommen, und jetzt schlagen die Wellen – nicht nur in Bad Säckingen – hoch. Es ist kein Geheimnis, dass der Hauptwiderstand von der „türkisch-islamischen Gemeinde“ der Stadt kam, die mit ihrem Ausstieg aus der Veranstaltung drohte. Nun ist genau das jetzt gefundendes Fressen für alle, die beim Thema „Islam“ eh Schnappatmung kriegen oder die immer und überall Diskriminierung von Homosexuellen wittern. Notfalls hätte man den Ausstieg der „türkisch-islamischen Gemeinde“ eben hinnehmen müssen, so der Tenor der Empörten.

Der Werwohlf hält diese Empörung für allzu billig, aus mehreren Gründen.

Da wäre zum einen, dass ein wichtiger Umstand in der Empörungsmaschinerie unerwähnt blieb: Der Film rutschte relativ kurzfristig ins Programm. Der jetzt heftigst kritisierte Vertreter der „türkisch-islamischen Gemeinde“ gab, wie bekannt, die Probleme zu, die seine Organisation mit dem Thema hätte, bedauerte aber auch, dass von diesem Film erst in der letzten Vorbereitungssitzung die Rede gewesen wäre, so dass es keine Zeit gegeben hätte, sich mit dem Thema auch intern auseinanderzusetzen.

Unerwähnt blieb in der Regel auch, dass er weiterhin anbot, zusammen mit dem Jugendhaus, das diesem Film zeigen wollte, und einer hochrheinweiten Schwulen- und Lesbengruppe eine gemeinsame öffentliche Veranstaltung zum Thema Homosexualität durchzuführen.

Jetzt stellen sich für die Veranstalter also mehrere Fragen. Da wäre zum einen die, welchen Sinn es hat, eine „interkulturelle Woche“ zu veranstalten, die von der wichtigsten „anderskulturellen“ Organisation nicht mitgetragen wird. Die Forderung nach Hinnahme ihres Ausstiegs ist bestenfalls naiv, denn das hätte letztlich das Ende der Veranstaltung bedeutet. Die nächste Frage wäre, warum man eine Woche, die zum Schwerpunkt das Thema „Integration“ hat, bewusst mit provokativen Beiträgen befrachtet, von denen man weiß, dass sie bei der „anderen Kultur“ Widerstände auslösen – entweder man will „Interkulturalität“, oder man will sie nicht. „Multikulti“ gibt es nicht à la carte. Es wäre auch nichts anderes als pure Heuchelei, erst alle als Nazis zu beschimpfen, die auf die Probleme hinweisen, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen, dann aber, wenn diese Probleme konkret auftreten, sie durch einseitiges Durchdrücken der eigenen Vorstellungen „lösen“ zu wollen.

Zu einem respektvollen Miteinander gehört, die andere Seite nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber genau das ist hier passiert. Wir wissen nicht, was geschehen wäre, hätte der Film früher Eingang ins Programm gefunden. Wenn wir die Aussagen des Vertreters der „türkisch-islamischen Gemeinde“ ernst nehmen, und warum sollten wir das nicht, dann hätte zumindest eine Chance bestanden, ihn doch im Zusammenhang mit der geplanten Veranstaltung zu zeigen. Es war auf jeden Fall falsch, ihn kurzfristig anzusetzen.

Aus Sicht des Werwohlfs sollte jetzt einfach das Kompromiss-Angebot der „türkisch-muslimischen Gemeinde“ angenommen werden. Schließlich hängt das gemeinsame Zusammenleben nicht zwingend davon ab, in welchem Rahmen man sich mit Themen auseinandersetzt – wichtig ist, dass sie überhaupt zur Sprache kommen.

P.S.: Der Film wird übrigens im Jugendhaus gezeigt werden. Wenige Tage nach der Veranstaltung.

[1] Dieser Beitrag bezieht seine Fakten aus einem Artikel des Südkuriers vom 29.09.2016, Ausgabe für Bad Säckingen.

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