Deutsch sein, was ist das für Sie ganz persönlich?

Auf „Tichys Einblick“ gibt es jetzt, nachdem in Talkshows lange darum herum geredet wurde, einmal ein Forum für die Frage: „Deutsch sein, was ist das für Sie ganz persönlich?“ Der Werwohlf wird allerdings nicht dort mitmachen, sondern, wie sich das im Web gehört, auf dem eigenen Blog dazu seinen Senf absondern. Da es mal um etwas Persönliches geht, sogar ausnahmsweise in der „Ich“-Form.

Auch wenn ich keine große Begeisterung für einen deutschen Nationalstaat zu entwickeln vermag (diesen allerdings auch nicht ablehne), eins kann ich nicht leugnen: Ich bin ein Deutscher. 

Woran mache ich das fest? Okay, ich bin es schon von Geburt an, weil meine Eltern Deutsche waren. Zufällig bin ich auch in Deutschland geboren, und Deutsch ist meine Muttersprache. Das reicht eigentlich schon für die Einordnung. Wem all das widerfährt, der ist mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit auch irgendwie „typisch deutsch“. Aber wie äußert sich dieses Deutschsein? Worin unterscheidet es sich vom Sein anderer Nationalitäten?

Eine ganz wichtige Rolle spielt sicherlich die Sprache. In ihr unterhält man sich nicht nur, in ihr denkt man auch. Und vor allem: Über sie lernt man die Welt kennen, sie verschafft Millionen von Menschen eine gemeinsame Basis an Wissen, Kunst und Unterhaltung. Beispiel: Die Homerschen Sagen der ollen Griechen gehören unzweifelhaft zur europäischen Kultur, aber über den Namen „Gustav Schwab“ wird man sie wohl nur als Deutscher zuerst kennen gelernt haben. Man merkt: Ich rede von früher… Und das ist gar nicht mal so unwichtig, denn Deutschsein ist wohl auch sehr abhängig von der Zeit, in der man lebt. Ich wäre als Mensch, der ich heute nun mal bin, vor 90 Jahren bestimmt wesentlich weniger „typisch deutsch“ gewesen sein. Schon allein, weil die Sprache zwar überwiegend die gleiche geblieben ist, aber das, was in ihr als gemeinschaftliche Erinnerung, oder hochtrabender: Kultur, transportiert wurde, ganz andere Inhalte hätte. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich mit einem Deutschen der Weimarer Republik in meinem Alter und meiner sozialen Lage mehr gemeinsam hätte als mit einem heutigen, vergleichbaren Polen (um ein Beispiel zu nennen).

Was ich zur Frage beitragen könnte, wären persönliche Erlebnisse mit Menschen anderer Nationen. Oder als Teil einer sehr kleinen deutschen Gruppe im Ausland. Was hat da dazu beigetragen, dass man sich als „deutsch“ identifizierte, und was unterschied uns Deutsche da von den anderen? Ganz profane Dinge: 

  • welchen Biergeschmack wir präferieren (okay, eine Einschränkung fehlte noch: Ich rede von Deutschen männlichen Geschlechts…)
  • dass wir Loriot- und Otto-Gags so sehr verinnerlicht haben, dass allein eine Anspielung darauf Gemeinschaft stiftet (klar altersbezogen und gilt auch für Gags von Monty Python oder aus internationalen Blockbustern, nur ist es da eben nicht mehr typisch „deutsch“)
  • dass wir unterschiedliche Mannschaftsaufstellungen von Fußballteams herunterbeten können
  • dass wir anderen Kaffee mögen (die Rede ist von Vor-Starbucks-Zeiten…)
  • dass wir unter „Brot“ und „Wurst“ definitiv andere Dinge verstehen
  • dass wir unsere Meinung direkter sagen
  • dass wir mehr sach- als personenorientiert denken und handeln
  • dass wir Perfektionisten sind (klingt nach gewaligem Klischee, das viele gerne weit von sich weisen, aber lebt mal länger im Ausland, Freunde…)
  • dass wir ganz gut organisieren können (s.o.)
  • dass bei uns sowas wie eine Arbeitsethik messbar ist (s.o.)

Es gibt darüber hinaus noch „typisch deutsche“ Eigenschaften, die als solche im Ausland bekannt sind, die aber eher selten mit mir in Verbindung gebracht wurden (oder wenn, dann nur hinter meinem Rücken ;-)):

  • dass wir humorlos sind
  • dass wir alles viel zu eng und zu grundsätzlich sehen

An letzterem mag mittlerweile zumindest bei meinem Alter Ego „Werwohlf“ etwas dran sein…

So richtig Weltbewegendes ist da aber insgesamt aus meiner Sicht nicht dabei. Zumal auch einige dieser Eigenschaften zwar „typisch deutsch“ sind in dem Sinn, dass sie im Ausland als solche auffallen, dass es aber auch immer wieder diverse Menschen anderer Nationen gibt, die sie sich auch zu eigen machen. Man muss aber sagen: Die „Globalisierung“, die übrigens einen extrem amerikanischen Akzent hat, ebnet viele der ehemals „typischen“ Unterschiede ein. Viele, aber nicht alle. So lange es die deutsche Sprache weiter geben wird, so lange wird es „Stars“ wie Mario Barth, Stefan Raab oder Bülent Ceylan geben. „Stars“ in Anführungszeichen, weil die genannten Herren außer den Deutschen keine Sau kennt. Von den heimischen Youtube-Sternchen, die man auch als BiHu-Deutscher nicht kennt, ganz zu schweigen. Der „Kultur“-Unterschied wird also wohl geringer werden, allerdings erstmal nicht verschwinden.

Es ist also kaum ein Anlass zur Verwunderung, dass Menschen innerhalb der EU relativ problemlos migrieren und sich insbesondere sehr gut assimilieren können. Voraussetzung: Sie ballen sich nicht in kulturellen Inseln, wie z.B, der „Ballermann“-Zone auf Mallorca. 

Wenn sich also auf diesem Blog der „Werwohlf“ immer für Dezentralität, genauer: Subsidiarität, ausspricht und gegen Zentralismus, dann weniger, um irgendwelche nationalen Besonderheiten hervorzukehren, sondern eine Sympathie für alle Orte, wo die Menschen leben und direkt betroffen sind. Denn den Nordseefischer dürfte politisch viel mehr von dem Mercedes-Ingenieur in Stuttgart trennen als den Banker in Frankfurt von dem in London. 

Und damit endet dieser Beitrag mit einem paradoxen Fazit: Die Frage nach der europäischen Identität wird vom Werwohlf als viel wichtiger angesehen als die der nach der deutschen, und er ist ein Gegner aller Versuche, einer europäischen Zentralinstanz mehr Macht zu verschaffen. 

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7 Kommentare on “Deutsch sein, was ist das für Sie ganz persönlich?”

  1. Paul sagt:

    Mein Senf kommt aus einem ganz anderen Glas. Ist aber auch sehr persönlich.

    Ich bin ein Deutscher. Die Gründe dafür hast Du genannt, weil ich in Deutschland geboren wurde.
    Obwohl, legt man den Maßstab der Abstammung zu grunde bin ich nur ein halber Deutscher und je ein Viertel Ungare und Tscheche, weil meine Großmutter mütterlicherseits Tschechin und der Op Ungare waren.
    Ich merke ich auch schon mal, dass ich kein so ganz typischer Deutscher bin: Fußballmanschaften kann ich nicht herunterbeten, Kaffee mag ich nicht und ich bin sehr humorvoll. Letzteres manchmal zum Leidwesen meiner Umgebung, weil ich schon mal sehr ätzend humorvoll bin. Das mag nicht jeder, besonders, wenn er Betroffener ist.

    Nun zu der anderen Sicht. Der mehr politischen, die für mich immer im Mittelpunk meines Deutschseins stand und steht.

    Als Jahrgang 38 habe ich mich, sobald ich politisch gedacht habe, also etwa ab dem 14. Lebensjahr, geschämt ein Deutscher zu sein. Ich hatte keinen Nationalstolz, sondern, als direkte Folge des 3.Reichs, eine Nationalscham. Das änderte sich durch das Leben in der DDR nicht, sondern wurde noch, durch meine eingebaute Abneigung gegen Kommunismus und seine sämtlichen sozialistischen Spielarten, verstärkt.
    Nach der Revolution 1989/90 war ich stolz ein Deutscher zu sein. Leider verschwindet dieser Stolz durch die gegenwärtige Regierungspolitik immer mehr. 😦

    Herzlich, Paul

  2. Paul sagt:

    Noch etwas vergessen:
    Bei gelegentlichen Kontakten mit Ausländern, auch während ausgedehnter Campingaufenthalte im Ausland, wurde mir von verschiedenen Ausländern immer wieder gesagt, dass ich kein typischer Deutscher sei.

    Nach der Wende wurde mir verschiedentlich von Arbeitskollegen (West) gesagt, ich sei kein typischer Ossi.

    Über beide Einschätzungen habe ich mich sehr gefreut.
    Ich will nämlich alles sein, nur nicht „Typisch“. 🙂

    Herzlich, Paul

  3. n_s_n sagt:

    Für mich bedeutet deutsch sein das was ich selbst bin, eng verbunden mit meinem Gefühl zur regionalen Heimat, in der ich aufwuchs und meiner Familie, in der ich sozialisiert wurde.

    Dieses persönliche Gefühl von Heimat ist für mich sehr positiv besetzt und macht sich vorrangig an Kindheitserfahrungen, Personen und Landschaften fest, die mich früh prägten, die mir zur so vertraut wurden und welche mir dadurch das Gefühl von Geborgenheit und Identität geben.

    Später im Leben kam noch Bewunderung für deutsche Kunst, deutsche Philosophie und deutsche Wissenschaft hinzu, die ich als eine Folge derjenigen Sozialisation begreife, die auch ich durchlebte. Dies gibt mir eine weitere, abstraktere Identität, die mir über ihre Vertrautheit zu einem weiteren Teil meiner Heimat wurde.

    Ich liebe meine Heimat. Das ist was für mich „deutsch sein“ bedeutet.

    Du hast in deinem Text auch sehr detailliert Eigenschaften beschrieben, an denen sich „deutsch sein“ möglicherweise („von außen“) „objektiv“fest machen lässt. Eine davon möchte ich kurz kommentieren.

    „dass wir alles viel zu eng und zu grundsätzlich sehen“

    Ich denke mittlerweile, dass dies möglicherweise elementarer Wesenskern des „deutsch seins“ ist. Wo immer er herkommt.

    Wenn ich mit in Deutschland sozialisierten Menschen spreche, unabhängig von politischer Haltung, religiösem Glauben oder sozialer Herkunft, einen ist ihnen eigentlich immer gemein: Sie haben zu allem eine dezidierte Meinung und sind wenig interessiert daran sie auf den Prüfstand zu stellen, sondern nur sie zu vermitteln. Wenn man in einem Gespräch eine „These“ aufstellt, kommt niemals eine Nachfrage, um sie besser zu verstehen, sondern sofort Zustimmung oder Gegenrede.

    Für einen hier sozialisierten Menschen bedeutet eine Überzeugen immer auch implizit „Wissen“.

    Bei Menschen andere Nationen, insbesondere Angelsachsen, erlebe ich das vollkommen anders. Das mag auch einer der Gründe sein, warum deutsche die Amerikaner nicht so mögen.

    Herzlich

    n_s_n

    • Werwohlf sagt:

      Bei solchen Gelegenheiten erzähle ich gern diesen Witz, den ich das erste Mal von einem Amerikaner gehört habe (und vielleicht habe ich inzwischen auch die Hälfte vergessen):

      Wenn ein Engländer, ein Franzose, ein Amerikaner und ein Deutscher den Auftrag bekämen, ein Buch über Elefanten zu schreiben, wie lauteteten dann die Titel?

      Engländer: „Elephants I shot whilst I was at safari“.
      Franzose: „La vie d’amour des eléphants“
      Amerikaner: „Elephants for fun and profit“
      Deutscher: „Der Elefant in seinen geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen. Band I: Einleitende Vorbemerkungen“

      • n_s_n sagt:

        Zu Amerikanern und Deutschen fällt mir auch ein Witz ein, der mir mal von einem Briten erzählt wurde:

        Was ist der Unterschied zwischen einem Amerikaner und einem Deutschen?

        Der Deutsche denkt, 100km seien eine lange Strecke.

        Der Amerikaner denkt, 100 Jahre, seien eine lange Zeit.

  4. Werwohlf sagt:

    Vielen Dank für eure Beiträge. Nehmen wir jetzt noch den von Erling Plaethe dazu, der seinen parallel zu meinem veröffentlicht hat (http://erlingsblog.blogspot.de/2015/12/deutsch-sein-was-das-fur-mich-ganz.html), dann sehen wir, dass es wirklich sehr unterschiedliche, individuelle Annäherungen an diese Frage geben kann. Aber das heißt nicht, dass die Frage keine Berechtigung hätte. Meines Erachtens kann man selbst in all diesen individuellen Stellungnahmen einen gemeinsamen Kern entdecken, ohne dass diese in eine enge Definition zu pressen wäre.


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