Fremd im eigenen Land

Natürlich: Das Verwenden der Redewendung „fremd in eigenen Land“ ist irgendwie voll Nazi. Aber wie auch immer: Genau so fühlt sich der Werwohlf manchmal. Zum Beispiel dann, wenn er abends in einer Großstadt in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Die lautesten Stimmen sprechen nicht Deutsch. Menschen, die anders aussehen als die, die man als Kind kannte, reden in fremden Sprachen miteinander. Einige davon haben sich islamischen Kleidungsvorschriften unterworfen. Wo man hinschaut: Menschen „mit Migrationshintergrund“.

Szenenwechsel: das nächste Schnellrestaurant. An der Kasse: Eine nette, aber radebrechende Angestellte. Die Kunden: Junge Männer mit kurz geschorenen Haaren an den Seiten, aber einem üppigen Kamm auf dem Schädel. Sie tragen Bärte. Und sie reden, wenn nicht Türkisch oder Arabisch, „Kiezdeutsch“ – rudimentäre Grammatik, Ersatz des „ch“ durch „sch“. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die Urdeutsche wie den Werwohlf ausschließt.
Es soll hier nicht darum gehen, ob das alles gut oder schlecht ist.

Das würde auch nichts nutzen. Es ist, wie es ist. Aber die unvermeidliche Konsequenz aus des Werwohlfs Sicht ist eben auch: Ja, selbstverständlich hat man im heutigen Deutschland genug Anlass, sich hier und da fremd im eigenen Land zu fühlen. Geht es nach der Meinung des moralisch höherwertigen Mainstreams, ist dieses Gefühl, wenn nicht sowieso gleich völlig verwerflich, dann wenigstens vor allem „gestrig“ und ein Zeichen dafür, dass es an Weltoffenheit und Toleranz mangelt – zwei Tugenden, die mittlerweile zu den höchsten zählen.

Der Werwohlf ist allerdings der Meinung, dass es sich bei dem Wunsch, weitestgehend unter seinesgleichen bleiben zu wollen, um einen legitimen handelt. Was nicht heißt, dass sofort staatliche Gewalt einzusetzen sei, um ihm Geltung zu verschaffen. Es geht erstmal nur um die Legitimität des Wunsches an sich. Gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist er ja längst – wenn er unter dem Stichwort „Gentrifizierung“ geäußert wird. Ansonsten hingegen: Nazi und gestrig. Nun ist der Werwohlf jemand, der die Welt ziemlich ausgiebig bereist hat, auch mal ein paar Jahre in anderen Ländern gelebt hat. Er hat sich in fast allen Ländern sehr wohl gefühlt, und die Begegnungen mit den Menschen dort waren stets von wohlwollendem, gegenseitigem Respekt geprägt. Diese Erfahrungen haben den Werwohlf bereichert und auch ein wenig mit geprägt. Aber er erinnert sich weiterhin gerne daran, wie schön es war, nach den Reisen wieder ein eine vertraute Welt einzutreten. Eine, in der die Regeln galten, mit denen er aufgewachsen war. Und damit ist jetzt nicht plattest das Grundgesetz gemeint, auch nicht andere Gesetze, sondern einfach die kulturellen Regeln, die man von seinen Eltern und sonstigen Peers vermittelt bekommt: Das, was „man“ macht oder eben nicht. Aus Sicht des Werwohlfs braucht jeder Mensch so ein Rückzugsgebiet.

Natürlich: Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten müssen, vermissen dieses Rückzugsgebiet erst recht. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Auch nicht jenen, die sich aus rein wirtschaftlichen Erwägungen auf den Weg machen. Individuell gesehen kann es da in keinem Fall moralisch begründbare Einwände geben. Aber Quantität schlägt irgendwann in Qualität um. Wann das passiert, ist selbstverständlich immer auch vom Wahrnehmenden abhängig, aber dass es so gut wie sicher eintreten wird, damit sollte man rechnen. Insbesondere die Politik. Was wir dann vor uns haben, ist ein klassischer Fall von Zielkonflikten. Zielkonflikte, und das ist die Crux der aktuellen Eliten, lassen sich nicht durch moralische Vorgaben beseitigen. Menschen, die das Gefühl haben, fremd im eigenen Land zu sein, zu belehren, dass dies erstens nicht stimmen könne und zweitens sowieso unzulässig sei, wird, so überraschend sich das für moderne Aktivisten auch anhören mag, keinen besonderen Erfolg mit sich bringen. Zwar kann die Elite das gemeine Volk immer noch beschimpfen (was ja auch zur Genüge alltäglich stattfindet), aber so lange sie demokratische Ausbrüche noch nicht völlig domestiziert hat (wozu ist die EU sonst da?), bleiben durch Wahlen erlittene Nachteile für die materielle Versorgung der eigenen Funktionäre nicht aus.

Was also tun? Der Werwohlf meint: Die beste Möglichkeit, den Zielkonflikt zu lösen, wäre dann gegeben, wenn Staat und Gesellschaft offensiv ihre Werte vertreten und konsequent leben würden, so dass eine Anpassung daran auch im Alltag zur Absicht aller wird. Im Umkehrschluss heißt das: Wischiwaschi wäre nicht mehr. Auch nicht, wenn man „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ dranklebt. Wer nicht nach den gegebenen Regeln spielt, bekommt Probleme. Und womit? Mit Recht. Was die Sache erschwert, sind natürlich diejenigen Zeitgenossen, denen es sowieso primär um die Abschaffung dieser Regeln geht und die „Fremde“ im obigen Sinn nur allzu gern als Waffe dagegen verwenden würden. Und dass ausgerechnet diese Damen und Herren in Berufen unterwegs sind, die es ihnen ermöglichen, ihre Propaganda prominent zu verbreiten. Von daher dürfen wir wohl davon ausgehen, dass die Werwohlfsche Möglichkeit ungenutzt bleiben wird.

Und der Konflikt nicht verschwindet.

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