Vier unzureichende Argumente gegen den Videobeweis

Man mag es als Außenstehender kaum glauiben, aber die Einführung von Videobeweisen im Fußball hat kämpferische Gegner. Aus Sicht des Werwohlfs ist das ein weiterer Beweis für die verbreitete Feindlichkeit gegenüber technischem Fortschritt, aber schauen wir uns die Argumente der Gegner doch mal genauer an:

1. Das Spiel wird zu oft unterbrochen.

Dieses Argument möchte suggerieren, dass praktisch jede Entscheidung erst umständlich durch einen Videobeweis zu überprüfen wäre. Das ist natürlich Unsinn und wird höchstens in Sportarten so praktiziert, in denen längere Unterbrechungen (sprich: Werbepausen) eh an der Tagesordnung sind (z.B. American Football). Wahrscheinlich wäre es eher, dass eine Lösung wie z.B. im Tennis eingeführt wird: Jedes Team bekommt eine übersichtliche Zahl von möglichen „Video-Einsprüchen“ zugeteilt, also vielleicht ca. 4 pro Spiel oder 2 pro Halbzeit, und wenn es der Meinung ist, durch eine Schiri-Entscheidung besonders benachteiligt worden zu sein, kann es von einer davon Gebrauch machen. Diese Unterbrechungen dürften in der auch sonst erreichten Zahl von Rudelbildungen oder sich auf dem Boden wälzenden Spielern eher untergehen.

Denkbar wäre auch das niederländische System mit einem fünften Schiedsrichter, aber der Werwohlf ist da skeptischer, weil der „fünfte Mann“ (oder die fünfte Frau) die Autorität des Mannes auf dem Platz ständig latent untergraben würde.

2. Die Diskussionen über Schiedsrichter-Entscheidungen gehören zum Fußball dazu.

Das ist ein eher normativer Einwand. Und einer, der hier auf völliges Unverständnis stößt. Ist es wirklich unverzichtbarer Bestandteil dieses Millionenspiels, das viel Geld und viele Herzen der Zuschauer bewegt, dass man darüber diskutieren muss, welche Ungerechtigkeiten durch eine fehlerhafte bzw. unzureichende Regeldurchsetzung entstehen? Warum verwirklicht man dann nicht Inklusion und lässt gleich sehbehinderte Schiedsrichter auf die Plätze – schließlich hätte man da ja noch mehr zu diskutieren. Und was ist dann noch gegen Bestechung zu sagen? Kann man darüber nicht diskutieren, oder zählen nur die durch Zufall oder Unfähigkeit des Schiri-Gespanns entstandenen Fehler? 

Vielleicht dazu noch ein aktuelles Beispiel: Im Schneegestöberspiel von Berlin letzten Sonntag konnte nur deswegen klar auf Tor entschieden werden, weil dort die Torlinientechnik eingesetzt wurde. Die vielen Minuten Diskussionen auf dem Platz und die halbe Stunde im Fernsehen hinterher – alles weggefallen, und keiner hat es wirklich vermisst. Es ist doch wirklich besser, diese Zeit zu nutzen, um über Taktik oder die Form einzelner Spieler zu diskutieren. 

3. Auch durch den Videobeweis lassen sich nicht alle Szenen eindeutig klären.

Der Einwand ist sicher richtig, aber er wirkt nur gegen den Strohmann, dass der Videobeweis die Entscheidungsfindung nicht nur verbessern, sondern perfekt gestalten solle. Es wird also immer wieder Szenen geben, wo es bei der ursprünglichen Schiri-Entscheidung bleibt, weil auch der Videobeweis nicht mehr Klarheit schafft. Solche Situationen sind sogar wünschenswert, weil sie immer wieder vor Augen führen, wie schwierig der Job der Schiedsrichter auch ist.

4. Der Videobeweis kann nur im Profi-Bereich eingesetzt werden.

Das ist wohl richtig, aber warum spricht das dagegen? Die Folgen einer Fehlentscheidung in der Kreisklasse sind auch deutlich begrenzter in ihren Auswirkungen, und im Gegensatz zum Profi-Fußball lauern nicht dennoch zig Fernsehkameras darauf, die Fehlentscheidung haarklein zu dokumentieren und damit erstens den Schiedsrichter zu diskreditieren und zweitens die Spieler und Fans der benachteiligten Mannschaft aufzustacheln. Die Amateure haben auch keine Torlinientechnik, aber wer wollte die nach dem o.g. Spiel von letztem Sonntag missen? 

Mehr Gegenargumente fallen dem Werwohlf momentan nicht ein, aber er ist natürlich jederzeit daran interessiert, weitere kennen zu lernen. Aktuell jedenfalls ist es aus seiner Sicht in höchstem Maße unsinnig, nicht den Einsatz von Videobeweisen anzustreben. 

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5 Kommentare on “Vier unzureichende Argumente gegen den Videobeweis”

  1. n_s_n sagt:

    Das „Argument gegen den Videobeweis Nr. 3“ ist natürlich auch automatisch ein Argument für dich gegen das „Argument gegen den Videobeweis Nr.2 “

    Es ist doch wunderbar, wenn auch trotz des Videobeweises noch einige Szenen strittig bleiben. Das verhilft dem diskussionsfreudigen Publikum, trotz Videobeweis, weiterhin zu hitzigen Debatten, die es (angeblich) so liebt und die (angeblich) den Reiz des Sports ausmachen.

  2. adder sagt:

    Lieber Werwohlf,
    schön zusammengefasst. Eine kleine Ergänzung meinerseits zu Argument 4: wenn die Torlinientechnik lange genug im Profibereich (nicht nur des Fussballs evtl.) eingesetzt wird, dann wird die Technik dahinter wahrscheinlich auch irgendwann günstig genug für immer mehr Bereiche des Vereinsfussballs werden. Gleiches gilt für die Technik, die für einen Videobeweis nötig ist. Vielleicht nicht in der gleichen Qualität, aber zumindest gut genug für den Praxisgebrauch in den Amateurligen. Gleiches gilt auch für andere Ballsportarten in denen die Torlinie wichtig ist (wie z.B. Handball). Dafür muss allerdings erst einmal diese Technik breit in den Profiligen eingesetzt werden, ansonsten wird sie auch nicht kostengünstiger.

  3. Werwohlf sagt:

    Danke für eure Ergänzungen. 🙂

  4. […] ein Spiel durch die Fußballer und nicht durch den Schiedsrichter entschieden wird (siehe dazu auch Punkt 2 in “Vier unzureichende Argumente gegen den […]

  5. […] schon an anderer Stelle erwähnt, ist der Werwohlf ein Fan des Videobeweises. Aber so, wie ihn die FIFA jetzt einsetzt, hat […]


Platz für Senf.

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