Let’s tabu!

Im „Tagesspiegel“ fordert eine Autorin neue Tabns „im Sinne der Realität“. Soll wohl heißén: „Ich weiß, wie die Wirklichkeit aussieht, und alles andere muss zum Verstummen gebracht werden.“

Schauen wir uns diese Gewissheiten doch mal genauer an. Die erste wäre der angebliche „Popanz Obergrenze“. Warum?

Sechzig Millionen Menschen weltweit auf der Flucht: So wie es leider keine Obergrenze für Zerstörung, Krieg, Folter, Not gibt, so kann es auch keine Grenze der Hilfe für die geben, die dies trifft. Dem stehen völkerrechtliche Verträge entgegen, auf die Deutschland und Europa sich verpflichtet haben. Vor allem aber Regeln des Zusammenlebens, die so alt sind wie die Menschheit selbst.
„Wir Deutschen können nicht das Elend der ganzen Welt …“ Natürlich könnten wir das nicht. Aber die Frage stellt sich auch nicht. Von denen, die die apokalyptischen Reiter unserer Zeit in die Flucht treiben, kommen nur Prozentbruchteile ins reiche Europa. Das diese Bruchteile weiter verkleinert, indem es sichere Zugänge verweigert und stattdessen die Todesziffern im Mittelmeer hochtreibt. Das Elend der ganzen Welt, das angeblich in unseren Teil der Welt strömt, ist nichts als ein Popanz.

Genießen wir dieses Musterbeispiel stringenter Argumentation doch im Detail. Da wird erst mit der Zahl von sechzig Millionen die Aussichtslosigkeit jeder Begrenzung illustriert, um dann gleich hinterher jede Besorgnis in dieser Richtung mit dem Hinweis zu „erledigen“, eigentlich kämen ja nur „Bruchteile“. Wunderschön. 

Nachdem also hiermit genug für das Amüsment des Lesers getan ist, können wir uns der weiteren, nun ja, „Logik“ der Argumentation zuwenden. Da nicht alle Flüchtlinge dieser Welt nach Deutschland kommen, ist eine Überforderung des aufnehmenden Landes ausgeschlossen!? Wer das logisch findet, den verabschiede ich hiermit freundlich von dieser Website, weil es leider an gemeinsamen Voraussetzungen mangelt.

Weiter geht’s zum nächsten Wunsch-Tabu: Natürlich schaffen wir das. Man denke nur an die 12 Millionen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ja zumindest ehrlich, dass die Aussicht auf Zwangszuweisungen in bestehende Wohnverhältnisse hier als normal und quasi unvermeidlich hingestellt wird, aber nicht nur wir fragen uns, ob es wirklich zu vergleichen ist, wenn Millionen von Deutschen in Deutschland aufgenommen werden, die mit den Aufnehmenden sowohl sozialen Hintergrund als auch Schuld und daraus folgende Vernichtung teilten, oder Menschen fremder Kulturen mit überwiegend drastischen Bildungsdefiziten, deren Antrieb zur Migration es war, dass ihnen die Einlösung paradiesischer Versprechen in Aussicht gestellt wurde.

Und letztlich, dass Kinder der Einwanderer diesem Land gut tun. Da es sich aber, wie von den „Refugees welcome“-Fans zurecht betont, bei den Flüchtlingen um Menschen handelt und nicht um Regenwürmer, stellt sich nicht die Frage, wie dieses Land viele Kinder, sondern viele ausgewachsene junge Männer integriert. Die Struktur dieser Migration zur Kenntnis zu nehmen ist schließlich kein rechtes Privileg. 

Aber würden wir dann auch Tabus brauchen?

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