Umstritten!

In Deutschland ist die Empörung groß, dass die neue Premierministerin des Vereinigten Königreichs (vielleicht zur Freude mancher katholischer Nordiren auch gern zu „Großbritannien“ oder gar „England“ verkürzt) ausgrechnet Boris Johnson zum Außenminister ernannt hat. Tourette-Sabine von den Grünen pöbelt wieder mal los, kaum dass sie sich den Schaum wegen des jüngsten Kommentars zu Boris(!) Palmer vom Mund gewischt hat, andere erprobte Geiferer greifen – zwar etwas plump, aber immerhin – sogar entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit zum Stilmittel der Ironie. Auf die Kanzlerin ist aber Verlass. 

Sie sagt wie immer – nichts. Das kann auch nur als weise bezeichnet werden, denn zum einen dürfte sie – anders als die Pawlowschen Funktionäre auf der Linken – qua eigener diesbezüglicher Kompetenz sofort registriert haben, dass es sich hier vor allem um einen geschickten Schachzug ihrer Amtskollegin handelt, zum anderen ist sie schlau genug zu erkennen, dass es deutsche Politiker zunächst mal einen feuchten Kehricht angeht, wer bei anderen Nationen. befreundeten zumal, Minister wird.

Aber wer weiß – vielleicht ist die teutonische Parteiprominenz nur vergrätzt, dass die Entscheidung der (vereingt-königlichen?) Regierungschefin  das alte Narrativ zerbröseln ließ, wonach sich Johnson aus der Verantwortung stehle. Er kann die deutschen Kritiker offensichtlich auch damit nicht zufriedenstellen, dass er nun doch an prominenter Stelle in die Politik zurückkehrt. Man ahnt: Ohne öffentliche Selbstgeißelung (in Bonn soll es ja neulich mal ein lehrhaftes Beispiel dafür gegeben haben) verzeiht ihm die deutsche Öffentlichkeit gar nichts. 

Denn, und wie oft mussten wir dieses Adjektiv schon lesen: der Mann ist „umstritten“. Es erzählt viel über das deutsche Verständnis von Demokratie und Politik, dass dieses Attribut in diversen Medienberichten als Warnsignal verwendet wird. Denn unser Ideal sind Ikonen, Überväter und -mütter, oder sozusagen der Mühsal des politischen Alltags enthobene Altpolitiker. Die Wenigsten werden es noch wissen: Helmut Schmidt z.B. war auch mal „umstritten“, was ihm u.a. den Spitznamen „Schmidt-Schnauze“ einbrachte. Aber das war zu einer Zeit, als man noch annehmen konnten, aus den Deutschen könnten tatsächlich Demokraten im westlichen Sinn werden. Denn sollte man nicht erwarten, dass in einer Demokratie Politik immer umstritten ist, was dann auch auf ihre Repräsentanten zutreffen würde? Wer so denkt, hat die Rechnung nicht mit dem germanischen Hang zur großen, einheitlichen Volksgemeinschaft und einer diese verkörpernde unfehlbaren (ups, beinahe hätte hier ein anderes Wort gestanden, das dem Werwohlf vielleicht eine Razzia eingebracht hätte) Gallionsfigur gemacht. Konsens geht hier über alles, und das „Parteiübergreifende“ ist offiziell über jede Kritik erhaben. Wagt es dennoch jemand, eine solche zu äußern, kann er nur noch als Volksschädling entfernt werden – zum Glück entgegen früherer Praxis nicht mehr unmittelbar physisch, aber mittels öffentlicher Ächtung, die auch das Gebot für Anständige einschließt, mit dem geächteten Subjekt keine Verträge irgendwelcher Art (Miete, Arbeitsverhältnis, Übernachtung…) einzugehen.

Anpassen, Mund halten, bei einer von fünf Parteien Kreuzchen machen. So geht Demokratie heute

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One Comment on “Umstritten!”

  1. […] Aus gegebenem Anlass hier das Zitat eines besonders klugen Kopfes: […]


Platz für Senf.

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