Keine Panik auf der Titanic

Der Werwohlf weiß nicht so recht, ob uns Andreas Döding mit seinem Beitrag zum dritten Todestag Zettels jetzt gerne alle zu Rheinländern machen würde („Et kütt wie et kütt“ und „Et hätt noch emmer joot jejange“), oder ob er sich nur mal bei diesen windigen Motivationstrainern eingereiht hat, die uns weismachen wollen, mit viel „Tschakka“ könnten wir alles verwirklichen, was wir uns wünschen. 

Andreas hat insofern einen Punkt, als die meisten angekündigten Katastrophen sich glücklicherweise weigern einzutreten. 

Meistens, weil der Zeithorizont lang genug ist, damit irgendein Typ wider besseres Wissen der anderen dann doch mal was ausprobiert, was die Ausgangsbedingungen komplett verändert. Oder weil inzwischen eine andere Entwicklung eintritt, mit der niemand rechnete. Diese Voraussetzungen gefährden am ehesten noch alle Horrorszenarien, die mit dem Klimawandel zu tun haben. 

Aber bei den von Andreas aufgeführten Punkten, von der Flüchtlingskrise bis zum Euro, liegen sie nicht vor. Die angekündigten Probleme liegen hier nicht in weiter Zukunft, sondern sind entweder bereits deutlich absehbar (bzw. können bei anderen mit ähnlicher Problemlage beobachtet werden) oder bereits Wirklichkeit geworden. Und es fällt auch schwer, wie man aus der Tatsache, dass die Politik sich unter mehreren Alternativen für die mit den meisten Nachteilen (nicht aus Sicht der Politik natürlich…) entscheidet, Grund für Optimismus ziehen soll. 

Nun ist man mit dem „slippery slope“ gerne mal viel zu schnell bei der Hand. Irgendeine Entwicklung mit hohen Wachstumsraten extrapoliert führt fast zwangsläufig zum Katastrophenszenario. Aber andererseits können wir auch nicht ignorieren, dass es solche Regelkreise gibt und dass sie bereits für viele Entwicklungen verantwortlich sind. Das heißt, es hilft genau so wenig, überall solche Gesetzmäßigkeiten zu wittern wie ihre Gefahr von vornherein zu verharmlosen.

Hinzu kommt: Man kann als Bürger eines Landes mit einer gravierenden Fehlentscheidung leben, vielleicht auch mit zweien. Aber wenn sich die Sache so darstellt, dass die wiedervereinigte deutsche Demokratie bei so gut wie allen existenziellen Weichenstellungen die falsche Wahl trifft, und es bei der nächsten Kategorie darunter auch nicht anders aussieht, dann gehört schon viel Chuzpe dazu, die pessimistische Grundstimmung, die davon erzeugt wird, als das eigentliche Problem zu sehen. 

Andreas erwähnt die USA als leuchtendes Beispiel für einen Staat mit der Kraft zu ständigen Erneuerung. Er übersieht dabei aber eins: Der Zentralstaat hat dort einen weitaus weniger schmeichelhaften Ruf als bei uns. Nicht nur die Bundesstaaten genießen erhebliche Kompetenzen, sondern viele Dinge werden einfach faktisch vor Ort entschieden, in der Gemeinde. Und wenn nach Meinung der Bürger das System zu verkrustet daherkommt, dann werden in den Vorwahlen für den nächsten Präsidenten eben Kandidaten hochgespült, die dieses System in Frage stellen. Dass dies in Deutschland undenkbar ist, wird selbst von Publizisten gefeiert, die ansonsten gerne gegen den Stachel löcken. 

Aber die Frage ist natürlich, wie weit der Pessimismus greift. Für Deutschland als Land der Deutschen ist er in hohem Maß berechtigt, aber dieses Konstrukt ist historisch gesehen ja auch gerade erst entstanden. Anderen Nationalstaaten in Europa blüht wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal. Die Geburtenstärke bestimmt immer die dominante Kraft im Raum, allerdings haben sich deren Träger auch immer geöffnet für Anregungen aus dem Kreis der Verdrängten. Geburtenstarke Bevölkerungen machen auch eine andere Politik. Die Dinge werden sich also ändern, aber dass dabei so manches verschwindet, was viele heute liebgewonnen haben, steht auch fest. Dafür entsteht woanders Neues. Um die Menschheit muss uns also nicht bange sein. Nur um einige ihrer Facetten, aber das war schon immer so. 

Wir dürfen, was unsere Facetten betrifft, also zwar pessimistisch sein, für Wehleidigkeit besteht aber kein Anlass. Wir als Individuen treten sowieso unwiderruflich von dieser Bühne ab, bevor sich unser Pessimismus endgültig manifestiert.

Eine andere Frage ist, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen. Überlassen wir die Miespetrigkeit doch den anderen. Auch wenn die Titanic untergeht, die Bordkapelle kann noch einige schmissige Lieder spielen. 

Genießen wir es.

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19 Kommentare on “Keine Panik auf der Titanic”

  1. n_s_n sagt:

    Lieber Werwohlf,

    vielen Dank für deinen Kommentar zu diesem Text auf Zettels Raum, bei dem ich persönlich wieder einmal bedauere, dass du dort nicht mehr schreibst.

    Ich bin geneigt deinem Text zuzustimmen, wie ich auch geneigt bin, den Text von Andreas gut zu finden.

    Ich glaube, man muß Texte, Antworten, Ansprachen auch immer in ihrem Kontext sehen, in dem sie entstanden sind. Als diesen Kontext sehe ich bei Andreas das Stimmungssentiment in Zettels Raum, welches dort seit einigen Monaten vorherrscht. – Das, wie du es selbst einmal formuliert hattest, viel mehr von „events“, als „ideas“ in der Diskussion dominiert wird, wobei diese „events“ immer mehr dem Erzeugen einer destruktiven Ohnmachtsstimmung dienen.

    Ich kann daher (und habe es erstrangig auch getan) den Text von Andreas als einen Advocatus Diaboli zu dem dort mitunter anzutreffenden Destruktivismus lesen und dieser tut nach meinem Ermessen dort Not.

    In meiner Kommentierung dort spreche ich ja bei den Dingen, die du zu Recht als große Probleme benennst, von Wohlstandsverlust, welcher aus ihnen hervorgehen wird. Nun ist Wohlstandsverlust ein dehnbares Wort. Ich weiß nicht, ob es bedeutet, dass es den Menschen hierzulande in Zukunft nur weniger besser gehen wird, als es ihnen eigentlich gehen könnte, oder ob es ihnen schlechter als heute geht oder sogar richtig schlecht. Vielleicht, das ist für mich eine durchaus ernsthafte Sorge, bedrohen die Konflikte die derzeit durch die Politik produziert werden, sogar wieder einmal den Frieden in Europa. Was ich ja in ZkZ auch schrieb.

    Die Probleme aktuell zu unterschätzen wäre mehr als fahrlässig und bei der aktuellen Migrationspolitik und meinem persönlichem Steckenpferd Energiewende / Klimawahnsinn, fällt es mir immer äußerst schwer ruhig zu bleiben, weil ich die Ignoranz und Dummheit mit Händen greifen kann.

    Nun habe ich aber im persönlichen Umfeld eine Erfahrung gemacht, zu der Andreas übrigens den Anstoß gab. Diese Erfahrung fand im zwischenmenschlichen Bereich statt, in meiner Beziehung und sie ist im Wesentlichen die folgende:

    Wenn man Dinge nicht ändern kann und sich darüber in Resignation und seinen Sichtweisen einrichtet, in einen Zustand der Ohnmacht triftet, verliert man das was einem einmal wertvoll war. Man findet keinen Weg zurück. Wenn man aber versucht seine Wahrnehmung über diese unabänderlichen Dinge zu ändern, versucht ihnen zumindest neutral gegenüber zu treten, vielleicht sogar positiv, verändert sich dadurch langsam auch die Realität und am Ende kommt tatsächlich verloren geglaubtes zurück. Die Realität verändert sich (wäre meine Einschätzung), weil die Wahrnehmung der eigenen Haltung durch andere, eine nicht unwesentliche Determinante von deren Handeln ist. Das zumindest ist meine Erfahrung.

    Natürlich könnte man jetzt darüber sinnieren, ob das was für den „kleinen“ zwischenmenschlichen Umgang richtig ist, auch in der Politik und der (Gesellschaft) gilt. Ich weiß das nicht. Aber ich würde es auch nicht ausschließen wollen, könnte man Politik doch als „großen“ zwischenmenschlichen Umgang verstehen.

    Nun weiß ich, dass Andreas Psychologe ist. Ich weiß auch, bzw. nehme war, dass man sich in ZkZ (und nicht nur dort) vorrangig in der Resignation seiner eigenen Sichtweisen, seiner Ohnmacht, immer mehr einrichtet.

    Von daher lese ich Andreas Text nicht als ein „Es kütt wie es kütt“ sondern als die Aufforderung über eine Änderung der inneren Haltung, ein verlassen seiner Ohnmacht, um noch gestalten zu können, was möglich ist. Gleich wie schlimm unsere Zukunft werden sollte, ich würde durchaus annehmen dass sie weniger schlimm wird, wenn man sie positiv angeht, als wenn man resigniert. Was natürlich keine Aussage über die zu erwartende „Qualität“ von „schlimm“ trifft.

    Problemlösungen können nicht mit einer destruktiven Grundhaltung entstehen, man muß in der Tat den Glauben daran haben, dass man es schafft.

    Es mag eine nicht beachtete und weitere große Untat unserer unsäglichen Kanzlerin sein, mit ihrem Diktum „Wir schaffen das!“, genau diesen von mir gemeinten, zu Problemlösungen notwendigen Optimismus in fahrlässiger Art und Weise diskreditiert zu haben.

    „Wir schaffen das“ ist die notwendige Haltung. Die moralbesoffenen Gutmenschen haben sie. Diejenigen, die mit Vernunft gestalten könnten, Verlieren sie jeden Tag mehr. Vielleicht wollte Andreas dagegen anschreiben.

    Herzlich

    n_s_n

  2. Andreas Döding sagt:

    Mist, jetzt hat der Werwohlf mein neues Geschäftsmodell (Kundenakquise bei ZR für mein neues Motivationstrainerprogramm) doch tatsächlich durchschaut 😛

    Aber im Ernst. Weniger Rheinisches Grundgesetz, eher das ungleich bodenständigere und weniger klüngelige „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird.“ Und das scheint mir zuweilen verloren zu gehen. Keine rosarote Brille, aber auch nicht mehr die „kackbraune“, durch die alles aussieht wie Exkremente…

    Nehmen wird die Flüchtlingskrise; ein eklatantes versagen der Eliten (und nicht nur der Regierung) in Deutschland. Vor wenigen Wochen noch mußte man eine „Koalition der Willigen“ (witzig, daß der Begriff sich hat durchsetzen können, wenn man bedenkt, wann er von wem geprägt wurde) fürchten, die buchstäblich eine Schneise für im schlimmsten Fall noch mehrere Millionen Migranten in die Bundesrepublik geöffnet hätte. Man mußte sich realistisch auf 3-4 Millionen Zuwanderer bis zum Ende das Jahrzehnts einrichten, vielleicht mehr. Das hätte den Begriff einer Katastrophe für dieses Land sicherlich zutreffend erscheinen lassen. Und jetzt das. Niemand konnte wirklich vorhersehen, daß ganz Osteuropa sich der ungarischen Haltung anschließen und buchstäblich mauern würde. Niemand konnte vorhersehen, daß Österreich zum jetzigen Zeitpunkt Merkels „Konzept“ den endgültigen Garaus machen würde. Merkel steht jetzt bekanntlich völlig isoliert da, und nichts davon war im Spätsommer 2015, als Merkel nach der neuerlichen „Griechenrettung“ in Europa vor Kraft kaum laufen konnte, vorhersehen, daß sie im Februar mit dem Rücken zur Wand um ihre Kanzlerschaft, gleichsam im Führerbunker mit ihren letzten Getreuen, kämpfen würde.

    Am Ende wird die Flüchtlingskrise, schätze ich mal, auf 1,2-1,3, maximal 1,5 Mio Zuwanderer hinauslaufen. Einige werden integrierbar sein, einige wieder abhauen; also ne gute Million. Um hier nicht falsch verstanden zu werden: das ist alles grundfalsch und eklatantes politisches Versagen gewesen, und wird auch noch sauteuer. Und moralisch unsinnig, da die Leute über Wege hierher gekommen sind, die nur den evolutionsbiologisch „fitesten“, ggf. also auch den skrupellosesten, offen stehen.

    Dennoch: kein Vergleich mit den Kosten und Lasten z. B. der Wiedervereinigung. Bei der wurde uns zuweilen ja auch der Untergang vorausgesagt. Es ist nicht der Abgrund; es ist eben *nicht* der Eisberg, der die Titanic aufgerissen haben wird. Für Abgesänge und Streichquartette an Deck ist es -wieder einmal- zu früh. Darum ging es mir. Ansonsten hat n_s_n meine Intention schon ganz gut wiedergegeben. Ich finde die Stimmung im Land entsetzlich, völlig vergiftet und polarisiert, und das ist auch an meinem Lieblingsforum nicht spurlos vorbeigegangen ;-(.

    Bei dem USA-Beispiel hatte ich eher im Sinn, daß ein Land, das viele der Eigenschaften hat, die man hier neuerdings als „längst untergegangenes Abendland“ bezeichnen müßte (was mit der dort stärker föderalen Struktur erstmal nichts zu tun hat), offensichtlich ganz gut leben und das wirtschaftlich prosperieren kann. Selbst mit nogo-areas und den ganzen Rotz, auf den kein Mensch Bock haben kann und der wahrscheinlich tatsächlich in Teilen auf uns zukommt. Wahrscheinlich war mein ganzer Text letztlich eine Art Selbsttherapie mit dem Ziel, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und das gelingt erfahrungsgemäß nur, wenn man sich eine gewisse Zuversicht bewahrt. Und ich meine, daß es dafür auch gute Gründe gibt, auch in Zeiten grottenschlechter Politik.

    Viele Grüße,
    Andreas

  3. Obwohl ich eine deutlich unterschiedliche Sicht auf das Thema vertrete, als die von mir (nach wie vor) sehr geschätzten Autoren Werwohlf, Andreas Döding und nachdenken_schmerzt_nicht, kann ich jedem vor allem erstmal zustimmen.
    Denn optimistisch auf ein unzulänglich gelöstes Problem zu schauen, verführt nur allzu oft eine selbstkritische Analyse zu unterlassen und verhindert eher eine u. U. nötige Kursänderung.
    Wo ich Andreas und n_s_n zustimme, ist die Ansicht, dass der Optimismus Kräfte freisetzt, die der Pessimismus zu lähmen pflegt.

    Nur scheint mir das Problem in der Analyse der Ausgangssituation zu liegen und viel weniger darin, ob man eher pessimistisch den Umgang mit dem Flüchtlings- und Migrantenstrom betrachten sollte, oder optimistisch. Egal ob man nun meint, dass Deutschland es schafft oder das Problem zu hoch gehangen wird (wenn man die extremen Reaktionen darauf in Rechnung stellt).

    Die Flüchtlings- und Migrantenpolitik die bisher der Vermeidung einer Einwanderungspolitik diente, wird in der Diskussion viel zu sehr als eine nationale Aufgabe angesehen. Klar, es muss auch national gelöst werden, weil eine europäische Lösung auf EU-Art nicht zustande kommen kann. Die EU kann super bürokratische Standards und Regeln setzen, aber sie ist als Problemlöser noch unfähiger als nationalstaatliche Exekutiven.
    Dennoch schreit das Problem nach einer Lösung die geostrategische Überlegungen mit einbezieht.
    Einbeziehen muss!

    Russland tut dies seit langem und in jüngster Zeit äußerst erfolgreich. Diese Politik ist gegen Europa in seiner Gesamtheit gerichtet und deswegen versucht die Kanzlerin verzweifelt, dem eine gemeinsame europäische Strategie entgegenzusetzen.

    Das wird national als Politikversagen interpretiert, was man durchaus tun kann, aber eben nur, wenn man die geostrategische Bedeutung Griechenlands und des Balkans, Griechenlands und unser (EU, NATO) Verhältnis zur Türkei sowie die imperialen Bestrebungen Russlands außer acht lässt.
    Und es gehören natürlich auch die geopolitischen Interessen der USA in Europa dazu, welche man bedenken sollte, ohne von einer nicht vorhandenen Souveränität Deutschlands zu faseln und gleichzeitig Putin um Hilfe anzuflehen.

    Die Flüchtlings- und Migrantenpolitik der Regierung Merkel ist nicht alternativlos. Aber, sie ist eine Alternative zu der gescheiterten Politik der Drittstaatenregelung gewesen.
    Dass nun auch diese Alternative als gescheitert angesehen werden kann, ist m.E. kein Versagen (jedenfalls nicht in allen Punkten, in dem der kontrollierten Einreise allerdings schon) der Politik in Deutschland, sondern den begrenzten Möglichkeiten geschuldet – auch dem Versuch die geostrategischen Zwänge mit der Führungsrolle Deutschlands in der EU unter einen Hut zu bringen.
    Wir werden jetzt die Funktionalität der anderen Alternative erleben – den Flüchtlingsstau in Griechenland und evtl. auf dem Balkan. Vermutlich mit ähnlich harschen Konsequenzen wie die von der Kanzlerin fovorisierte.

    Solche Betrachtungen landen am Ende zu einem gewissen Teil wieder bei Euch, lieber Werwohlf, Andreas und n_s_n und stützen vielleicht Eure Thesen, aber der Umweg und seine Kommunikation machen für mich den Unterschied aus und, nicht zu vergessen, sind die Voraussetzung für gänzlich andere Diskussionen als jene, die ich mir in ZkZ ab und an mit wenig Vergnügen reinziehe, um das mal so auszudrücken.

    Wenn sich jetzt Staaten innerhalb der EU aufgrund gemeinsamer Interessen und Zielsetzungen zum gemeinsamen Handeln zusammenfinden ist das eine Entwicklung die vorhersehbar war und die auch hier, auf diesem Blog, vorhergesehen wurde. Es ist der Beginn einer anderen EU.
    Ein evolutionärer Prozess der in eine bessere Zukunft weist und zeigt, dass nur die EU am Ende ist, keinesfalls aber die Idee innerhalb Europas die Kräfte für ein gemeinsames Handel zu bündeln.

    Viele Grüße
    Erling

    • Andreas Döding sagt:

      Interessanter Punkt, lieber Erling. Ich kann Dir da durchaus folgen. Allerdings ist dieser Punkt:

      „Die Flüchtlings- und Migrantenpolitik der Regierung Merkel ist nicht alternativlos. Aber, sie ist eine Alternative zu der gescheiterten Politik der Drittstaatenregelung gewesen.“

      mir nicht ganz klar. Kann/muß man die Politik der Drittstaatenregelung wirklich als gescheitert betrachten und somit Merkels Politik als Alternative? Installiert Österreich, im Benehmen mit den Osteuropäern, nicht genau diese jetzt wieder erneut, indem der Andrang sozusagen wieder an die Außengrenzen zurückdelegiert wird (und damit der Handlungsdruck)? Eint sich Europa, auch mit Blick auf die Wahrung geostrategischer Interessen, nicht gerade neu, nur eben ohne die Deutschen? Ich bin mir sicher, daß Putin gerne sehen würde, wie Europa am Flüchtlingsstrom zerbricht, oder richtiger: darin versinkt. Ich bin mir aber überhaupt nicht sicher, ob Merkel mit ihrer „europäischen Lösung“ jemals den geostrategischen Aspekt überhaupt im Blick gehabt hat.

      Herzlichen Gruß,
      Andreas

    • Werwohlf sagt:

      Ohne die Einladung Merkels (die es spätestens wurde, als sie nichts tat, den so entstandenen Eindruck zu korrigieren) wäre die europäische Lösung doch längst da. Aber ich kann doch nicht verhandeln, indem ich dem Verhandlungspartner „drohe“, wenn er nicht eine bestimmte Last schultere, übernehme man die dann eben selbst, Kein Wunder, dass es mit dieser Voraussetzung nicht zu Deals kam.

      Was Merkels Politik jetzt „erreicht“ hat, ist dass sie den Schwarzen Peter den Balkanländern zuschob. Dabei ist doch klar: Ohne klare Aussage Deutschlands, dass es nicht mehr Migranten in dem Umfang aufnehmen werde, wird der Druck anhalten. Die Mazedonier werden in die Rolle unserer Stellvertreter gedrängt, damit wir guten Gewissens entsetzt sein können.

  4. erlingplaethe sagt:

    Ja, ja und ja.;-)
    Wir werden sehen und vielleicht, das habe ich auch zum Ausdruck bringen wollen, ist die Politik von Merkel dann in der Nachbetrachtung das geringere Übel, denn Flüchtlinge/Migranten freiwillig aufzunehmen, um ihre Asylberechtigung zu prüfen ist impliziert die Möglichkeit dies ebenso freiwillig wieder abzulehnen. Bei einer humanitären Katastrophe innerhalb sich zurück stauender Massen von entwurzelten Menschen innerhalb Europas ergeben sich ungleich größere Herausforderungen.
    Merkel hatte den geostrategischen Punkt von Anfang an im Auge. Sie hat meines Wissens mehrfach die Gefahr eines Rückstaus erwähnt und die fragile Situation auf dem Balkan.
    Aber zugegebenermaßen wurde dies nur am Rand und immer nebenbei kommuniziert.
    Warum, kann ich mir nur so erklären, dass eine regelrechte Angst bestand, und besteht, die AfD könnte dies politisch als Eingeständnis begrenzter Souveränität Deutschlands nutzen.
    Die Souveränitätsfrage ist ja schon ein Kampfbegriff in der Pegida. Damit wird diese Begründung zu einer kontraproduktiven gemacht, bevor sie breit kommuniziert werden kann.
    Es ist ein wichtiger Aspekt, aber (auch meiner Meinung nach) nicht der alleinige. Mal wieder Vorreiter und moralisch sich auf’s hohe Roß setzen zu wollen und damit die eigene Führungsrolle zu stärken, ein anderer.
    Ihn allerdings völlig außer Acht zu lassen ist die Voraussetzung um Deutschland, und Merkel im besonderen, die ganze Verantwortung für die Ursache der Flüchtlingskrise zu übertragen.
    Wer spricht denn heute noch davon, dass diese Krise 2010 in Italien und Griechenland begann?
    Wer davon, dass Griechenland sie als Erpressungspotential bei den Hilfsgelderverhandlungen eingesetzt hat? Wer davon, dass Griechenland mit dem Durchwinken selbst von Terroristen gedroht hat und dies in die Tat umsetzte?
    Griechenland weiß genau welch wichtige Rolle es spielt in der Beurteilung der Amerikaner.
    Und selbstverständlich auch der Russen.

    Unter diesen Gesichtspunkten würden wir eine etwas andere Diskussion führen. Keine, die immer nur darauf abstellt, dass wir eine realistische Chance haben, diesen Strom einfach abreißen zu lassen, der sich seit 6 Jahren kontinuierlich verstärkt und dessen Stärke noch zunehmen wird, wenn der IS in Libyen nicht gestoppt wird.
    Keine die uns glauben machen lassen will, es läge in unserer Macht diesen Strom zu stoppen.
    Das tut es nicht. Und es gibt auch keine einfache Lösung die nur von ignoranten Politikern nicht gesehen wird.
    Wir müssen beides tun: Ihn so nah wie möglich an seiner Entstehung begrenzen (dazu gehört leider auch die Zusammenarbeit mit der Türkei) und uns auf weitere Ankömmlinge einstellen.
    Und natürlich braucht Europa sichere Außengrenzen in den Ländern die willens und fähig sind sie bereitzustellen.
    Vieles was die Union zur Erreichung dieses Ziels vorschlägt, z.B. die Erweiterung der Liste sicherer Herkunftsländer, die Rücknahmeforderungen an die Länder Nordafrikas, die Prüfung von Asylberechtigungen außerhalb Deutschlands, sind vernünftig und zeugen von dem Willen zum Handeln und der Einsicht in die Tragweite dieser Herausforderung.
    Dies zu berücksichtigen ist m.E. kein Zweckoptimismus sondern eine skeptisch realistische Perspektive die das Prinzip der wohlwollenden Interpretation nicht aus dem Auge verliert.

    • erlingplaethe sagt:

      Tut mir leid, ich haben den Text oben auf dem iPhone geschrieben (viele Fehler) und natürlich ist er die Antwort an Dich, lieber Andreas.

      Viele Grüße
      Erling

    • Werwohlf sagt:

      Es ist m.E. ein Irrtum, in dem „Flüchtlings“-Strom ein Phänomen vor allem von Kriegen zu sehen. In meinen Augen ist es der Auftakt einer gewaltigen Migration, die ihren Höhepunkt erreichen wird, wenn die Menschen aus Afrika sich auf den Weg machen.

      Keine dieser Ursachen lässt sich von außen beseitigen. Die europäischen Länder können nichts bzw. nur wenig tun, den Druck abzuschwächen. Sie können ihm aber Hindernisse in den Weg stellen. Tun sie es nicht, wird Europa immer ärmer und immer gewalttätiger. Ob man das nun „Untergang des Abendlands“ nennt oder eher nüchtern als Entwicklung vorgegeben sieht, ist dann auch egal

      Insbesondere Deutschland ist auf die Herausforderungen, die sich aus dieser Situation ergeben, in keiner Weise vorbereitet. Und aus meiner Sicht auch nicht in der Lage, dies nachzuholen. Der Fall wird hier der tiefste sein. Nicht wegen Merkel, sondern weil wir es so wollen. Auf dem Grabstein Deutschlands wird mal stehen: „Hier ruhen die Deutschen. Wenigstens zum Schluss waren sie moralisch im Recht.“

  5. nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

    Der Gedanke der mir bei aller sachlicher Analyse hier kommt ist der, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass wir immer mehr in einen Kultur-, Werte-, Lebensartkampf hineinschlittern (man nenne es wie man möchte), welcher vieles für uns Sebstverständliches nachhaltig bedroht.

    Ich las da einmal eine Schilderung von Günther Ederer, Bezüglich eines Heimflugs aus dem Iran, nach dem Schah Sturz und einer Begegnung mit einer Frau auf ebendiesem, die ihrem Land für immer den Rücken kehrte. Diese Schilderung beschreibt den Konflikt für mich in erschreckender Art und Weise.

    Und dieser Konflikt scheint bei aller Emotion in der politischen Diskussion viel zu kurz kommen, bzw. nicht in der Art und Weise wahrgenommen / diskutiert zu werden, in der er sich wirklich stellt. Also mehr als einen Konflikt in der (wertebezogenen) Lebensart, als einer in der Kultur. Die Begriffe sind hier leider auch unscharf, obwohl die Sachlage eigentlich sehr trennscharf ist. Der aus dem Nationalsozialimus heraus entstandene, „grüne Minderwertigkeitskomplex“ der deutschen Nation, mag den Ausschlag dafür geben.

    Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft gegenüber diesem Problem (dem Konflikt zwischen den (wertebezogenen) Lebensarten) nicht abwehrbereit ist. Diese Abwehrbereitschaft ist höchstwahrscheinlich mehr ein Problem von innerer Einstellung und politischer Willensbildung, als irgend etwas anderem, aber ich ahne irgendwie das genau dieses, mein Gefühl mich (und möglicher wiese auch andere) teilweise so emotional im Umgang mit dem aktuellen Migrationsproblem macht.

    Ich befürchte auch, dass diese fehlende Abwehrbereitschaft alle sachlichen Analsyen um Geostrategie und Politik letztendlich zur Makulatur erklären könnte, denn es felht der politische Wille unserer Eliten, sich und ihre Lebensweise behaupten zu wollen. Und diese gilt es zu behaupten, ohne Kompromisse.

    Das alles macht mich traurig.

    Manchmal ganz besonders traurig, wenn ich in das arglos lachende Gesicht meiner über alles geliebten Tochter schaue, die ihre Zukunft vor sich hat.

    Emotionen bestimmen Menschen. Das kann man naiv oder unangebracht finden. Es ist trotzdem so.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht

    • Nola sagt:

      Zitat nsn
      Ich befürchte auch, dass diese fehlende Abwehrbereitschaft alle sachlichen Analsyen um Geostrategie und Politik letztendlich zur Makulatur erklären könnte, denn es felht der politische Wille unserer Eliten, sich und ihre Lebensweise behaupten zu wollen. Und diese gilt es zu behaupten, ohne Kompromisse.

      ———–

      Lieber nsn, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

      ich habe auch mehrmals auf das Beispiel Persien hingewiesen, welches deutlich machte, wie schnell sich eine dominierende „zu allem bereite“ Kultur/Religion/Weltanschauung breit macht und in ihre Anfänge zurückfallen kann.

      Hier in westlichen Gefilden wird es ein derartiges „Mischmasch“ geben, bis sich der „Stärkere“ durchgesetzt hat und da habe ich kein Vertrauen in „unsere“ Zukunft.

      Das ist auch kein nationales Problem, nicht mal ein europäisches Problem, es ist ein Problem sämtlicher internationaler Vertragsabkommen, die zwar mit Hilfe der westlichen Regierungen aber auch außerhalb dieser getroffen werden, so daß unser Mitmachen erzwungen werden kann und wird, nicht zuletzt auf wirtschaftlichen Überlegungen basierend.

      Eine der größten, nicht demokratisch gewählte, aber über alles stehende Dunsthaube ist der Europarat, der darauf achtet, daß diese „Turbolenzen“ bis zum bitteren Ende durchgesetzt werden und das bitteschön unter dem Deckmantel Toleranz usw. Den dazugehörigen, geschaffenen Paragraphen 130 erspar ich mir jetzt.

      Eine gut Zeit wünscht
      Nola

    • erlingplaethe sagt:

      Ich möchte mal auf eine andere Art antworten (auch wenn ich nicht angesprochen bin) – mit einem Zitat von Meister Petz, Autor in Zettels Raum:

      „Ich erlebe Zeiten konservativer Larmoyanz, Selbstgerechtigkeit, Staatshörigkeit (die nicht dem Merkelhass widerspricht, sondern seine Ursache ist), Wut, die in Fremdenfeindlichkeit umschlägt, Hass auf den Westen, der den Putinismus hervorbringt, eine groteske Verzerrung der aktuellen Verhältnisse bei gleichzeitiger Verklärung der Vergangenheit, und nicht zuletzt eine Adaption der „Debattenkultur“ des politischen Gegners, die man ehedem und zu Recht kritisiert hat..“

      Unnötig zu erwähnen, dass mir diese Sätze regelrecht aus dem Herzen sprechen. Ich tue es trotzdem.

      • n_s_n sagt:

        Lieber Erling,

        von Larmoyanz kann ich mich nicht freisprechen. Schon seit meinem Teenageralter muß ich mich damit auseinander setzen, dass ich ein eher wehleidiger Mensch bin, dessen Emotionen in dieser Hisicht manchesmal allzu sehr drohen, vollständig Besitz von ihm zu ergreifen. Die „konservative Larmoyanz“ könnte dabei möglicherweise, zumindest in gewissem Sinne, eine Tautologie sein.

        Selbstgerechtigkeit erscheint mir hingegen keines meiner ureigenen Attribute zu sein, wobei ich nicht ausschliessen möchte, dass ostentativ und beharrlich vorgetragene Selbstgerechtigkeit durch andere (das beziehe ich in diesem Zusammenhang dezidiert auf die Kanzlerin) bei mir selbst diese, von mir ansonsten eher geschmähte Eigenschaft hervortreten lässt.

        Mit den restlichen Kritikpunkten, die Meister Petz vortrug, kann ich auf meine Person gemünzt eher weniger anfangen. – auch wenn ich länger darüber nachgedacht habe, in welcher Weise es auf mich oder meinen kurzen Beitrag oben zutreffen könnte.

        Dessen wesentliche Aussage war ja (zugegebnermaßen neben meiner Larmoyanz), dass es (nach meiner Wahrnehmung) innerhalb unserer Gesellschaft kaum ein positives und kompromissloses Bekenntnis zu unserer Lebensart gibt. Gleich ob sie von einem chauvinistischen, einem kulturrelativistischen oder einem narzisstischen Standpunkt heraus zur Verhandlungsmasse erklärt wird.

        Ein Punkt, den ich dabei in ebenfalls beleuchten wollte ist der, dass in meinen Augen Emotionen eine nicht unwesentliche Rolle spielen, sowohl in der Wahrnehmung, als auch der Beurteilung dessen was ist – bei jedem Menschen. Von diesen, seinen eigenen Emotionen, kann sich niemand frei machen, wäre zumindest meine persönliche Vermutung. Ich versuche darüber mitunter zu reflektieren, was schwer genug für mich ist.

        Emotionen können die Analyse / Beurteilung, wie auch die Wahrnehmung dessen beeinflussen, was man analysieren / beurteilen möchte. In meinen Augen kann sich niemand davon frei machen, da dies eine übermenschliche Leistung erforderte. Man kann sich aber die Tatsache, dass diese emotionale Komponente trotz aller angestrebten Sachlichkeit immer notgedrungen existiert (beim anderen und bei sich selbst), bewußt machen. Wenn ich das schaffe (was bei weitem nicht immer gelingt), führt das bei mir mitunter zu mehr Freiheitsgraden beim Erkennen des „anderen Arguemts“ und unter Umständen auch zu mehr Freiheitsgraden hinsichtliche seiner möglichen Akzeptanz durch mich. Das ist mir persönlich eine sehr wertvolle Erfahrung.

        Herzlich

        n_s_n

        • erlingplaethe sagt:

          Lieber n_s_n,

          jeder hat Ängste, sie gehören zum Leben und sind geradezu lebensnotwendig. Überlebensnotwenig möchte ich sagen.
          Sie schützen uns vor Übermut, lassen uns Risiken realistisch beurteilen und gehören zu den Gefühlen die man lernt zu steuern in dem man sich Herausforderungen mit Bedacht nähert.
          Wer keine Angst verspürt ist ein Narr.
          Wovon ich rede, auch in früheren Diskussionen mit Ihnen, ist die Kultivierung von Ängsten, das sich ihnen Ergeben.
          Ich bin überhaupt nicht der Ansicht dass Ängste nicht gemanagt werden können, dass man sie nicht begrenzen und nicht aufheben kann.
          Aber sehr wohl bin ich der Ansicht dass sie verführen einem das schmerzliche Nachdenken, die selbstkritische Betrachtung ersparen. Sie dienen allzu oft als „totschlagendes“ Argument für eine renitente Verweigerung dessen was eine Zivilgesellschaft ausmacht. Mir scheint es, und dabei denke ich nicht an Sie, manche fühlen sich wohl in ihrer Angst.
          Sie sagen: ich habe Angst und basta. Dann können die anderen sehen wie sie damit umgehen. Man klingt sich aus und läßt sich gehen. Hemmungen, zivile Umgangsformen und Emphatie werden leichfertig abgeworfen weil: man hat Angst.
          Und dann brüllt man wie besessen in der Masse seine dunkelsten Gefühle heraus die man nun nicht mehr unterdrücken muss, weil man Angst hat.
          Das ist was mit german angst gemeint ist: Die Verweigerung der Eigenverantwortung. Dieses Verhalten ist infantil und hat wenig mit der Angst zu tun von der ich oben sprach.

          Natürlich gibt es, wie ja nun jeder, auch ich, klar vor Augen geführt bekam, begründete Vorurteile gegenüber den jungen, alleinstehenden, muslimischen Migranten.
          Darüber muss offen geredet und es muss gehandelt werden. Das wird es auch, z.B. in NRW wo Kriminalitätsstatistiken Nordafrikaner betreffend veröffentlicht, mehr
          Polizisten eingestellt und Rückführungen erleichtert werden. Es passiert also etwas, auch an der Sicherung der EU-Außengrenze wird gearbeitet, mit unterschiedlichen Konzepten aber gleichen Zielsetzungen.
          Das alles geht an den Pegida und AfD Anhängern völlig vorbei. Fast hab ich den Eindruck ihnen würde was fehlen käme der Flüchtlings- und Migrantenstrom zum erliegen, als mir gestern getwittert wurde, den Jäger hätte lediglich der Machbarkeitswahn befallen. Ja, wenn Politiker machen können was sie wollen und es ihnen in jedem Fall negativ ausgelegt wird, dann fühlt sich jemand wohl, wenn er sagen kann:
          I c h h a b e A n g s t !!!

        • erlingplaethe sagt:

          Noch ein paar Worte, lieber n_s_n, zu den Gefühlen abseits der Angst.
          Und da Sie von sich selbst gesprochen haben, will ich meinerseits nicht zurückstehen und mal mit ein paar offenen Worten über mich antworten.

          Ich habe sehr starke Gefühle; auch dunkle sehr negative sind mir nicht fremd. Sie begleiten mich schon mein ganzes Leben. Es kommt immer wieder mal vor, dass ich jemandem gerne mal die Fresse polieren würde.
          Aber natürlich tue ich so etwas nicht.
          Ich will mich nicht emotional kompromittieren lassen, ich nehme mich zusammen. Ich kenne die Konsequenzen und lehne solch ein Vorgehen wegen der Werte ab, die mir eigen sind. Sie sind kein Ergebnis von Unterwerfung, sondern entstanden, weil ich mich meines Verstandes bediene.
          Dafür ist keine wie auch immer verstandene politische Korrektheit von Nöten, ganz im Gegenteil, sie würde ganz erbärmlich meine Eigenverantwortung ersetzen.

          Die Contenance zu bewahren, ist eine der zivilisatorischen Werte, welche durch Selbstdisziplin erreicht wird. Das hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit zivilisatorischem Fortschritt. Zu lernen sich zu beherrschen, Gefühle zu kontrollieren und sich nicht von ihnen kontrollieren zu lassen macht einen Vertreter der westlichen Zivilisation aus.
          In dieser Selbstkontrolle liegt der Schlüssel des Erfolges bei der Verbreitung der Werte des Westens auf der ganzen Welt.

          Was nicht heißt, dass diese Erkenntnis nicht schon viel älter als der Westen ist und sich schon in früheren Zeiten bewährt hat.
          Es ist meiner Überzeugung nach nicht zu viel verlangt, diese Selbstdisziplin einzufordern und zu erwarten und nicht die Ausrede gelten zu lassen, man könne seine Gefühle eben nicht kontrollieren.
          Alles was als zivilisiert artikulierte Meinung und Proteste legal in die Öffentlichkeit gebracht wird, muss dagegen vom Recht auf Meinungsfreiheit geschützt sein.
          Nicht geschützt sind Angriffe auf FdGO und es ist für mich durchaus vorstellbar, dass der Pegida und Teilen der AfD gegenüber, eines Tages zurecht dieser Vorwurf gemacht wird.
          Mit den entsprechenden verfassungschützenden Konsequenzen.

          • n_s_n sagt:

            „Die Contenance zu bewahren, ist eine der zivilisatorischen Werte, welche durch Selbstdisziplin erreicht wird.“

            Gilt diese Contenance, welche es zu bewahren gilt, am Ende nicht auch im Hinblick auf die „Angst vor der Angst“?

            Nicht alles, was man als seine Angst empfindet muss Angst sein. Die Möglichkeit, dass einem wohlbegründete Sorge, vor mehr oder weniger Zwangsläufigen Entwicklungen, selbst als Angst erscheint und damit zu Fehlurteilen bei Kultivieren der eigenen, vermeintlichen Angst führt, halte ich zumindest nicht für ausgeschlossen.

            Ich habe mir kürzlich wieder einmal meine alten Beiträge in dem alten Heidegger Thread in ZkZ durchgelesen, der zu meinem ersten Gastbeitrag in ZR führte und meine erste Begegnung mit den Begriffen der teleologischen und deontologischen Ethik führte.

            Damals war mir die deontologische Ethik näher. Jetzt muß ich im Widerspruch dazu feststellen, dass mir im Falle der aktuellen Migrationskrise die teleologische Ethik näher zu sein scheint. Ich muß zugeben, dass mich dieser Widerspruch verwirrt. Obwohl es eigentlich doch kein verwunderlicher Widerspruch ist, da er wohl notgedrungen existiert, der Ethik immanent ist und auch mir das klar ist.

            Schon in einem Beitrag des Heidegger Threads formulierte ich, dass meine Neigung zur deontologischen Ethik, womöglich als eine (Ausgleich suchende) Reaktion auf die gesellschaftlich weit verbreitete teleologische Sicht auf die Dinge zu verstehen ist. In der „Flüchlingskrise“ nun dominiert (überraschender Weise?) die deontologische Ethik die bisher durchgeführte Politik vollkommen. Es wird nicht der Endzustand betrachtet, nur die Zulässigkeit der Mittel. Zumindest wird so die öffentliche Debatte geführt.

            Ich glaube es könnte dies der Grund sein, warum ich mich plötzlich als Fürsprecher einer teleologischen Ethik wieder finde.

            Ich halte mich nach wie vor für einen um Ausgleich bemühten Menschen, dem Extreme zuwider sind. Daher finde ich mich auch immer einmal wieder in wechselnden Argumentationspositionen, ohne dass man mir diese als Meinungszuschreibung anheften müsste – obschon ich sie manchmal selbst für meine Meinung halte.

            Vielleicht ist meine „Meinung“ im übertragenen Sinne, dass es keine Wahrheit, sondern nur Abwägung gibt und daraus entsteht bei mir so etwas wie eine „Metameinung“, die ich auch als meine eigene empfinde — die aber der gesellschaftlichen Debatte geschuldet ist, die Ihre Legitimation in der Wirkung als Gegengewicht, nicht in ihrer intrinsischen Bedeutung sieht.

            Es mag, in Anwandlung eines Zitates aus einem Sergio Leone Western, zwei Kategorien von Menshcen geben.

            Die erste Kategorie, sieht ihre Meinung als die intrisich richtige Sicht auf die Welt. Die zweite Kategorie sieht ihrer Meinung als Mittel zum Ausgleich.

            Dass sich diese beiden Kategorien von Menschen dabei eigentlich nur mißverstehen können, scheint mir recht offensichtlich.

            Nun kann es sein – nein es ist ganz sicher so -, dass meine Analyse zum aktuellen Migrationsproblem unzureichend ist. In einem bin ich mir aber recht sicher: Die aktuelle Politik trägt eine hyperventilierende deontologische Ethik, wie eine Monstranz, vor sich her. Gegen diese Anmaßung, der von öffentlich wirksamer, gemäßigter Seite in meinen Augen nur unzureichend widersprochen wird, richtet sich meine, persönliche Meinung.

            Herzlich

            n_s_n

            • erlingplaethe sagt:

              Lieber n_s_n,
              Sie schreiben:

              „Die erste Kategorie, sieht ihre Meinung als die intrisich richtige Sicht auf die Welt. Die zweite Kategorie sieht ihrer Meinung als Mittel zum Ausgleich.
              Dass sich diese beiden Kategorien von Menschen dabei eigentlich nur mißverstehen können, scheint mir recht offensichtlich.“

              Es stimmt, ich gebe mir Mühe mich festzulegen. Mich kostet das Überwindung – im Ungefähren ist es gemütlicher und es gibt nicht nur eine Hintertür. Aber meine Courage ist begrenzt, deshalb wird mir manchmal vorgeworfen unkonkret zu formulieren. Solche Kritik muss ich annehmen weil sie fast immer stimmt.
              Nur wenn ich mich mal festgelegt habe, gibts nur noch durch oder eingestehen, dass man falsch lag. Beides habe ich schon getan. Und weder das eine noch das andere habe ich bereut, wenn dann dass ich nicht konkret genug war.
              Also stimmt Ihre Kategorisierung: ich gehöre zur ersten.
              Nur missverstehe ich Sie m.E. deshalb nicht. Wenn Sie mit unterschiedlichen Meinungen argumentieren ist das kein Problem, da ich ja auf eine von diesen antworte. Die andere(n) spielt (spielen) in diesem Fall ja auch keine Rolle solange sie nicht konkret geäußert wird (werden).
              Was ich oder Sie für Menschen spielt m.E. ebensowenig eine Rolle. Denn wir wollen doch zur Sache diskutieren und zur Person, oder?
              Deshalb noch ein paar Worte zur deontologischen Ethik die ja nicht zu Unrecht mit Kant verbunden wird, was ihn recht unbeliebt gemacht hat. Es geht dabei um Prinzipientreue, darum, Worte und Taten in Einklang zu bringen.
              Das ist per se kein positiver Wert. Die übelsten Schlächter dieser Welt konnten das von sich sagen.
              Deshalb orientiert sich der heutige Ethik-Diskurs eher an der Unterscheidung von Max Weber mit den Begriffen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik umfasste.
              Wenn also jemand die Politik der Kanzlerin als gesinnungsethisch geleitet ansieht, liegt er auch meiner Ansicht nach nicht falsch.
              Nur wird das in Deutschland auch erwartet. Wohin sonst führt die unendliche Diskussion um eine deutsche Leitkultur, die Klage über einen Werteverfall in der Gesellschaft und über die Verdrängung deutscher Werte zugunsten derer aus anderen Kulturen.
              Frau Merkel würde den Vorwurf Gesinnungsethikerin zu sein, sicher weit von sich weisen. So wie sie auch in dem Anne-Will-Intrrview betonte, gemäß der ihr aufgetragenden Verantwortung zu handeln.
              Mit Webers Ethikbegriffen ist eine klare Trennung nicht einfacher geworden.
              Und so verhält es sich auch mit beiden Ansätzen zur Lösung der Flüchtlingskrise. Ich sah und sehe die Problematik des Rückstaus auf dem Balkan und in Griechenland und, ich halte nach wie vor sichere EU-Außengrenzen für essentiell.
              Und deshalb bin ich Österreich dankbar und unterstütze trotzdem die Kanzlerin bei ihren Versuchen den Rückstau in Griechenland zu verhindern, als ein Lösungsansatz der Griechenland nicht aufgeben will.

              Klingt eher nach Kategorie zwei, Ihrer Kategorie, oder? 😉

            • erlingplaethe sagt:

              Nachtrag:
              Und n i c h t zur Person sollte es heißen.


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