Was zu Naidoo und dem ESC

Eins vorweg: Der Werwohlf mag den Xavier-Naidoo-Style eher nicht. Aber das ändert nicht daran, dass er die musikalischen Fähigkeiten Naidoos respektiert. Der Mann hat in der Öffentlichkeit auch viel dafür getan, dass es in deutschsprachiger Musik so etwas geben kann wie Soul. Wobei der „unsung hero“ hier vermutlich Moses Pelham ist, der z.B. auch Künstler wie Cassandra Steen bekannt gemacht hat. 

Vermutlich war es eine blöde Idee des NDR, den Sänger für den nächsten ESC selbstherrlich zu nominieren. Das konnte man einer Fangemeinde, die es gewohnt war, selbst am Auswahlverfahren beteiligt zu werden, kaum beibringen. Es war absehbar, dass schon die Musik Naidoos spalten würde. Aber so weit kam es gar nicht erst, weil wieder einmal die like-hysterische „Netzgemeinde“ ein Opfer gewittert hatte, auf dessen Kosten sich jeder als „Guter“ hinstellen konnte. 

Ein Auftritt Naidoos vor „Reichsbürgern“ und auf einer Montagsdemo, verbunden mit zwei Aussagen, die ihn zumindest in die Nähe der dort vertretenen Ansichten rückten („Deutschland ein besetzter Staat“, Zweifel am offiziellen Ablauf von 9/11), reichten, um ihn mit dem Etikett „Reichsbürger“ und „rechts“ zu versehen, obwohl er sich schon damals von der Ideologie der „Reichsbürger“ insgesamt distanzierte[1]. Aber das geht ins Graue, und das mag die „Netzwelt“ nicht. Da hält man es mit dem Digitalen, 1 oder 0. Und schon quollen Twitter und Facebook über von „urkomischen“ Witzen, die entweder den Wahsninns-Gag brachten, warum jemand, der Deutschland nicht für einen Staat, sondern eine GmbH hält (bei den Reichsbürgern populär), dann für dieses Land antreten wolle. Was wiederum gleich doppelt dämlich war, weil zum einen Naidoo diese Meinung nie äußerte und zum anderen jeder ESC-Teilnehmer nicht für Deutschland, sondern für die ARD antritt. Aber das störte natürlich all jene nicht, die gerade dabei waren, sich in ihrer moralischen Überlegenheit und vermeintlichen Originalität gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Und weil „Reichsbürger“ nun mal „Rechte“ sind, warf man all das auch gleich in den üblichen Topf, in dem dann die NPD, die AfD und auch Markus Söder zu finden waren. Ganz mal ungeachtet der Tatsache, dass Naidoo weder eine Nähe zu diesen Organisationen oder Personen offenbart hätte, noch dass man diese irgendwie mit den verschrobenen „Reichsbürgern“ hätte in Verbindung bringen können. Aber für den sich auf der richtigen Seite wähnenden Kämpfer gegen das Böse ist Differenzierung eh unnützes Zeug. 

Auch Liedtexte grub man aus. Einen fand man, in dem Naidoo zusammem mit Kool Savas Leute verdammte, die man – je nach Sichtweise – als Pädophile oder Schwule identifizieren konnte. Keine Frage, dass es für die wackeren Kämpfer gegen das Böse die Schwulen sein mussten. Und allein die Nennung eines auf den jüdischen Bankier Rothschild anspielenden Namens in einem anderen Text (der – auch reichlich platt, aber hey, it’s pop music – sich kritisch mit den Banken beschäftigte) reichte, um ihn als Antisemiten zu entlarven[2]. 

Mit einem Wort: Der Mann war als Krebsgeschwür dieser Gesellschaft enttarnt. Man stellte ihn an den Pranger, um seine allgemeine Ächtung (oder zumindest die des öffentlich-rechtlichen Fernsehens) zu erreichen. Es funktionierte. Und von all den Idioten, die das Sinnbefreites und Falsches, aber immer politisch Korrektes von sich gaben, übernimmt keine Sau die Verantwortung für den Rufschaden, der an denen hängen bleibt, die einfach nur dafür sorgen wollten, dass ein anerkannter Künstler auf diesem Sangeswettbewerb auftritt, um dort auch mal mehr als 0 Punkte einzuheimsen. Die Karawane zieht weiter, und sie wird an der nächsten Ecke ebenso ätzend und hyterisch über ihr nächstes Opfer herfallen. Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, wie wichtig diese im echten Leben völlig unbedeutende Clique von Menschen, denen man am liebsten das „get a life“ in die Profile nageln möchte, von den angeblichen Qualitätsmedien genommen wird. Wenn man dann aber sieht, dass die Social-Media-Accounts dieser angeblichen Qualitätsmedien an der fröhlichen Hatz kräftig beteiligt sind, relativiert sich das Staunen wieder.

Letztlich ist es dem Werwohlf egal, wer da beim ESC trällert. Aber dass eine öffentliche Hetze gegen einzelne Personen wegen vereinzelter missliebiger Aussagen in der Lage ist, die Entscheidung öffentlich-rechtlicher Sendung umzudrehen, ist bezeichnend für den Zustand dieser Gesellschaft. 

[1] Der gute Xavier scheint nicht das hellste Köpfchen zu sein und sich gerne mal politisch zu verrennen. Aber das ihm unterstellte Weltbild hat er eben offensichtlich nicht. 
[2] Die Rothschild-Anspielung ist antisemitisch. Man hätte Naidoo einmal damit konfrontieren sollen. Aber der Punkt ist: Typen, die andere antisemitische Aussagen als „Israel-Kritik“ durchgehen lassen, sind keine glaubwürdigen Zeugen. 

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