Keine Sau

Schon wieder was zur AfD. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Werwohlf die AfD gerade jetzt immer vorgeblich „in Schutz nehmen“ muss, wo er selbst der Meinung ist, dass sie ins Unerfreuliche abgedriftet ist und der Kurs auch leider weiter nach rechts zeigt. Aber das müsste jetzt eigentlich jeder tun, dem dasselbe Bild einer Demokratie am Herzen liegt. Einer Demokratie, in der verschiedene Richtungen fair miteinander darum ringen, wie die deutsche Politik künftig auszusehen habe, am besten in offener, transparenter und freier Debatte im Bundestag. Doch dieses Bild scheint antiquiert zu sein. Oder besser: Nur während einer zwar vergangenen, aber kleinen Periode deutscher Nachkriegswirklichkeit gegolten zu haben.

Denn dass es darum geht, andere politische Meinungen am besten auszugrenzen und ihre Vertreter mundtot zu machen, hat natürlich eine sehr lange Tradition in Deutschland. 

Noch bis in die Siebziger hinein, geschweige denn in den 50er und 60er Jahren der Bonner Republik, war es z.B. unter Konservativen üblich, linke Opposition wegen Kommunismus-Verdacht zu brandmarken und ihre Vertreter als „fünfte Kolonne Moskaus“ zu entlarven, während auf der anderen Seite die politische Linke für eine offene Diskussionskultur stand. Der Werwohlf erinnert sich noch gut an das Aufatmen, dass in den intellektuellen Kreise des Landes spürbar war. Überall wurde man zu „kritischem Denken“ ermutigt, und der politische Streit galt als Tugend. Selbst nach außen erkennbar links eingestellte Lehrer schätzten es, wenn sich in ihrem Unterricht Kommunisten und Anhänger der Jungen Union stritten, so lange sie dies sachlich und mit Argumenten bewehrt taten. Es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, nur ihrer eigenen Meinung lauschen zu wollen und die andere als moralisch verwerflich auszuschließen. 

In den Siebzigern wurde der sogenannte „Radikalenerlass“ eingeführt. Der besagte in Kurzform, dass die Anhänger extremer Parteien nicht in den Staatsdienst aufgenommen werden sollten. Auf der politischen Linken galt das als „Berufsverbot“ und wurde dort entsprechend bekämpft.

Für jemanden, der im Nachwende-Deutschland aufgewachsen ist, muss all das wie ein Märchen klingen. Zum einen ist der politische Streit eher verpönt. Vielmehr wird von einer Allianz aus herrschenden Parteien, Medien und labernder (die rechnende ist da eher nicht vertreten) akademischer Elite definiert, welche Position die moralisch höherwertige ist, woraufhin alle anderen und ihre Anhänger aus dem öffentlichen Leben tunlichst zu eliminieren seien. Wer sich EU-kritisch äußert, ist ein Nationalist – wie die Nazis es waren. Wer sich gegen eine unbegrenzte und unkontrollierte Aufnahme von Migranten ausspricht, ist ein Rassist – wie die Nazis es waren. Wer der Meinung ist, die politisch verordnete CO2-Reduktion sei ein falscher Weg, ist ein „Klimaleugner“ – und ein übler Lobbyist, also gekauft. Wo auch immer diese Meinungen den herrschenden öffentlich gegenüber treten, erschallen sofort die Stimmen der empörten Aufrechten, wie man sich denn erdreisten könne, diesen Übeltätern „eine Plattform zu bieten“. Wohlgemerkt: Zu den oben erwähnten Hochzeiten der Demokratie galt es als Tugend, möglichst vielen Meinungen eine Plattform zu bieten – heute ist es ein Makel. Heute wird es auch von allen Seiten als „mutiger Widerstand“ gefeiert, wenn Leute, die politisch abweichende Meinungen äußern, selbst aus ihren bürgerlichen Jobs entfernt werden. Der DGB ruft auch dazu auf. 

Eine besondere Rolle in dieser neuen Form der Demokratie nehmen die öffentlich-rechtlichen Medien ein. „Früher“, in den Siebzigern, galten sie als Ausbund der Seriösität, als Plenum für die öffentliche Diskussion. In der Tat – obwohl die Sendung von links massiv angegriffen wurde, leistete sich z.B. das ZDF lange das „ZDF-Magazin“, das schonungslos über die Welt jenseits der Mauer berichtete. Und, wie wir heute wissen, dabei sogar eher noch untertrieb. Und der „Report“ aus München galt als Antipode der linken Magazine wie „Panorama“. Wie gesagt – das ist Vergangenheit. 

Nun ist der Werwohlf, was die AfD angeht, nicht frei von Vorurteilen. Er würde sie z.B. durchaus als „rechtspopulistisch“ bezeichnen. Aber es verstört ihn etwas, wenn er diese Einschätzung von anderen verordnet bekommt. Wie von den öffentlich-rechtlichen Medien üblich. Und das verwundert etwas. Denn der Werwohlf würde, wenn das Hinzufügen von Adjektiven journalistische Pflicht wäre, wie z.B. der notorische Volker Beck behauptet, doch sehr stark bei der „Linken“ die Qualifizierung als „linkspopulistisch“, bei den „Grunen“ als „verbotsgeil“ und bei den GroKo-Parteien als „sozialdemokratisch“ vermissen. Es wäre doch wirklich völlig unverständlich, ließen die öffentlich-rechtlichen Sender diesen Service nur der AfD angedeihen und nicht den anderen Parteien. Oder ist jemand wie Herr Beck etwa der Meinung, diese ließen sich nicht einordnen? Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit. 

Wie auch immer: Jemand beim SWR hat erkannt, wie blödsinnig diese Sonderbehandlung eigentlich ist, und hat veranlasst, sie zu beenden. Was sofort den Widerspruch derer auf sich zog, die es für sich kaum verantworten können, den normalen Bürger mittels selbständigem Denken zu eigenen Schlüssen gelangen zu lassen. Denn moderne Demokratie sieht nun mal anders aus. Als wackerer Demokrat zählt hierzulande, wem es gelingt, die AfD an der Wahrnehmung ihrer Versammlungsfreiheit zu hindern. Schließlich bedeutet Demokratie ja, nur die moralisch einwandfreien Meinungen zu hören zu bekommen. Wer etwas anderes behauptet, unterstützt die moralisch Verwerflichen nur. 

Und keine Sau erkennt die Verwandtschaft dieser Gedanken.

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One Comment on “Keine Sau”

  1. […] Ganz ernsthaft gibt es doch tatsächlich weiter Streit darum, ob in den öffentlich-rechtlichen Medien die AfD stets mit dem Adjektiv “rechtspopulistisch” versehen werden solle.  […]


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