Der durchökonomisierte Kuchen

Zum Glück gibt es das FAZ-Feuilleton. Wo sonst bekäme der davon ansonsten nicht behelligte Bürger so wertvolle Einblicke in das verworrene, nun ja, Denken intellektueller Linker? Heute ist es mal wieder soweit: Redakteur Harald Staun macht uns anlässlich der wohlwollenden Besprechung zweier Bücher aus dem linken Spektrum gruseln, denn die Durchökonomisierung geht um im Lande. Oder ist es der Neoliberalismus? Oder der Markt? So ganz klar ist das nicht, denn vor lauter Lust am Schwurbeln wechselt der Autor von einem Begriff zum anderen, ohne je einen davon auch nur dem Rand einer Definition zugeführt zu haben. Tatsache ist jedoch: Wir reden hier von ganz schlimmen Übeln.

Das besonders Perfide am Neoliberalismus, um mal mit dem anzufangen, ist ja, „dass er erfolgreich so tut, als gäbe es ihn nicht“. 

Er wird von keiner Partei repräsentiert, entsendet keine Vertreter in Talkshows, und seine intellektuellen Väter haben, im Gegensatz zu ihren ideologischen Gegnern, den Verfassern des „Kommunistischen Manifests“, nicht das geringste Bedürfnis, „ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darzulegen“, um sich dem „Märchen vom Gespenst“ entgegenzustellen.

Allein schon darin, dass der Strohmann so hartnäckig seine Materialisierung verweigert, zeigt sich seine große Gefährlichkeit. Glückwunsch: ein ernsthafter Bewerber für den Zirkelschluss des Monats. Sicher, es gibt eine ökonomische Tradition, die sich den Namen „Neoliberalismus“ gab. Diese wendete sich in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, unter anderem als Gegenentwurf zu totalitären Systemen, gegen einen „reinen“ Liberalismus, indem sie den Wettbewerb als „Veranstaltung“ sah, die von Staats wegen zu schützen sei. Zudem müsse der Staat dafür sorgen, dass in dieser Veranstaltung die Schwächeren nicht unter die Räder kämen. Ziel war es, die Freiheit der Bürger vor Machtballung zu schützen, handele es sich staatliche (Gegenentwurf: Zentralverwaltungswirtschaft) oder private (Monopole, Kartelle). Der Neoliberalismus dieser Art stand Pate für die „soziale Marktwirtschaft“ Erhards und wird in Deutschland von den „Ordoliberalen“ weiter so vertreten.

Was hat dieser Neoliberalismus nun mit dem Übeltäter der Linken zu tun, der die „Durchökonomisierung“ je nach Stand des aktuellen Schwurbelns entweder vorantreibt oder mit ihr identisch ist? Der das „Denken der Menschen prägen will“? Der alle nicht-ökonomischen Maßstäbe abschaffen will? Der – ganz übel – dem einzelnen Menschen die „Zuständigkeit und Veranwortung für sein eigenes Schicksal übertragen“ möchte? Immerhin bezieht sich Staun auch explizit auf ihn mit seinem Hinweis auf die „Mont-Pelerin-Gesellschaft“ (bei der es sich – Achtung! – verwerflicherweise um eine „geschlossene“ handelte, im Gegensatz offensichtlich zu Redaktionssitzungen des FAZ-Feuilletons). Da hat einer der von Staun vorgestellten Autoren auf raffinierte Weise den entscheidenden Beweis gefunden: Die Neoliberalen sprächen sich ja explizit für Eingriffe des Staates aus, und dabei handele es sich dann eben um genau jene, die das „neoliberale Idealbild“ durchsetzen sollten. Staun erkennt hier ausnahmsweise die allmähliche Abkehr von der Realität, indem er darauf hinweist, dass Neoliberale nun ja gerade nicht dafür bekannt seien, einen „starken Staat“ zu fordern, verfolgt diesen Gedanken aber nicht weiter bzw. verrennt sich später dabei, indem er als „neoliberalen“ Widerspruch ausgibt, dass diese die Überlegenheit des Marktes propagierten, aber Ökonomen notwendig seien, diesen einzurichten. Hätte er sich etwas mehr mit neoliberaler Theorie beschäftigt als die Tagespresse und den Propheten aller Schwurbler, Foucault, zu lesen, hätte er vielleicht mitbekommen können, dass die Ordoliberalen eben gerade keine Ökonomen wollen, die in das Marktgeschehen eingreifen, sondern vor allem auf ein konsequent angewendetes Recht setzen (ok, ist zur Zeit nicht so in Mode…). Der Staat der Neoliberalen ist kein Coach, der ständig und willkürlich in das Spielgeschehen eingreift, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern der Schiedsrichter, der dafür sorgt, dass allgemeingültige und dauerhafte Regeln eingehalten werden.

Die in dem Artikel aufgeführten Tendenzen, Management-Moden auch auf andere Bereiche auszudehnen, gibt es natürlich. Aber diese zusammen mit dem historischen Neoliberalismus gewaltsam unter ein Dach zu zwängen, ist schlicht Unsinn. In neoliberalen bzw. ordoliberalen Schriften wird man solche Vorschläge kaum finden. Im Gegenteil: Bei den Ökonomen, die so gerne diskretionär in alle Lebensbereiche eingreifen, handelt es sich sozusagen um die natürlichen Feinde der Neoliberalen. Die werden gerne gefeiert, wenn sie als Grundlage ihres Gestaltungsdrangs den bösen „homo oeconomicus“ verdammen (der übrigens nie mehr als modell-theoretischer Ausgangspunkt war – keinesfalls „Ideal“), aber es ist eben die Kehrseite dieser Verdammung, dass erst sie eine Beeinflussung durch alle möglichen Tricks nahe legt. Richtig ist also das genaue Gegenteil dessen, was im besprochenen Buch und seiner Rezension behauptet wird. 

Die einzelnen Vorwürfe gegen diesen Dämon, wie sie in der Rezension wild verstreut (Strukturen sind ja sowas von neoliberal!) sind, klingen auch eher erbärmlich. Da wäre z.B. die „Abschaffung sämtlicher Maßstäbe, die keine ökonomischen sind“:

Überall, wo sie eingeführt werden, stellen sie sämtliche Ziele in Frage, welche sich nicht mit den Mitteln des Wettbewerbs erreichen lassen. Das gilt für die unrentable Bildung breiter Bevölkerungsschichten genauso wie für den umweltbewussten Verbrauch von Ressourcen, aber vor allem gilt es für die Methoden selbst, die sie ersetzen, für den mühsamen und oft völlig ineffektiven Prozess der Meinungsbildung.

Dass eine Bildung breiter Bevölkerungsschichten „unrentabel“ sei (und dies von den Übeltätern, also den Neoliberalen oder Ökonomen auch so vertreten würde), ist genau so unhaltbar wie die Behauptung, Mittel des Wettbewerbs seien untauglich für einen umweltbewussten Verbrauch von Ressourcen. Und die Meinungsbildung dürfte derzeit eher von ganz anderen Kräften unter Feuer genommen werden. Hier werden einfach nur ein paar Klischees aneinander gereiht, die eine besondere Verwerflichkeit des sich der Materialisierung verweigenden Gespenstes belegen sollen. 

Oder reden wir von den „Freiheiten“, die „der Markt“ (jetzt ist er der Übeltäter, es könnten aber auch die „Durchökonomierung“ oder der „Neoliberalismus“ sein) ausschließt:

Es ist immer nur eine negative Freiheit, die Freiheit, wie Brown schreibt, des „Insassen eines Todestrakts“, der „über seine Exekutionsmethode entscheiden kann“. Weder beinhaltet sie die Freiheit, ineffektiv und verschwenderisch zu sein noch die Freiheit, seine egoistischen Interessen nicht zu verfolgen – die Freiheit, von drei Möglichkeiten, die der Markt bietet, die vierte zu wählen.

Was hier kritisiert wird, ist nicht der Markt, sondern die zugegeben unangenehme Eigenschaft der Realität, dass Ressourcen nur einmal in Anspruch genommen werden können und die Entscheidung für das eine Handeln die Nichtentscheidung für alles andere bedeutet (oder, wie wir durchökonomisierte Neoliberale sagen: dass es Opportunitätskosten gibt). Selbstverständlich ist selbst unter dem strengsten Marktregime jedermann frei, ineffektiv und verschwenderisch zu sein. Was man als Linker hier wohl vermisst, ist, dass man nach Ausüben dieser Freiheit weiterhin einen Anspruch auf denselben materiellen Status hat, wie ihn die Effizienten und Nichtverschwender erzielten. Und jedermann ist ebenfalls frei, Märkte zu umgehen. z.B. indem er sich wirtschaftlich ausschließlich im Umfeld seines Clans bewegt, wo schon mangels zur Verfügung stehender Alternativen abstrakte Marktlogiken eher weniger greifen. 

Oder noch anders gesagt: Die schröckliche Ideologie, die von durchökonomiserten Neoliberalen mit Macht durchgedrückt werden soll, lautet kurzgefasst „you can’t have the cake and eat it„. Ein ideales Ziel für linken Widerstand.

Disclaimer: Der Werwohlf ist kein Liberaler, auch nicht mit einem „Neo-“ davor. Das liberale Menschenbild hat, wenn es auf die Spitze getrieben wird, dieselben Schwächen wie alle anderen Menschenbilder auch. Aber es entspricht eben nicht den Zerrbildern, die in bestimmten Kreisen populär sind.

Advertisements

2 Kommentare on “Der durchökonomisierte Kuchen”

  1. Dirk sagt:

    Skandal! Der Neoliberalismus schafft keune Sachzwänge ab. Ja, anders als die von Parteien repräsentierten Ideologien verschafft er nicht einmal die Illusion das zu tun. Er zwingt uns einfach in der kalten Realität zu leben statt im Wolkenkuckusheim.

  2. n_s_n sagt:

    Lieber Werwohl,

    Ich bin über diesen Artikel ebenfalls gestolpert. Ich habe die Überschrift und die ersten drei Zeilen gelesen. Dann habe ich auf das Bild des Autors geklickt und ihn mir kurz betrachtet.

    Danach habe ich nicht mehr weiter gelesen, weil die wesentliche Attributierung des Autors auf der Hand lag, die mit „idealistischer Ahnungslosigkeit“ noch unter Zuhilfenahme eines Euphemismus umschrieben wäre.Warum klar sprechen, wenn man mit Raunen doch seine Stimme schonen kann?

    Wie ich keine politischen Talk Shows schaue, blende ich auch solche Artikel aus. Natürlich ist es ärgerlich, dass sich solch intellektueller Dünnpfiff in der Qualitätspresse findet aber was will man machen? Dagegen zu argumentieren ist Perlen vor die Säue. Jemand der diesen Text liest und mit Kopfnicken reagiert, der wird keine anderen Ansichten gelten lassen.- Von Argumenten, Definitionen und Inhalten muß man sich schon lange verabschiedet haben, um solche Texte zu goutieren.

    In der Welt in der wir leben gehen solche Texte nun mal als intellektuell durch. Da sich die Welt, in der wir leben, aber ändern wird, wird sich auch das ändern. – Ganz ohne Gegenargumentation.

    In dieser Hinsicht wäre es mir sogar lieber, wir könnten noch lange solche Intellektuellen Tiefflieger in der FAZ lesen, die ein breites kopfnickendens Publikum vorfinden. Solange das der Fall ist, geht es uns wirklich gut.


Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s