Der Wunsch nach dem Argument

Am Beispiel der Kolumne des Richters am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer, auf „Zeit Online“, lässt sich sehr gut nachvollziehen, was mittlerweile zur typischen Diskussions-(Un)Kultur gehört.

Es passiert ja nicht gerade selten, dass eine (üblicherweise links orientierte) Gruppierung irgendeine politische Forderung erhebt. Irgendwas soll gefördert, verboten, verschärft oder (seltener) abgeschafft werden. An den Schulen brachte man den Kindern früher bei, dass dies in einer pluralistischen Demokratie ebenso normal sie wie die Tatsache, dass sich sofort eine Gegenrede erheben würde, und dass es sich letztlich im Wettstreit der Argumente entscheiden würde, was die Wähler mehr überzeugt. Das scheint heute aber nicht mehr zu gelten. 

Die besagte Forderung wird nämlich sofort moralisch aufgeladen. Natürlich wird sie allein aus den hehrsten Beweggründen und Absichten erhoben. Nicht nur das: Die konkrete Forderung wird geradezu zur einzig möglichen Umsetzung der besagten Absicht. Das heißt: Kritik daran, dass die Forderung gar nicht in der Lage sei, das kolportierte Ziel zu erreichen, ist gar nicht mehr möglich. Jede Kritik an der Forderung wird zum Widerstand gegen die Absicht. Das gilt auch für das Aufzeigen von Zielkonflikten oder Schwierigkeiten. Beides wird als Zumutung dabei empfunden, endlich die gute Absicht zu realisieren. 

Damit man sich bei diesem Schema auch wirklich eine argumentative Auseinandersetzung, die als natürlicher Feind der moralisch aufgeladenen Forderung gelten kann, erspart, muss die Kritik daran zwingend eines Ismus oder einer sonstwie verwerflichen Geisteshaltung überführt werden, der jedes weitere Eingehen auf sie erübrigt. Der jeweils passende Ismus bzw. die verwerfliche Geisteshaltung ergibt sich unmittelbar als Feindbild derer, die eine solche Forderung erheben. Wer also, wie Richter Fischer, mit Argumenten seines Fachs gegen Forderungen von Feministinnen aufwartet, ist dann selbstverständlich des Sexismus oder der Frauenverachtung verdächtig. Nicht, weil eine Herleitung seiner Argumentation das ergeben hätte (diese Mühe machen sich die Streiter für die gute Sache nie oder bestenfalls auf Basis nach Gusto zurechtgebogener Aussagen), sondern allein schon deshalb, weil er eine Gegenposition bezieht. Denn die wendet sich ja unmittelbar gegen die gute Sache, kann also nur aus niederen Motiven erfolgen. Als Konsequenz wird Kritik dann auch nicht mehr als solche bezeichnet, sondern von vornherein als „Hetze“ tituliert. Gnädigerweise wird manchem Kritiker vielleicht noch Käuflichkeit unterstellt – er denke ja nicht wirklich so, sondern müsse nur die Hand lecken, die ihn füttert. Im Gegensatz zu den Gerechten, die lediglich für das Gute an sich argumentieren. Die besagten Überführungen gipfeln dann in der Regel in einer Aufforderung an die Plattform, auf der die Kritik geäußert wurde, dieser eine ebensolche doch bitte künftig keinesfalls mehr zu bieten. Die Existenz von Kritik überhaupt kann aus Sicht der moralisch einzig zulässigen Position nur als unzumutbar empfunden werden. 

Ein Widerstreit der Argumente wird somit bewusst vermieden. Es geht nur noch um Standpunkte. Wer darin Ähnlichkeiten zur offiziellen Denkweise in Staaten des „real existierenden Sozialismus“ sieht, liegt damit vermutlich nicht allzu falsch. Viel bedenklicher als die Tatsache, dass „Medienschaffende“ sich vor allem als Linke betrachten, ist die Erkenntnis, dass die oben skizzierte Form der Auseinandersetzung mittlerweile als Standard gelten kann. Ein Richter, der es gewohnt ist, dass vor ihm Argumente formuliert werden, und zwar nach Regeln, die dazu geschaffen wurden, möglichst die Wahrheit ans Licht zu bringen, reagiert vielleicht besonders sensibel darauf. Aber auch wir, die gemeinen Wähler, sollten wieder anfangen, Argumente einzufordern statt sich verführen zu lassen, gleich Partei zu ergreifen.

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One Comment on “Der Wunsch nach dem Argument”

  1. Paul sagt:

    Ein sehr des Nachdenkens werter Beitrag.
    Den lege ich mir in meine „Merkkiste“, denn auch ich bin in dieser Gefahr einen Standpunkt zu vertreten und damit für Argumente unzugänglich zu werden. Na, jedenfalls manchmal.
    Jetzt lese ich aber erst mal den Artikel von Richter Fischer. Bin direkt neugierig darauf zu erfahren was er geschrieben hat.

    Herzlich, Paul


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