Gestern war es soweit

Gestern war es soweit. Ich hörte an meiner Wohnungstür ein lautes, hämmerndes Geräusch. Ich lugte durch den Türspion und sah zwei junge, kräftige Burschen mit vergleichsweise dunklem Teint, wie sie mittels eines riesigen Vorschlaghammers meine Tür bearbeiteten. Schnell lief ich ins Wohnzimmer und griff in die Schublade, wo Pistole und Munition bereitlagen. Ich drückte das Magazin in die Waffe, lud durch und entsicherte. Dann eilte ich wieder nach vorne, zur Tür, die inzwischen schon reichlich ramponiert aussah. Endlich machte es laut „Kracks“ und sie gab nach. Die beiden Kerle kletterten in den Flur. Ich richtete meine Waffe auf sie. Da sagte plötzlich der etwas kleinere der beiden zu mir:

„Halt! Du darfst nicht schießen!“

„Warum nicht?“ fragte ich ungläubig.

„Weil wir Flüchtlinge sind!“

„Na und!“ rief ich. „Das ist mir doch egal! Ihr betretet gerade meine Wohnung, und ich habe das Recht, mich dagegen zur Wehr zu setzen!“

Er lächelte. „In diesem Staat ist Artikel 1 Absatz 1 Satz 1 des Grundgesetzes das oberste Gebot. Unsere Würde ist unantastbar. Du darfst nicht auf uns schießen! Und die Humanität verpflichtet dich, uns Zuflucht zu gewähren! Wieviele Zimmer hast du?“ Er sah sich um. „Zwei, gar drei? Dann haben ein paar unserer Freunde auch noch Platz.“

Ich winkte mit meiner linken Hand ab. „Unsinn. Das ist mein Eigentum, und ich darf euch den Zutritt dazu verwehren!“

„Kannst du gerne versuchen. Wir sind zu zweit und wie es aussieht, auch besser trainiert als du.“

„Aber ich habe die Waffe!“ betonte ich und fuchtelte etwas mit meiner Pistole herum.

„Die du eben nicht benutzen darfst. Das wäre unmenschlich. Uns geht es dreckiger als dir, und du willst aus reinem Egosismus nichts abgeben? Pfui, schäme dich!“ Er spuckte verächtlich auf den Boden. Sein Begleiter beschränkte sich während der ganzen Unterhaltung darauf, mich aus dunklen Augen zu mustern. Es war nicht zu erkennen, ob es sich um einen bittenden oder drohenden Blick handelte. 

„Ich gebe ja gerne etwas ab. Aber ich möchte entscheiden, wieviel und an wen zuerst.“

„Das geht jetzt nicht mehr. Es gibt uns eben. Und wir brauchen jetzt eine Wohnung. Du siehst doch, wie kalt es draußen wird.“

„Das hättet ihr euch überlegen sollen, bevor ihr euch auf den Weg gemacht habt!“ wandte ich ein.

Jetzt schien mein Gegenüber deutlich ungeduldiger zu werden. „Hör mal. Wir haben nicht umsonst so viele Scheinchen hingeblättert, um den Tipp mit deiner Wohnung zu bekommen. Deine Kanzlerin hat uns eingeladen. Es heißt, dieses Land muss sich verändern, und ihr müsst von eurem Wohlstand abgeben. Dann fang jetzt endlich mal an. Einwannderungsrecht geht vor Eigentumsrecht!“

„Aber doch nicht mit einem so drastischen Eingriff in mein Leben!?“

„Alter, wie sollte das denn anders gehen? Glaubst du, ihr könnt uns alle herholen und dann die Folgen nicht am eigenen Leib zu spüren bekommen? Sei froh, dass wir hier jetzt ganz normale Menschen sind und keine Terroristen. Dann wäre die Sache längst klar.“ Sein Begleiter bewegte seinen Daumen und machte die Geste des Halsabschneidens. Dabei grinste er. Der Kleinere fuhr fort: „Grenzen sind bedeutungslos geworden. Globalisierung, Mann! Internet! Du siehst doch, dass du uns nur aufhalten kannst, wenn du mit deiner Kanone herumballerst. Aber das darfst du nicht, das wäre ein menschenverachtender Schießbefehl. Auf Flüchtlinge schießen! Mann, was bist du? Ein Nazi?“

Da fuhr ich erschrocken zusammen und ließ die Waffe sinken. „Nein, um Himmels Willen! Der bin ich natürlich nicht.“

Sie bewegten sich auf mich zu. Der Kleinere nahm mich in den Arm. „Wir danken dir herzlich! Wir brauchen auch nicht viel. Einen Platz zum Schlafen. Ein Badezimmer. Eine Küche, wo wir unsere traditionellen Speisen kochen können. Wir haben eine Liste der Zutaten dabei, die du noch zu besorgen hättest. Ein bisschen Taschengeld wäre auch nett. Und vergiss bitte nicht, die Tür reparieren zu lassen, okay?“

Ich blickte aus dem Fenster und sah am Ende der Straße einen kleinen Tross, der sich langsam näherte. Dann hörte ich, wie eine Stimme sagte. „Jetzt, wo das so gut geklappt hat: Die nächsten Wochen kommen jeden Tag noch ein paar Cousins von mir. Lass dir was einfallen.“

Und noch während ich mich wunderte, warum der Kerl so verdammt gut Deutsch sprach, und woher ich eigentlich die Pistole hatte, wachte ich auf.

Es war nur ein Traum.

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6 Kommentare on “Gestern war es soweit”

  1. Klaus sagt:

    Hihi, wovon Wutbürger so träumen 😉
    Aber ernsthaft, diese Flüchtlingskrise ist ein Notfall, und da müssen halt auch unpopuläre Maßnahmen eingeführt werden. Es gibt jede Menge ungenutzten Wohnraum, gerade hier im Schwabenland gibt es genug Häusle mit ausgebauter Dachwohnungen bzw. Einliegerwohnungen, aber die Kinder sind aus dem Haus und manchmal ist der Partner schon gestorben. Und ja, Eigentum verpflichtet in solchen Notfällen.

    Übrigens, auch im Wachzustand dürftest Du nicht schießen, für Notwehr wäre mehr notwendig, schließlich haben wir keine amerikanischen Verhältnisse !

    • Werwohlf sagt:

      Und ja, Eigentum verpflichtet in solchen Notfällen.

      Das ist ja praktisch, dass hier mit dir ausgerechnet die Instanz kommentiert, die das so festsetzen kann. Und einen Staat, der solche Notfälle entgegen der vorliegenden Gesetzeslage herbeiführt, damit er Enteignungsgelüste befriedigen kann. Aber dir ist schon klar, dass die Logik deiner Behauptung irgendwann zur Zwangszuweisung in bewohnte Häuser und Wohnungen führt?

      Übrigens, auch im Wachzustand dürftest Du nicht schießen, für Notwehr wäre mehr notwendig, schließlich haben wir keine amerikanischen Verhältnisse !

      Selbstverständlich dürfte ich, wenn Typen mit einem Vorschlaghammer meine Wohnungstür aufbrechen und dann in meine Wohnung eindringen, grundsätzlich als Notwehr von der Schusswaffe Gebrauch machen. Die „amerikanischen Verhältnisse“ unterscheiden sich nämlich nicht so sehr von unseren.

      • Klaus sagt:

        Durch die suboptimale Kommunikation unserer verehrten Kanzlerin wurde vielleicht der Strom der Menschen in Not nach Deutschland umgelenkt, aber deren Not bestand bei den meisten schon vorher. Krieg, Gewalt, bittere Armut, Diskriminierung und Verfolgung hat nicht Merkel zu verantworten, auch wenn sich mancher sich wünscht sie hätte die Augen davor verschlossen.

        Und von Enteignung spricht ja keiner und es steht jedem Immobilienbesitzer frei die Wohnungen schon jetzt an ihm genehme Mieter zu vermieten. Der (Wut)-Bürger muss halt seine Schockstarre überwinden und ein kleines Risiko eingehen. Er/sie wird durch den Umgang mit den Neubürgern schnell feststellen, dass die Angst vor den Muslimhorden unbegründet ist.

        Da Immobilienbesitzer und Unternehmer die größten Nutznießer der Einwanderung sind sollte man tatsächlich über entsprechende Steuererhöhungen nachdenken.

        Zum Thema ‚Notwehr‘: Bei Schützen die bei der FDP und AfD (!) mitgemischt haben muss man natürlich von anderen Motiven ausgehen und nicht von Notwehr. Da muss das Gericht dann ein Exempel statuieren 😉

      • Werwohlf sagt:

        Gewalt, bittere Armut, Diskriminierung und Verfolgung hat nicht Merkel zu verantworten, auch wenn sich mancher sich wünscht sie hätte die Augen davor verschlossen.

        Nein, hat sie nicht, aber die meisten der Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, fliehen eben nicht mehr unmittelbar vor Krieg oder Gewalt, und sie gelten in ihrer Heimat auch nicht als „bitter arm“. Und diese Menschen haben von unserer Kanzlerin einen gewaltigen Anreiz bekommen, sich a) überhaupt erst auf den Weg zu machen und b) als dessen Ende Deutschland auserkoren zu haben.

        Wobei als c) die unvermeidbare Folge dazu kommt, dass wo wegen a) und b) schon sehr viele Landsleute potenzieller Zuwanderer sind, auch zum Ziel letzterer wird.

        Und von Enteignung spricht ja keiner und es steht jedem Immobilienbesitzer frei die Wohnungen schon jetzt an ihm genehme Mieter zu vermieten.

        Natürlich ist die Verfügung über das Eigentum anderer faktisch eine Enteignung. Und zum Verfügungsrecht gerhört auch, Wohnungen leer stehen zu lassen. Was auch sonst. http://www.tagesspiegel.de/politik/unterbringung-von-fluechtlingen-enteignung-in-deutschland/12554902.html

        Wie risikobereit andere Leute aus deiner Sicht zu sein haben, ist zwar anrührend, überzeugt als moralische Position jetzt aber auch nicht so richtig. Und deine immer wieder bekundete Bereitschaft, Leuten, die in die Gefahr geraten könnten, finanziell besser dazustehen, zusätzliches Geld abzunehmen, ist in diesem Land tatsächlich sehr populär, aber auch nicht gerade geeignet, Neid als primären Anlass auszuschließen…

        Bei Schützen die bei der FDP und AfD (!) mitgemischt haben muss man natürlich von anderen Motiven ausgehen und nicht von Notwehr.

        Während man bei Mitgliedern der „Linken“ davon ausgehen kann, sie hätten nur alte Traditionen gewahrt. Schon verstanden. 😉

  2. Robin sagt:

    http://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/gruene-senat-soll-private-gebaeude-und-grundstuecke-beschlagnahmen

    Ein Traum wird wahr!
    Grundsätzlich, so schreiben die Grünen, sollen „alle Arten von Immobilien in Anspruch genommen werden können, die eine zügige Unterbringung von Geflüchteten tatsächlich ermöglichen“.
    „Im Zweifel hat die sofortige Inanspruchnahme (…) Vorrang vor Verhandlungen mit ungewissem Ausgang.“
    „Die Beauftragten der zuständigen Behörde sind berechtigt, Grundstücke sowie Gebäude oder Teile davon zur Prüfung der Frage, ob die Voraussetzungen für eine Sicherstellung (…) vorliegen, zu betreten.“ Sie sollen das auch gegen den Willen des Eigentümers tun dürfen, aber „nicht während der Nachtzeit“.
    „Durch dieses Gesetz wird das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes) eingeschränkt.“
    Verfassungswidriges wird sofort beschlossen, Alpträume dauern etwas länger.

    • Werwohlf sagt:

      Verfassungswidriges wird sofort beschlossen, Alpträume dauern etwas länger.

      LOL
      Das ist gemeint, wenn gesagt wird: Die Krise ist auch eine Chance. Nämlich bislang Undenkbares durchzusetzen.


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