Was zur Liberalität oder: Warum man Katzen nicht voreilig satteln sollte

Bei und in breiten Greisen gilt Ulf Poschardt ja als Vorzeige-Liberaler.  Der Werwohlf ist da – trotz aller aus liberaler Sicht unzweifelhaften Meriten dieses Journalisten – eher skeptisch, denn wie schon Loriot ein für allemal festhalten konnte, ist liberal im liberalen Sinne nicht nur liberal. Und wenn der Werwohlf sich das zurechtknurrt, dann kommt das nicht von irgendwoher, denn es gab Zeiten, da tummelte er sich (damals noch unverwandelt) als einer unter nicht allzu vielen in dieser ominösen „liberalen Blogosphäre“, von der nach einem fulminanten Start 2005 heute kaum noch etwas übrig geblieben ist.  Was haben wir da nicht alles diskutiert und durchdekliniert, und am Ende schied sich die Volksfront von Judäa von der Judäischen Volksfront allein durch das Ausmaß an Staat, das man der idealen Gesellschaft noch zugestehen wollte. Die „Ankaps“ scholten dann z.B. die „Minimalstaatler“ als Staazis, und beide wandten sich mit Grausen vom bundesdeutschen Parteiliberalismus, wie er durch die damals noch unverwüstlich erscheinende FDP repräsentiert wurde.

Selbstverständlich wurde damals auch die Frage der Grenzen durchdiskutiert. Für die Ankaps war die Sache klar: In einer Welt, in der allein die Eigentümer darüber zu entscheiden haben, wer ihren Grund und Boden betritt (und es keinen Eigentümer namens „Staat“ geben kann), sind Grenzen überflüssig. 

Wer kommt, muss eingeladen sein, und welche Art von Austausch zwischen Eigentümer des Bodens und dem Neuankömmling stattfindet, entscheiden beide frei und zwanglos untereinander. Die Intervention irgendeines Dritten ist unerwünscht. 

Nun war dieser Ansatz zwar intellektuell verführerisch, aber wer, wie der Werwohlf, zu der Überzeugung gekommen ist, die Ideologie sollte sich lieber der Realität anpassen statt umgekehrt, wird nicht umhin kommen festzustellen, dass Menschen nicht nur als Individuen handeln. Sehr, sehr vieles tun sie auch allein deshalb, weil sie sich einer Gruppe zugehörig fühlen, und dabei pflegen sie reichlich umstandslos Vorgaben zu übernehmen, an deren Zustandekommen sie nicht beteiligt waren. Der uneigennützige Ankap-Eigentümer, der seinem Neuankömmling in freiem Austausch begegnen möchte, könnte sich z.B. vor die Situation gestellt sehen, dass dieser plötzlich auf ein Gebilde namens Familie oder Stamm zurückgreift, ohne irgendeinen der Ankaps auch nur zu fragen, ob dies denn genehm sei, und die sich so bildende Gruppe könnte eine Präferenz für Konfliktlösungsstrategien entwickeln, für die in der schönen Ankap-Welt die ebenso berühmt-berüchtigten wie allzeit bereiten Sicherheitsagenturen wie Kai aus der Kiste hüpfen müssten – die aus konservativer Sicht im besten Falle zu einem Staat mutieren, im schlechtesten aber zu einem „failed state“ à la Somalia oder Irak.  

Will sagen: Das mit den offenen Grenzen wird dann problematisch, wenn sich die Neuankömmlinge eben nicht als die Individuen begreifen, als die sie von Grund- und Bodenbesitzern erwartet werden, sondern als Teil einer Gruppe, die mit Ankap-Gedanken verdammt wenig am Hut hat. Und dabei reden wir noch nicht mal von dem Gebilde namens Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat, das man sich als Liberaler zwar mit vollem Herzen abgeschafft oder zumindest eingestampft wünschen kann, das aber die – Achtung, reality bites – unangenehme Eigenschaft hat, naturgesetzmäßig trotz der heftigen Kampagnen der Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften gegen den gerade mal wieder ausgemachten sozialen Kahlschlag (drunter geht’s nie, und offensichtlich lässt sich trotz der Vorgaben der deutschen Sprache Kahles stets noch kahler schlagen) immer mehr zu wachsen. 

Und das ist auch das Problem mit dem „Geben“. Poschardt meint, Sloterdijk als reinen Brieftaschen-Liberalen entlarvt zu haben, weil dieser dem dem zwangsbewehrten Steuerstaat die Großzügigkeit der Steuerzahler entgegensetzt, aber keine Großzügigkeit goutiert, wenn es darum geht, Landesgrenzen zu überwinden. Wäre das doch seine Chance gewesen, eben diesem Verdacht der Allgemeinheit wirksam entgegenzutreten. Aber der Punkt ist nun mal: Die Folgen einer Großzügigkeit der Grenzöffnung liegen nicht in den Händen der Einzelnen, wie es bei dem Ersatz der fiskalischen Gewalt durch die freiwilige Abgabe der Steuerbürger der Fall gewesen wäre. Mit dem Grenzübertritt ist immer das Versprechen des deutschen Wohlfahrtsstaates verbunden – natürlich kann man sich ausmalen, die Bäume hochzureiten, wenn die Katze ein Pferd wäre, aber diese Verwandlung lässt sich leider nicht überspringen – und glauben Sie mir: Mit Verwandlungen kennt der Werwohlf sich aus.  Und dann besteht immer noch die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass der Liberale den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, dass also nicht nur Millionen fröhlicher Individualisten die Grenzen überschreiten, sondern jede Menge Leute, die sich erstens zusammen als Gruppe definieren und zweitens der Meinung sind, es stünde ihrer Zielgesellschaft ganz gut an, die Maßstäbe dieser Gruppe am besten zu übernehmen, mindestens aber zu akzeptieren. 

Grenzen schließen nämlich nicht nur andere aus, sie definieren auch Gruppen, die sich zur Verfolgung gemeinsamer Ziele unter Anwendung gemeinsamer Maßstäbe zusammengeschlossen haben, wobei beides durchaus Wandlungen unterliegen kann, sowohl durch interne Veränderungen als auch durch Inputs von außen, schockartige Konfrontationen aber dann eher die Ausnahme darstellen als die unvermeidliche Konsequenz des ungeregelten Zugangs. 

Es ist auch gar nicht wünschenswert, dass sich die große Zahl flächendeckend durchsetzt – warum sollen nicht kleine Gemeinschaften die Chance haben, zu großen Teilen ihre eigenen Modelle auszuprobieren, statt durch Einwanderungsdruck die Anpassung an die Modelle anderer vorgesetzt zu bekommen? Eben dadurch entsteht Vielfalt. Die mit „Abschottung“ nichts zu tun haben muss – es ist ja eher erschreckend, wie dieser Kampfbegriff eingesetzt wird, wo immer Regulierung gefordert wird. Nicht die Keimfreiheit ist das Ziel der ihrer Grenzen bewussten Gesellschaft, sondern ein fruchtbares, weil dosierbares Aufnehmen neuer Impulse statt der – wenn auch oft nur territorial begrenzten – Vorherrschaft anderer Vorstellungen. 

Es kommen eben nicht nur Wirtschaftseinheiten, sondern Menschen, und zwar mit allem, was einen Menschen ausmacht, wozu auch jede Menge irrationales Gehabe und Denken gehört. So, wie ein guter Unternehmer oder Fußballtrainer nicht nur auf die technischen Fähigkeiten der Mitarbeiter achtet, sondern auch darauf, wie sie sich in die bestehende Gruppe einfügen, so müsste dies auch in kollektiven Entscheidungsgremien (wenn wir schon nicht „Staat“ sagen wollen) berücksichtigt werden. Vorausgesetzt, man hat keine Lust auf unerfreuliche Konflikte…

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12 Kommentare on “Was zur Liberalität oder: Warum man Katzen nicht voreilig satteln sollte”

  1. nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

    Ich lese diesen Text von Poschardt als Beleg dafür, dass auch Liberalismus stark ins Ideologische Fahrwasser geraten kann. Geahnt habe ich das immer, so schön gelesen wie bei Poschardt noch nie.

    Wieder etwas gelernt.

    Freiheit hat Nebenbingungen in der realen Welt. Du weisst das, Poschardt passt an dieser Stelle die Realität lieber seiner Ideologie an. Es mag dabei vielleicht auch eine Rolle gespielt haben, dass die Art und Weise wie Herr Sloterdijk die Presse kritisiert hat, einem Journalisten „nicht hinuter geht wie Butter“. Aber das ist nur eine Vermutung.

    • Dennis sagt:

      >>Ich lese diesen Text von Poschardt als Beleg dafür, dass auch Liberalismus stark ins Ideologische Fahrwasser geraten kann.<<

      Lieber n_s_n ,

      der Liberalismus IST eine Ideologie, ἰδέα λογία – da kommt das her. Was ist daran eigentlich so pöse? Und wenn Liberale mit Ideen und mit Logos nix tu schaffen haben wollen – wo liegt denn dann die Genese dieses Ismus ?

      Viele Grüße
      Denns

      • n_s_n sagt:

        „der Liberalismus IST eine Ideologie, …, Was ist daran eigentlich so pöse?“

        Wie man auf Wikipedia nachlesen kann, ist die Ideologie nicht nur eine „Lehre“, sondern eine „Weltanschauung, die einen hohen Anspruch auf Wahrheit erhebt und die für abweichende Lehrmeinungen kaum noch offen ist.“

        Ich finde diese Umschreibung sehr treffend, zumindest spiegelt sie mein Verständnis von Ideologie im Gegensatz zur Lehre wieder.

        Für mich macht das Wesentliche des Liberalismus aus, dass er die Freiheit als Zentrum seiner Überlgungen hat und diese Affinität zur Freiheit sollte in immanent Immun machen gegen den Anspruch auf Wahrheit und die Unbelehrbarkeit. Zumindest ist dies das Bild, welches mir den Zugang zum Liberalismus eröffnete und ihn für mich unwiderstehlich machte,

        Für mich ist der Liberalismus daher auch eine Lehre des Selbstzweifels und der Selbstreflektion. Eine Lehre, keine Ideologie. Die einzige Lehre, die so etwas immanent hergibt.

        Die Freiheit hat Nebenbedingungen, das bestreite wohl kein vernüftiger Liberaler und wenn es nur diejenige ist, die Freiheit des anderen nicht zu verletzen. Alleine das zeigt schon, dass der Liberale keinen Absolutismus der Wahrheit kennen sollte.
        De facto wird jeder schlaue Mensch, das ist zumiundest meien Meinung, irgendwann zu der Einsicht kommen, dass Freiheit noch sehr viel mehr Nebenbedingungen hat als nur die gerade genannte. Der Mensch als soziales Wesen mit zugehörigen Bindungen läßt in der Realität nichts anderes zu, Diese Nebenbeingungen in die Organisation einer Gesellschaft einzubauen ist Liberalismus als Lehre und wie gesagt wohnt diese Neigung dem Lberalismus als einzigem Gesellschaftsmodell immanent inne, weil er den Zweifel kennt. Freiheit heißt immer zweifeln.

        Um ein Wort Augsteins zu variieren: Liberalismus ist nicht Freiheit. Liberlaimus heißt: Im Zweifel für die Freiheit.

        Wenn Menschen nun, wie Poschardt in seinem Text, das Zweifeln vergessen, Nebenbedingungen verleugnen und die Freiheit absolut über alles stellen, machen sie aus einer besonderen Lehre eine gewöhnliche Ideologie.

        Das ist nicht böse, das ist dumm – oder besser vielleicht borniert. Die Neigung zur Bornierheit begünstigt sicher die Unfähigkeit, die wahre einzigartigkeit des Liberalismus zu begreifen: Er kann zweifeln. – solange er eine Lehre bleibt.

        Herzlich

        nachdenken_schmerzt_nicht

        • Dennis sagt:

          >>Wie man auf Wikipedia nachlesen kann, ist die Ideologie nicht nur eine “Lehre”, sondern eine “Weltanschauung, die einen hohen Anspruch auf Wahrheit erhebt und die für abweichende Lehrmeinungen kaum noch offen ist.”<>Ich finde diese Umschreibung sehr treffend, zumindest spiegelt sie mein Verständnis von Ideologie im Gegensatz zur Lehre wieder.<>…..Diese Nebenbeingungen in die Organisation einer Gesellschaft einzubauen ist Liberalismus als Lehre und wie gesagt wohnt diese Neigung dem Lberalismus als einzigem Gesellschaftsmodell immanent inne, weil er den Zweifel kennt. Freiheit heißt immer zweifeln.
          Um ein Wort Augsteins zu variieren: Liberalismus ist nicht Freiheit. Liberlaimus heißt: Im Zweifel für die Freiheit.<<

          Tja, aber wenn jetzt einer sagt: Wenn das Zweifeln so toll ist, dann gibt’s doch keinen vernünftigen Grund, nicht am Zweifelsystem selbst zu zweifeln; und wenn "im Zweifel für die Freiheit" gilt, hat man ein Problem: Man darf an der Freiheit selbst nicht zweifeln, denn sonst könnte man nicht einfach so "dafür" sein.

          Mit dem Zweifeln kommt man schnell ins Zweifeln, indem man logische Metaebenen baut, aus denen man nicht mehr rauskommt – der Regress geht unendlich. Anders gesagt: Auch liberalerseits muss Butter bei die Fische. Alles egal ist keine Haltung und irgendwann ist Schluss mit lustig – also mit zweifeln.

          Ick sach mir immer (das mag man jetzt auch bezweifeln 😉 : LIBERAL ist eine Strukturaussage (ideologisch meinetwegen, warum nicht), die nicht frei von Paradoxa ist und auch nicht sein kann und da es Widerspruchsfreiheit nur in der Studierstube gibt, macht das auch nix. Beispiel: Wenn Religionsfreiheit gilt, heißt das nicht, dass ich mich im Hinblick auf Religionen neutral stellen muss. "Ich bin Christ" (zum Beispiel) ist erlaubt, auch ohne Wenn und Aber und ganz ohne Zweifel, wenn ich das so möchte. Damit bewege ich mich im Rahmen der liberalen Religionsfreiheit, bin aber objektbezogen ausdrücklich NICHT liberal, nämlich dadurch nicht, dass ich nicht sage: Ich bin irgendwas, egal was, sondern für x und gegen y. Also: Die Positionierung innerhalb eines liberalen Systems MUSS INSOWEIT zur Illiberalität führen; und alles zu robinsonartigen Privatsachen zu erklären funktioniert auch nicht, es sei denn, wir leben alle wie Robinson – macht aber keiner. Liberal kann also nie "für alles" gelten. Deshalb – auch ganz zu recht – die diversen Bindestrichlösungen (sozial-liberal, etc., etc.) wobei die jeweils anderen dann gerne behaupten, das sei gar nicht "wirklich" liberal – und schon ist der Streit da – die Lieblingsbeschäftigung unter Liberalen – wenigstens das steht außer Zweifel 😉

          Vielen Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße
          Dennis

          • nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

            Zweifeln heißt für mich in diesem Zusamenhang nicht, keine Meinung zu haben oder irgendeine Art des Relativismus.Zweifeln heißt, das Argument des Gegenüber zuzulassen und ihm folgen zu können wenn es richtig ist.

            Neben der Tatsache, dass Sie diese Art des Zweifels in den politischen und gesellschaftlichen Debatten vergeblich suchen werden, weil dort vornehmlich zur Schau getragene Borniertheit die „Wahrheit“ gepachtet zu haben scheint, bietet nur der Liberalismus immanent genau diese Art des Zweifels als Wesenskern an. Für mich ist er daher die Gesellschaftsform der Aufklärung.

            Das mag möglicher Weise auch, nebenbei bemerkt, auch ein Grund für die Bindestrich Liberalismen sein: Er kann andere Argumente zulassen.

            Wenn der Liberlismus nun keine Argumente mehr zulassen kann, weil er glaubt die Freiheit als absoluten Wert verteidigen zu müssen, wird er zur Ideologie. Ganz gleich was hinter seinem „Bindestrich“ steht. Er wird zu einerm Absolutismus des Wertes, wie es zum Beispiel auch der Sozialismus oder der Kommunismus ist.

            Wenn der Liberlismus hingegen Argumente zulässt, werden sie ihn auf die „Nebenbedingungen der Freiheit“ führen, die eine real existierende Gesellschaft hat. So wie ich sie verstehe sind diese Nebenbdingungen das, was Sie Paradoxa nennen.

            Es braucht zum Beispiel in meinen Augen keinen IQ von 100 um festzustellen, dass Freiheit als Konzept nicht mit Menschen funktioniert, die dieses Konzept ablehnen. In der aktuellen Debatte gibt es gnügend Menschen mit einem von mir vermuteten IQ von deutlich über 100, die das trotzdem glauben. Das kann ich mir nur mit der Borniertheit der Ideologie erklären.

          • n_s_n sagt:

            Über den geschäzten Werwohlf bin ich auf diesem Text gelandet, der meinen letzten Punkt, im HInblick auf die Freizügigkeit, sehr viel besser ausführt als ich es je könnte:

            http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=18774

            „Die Möchte-gern-Liberalen lehnen eine kontrollierte Freizügigkeit kategorisch ab. Die Schicki-Micki-Liberalen wollen keine unschönen Bilder an der Grenze. Die klassischen Liberalen dagegen sind anstößig. Auch das war eigentlich schon immer so.“

            Aus meiner Sicht ist in einer liberalen Gesellschaft ein Staat, ist sogar ein starker Staat, absolut notwedig und er hat im Kern genau eine Aufgabe: Über die Einhaltung der Normen, auf welche sich die Gesellschaft geeinigt und die sie in ihrem Rechtsstaat verfasst hat, zu wachen. Nur dazu hat er ein Gewaltmonopol.

            Im Hinblick auf die Freizügigkeit, die ja auch Poschardt umtreibt, heißt das: Der Staat hat im Wesentlichen zwei Handlungsoptionen: A) Geltendes Recht auch Neubürgern konsequent einzufordern und B) Zuwanderung dergestalt zu regeln, dass man sich perspektivisch keine (unlösbaren) Probleme bei der Durchsetzung geltenden Rechts einhandelt.

            Ein sinnvolles Vorgehen ist dabei eine Kombination von A) und B). Weder das eine noch das andere findet derzeit in der Bundesrepublik statt und viele, die sich selbst als liberal einschätzen, haben damit kein Problem.

            Ich zumindest habe damit ein Problem, eine solche Haltung als liberal zu bezeichnen. Es ist nichts mehr, als der Absolutismus eine Wertes, in diesem Fall der Freiheit. Kommunismus, Nationalsmus, Faschismus, Sozialismus (und wie sie alle heißen) können gar nicht anderes als dem Absolutismus eines Wertes zu fröhnen. Der Liberalismus könnte/kann es schon.

          • Werwohlf sagt:

            Beispiel: Wenn Religionsfreiheit gilt, heißt das nicht, dass ich mich im Hinblick auf Religionen neutral stellen muss. „Ich bin Christ“ (zum Beispiel) ist erlaubt, auch ohne Wenn und Aber und ganz ohne Zweifel, wenn ich das so möchte. Damit bewege ich mich im Rahmen der liberalen Religionsfreiheit, bin aber objektbezogen ausdrücklich NICHT liberal, nämlich dadurch nicht, dass ich nicht sage: Ich bin irgendwas, egal was, sondern für x und gegen y. Also: Die Positionierung innerhalb eines liberalen Systems MUSS INSOWEIT zur Illiberalität führen; und alles zu robinsonartigen Privatsachen zu erklären funktioniert auch nicht,

            Sorry, aber das Beispiel überzeugt mich nicht. Und Du hast es wohl auch geahnt, sonst hättest Du den letzten Satz nicht nachgeschoben. Denn es ist natürlich der Kern des Liberalismus, dass er den Einzelnen nach Herzen illiberal sein lässt – sofern er dabei keinen Zwang auf andere ausübt. Und „Zwang“ ist hier schon als enges Kriterium zu verstehen; Einfluss durch Kommunikation oder Beispiel ist keiner.

            Warum ich das Beispiel aber besonders schlecht finde: Hier entscheidet sich der Einzelne nur für eine unter vielen Optionen. Das ist nicht viel anders, als wenn ich mich entschließe, zum Städtetrip nach Paris zu reisen – Rom und London könnte ich höchstens danach oder vorher anfahren, aber nicht gleichzeitig.

            Was solche letztlich notwendigen Entscheidungen mit „liberal“ zu tun haben sollen, müsste mir mal jemand erläutern.

            • n_s_n sagt:

              „Das ist nicht viel anders, als wenn ich mich entschließe, zum Städtetrip nach Paris zu reisen – Rom und London könnte ich höchstens danach oder vorher anfahren, aber nicht gleichzeitig.

              Was solche letztlich notwendigen Entscheidungen mit “liberal” zu tun haben sollen, müsste mir mal jemand erläutern.“

              Meines Ermessens ist in unserem Land ein Denken sehr ausgebprägt, welches Liberalität mit Ergbnisgleichheit verwechselt. Die Wurzeln eines solchen Denkes würde ich in der falschen Prämisse vermuten, dass unter gleichen Bedingungen jeder Mensch die gleiche Entwicklung nimmt – Von Natur aus kann es kein besser und schlechter geben beim Menschen. Das ist das deutsch-sozilistische Dogma der Verleugnug des Individuums.

              Nimmt nun jeder Mensch unter gleichen Bedingungen (=Freiheit) den gleichen Weg, dann landet er im gleichen Endzustand, Daher kann nur eine Gesellschaft frei sein, in der alle Menschen gleich sind. Das ist Freiheit „von hinten gedacht“. Genau aus diesem Gund machen Menschen, die so denken, die Freiheit nicht an Axiomen fest, die sie dem Individuum zuordnen. Stattdessen führen sie einen Endzustand herbei, in dem alles gleich ist und definieren diesen als liberal. – Der logische Schluß aus der falschen Prämisse.

              Bezogen auf deinen Städtetrip ist eine Parisreise daher aliberal, wie alle Entscheidungen eines Individuums aliberal sind, die nicht zur Ergebnisgleichheit führen. Diese Denke ist zwar fuchtbar grotesk, aber ich befürchte sie sitzt in ihren Schemata äußerst tief und fest in fast allen Mitgliedern unserer Gesellschaft.

            • Dennis sagt:

              Gut, bei Leuten, die nichts zu melden haben, wie ich zum Beispiel, bleibt die Konfession „privat“ und hat für Außenstehende nix zu bedeuten, ganz so wie meine Reise nach Paris.

              Aaaaaber in der Eigenschaft als Bürger, der bei den öffentlichen Angelegenheiten mitwirkt, womöglich als Mandatsträger, sieht’s anders aus. Wie positioniere ich mich z.B. in diesem Fall (nehmen wir mal an, streng katholisch) zur Schwulenehe? Oder bei sozialrechtlichen Fragen (kath. Soziallehre)? Okay, jetzt kommt vermutlich die liberale Litanei: Verträge, Verträge, Verträge. Aber was halten Sie zum Beispiel von einer polygam angelegten Ehe?

              Ohne Positionierung geht’s nich. Und alles egal, weil alles privat funzt auch nicht – es sei denn, man lebt auf der Robinsoninsel als eben dieser.

              Und überhaupt, Mehrheitsentscheidungen: Gaaaaanz illiberal, denn die Minderheit wird insoweit immer untergebuttert.

              >…Denn es ist natürlich der Kern des Liberalismus, dass er den Einzelnen nach Herzen illiberal sein lässt – sofern er dabei keinen Zwang auf andere ausübt. Und “Zwang” ist hier schon als enges Kriterium zu verstehen; Einfluss durch Kommunikation oder Beispiel ist keiner….<

              Klar, aber Gesetze aller Art schon. Also weg damit. Ich verstehe Sie also richtig, dass Sie Anarchist sind? Natürlich hab ich nix dagegen. Bei jeder gesetzgebenden Mehrheitsentscheidung in den Parlamenten wird ZWANG ausgeübt. Die Minderheit ist meist dagegen (auch Opposition genannt); nutzt aber nix. Alles ganz schön illiberal.

              Viele Grüße
              Dennis

            • nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

              „Ohne Positionierung geht’s nich.“

              Das lieber Dennis ist das, was ich „Nebenbedingungen der Freiheit“ nenne. Es sind die sozialen Normen unserer Gesellschaft, welche im Wandel sind aber nicht beliebig in ihren Freiheitsgraden.

              Freiheit ist nur im Rahmen der Normen möglich, auf die wir uns alle einigen können. Sie bestimmen unsere sozialen Bindungen, wie auch unser Verhältnis zueinander.

              Das habe ich von Werwohlf begonnen zu lernen. Das ist reale existierende Freiheit im Gegensatz zur Ideologie.

              Herzlich

              nachdenken_schmerzt_nicht

            • nachdenken_schmerzt_nicht sagt:

              „Ich verstehe Sie also richtig, dass Sie Anarchist sind?“

              Genau das bin ich gerade nicht. Ich bin für die Freiheit des Individuums und einen starken Staat, der seine Freiheit und Normen, innerhalb derer sie stattfindet, schützt.

              Was ich vom Werwohlf gelernt habe und was viele anscheinend nicht „denken wollen“: Freiheit ist kein absoluter Wert. Wie sie richtig bemerkt haben, braucht es „Positionierung“. Es braucht von allen anerkannte Normen, um als Inviduum frei sein zu können. Anders funktioniert Freiheit nicht. Zumindest ist das meine derzeitge Erkenntnis.

              Ich denke, meine Position kann man nicht nachvollziehen, wenn man Freiheit nur als absoluten Wert versteht. Freiheit als absoluter Wert ist wohl nicht hinreichend um eine taugliche Gesellschaftsordnung hervorzubringen.

              Mir ist völlig klar, dass die Relativierung der Freiheit immer ein Tanz auf dem Vulkan ist. Ich habe mich selbst lange genug gegen diesen Tanz verwehrt, Vor allem auch, weil man viele ständig bei diesem Tanz sehr leichtfertig abstürzen sieht. Es gibt aber kein gesellschaftliches Konzept, welches uns das Denken erspart. Das zu glauben bleibt den Ideologen überlassen.

              Herzlich

              nachdenken_schmerzt_nicht

            • Werwohlf sagt:

              Aaaaaber in der Eigenschaft als Bürger, der bei den öffentlichen Angelegenheiten mitwirkt, womöglich als Mandatsträger, sieht’s anders aus. Wie positioniere ich mich z.B. in diesem Fall (nehmen wir mal an, streng katholisch) zur Schwulenehe? Oder bei sozialrechtlichen Fragen (kath. Soziallehre)? Okay, jetzt kommt vermutlich die liberale Litanei: Verträge, Verträge, Verträge. Aber was halten Sie zum Beispiel von einer polygam angelegten Ehe?

              Ach ja, in einem früheren Leben habe ich sowas zigmal durchgekaut gelesen und auch selbst mitgemacht. Liberale sind eben keine Libertären und gelten letzteren eben deswegen als Verräter und Staazis. Aber als Liberaler zieht man aus der Erkenntnis, dass eben kein Zwang auf andere ausgeübt werden soll, den Schluss, dass ein Gebilde mit Gewaltmonopol, landläufig „Staat“ genannt, dafür sorgen muss, dass Einzelne diese Grenze nicht überschreiten. Der heutige Staat ist allerdings längst viel größer und hat viel mehr Zuständigkeiten, als dies im liberalen Ideal vorgesehen war. Und ja, ein in der Wolle gefärbter Liberaler hätte selbstverständlich mit freiwillig eingegangenen polygamen Ehen kein Problem. Der würde sich nur fragen, was das den Staat anginge.

              Und überhaupt, Mehrheitsentscheidungen: Gaaaaanz illiberal, denn die Minderheit wird insoweit immer untergebuttert.

              Das ist vollkommen richtig, und demzufolge wird ein Liberaler auch die Zahl von Mehrheitsentscheidungen so gering wie möglich halten wollen (durch Begrenzung der Staatsaufgaben), ebenso wie er staatliche Gewalt gerne auf kleinere Gebietskörperschaften verteilen möchte, statt sie einem größeren Gebilde (Zentralstaat, gar „EU“) anzuvertrauen, so dass dem Einzelnen neben „Voice“ stets auch „Exit“ offen steht.

              Ich verstehe Sie also richtig, dass Sie Anarchist sind?

              Zu den Dingen, die ich nie kapieren werde, gehört dieser voreilige Schluss, dass jemand, der eine Sichtweise zu erläutern versucht, dieser selbst anhängen müsse. Nochmal für’s Protokoll (steht in diesem Blog geschätzte drölfzig Mal…): Ich bin kein Liberaler. Anarchist natürlich schon gar nicht. Auch wenn mir die meisten Menschen, auf die das zutrifft (also Liberaler oder Anarchist zu sein) in der Regel sympathischer sind als Vertreter anderer Ideologien. Was wohl in erster Linie daran liegt, dass ihr Ideal eher darin liegt, in Ruhe gelassen zu werden statt andere zu etwas zu erziehen.


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