Radikale, der Terror und die Lügenpresse (Wilsberg-Ausgabe)

Wie radikalisieren sich junge Menschen?`Warum greifen sie zu Waffen, um andere Menschen zu töten?

In England ist es dem Dokumentarfilmer Robb Leech passiert, dass sein Stiefbruder Richard Dart erst zum Islam übertrat, sich dann zum „Dschihadisten“ und später zum Terroristen entwickelte. Leech tat das, was man von jemandem mit seinem Beruf erwarten konnte: Er dokumentierte die Sache. In seinem ersten Film „Mein Bruder, der Islamist“ gab er einen seher persönlich geprägten Einblick  in die Gedankenwelt von Islamisten, und er versuchte zu begreifen, was seinen Bruder bewegt haben könnte, diesen Weg zu gehen. Er traf auch andere Engländer, die zu Anhängern des Hasspredigers Anjem Choudary wurden, ließ sie reden über ihre Einstellung und traf sie anlässlich islamistischer Demonstrationen. Der Film endet mit dem Abflug des Bruders zur Hadsch nach Mekka. Vorher konfrontierte Leech seinen Bruder noch mit den Eindrücken und Gefühlen, die sich bei ihm aufgestaut hatten, und so verabschiedeten sie sich nicht in Harmonie, was Leech dann letztlich bereute.
Ein paar Jahre später war Leechs Bruder bereits wegen der Planung von Terroranschlägen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. 

Jetzt versuchte der Dokumentarfilmer, mit dem Film „Mein Bruder, der Terrorist“ auch diesen letzten Schritt nachzuvollziehen, den vom radikalen Muslim zu jemandem, der nach Pakistan in ein Ausbildungscamp der Taliban reisen und womöglich in einem der Krisengebiete als Kämpfer auftreten wollte. Zu diesem Zweck sprach Leech auch mit dem Vertreter eine großen Londoner Moschee, der sich ebenso verblüfft wie ratlos zeigte angesichts dieses für ihn seltsamen Islamismus, und er ging zusammen mit einem aus Pakistan stammenden, Fish-and-Chips liebenden Imam auf Ursachensuche. Auch alte Weggefährten seines Bruders traf er wieder. Besonders interessant sind seine Gespräche mit Choudary selbst, die letztlich die ganze Abgefeimtheit und Verlogenheit dieses Mannes dokumentieren, der viele junge Menschen so lange aufhetzt, bis sie bereit sind, „Ungläubige“ zu töten, der aber, wenn er damit konfrontiert wird, sich in jeder Beziehung aus der Verantwortung stiehlt. 
Diese beiden Filme (jeweils 45 min), die Stand heute noch in der ZDF-Mediathek abzurufen sind, sind nach Meinung des Werwohlfs äußerst sehenswert. Auch und gerade wegen ihrer höchst subjektiven Sichtweise. Robb Leech entpuppt sich als sehr empathischer Mensch, der politisch auch wohl eher gemäßigt links einzuordnen wäre, der aber aus seiner westlichen Prägung und seiner liberalen, demokratischen Überzeugung kein Hehl macht. Gerade diese demonstrativ subjektive, aber zugleich auch von Offenheit gekennzeichnete Sicht ermuntert den kritischen Zuschauer, sich sein eigenes Bild zu machen. 
Offensichtlich war es, ganz entgegen den üblichen linken Klischees, eben nicht objektive Ausgestoßenheit und Armut, die hier zu einer extremen Radikalisierung führten. Der eine Bruder war nicht ausgestoßener als der andere. Wenn man mal von der These des ehemaligen Chefs der „English Defence League“ (EDL), Tommy Robinson, absieht, der besonders Rothaarige als verführbar einstufte[1]. Der Imam weist auf andere Wege hin: Muslime sehen in den Nachrichten, wie Krieg gegen andere Muslime geführt wird. Sie fühlen sich solidarisch[2], und sie fangen an, den üblichen Medien nicht mehr zu trauen. Daher suchen sie sich ihre Informationen im Imternet, mit denen sie seltsamerweise weit weniger kritisch umgehen als mit denen der Medien. Sie sehen selektiv aufrüttelnde Bilder von Übergriffen und Kriegsverbrechen, und bald sind sie emotional aufgeputscht. Charismatische Führungspersönlichkeiten stacheln sie auf. Sie sehen sich dann als Auserwählte auf einer Mission, getragen von einem ungeheuren Zusammengehöigkeitsgefühl und der Mischung von Testosteron und Adrenalin nach erfolgreichen Schlachten in den Kriegsgebieten, dokumentiert in Videoclips. Leech und seine Freunde, die der Imam mit diesen Dingen konfrontierte, waren aber der Ansicht, das allein könne nicht reichen. Wahrscheinlich kommt auf jeden Fall noch etwas anderes dazu, nämlich konkrete persönliche Ansprache und Beziehung. Womit Leech wieder bei Choudary landet. 
Übrigens legt Leechs Dokumentation auch nahe, dass man normale Muslims kaum mit den Islamisten in Verbindung bringen kann. Die Lesart des Islam, der die Islamisten frönen, kommt den meisten Muslimen äußerst fremd vor. Ungefähr so, wie die wortwörtliche Auslegung von Bibelversen einem normalen Katholiken seltsam vorkäme[3], Diese „Dschihadisten“ sind für normale Muslime genau so unerreichbar wie für alle anderen auch. Das ist ein wichtiger Punkt. Aber, und hier kommt das Selberdenken ins Spiel, auch die normalen Muslime spielen im Kampf gegen den Terror eine wichtige Rolle. Nämlich indem sie ihr Unverständnis und ihre Abscheu offen dokumentieren und zum Ausdruck bringen. Die Islamisten dürfen nicht das Gefühl bekommen, von einer Welle der „klammheimlichen Sympathie“ getragen zu werden. Leider sind wir wohl noch nicht ganz so weit. Aber das wäre die Aufgabe, der sich nach des Werwohlfs Meinung die Mehrheit der Muslime stellen müsste, von der wir alle hoffen, dass es sich hier nur um eine bislang schweigende handelt.
Aber kommt uns das nicht bekannt vor? Die „Lügenpresse“, der man nicht mehr glaubt? Weshalb man sich im Internet „informiert“, natürlich nur innerhalb der eigenen Filterblase? Die Typen, die zumindest versuchen, eine Rolle als „charismatische Führungspersönlichkeit“ einzunehmen?  In der Tat: Genau solche Gedanken und Verhaltensweisen werden Pegida und der AfD zugeschrieben. Die Parallelen sind sicher nicht zufällig. Bisher fehlt allerdings, ob nun zur Freude oder zum Bedauern des eher linken Medienkonsens, ein Nachweis dieses durchgängigen Radikalisierungsweges. Sicher, in viel zu vielen Städten werden Häuser angezündet, die als Flüchtlingsheime dienen sollen, und in einigen Städten kam es auch zu gewalttätigen Übergriffen gegen Flüchtlinge selbst. Aber noch ist die Vermutung schwer zu widerlegen, dass es sich hierbei um die „üblichen Verdächtigen“ handelt, also Leute, aus deren Sicht sogar AfD und Pegida noch als „Systemlinge“ gelten würden, und die eher bei der NPD ihre Ansprechpartner finden. Da das Ende dieses Radikalisierungswegs also nicht wahrnehmbar ist, wenden wir uns doch mal dem Anfang zu.
Stichwort „Lügenpresse“. Offensichlich glauben viele Menschen, die sich der Meinung von AfD und Pegida anschlossen, den Qualitätsmedien dieser Republik nicht mehr allzu viel. Was natürlich übertrieben ist: Man findet Dissidenten (so muss man sie heutzutage angesichts des Ausgrenzungsdrucks fast bezeichnen) noch hier und da in fast überall erhältlichen Publikationen. Aber das Bild wird verzerrt durch die Dominanz der öffentlich-rechtlichen Medien und der großen Medienhäuser wie Springer oder Bertelsmann. Wer sich dorf informieren möchte, wird zum Thema, das AfD und Pegida wieder starkt gemacht hat, also der Flüchtlingskrise, kaum abweichende Meinungen finden. Auf allen Kanälen dieser Medien wird dem Zuschauer eingehämmert: Wir müssen und wir schaffen das, wir könnten auch gar nicht anders, aber es kostet nichts und alles wird gut, doch es muss sich auch alles ändern, was wiederum gut so ist. Wer nicht mitspielen will, ist selbst schuld, wenn man mit Fingern auf ihn zeigt. Da bringt die hochseriöse Tagesschau doch glatt einen Parteitag der AfD als Aufmacher, was aufrechte Qualitätsjournalisten gleich empört, aber sie tut dies natürlich nicht, ohne ihren Zuschauern sogleich mitzuteilen, wie sie alles einzuordnen haben. Sollte es Ihnen seltsam vorkommen, wenn es in der „Tagesschau“ heißen würde „sozialdemokratische CDU“, „linkspopulistische LINKE“ oder „verbotsgeile GRÜNE“, dann hätten Sie mit diesem Gefühl natürlich völlig Recht. Aber „rechtspopulistische AfD“ muss sein in der „Tagesschau“. Nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Auf diese Weise verknüpft man „subtil“ Kommentar und Nachricht. Zu meiner Zeit nannte man sowas „Manipulation“. Aber Zeiten ändern sich ja. 
Und manche Auswüchse dieses Propagandafernsehens haben sogar komische Züge. Am Samstag lief im ZDF ein Krimi der beliebten Serie „Wilsberg“. Normalerweise nicht allzu anspruchsvolle, aber solide Unterhaltung zum Wochenende. Etwas, das der Werwohlf mit der Werwöhlfin sich gerne mal anschaut, wenn sie denn nach getaner Arbeit (die zeitlich nahezu perfekt mit den Bundesliga-Spielen harmoniert) endlich ihren Schreibtisch verlassen konnte. Aber dieses Mal triefte die Folge nur so von Klischees. Zählen wir mal auf:
  • Flüchtling hat Familie mit kleinen Kindern…check
  • Flüchtling hat in Deutschland Germanistik und Philosophie studiert, muss aber schändlicherweise putzen gehen (ist das nicht üblich bei der Fächerwahl?)…check
  • Asylverfahren ist darauf ausgerichtet, es den Bewerbern so schwer wie möglich zu machen…check
  • Asylbewerber haben keine Hilfe…check
  • Wachpersonal in Flüchtlingsunterkunft ist kriminell und rassistisch…check
  • Pharmafirma ist menschenverachtend…check
  • Politiker ist korrupt…check
Was vergessen? Name it, you have it. Besonders schön auch: Als Wilsbergs Sidekick, der Finanzbeamte Talkötter, erfährt, dass ein illegal dort beschäftigter Asylbeweber nicht mehr weiter arbeiten darf, entrüstet er sich in gerechtem Zorn. Damit auch der letzte Zuschauer begreife: Legal, illegal, scheißegal, Hauptsache, die richtige Gesinnung. Lasst uns Scheinselbständige mit allen Mitteln des Zolls und der DRV verfolgen, aber dass Gesetze auch für Flüchtlinge gelten sollen, ist natürlich blanker Rassismus. 
Es gibt Leute, die nennen das ZDF mittlerweise DDR2. Der Werwohlf hat noch DDR-Fernsehen schauen können, und bis vor kurzem hätte er sich solche Anspielungen verbeten. Aber er muss zugeben: Die beim ZDF geben sich wirklich alle Mühe. Denn es ist ja nicht so, dass in den „Heute“-Nachrichten ein anderer Sound vorherrschte, im Gegenteil. Nur für den Dackelblick ist nicht mehr Herr Lansink verantwortlich, sondern Frau Slomka.
Noch jemand stutzig, dass unseren „Leitmedien“ so wenig Vertrauen entgegengebracht wird? Von der „heute show“ wollen wir da gar nicht mal reden. Nun hat der Werwohlf am späten Freitagabend immer Besseres zu tun, als Dummen und Linken beim gegenseitigen Schulterklopfen zuzuschauen, aber der „brutale Angriff“ auf einen Reporter dieser Sendung schlug seine Wellen auch wonanders. Nun ja. Da provozierte ein Typ im Clownskostüm eine AfD-Demo, indem er den dort demonstrierenden Wutbügern mitteilte, es handele sich hier ja offensichtlich um eine Karnevalsveranstaltung (was er angesichts seines Kostüms aber wohl schon vorher gewusst haben muss…). Und siehe da, die Gewalt des rechten Mobs brach sich Bahn: Er wurde geschubst. Und er musste von einer Phalanx Ordner (ok, es war nur einer) vor weiteren Grausamkeiten geschützt werden. Ja, es ist nicht okay, Menschen (und Reporter zählen dazu) mit körperlicher Gewalt entgegenzutreten außer zu Zwecken der Notwehr, aber das lauthalse Gejammere ist dann doch reichlich scheinheilig: Der „mutige“ Reporter sollte dasselbe mal im Block der Antifa machen. Danach sprechen wir uns weiter. Also spätestens dann, wenn der Reporter wieder feste Nahrung zu sich nehmen kann.
Sicher ist „Lügenpresse“ zu pauschal. Aber es gibt Medien, die sollten sich über pauschale Urteile besser nicht beschweren. Sofern sie glaubwürdig bleiben wollen

[1] Zur typisch englischen Ironie des Films gehört übrigens, wie sehr die Argumente Robinsons auf die EDF selbst zutreffen könnten, und dass Robinson ebenso wie die Islamisten im Knast landet. 
[2] Offensichtlich weit mehr, als Christen hierzulande sich angesichts der weltweiten Christenverfolgung solidarisch fühlen.
[3] Obwohl die Diskrepanz nicht ganz vergleichbar ist, und die Folgen schon gar nicht.
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One Comment on “Radikale, der Terror und die Lügenpresse (Wilsberg-Ausgabe)”

  1. […] der Werwohlf, dass man da ruhig konsequent bleiben könnte. Da ja das ZDF sich immer mehr Mühe gibt, ein würdiger Nachfolger des DDR-Fernsehens zu werden, also sowohl von der Art der […]


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