Hässliches Entsetzen

„Köln“ war ein kleiner Schock. Aber die Fronten der Systemveränderer, die kurzfristig aufzuweichen drohten, haben sich mittlerweile wieder formiert. Jetzt gilt es offensichtlich, die Gleichung „Kritik an der Flüchtlingspolitik = AfD = Nazi“ zum Mem zu erheben, wie es z.B. von der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ vorgegeben wird, der praktisch allein um die Behauptung, Petry habe „gefordert, auf Flüchtlinge zu schießen“ (was mit ihrem Interview nicht viel zu tun hat, Korrektur hin, Korrektur her) einen Beweis zu basteln versucht, wie böse und Nazi die AfD doch insgesamt sei. Selbst ein doch so unabhängiger Kopf wie Thomas Schmid unterliegt der Versuchung, Kritiker des Prinzips der unvermeidlich offenen Grenze in eine Ecke des „archaischen, völkischen und selbstmitleidigen Denkens“ zu stellen, wo sich ein „altes deutsches Hassbedürfnis“ Bahn bricht. Zugleich ist er bereit, der Politik der Kanzlerin alle möglichen hehren Motive zu unterstellen.

Aber so kann vielleicht nur jemand denken, der sich die Welt jetzt in die Richtung entwickeln sieht, die ihm behagt. Ob diese Sichtweise nicht auf einem guten Stück Selbstbetrug beruht. könnte man da anmerken, aber nehmen wir es einfach als mögliche Erklärung zur Kenntnis. So jemand kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass die heftige Kritik, die da einer Politik entgegenschlägt, die er im Grunde sympathisch findet, sich nicht aus niederen Motiven speist. So jemand nimmt die Heftigkeit, mit der die Kritik geäußert wird, dann auch noch als Beleg für seinen Verdacht.

Dabei liegt eine ganz andere Motivation auf der Hand, auch wenn sie dieser Art Unterstützer zu weit entfernt zu liegen scheint. Es ist nicht der Hass, der die Wucht der Kritik steigert, sondern pures Entsetzen. Entsetzen darüber, wie leichtfertig politische Grundsätze, die eine lange Geschichte haben und unter z.T. erheblichen Auseinandersetzungen Geltung erlangten, plötzlich handstreichartig hinweggefegt werden, und das alles mit der einzigen Legitimation einer angeblich überlegenen Moral. Und was soll es mit „völkischem Denken“ zu tun haben, wenn man sich zwar vorstellen kann, eine Million zufällig Zugewanderter so in dieses Land zu integrieren, dass es für alle Beteiligten einigermaßen zufriedenstellend verläuft, aber stark bezweifelt, ob dies auch weiterhin gelingen wird, wenn diese Million mangels eines Begrenzungsmechanismus nur der Auftakt für weitere war? Muss da ein liebgewonnenes Ideal so sehr geschützt werden, dass man für die Kritik unbedingt Strohmänner braucht?

Es gibt genug publizistische und journalistische Stimmen, die mit dem „No borders“-Enthusiasmus, der Idealisierung der Zuwanderer und der Überhöhung Deutschlands als humanitäres Gewissen der Welt nichts anzufangen wissen und dies auch pointiert verlauten lassen – ganz ohne, dass sie dazu die Protagonisten der von ihnen in Frage gestellten Politik beleidigen oder gar bedrohen müssen. Doch eine Auseinandersetzung mit ihnen findet nicht statt – vielmehr bemühen sich die Befürworter der aktuellen Politik mit großem Aufwand, allen Gegenwind AfD und Pegida zuzuschieben, die dann in den offiziösen Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender stets mit negativ einordnendem Adjektiv erwähnt werden. Doch zu dem erwähnten Entsetzen gehört auch, warum die großen Fragen der Politik nicht mehr in demokratischem Streit entschieden, sondern kartellartig als Einheitsmeinung der für Bundesregierungen in Frage kommenden Parteien verkündet werden. Sich dann darüber zu beklagen, dass der Protest dagegen von den politischen Rändern kommt, zeugt ebenso von einer Art abgestumpften Chuzpe wie der Aufschrei über die zunehmende Radikalisierung, nachdem man gerade alle Kritiker zu Radikalen gestempelt hat.

Was können wir jetzt erwarten? Werden jetzt nach und nach alle prominenten Widersacher der „No borders“-Fraktion als „völkisch Denkende“ mit „Hassbedürfnis“ entlarvt? Die meisten davon sind ja schon in irgendeiner überegionalen Publikation entsprechend verarztet worden, so dass die Jünger der höheren Moral sich damit begnügen können, zukünftig die entsprechenden Zitate als „Beleg“ für die Verwerflichkeit dieser Subjekte anzuführen und sich so einer Argumentation zu entziehen. Aber ein paar davon stehen sicher noch auf der Liste.

Die Karawane zieht jedenfalls weiter. Und damit sind nicht die Migranten aus aller Herren Länder gemeint, sondern der aus vielen Kamelen bestehende Zug mit beliebig viel Alternativlosigkeit im Gepäck.

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One Comment on “Hässliches Entsetzen”

  1. Hecht sagt:

    gelöscht, WW.

    Bitte keinen Propaganda-Spam hier. Einlassungen zum Thema der Beiträge sind erwünscht, aber alles andere sollte sich eigene Plattformen suchen. Danke.


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