Noch mal schnell was zum Islam

Zwei Arten von Diskussionsbeiträgen sind im Zusammenhang mit dem Islam besonders lästig und letztlich überflüssig: Pauschale Verdammung, wie sie die AfD betreibt, und pauschale Verharmlosung, wie sie von politisch-medialen Elite (im Einklang mit dem oberen Klerus) propagiert wird. Dem Werwohlf jedenfalls ist es schleierhaft, wie man als einigermaßen vernunftbegabter Mensch nicht zu der Sichtweise gelangen kann, die ein Kenner der Materie, Hamed Abdel-Samad, eingängig zu vertreten im Stande ist – übrigens durchaus im Einklang mit führenden Islamwissenschaftlern. 

Aufgrund der unterschiedlichen Entstehungsgeschichte ist es nun einmal beim Islam viel schwieriger als beim Christentum, die friedfertigen und toleranten Teile der Religion in den Vordergrund zu stellen. 

Es beginnt mit dem Unterschied, dass im Christentum die geschriebenen Worte (Altes und Neues Testament) durch das Wirken der Person Jesus Christus in den Hintergrund rücken, während für den Islam der Koran selbst das Maß aller Dinge ist. Ersteres öffnet Interpretationsspielraum, letzteres gewährt so gut wie keinen. Der eine Gründer blieb ohne jede irdische Macht und starb sogar durch die Hand seiner Gegner, während der andere ein erfolgreicher Feldherr und Herrscher war, der mit den Methoden seiner Zeit umzugehen verstand. Jesus trachtete nie danach, eine andere Religion zu propagieren als die, in der er aufwuchs, aber Mohammed setzte sich gegen jüdischen und christlichen Widerstand durch. All das wird sichtbar in den wichtigen Werken der jeweiligen Religionen, und all das bestimmt ihren Sound, der bis heute nachhallt. 

Aber nach dem muss niemand tanzen. So, wie es Christen gibt, die man nur wenig mit dem Liebesgebot ihres Heilands in Verbindung bringen kann, so gibt es auch Muslime, die mit dem ganzen kriegerischen Gedöns ihres Propheten heute nichts mehr am Hut haben und sich vor allem mit den in Mekka entstandenen Versen des Koran identifizieren. Letztlich kann der Werwohlf so viele Behauptungen wie er will darüber aufstellen, wie man eine der beiden Religionen logisch widerspruchsfrei leben müsste – entscheidend ist aufm Platz der praktische Alltag.  Das ist es, was man Lautsprechern wie der AfD vor allem vorwerfen muss: Dass sie keinen Unterschied machen zwischen dem gelebten Islam und dem, den sie – mehr oder weniger folgerichtig – analog zu den Salafisten und anderen aus der reinen Lehre meinen ableiten zu können. Es wäre auch absurd, müsste sich dieses Land, dieser Staat, vor den vielen Muslimen dieser Welt voller Angst und vielleicht sogar Hass abschotten, denn der Alltag spricht eben eine andere Sprache.

Aber diese Sprache klingt nicht so rein, wie man sich das wünschen würde. Die Anteile derer, die den gängigen Interpretationsregeln folgend beim Studium von Koran und Hadithen nahezu zwangsläufig bei den radikaleren Ausläufern landen, sind viel zu hoch, um sie ignorieren zu können. Der Küchenislam, wie ihn sich z.B. die SPD vorstellt, hat hingegen keine intellektuelle Basis. Man gönne sich z.B. nur mal das Vergnügen und versuche, das Bild der laut Sozis „Stimme für Vernunft“ Aiman Mazyek in Einklang zu bringen mit den Inhalten der von seiner Organisation betriebenen Website islam.de. Diese Diskrepanz zwischen einerseits zur Schau gestellter säkularer Weltläufigkeit und andererseits geförderter Orthodoxie sorgt nicht gerade für Vertrauen. Auch der Reflex vieler Muslime, trotz anderer eigener Lebenspraxis im Zweifel die radikaleren Auswüchse der eigenen Religion gegenüber den Anforderungen einer von Anders- und Nichtgläubigen dominierten Gesellschaft zu verteidigen, durchaus auch praktisch, durch Gewährung von Unterschlupf oder auch nur bewusstes Wegsehen, sollte besser nicht ignoriert werden.

Es gibt also tatsächlich viel zu diskutieren. Der Werwohlf empfiehlt in diesem Zusammenhang, solche Diskussionen nur zielorientiert zu führen. Also statt Anklage Definition dessen, was erstrebenswert ist. Statt voreiliger Ausgrenzung erstmal die Einladung. Dann kann man immer noch sehen, wer nicht mitmachen will. Darunter werden dann vermutlich Muslime sein. Aber nicht nur. 

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2 Kommentare on “Noch mal schnell was zum Islam”

  1. Fluminist sagt:

    Man kann die Problematik natürlich auch so zusammenfassen wie die Bundeskanzlerin:

    „Die Praxis hat gezeigt, dass die übergroße Mehrzahl der Muslime hier im Rahmen des Grundgesetzes ihre Religion ausübt.“
    Wenn das nicht der Fall sei, würden die Sicherheitsbehörden über eine Beobachtung entscheiden. „Aber der Regelfall und die übergroße Mehrheit entsprechen genau dem, was wir im Grundgesetz verankert haben“, betonte Merkel.
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bundeskanzlerin-merkel-verteidigt-muslime-gegen-afd-angriff-14185408.html

    „Übergroß“ im Sinne von „des Guten zuviel“? – Zugegeben steht sie auch sonst mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß.

    • Werwohlf sagt:

      Abgesehen vom Sprach-Lapsus: Auch 80% wären wohl im Merkelschen Sinn als „übergroß“ zu bezeichnen. Aber in Wirklichkeit ein dickes Problem.

      Mit Leerformeln tut man niemandem einen Gefallen.


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