Vom Segen des Reset-Schalters

Es ist ja nicht unüblich, dass Ideologen, wenn sie Modelle der Marktwirtschaft kritisieren, gerne Begriffe aus dem Zusammenhang reißen, um sie ihrem erschreckten Fanlager dann als besonders verwerfliche Denke der Marktradikalinskis präsentieren zu können. Das war so mit dem „homo oeconomicus“, oder dem „Humankapital“, und das passiert jetzt des öfteren mit dem von Schumpeter geprägten Begriff der „schöpferischen Zerstörung“. Bei Linken wie Rechten[1] steht er für die skrupellose Aufgabe von liebgewonnenen Errungenschaften bzw. Traditionen. Bei dem Rechten (hier also Konrad Adam) klingt das dann so:

Die Wirtschaft will ja nicht erhalten, sondern verändern, schöpferisch zerstören, wie die bekannte Formel lautet. Sie will den Tempel des Herren abbrechen und in drei Tagen neu errichten; das aber ist das Werk des Teufels.

Wie sich die Argumentationsmuster doch gleichen. 

Zwar würde ein Linker wohl eher nicht den Tempel des Herrn oder den Teufel erwähnen, aber gemein haben die üblichen Formulierungen die Personifizierung („das Kapital“, „die Wirtschaft“), um gleich darauf die finsteren Machenschaften des so geschaffenen Monsters zu offenbaren („die Wirtschaft will“). Nun äußert sich der Herr Adam nicht, was in unserem Wirtschaftsleben vergleichbar mit dem Tempel des Herrn sein sollte, aber schon die Absicht der Veränderung an sich scheint ihm des Teufels zu sein. Dabei ist die Sache an sich ja relativ harmlos, ja eher ein Grund zum Jubeln für die meisten, allerdings auch ein Ungemach für einige wenige. Denn der Prozess der schöpferischen Zerstörung ist es, der überhaupt für Wohlstandsmehrung sorgt. Nur durch ihn wird das Bessere zum Feind des Guten, wird aĺso sichergestellt, dass der Umgang mit Ressourcen immer effizienter wird, indem entweder bislang nicht befriedigte Bedürfnisse bedient werden oder die bereits erfolgende Befriedigung von Bedürfnissen mit weniger Ressourceneinsatz auskommt. Das funktioniert zum Leidwesen vieler Menschen (allen voran der jeweiligen Manager) nun aber nicht dadurch, dass sich der amtierende Markt-Platzhirsch immer wieder selbst neu erfindet, sondern bislang nicht gesichtete Artgenossen mit schönerem Geweih aus dem Dickicht brechen und ihn verjagen. Kodak hätte nie die Digitalfotografie vorangetrieben, und Siemens nie das Fax vermarktet. Im Gegenteil: Je saturierter, desto innovationsunwilliger. Weil es also auch neuer Organisationen bedarf, die meist auch noch neue Wege begehen, die von den alten entweder nie gesehen oder bewusst ignoriert wurden, kann der Fortschritt nur dadurch voran kommen, indem die Alten und ihre Methoden das Feld räumen und die Neuen mit den neuen Vorgehensweisen ihren Platz eiunehmen. Die CD erledigte die Vinylplatte, die Musikdatei die CD. Und aus Computerbauern werden plötzlich Anbieter von Musik. Aus der Tatsache, dass es nach wie sowohl Vinylplatten als auch CDs zu kaufen gibt, kann man dann auch schließen, dass die schöpferische Zerstörung keine gnadenlose ist. Sie bringt das Neue hervor, aber sie vernichtet das Alte dann doch nicht ganz – nur dessen Tempel vielleicht…

Dass man als Konservativer mit so viel Fortschritt seine Probleme hat, ist verständlich. Es zeigt auch, was den Werwohlf trotz aller Reserven gegenüber dem Liberalismus noch vom Konservatismus trennt. Und dass der Konservative es nicht vermag, Alternativvorschläge zu formulieren, die über Nebulöses hinaus gehen (Wie werden in das Wirtschaftsleben „Realismus, Augenmaß und Verantwortungsgefühl“ implantiert – so sie denn fehlen -, und wer macht das?), verwundert dann wohl auch nicht.

Das eigentliche Problem aber ist doch vielmehr das Fehlen jeder schöpferischen Zerstörung. Politische Systeme verkrusten mit der Zeit, ganz egal, mit wieviel Schwung (ohne moralische Wertung) sie einmal starteten. Und dann wird es Zeit, dass sie abgelöst werden. Aber was soll z.B. die Demokratie des Grundgesetzes in Deutschland ablösen? Sklerotische Prozesse sind auch bei uns nicht mehr zu übersehen. Es ist auf der einen Seite eine politisch-medial-akademische Klasse entstanden, aus der sich die Eliten des Staates rekrutieren, die aber immer weniger mit der Welt derer zu tun hat, die ihr nicht angehören. Auf der anderen Seite gilt Ähnliches für die Wirtschaft: Söhne von Managern werden Manager. Unternehmer, die schöpferische Zerstörung voranbringen, sind Fehlanzeige – die letzten Exemplare dieser Gattung waren die SAP-Gründer[2]. Die Köpfe der immer selben Parteien sprechen mit den Köpfen der immer selben Konzerne. Wenn man diesen Zustand schönfärben will, nennt man ihn „Crony Capitalism“. Aber es ist letztlich nur Verkrustung[3]. Alte Industrien werden verteidigt, bis es nicht mehr geht, neue werden verteufelt (können Linke noch besser, ohne den Leibhaftigen beim Namen zu nennen), wo es geht. Und als einzige bedeutsame „Innovation“ wird uns die staatlich beschlossene und subventionsgetriebene Rückkehr zur Energiegewinnung à la Mittelalter offeriert. Treten neue Parteien auf den Plan, die etwas an der beschlossenen Verteilung des Kuchens ändern könnten, werden sie in gemeinamer Anstrengung der politisch-medial-akademischen Klasse weggebissen mit dem Arsenal, das in diesem Land seit Ende der Naziherrschaft bereit steht. Und weil die Verflechtung nun mal besteht, findet diese Anstrengung dann auch willfährige Verbündete in den Konzernetagen. 

Noch versucht man, mit Gelddrucken und Schulden so etwas wie Fortschritt zu suggerieren. Aber Drogen pflegen in ihrer Wirkung nachzulassen, und an der nächsten Lampe steht schon die nächste Schlampe, sprich: Blase, für Dich bereit. 

Diese Demokratie bräuchte einen Neustart. Es muss ja nicht immer damit enden, dass Menschen geköpft werden. Am besten, man verbietet von heute auf morgen alle Parteien und den gegenwärtig in ihnen aktiven Funktionären die weitere politische Betätigung bis ans Lebensende. Auch die Bundesländer werden aufgelöst mit der Aufforderung, sich nach Gutdünken neu zu gründen, gerne auch mit der Freiheit, mit Teilen eines anderen Staates zusammen zu gehen, egal, in welcher Föderation man dann landen sollte. Dann beruft man für die so entstandenen „neuen neuen“ Bundesländer eine verfassunggebende Versammlung ein, und das Spiel beginnt von neuem. Wo ist der Reset-Schalter?

Okay, unrealistisch und in zigfacher Weise bedenklich. Aber sorry: Mir gefällt’s trotzdem.

[1]Ja, der Werwohlf zitiert bewusst aus der „Jungen Freiheit“. Warum auch nicht? Mit Dank an Patrick Bahners für den Link.
[2]Nein, wir wollen nicht die vielen erfolgreichen Mittelständler vergessen, die in ihren (Export-)Märkten immer wieder für Innovationen sorgen. Aber um eine „schöpferische Zerstörung“ zu diagnostizieren, sind sie nicht relevant genug,
[3]Der Werwohlf hat sich nicht genauer damit beschäftigt, aber in der Justiz scheint auch vieles im Argen zu liegen…

Advertisements


Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s