Wer sich integrieren muss

Wir werden uns daran gewöhnen müssen: Immer, wenn ein Migrant entweder ein Attentat verübt oder sich auf offener Straße mit anderen zusammenschließt, um Despoten zu feiern oder den Juden die Vernichtung zu wünschen, werden überall die Fragen zu hören und zu lesen seien, warum die Integration hier denn wohl gescheitert sei. Je nach politischer Positionierung werden die Antworten darauf wohl auch immer unterschiedlich ausfallen: Für die einen haben „die Deutschen“, „die Gesellschaft“ oder auch nur „der Staat“ versagt, indem sie zu wenig Angebote gemacht, zu wenig Geld verteilt oder zur große Hürden errichtet hätten. Für die anderen ist es der Beleg, dass Einwanderung unweigerlich in „Parallelgesellschaften“ münde, Muslime[1] praktisch nicht integrierbar seien oder durch Zuwanderung Konflikte von außen ins Land getragen würden.

Das Schlimme ist: Wahrscheinlich haben beide Seiten bis zu einem gewissen Punkt Recht. 

Die einen haben Recht, weil es natürlich nicht ausreicht, einfach jeden, der sich auf den Weg nach Deutschland macht, als Einwanderer (oder, um erst gar keine Zweifel aufkommen zu lassen: als Flüchtling) aufzunehmen, und ihn dann mit Teddybären und Blumensträußen zu begrüßen. Es reicht auch nicht aus, dass sich Tausende Freiwillige in den Erstunterkünften abrackern. Wie an dieser Stelle schon sehr früh gesagt, kostet eine auch nur halbwegs gelungene Integration viel, viel Geld und vor allem – sie bindet Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen, weil sie nicht einfach so schnell ersetzt werden können, erst recht in einem Staat mit einer unheilvollen demografischen Dynamik wie dem unseren. Man braucht Lehrer, Sozialarbeiter, Übersetzer, Ausbilder. Und der Staat muss über seinen Schatten springen, indem er formale Qualifikationen nicht so hoch hängt wie faktische, also z.B. ausländischen Fachkräften eine Chance gibt, ihr Können so unter Beweis zu stellen, dass sie daraufhin in ihrem Beruf legal arbeiten können. Oder auch, indem er wenigstens für eine Übergangszeit das faktische Arbeitsverbot durch den Mindestlohn aufhebt. Richtig ist aber auch, dass selbst, wenn der Staat all das hinreichend bewerkstelligen sollte (was er nicht tut, schon allein weil er alles, außer Geld an Klientel zu verteilen, verlernt hat), kein Mensch voraussetzungslos einwandert und auch wohl in den wenigsten Fällen seinen mitgebrachten Rucksack mit Werten, Traditionen und Glauben wegwerfen will. Also werden sich Menschen gleicher Herkunft und gleicher Lebensart räumlich zusammenschließen und bestrebt sein, auch in der Fremde möglichst viel Heimat zu errichten. Also werden ihre Werte, ihre Traditionen und ihr Glauben außerhalb dieser Wohlfühlzonen mit jenen in Konflikt geraten, die anders bewerten und leben. Und sie werden weiter das hassen und lieben, was sie schon in der Heimat hassten und liebten. Deswegen braucht man zu den vorhin genannten Berufen auch und vor allem sehr viel mehr Polizeibeamte, Richter und Staatsanwälte (Anwälte dürfte es wohl zunächst mal genug geben…).

Zwar hat der Werwohlf wahrscheinlich keine Leser links von der Union, aber wenn doch einer davon sich auf diese Seite verirrt hätte, wäre er vermutlich beim letzten Satz etwas zusammengezuckt. Obwohl es ja mittlerweile auch Mode unter Grünen geworden zu sein scheint, mehr Polizei zu fordern und die Abschaffungsforderungen auf die Geheimdienste zu konzentrieren. Und damit wären wir dann beim eigentlichen Problem. Das eigentliche Problem, das es in Deutschland mit der Einwanderung gibt, sind nicht die Einwanderer selbst. Es sind auch nicht die Rechtsradikalen, die auf diese Entwicklung nur mit stumpfsinniger Gewalt reagieren können. Das eigentlich Problem sind die „normalen“ Deutschen selbst, denn sie treten nicht mehr für ihr Land ein und für das, was es repräsentiert. Wer der eigenen Lebensart und Ordnung selbst entweder gleich miss- oder auch nur sich nicht traut, zu ihr zu stehen, der ist auch nicht in der Lage, sie gegen Zumutungen von außen zu verteidigen. Was schrieb der Werwohlf gerade? „Für ihr Land eintreten“? Wie Nazi ist das denn? Ja, das ist das Problem. Wer für „unser Land“ eintritt, muss sich nicht zu irgendwelchem „Deutschtum“ (oder wirklich rassistischem Quark) bekennen. „Unser Land“ ist eine notwendige Konstruktion, um z.B. all das, was den Sozialstaat ausmacht, legitimieren zu können. Es ist eine notwendige Konstruktion, um dem Grundgesetz Geltung zu verschaffen und Frau Merkel und ihre „von der Leyen“-Schar uns regieren zu lassen. Und wer mit offenen Augen hinschaut, wer vor allem wirklich so weltoffen war und ist, auf der Welt noch andere Flecken kennen gelernt zu haben als den Ort in Holland, wo man sich sein Gras beschafft, der wird auch wissen, was in diesen Breiten eher zur typischen Lebensart (man kann meinetwegen auch gerne und wahrscheinlich richtiger „Kultur“ sagen, aber es braucht diese großen Begriffe gar nicht) gehört und was hier eher für Konfliktstoff sorgen wird. 

Integration kann nach Meinung des Werwohlfs nur gelingen, wenn ohne falsche Scheu und falsch verstandene Toleranz von den Migranten eingefordert wird, sich an diese Dinge anzupassen. Das Grundgesetz, das von Politikern bei solchen Gelegenheiten als Maßstab gerne ins Spiel gebracht wird, ist erstens hier falsch angewendet, denn es regelt nicht das Zusammenleben von Einzelnen, sondern das Verhältnis von Bürger und Staat. Und zweitens ist es für die Probleme des Alltags viel zu sehr abgehoben, abstrakt und blutleer. Kein Zuwanderer weiß nach seiner Lektüre (wenn er sich die denn antut), wie er konkret auf die Einheimischen zugehen soll und was er hier besser unterlässt, um als willkommen zu gelten (so er denn daran interessiert ist). Die Bewährung zeigt sich vor allem im täglichen Zusammenleben. Hier hat der Einwanderer die Wahl: Tritt er auftrumpfend auf und versucht, die mitgebrachten Regeln gegen die bisher vor Ort geltenden durchzusetzen? Oder passt er sich an? Dass die Wahl vielleicht etwas zu oft auf die erstere Option fällt, ist ihm dann um so weniger vorzuwerfen, je weniger er auf Widerstand dabei trifft. Dabei „hilft“[2] ihm eine eigenartige Vorstellung von Toleranz, die über lange Zeit (und auch nicht ohne Kämpfe) eingeübte Regeln sofort zur Disposition stellt, sobald er daran nur ein wenig rüttelt. Die Deutschen scheinen sich mehrheitlich selbst über ein halbes Jahrhundert nach Ende des von ihnen angezettelten Vernichtungskrieges weiterhin in der Rolle derer zu sehen, die Legitimation für die eigenen Vorstellungen des Zusammenlebens nur von außen erhalten können, statt selbstbewusst und auch mit Zustimmung aller seitdem Eingewanderten, die sich tatsächlich weitgehend anpassten[3], auf das hierzulande Geltende zu verweisen. Vermutlich würde eine solche selbstbewusste Sprache selbst von den schwierigsten Zuwanderergruppen auch verstanden werden, die stattdessen ihr Glück, nur auf Nachgeben zu stoßen, kaum fassen können und daraufhin in der ihnen nahe gelegten Richtung weiter machen. Deutschland hätte übrigens jedes Recht zu Selbstbewusstsein in dieser Sache: Die Migranten kommen bewusst hierher. Sie haben sich diese Gesellschaft ausgesucht und keine andere. Wie seltsam und verstörend muss es dann auf sie wirken, wenn ihnen die Einheimischen deutlich machen, dass sie sich in ihrem Land nicht wohl fühlen.

An dieser Stelle darf dann der Witzbold nicht fehlen, der die hiesigen Werte mit „Sauerkraut essen“ und ähnlich originellen Klischees verhöhnt. Dabei ist es doch so einfach: Was jemand isst, bleibt seine Sache. Jedenfalls so lange, wie er danach nicht seinem Nachbarn ins Gesicht rülpst. Glauben darf auch jeder, was er will, aber Verhaltensvorschriften im Alltag sind eine andere Geschichte, vor allem, wenn auf Menschen Druck ausgeübt wird, sie einzuhalten, und wenn sie gegen hiesige Gesetze verstoßen. Aber nicht nur. So ist z.B. das Tragen des Kopftuchs bei Frauen ein eindeutiges Signal der Minderwertigkeit, das eine Gesellschaft wie die unsere nicht umfassend tolerieren sollte[4] – auch und gerade dann, wenn es bei ihr selbst gar nicht so lange her ist, dass Frauen gleiche Rechte zugestanden werden.  

Viel liest z.Zt. man darüber, was Muslime tun sollten, oder wie die Mehrheit der Nichtmuslime ihnen zu begegnen habe. Aus Sicht des Werwohlfs ist das der falsche Ansatz. Warum den Muslimen eine Sonderrolle zugestehen? Es sind Menschen wie alle anderen auch, die sich an dieselben Regeln zu halten haben. Und wenn diese Regeln nicht zur Disposition stehen, wenn ihre Einhaltung ohne Ansehen der Person durchgesetzt wird, dann brauchen wir uns zumindest im Alltag nicht mehr damit zu beschäftigen, warum jemand sie gerne nicht einhalten würde. Wir tun es ja sonst auch nicht. 

Besonders schädlich ist in diesem Zusammenhang das Gequatsche von links, die Regeln des Zusammenlebens müssten angesichts der Zuwanderer „immer wieder neu ausgehandelt werden“, oder auch „die Deutschen“ müssten sich verändern, damit Integration gelänge. Das ist, mit Verlaub, Bullshit. Ja, vermutlich wird die Zuwanderung so vieler Menschen mit relativ fremden, also auch neuen Sitten und Gebräuchen auch an der bisherigen Mehrheitsgesellschaft nicht spurlos vorüber gehen. Auch dann nicht, wenn sie sich an das oben Gesagte hielte. Aber dies von vornherein als Handlungsanweisung zu formulieren, ist ein großer Fehler, der alle Anstrengungen zur wirklichen Integration zu torpedieren imstande ist. Es ist letztlich das oben konstatierte fehlende Selbstbewusstsein, das sich hier Bahn bricht.

Integration wird aber scheitern, bis die Deutschen selbst integriert sind in das Land, das sie geschaffen haben. 

[1] Es gibt nicht viele derart abgrenzbare Gruppen, deren Mitglieder dieselben grundsätzlichen Schwierigkeiten zu haben scheinen.
[2] Letztlich ist es natürlich keine Hilfe. Jedenfalls, wenn man denn den Willen zur Integration voraussetzt.
[3] Damit ist keine Verleugnung der Herkunft gemeint, sondern die Fähigkeit, sich konfliktfrei in allen Aspekten des Lebens in der Mehrheitsgesellschaft zu bewegen.
[4] Ob daraus dann immer Verbote folgen müssen, ist eine andere Frage, aber zumindest im Staatsdienst sollten solche Symbole nicht geduldet werden.

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