Der neue Aufstand der Anständigen

Also, als Werwohlf schaut man ja praktisch nie die Tagesthemen der ARD. Die Nachrichten dort sind nicht mehr neu, und die Berichte, nun ja, vorhersehbar. Handelt es sich bei einem aber um einen zappenden Werwohlf, dann landet man doch ab und zu mal dort. Zufällig auch gestern, und zufällig mitten rein in den Kommentar einer Journalistin des NDR, der zu einem neuen „Aufstand der Anständigen“ auffordert, und zwar gegen fremdenfeindliche Hetze im Netz. Der Beifall aus dem eigenen Lager bleibt selbstverständlich nicht aus. 

Die „taz“ schreibt:

Tag für Tag schreiben und senden Redaktionen gegen den rechten Mob an. Trotzdem beginnt diese Gesellschaft sich Stück für Stück daran zu gewöhnen, dass brave Bürger unter dem Schutz der Meinungsfreiheit immer widerlicher hetzen. Womöglich gilt es deshalb auch als mutig, derlei offen anzusprechen. Und zwar im Fernsehen, im Netz – also jenen Medien, deren Wirkmacht die der sterbenden Zeitungen bei weitem überstrahlt. Die rechten Trolle werden Reschke dafür niedermachen.

Dass wir es hier mit einem Widerspruch zu tun haben, fällt anscheinend nicht jedem auf. 

Wollen wir es mal am eigenen Beispiel deutlich machen: Der Werwohlf kennt keine Websites, die widerlich gegen Ausländer hetzen. Nicht, weil es die nicht gäbe. Sondern weil er erstens nicht danach sucht und zweitens keinem Hinweis auf solche Sites folgt. Er bekommt aber jeden Tag mit, wie „Redaktionen gegen den rechten Mob anschreiben“. Zum Teil für lau im Internet, zum Teil selbst bezahlt durch die Predigten (anders kann man es gar nicht mehr nennen) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und er vermutet, dass dies der überwiegenden Mehrzahl der Menschen in diesem Land ebenso geht, dass sich also der gemeine Zuschauer der „Tagesthemen“ zwar bei Erwähnung dieser widerlichen Websites schön gruselt, er diese aber aus eigener Anschauung nicht kennt. Wie man vor diesem Hintergrund einen Kommentar, der in dieselbe Kerbe haut wie praktisch alle Medien vor ihm seit Wochen, als „mutig“ bezeichnen kann, erschließt sich wohl nur denen, die im Herzen diese Sehnsucht nach tapferem Widerstand in sich tragen, in der öffentlichen Meinung aber leider stets nur offene Scheunentore vorfinden. 

Dass sich z.B. im privaten Umfeld besagter NDR-Redakteurin diskussionsfreudige Andersdenkende einfinden wie neulich gerade bei der AfD-Vorsitzenden, kann man nämlich bezweifeln – und das ist auch gut so. 

Aber wie sieht es denn nun aus mit diesen widerlichen Websites? Die Wahrscheinlichkeit ist doch hoch, dass sich dort nur zwei Gruppen von Menschen einfinden: Solche, denen das dort Verbreitete aus der Seele spricht, und solche, die sich als „Kämpfer gegen Rechts“ sehen. Jeder findet genau das, was er sucht. Aber auch die NDR-Redakteurin verbreitet in ihrem Kommentar die Mär, die Anschläge auf (zum Glück unbewohnte) Asylbewerberunterkünfte seien eine Folge der Hetze im Netz. Als ob die Typen, die dort die Brände legen, völlig ahnungslos auf diese widerlichen Websites stoßen, sich in die Hetze vertiefen und dann plötzlich auf die Idee kommen, man müsse jetzt doch mal zur kriminellen Tat schreiten. Vielleicht ist es eine journalistische déformation professionelle, dass der bösen Tat immer ein auslösendes Wort vorhergegangen sein muss. Aber so abstrakt läuft das nach der allgemeinen Lebenserfahrung nicht. Da schaukelt man sich in konkreten Gruppen ziemlich offline und gerne auch unter Zuhilfenahme bewusstseinsstörender Substanzen über lange Zeit so auf, dass es dann zu den Anschlägen kommt. Das ist bei den rechten Zündlern nicht viel anders als bei den Islamisten. 

Solchen Communities kommt man nicht bei, indem man online irgendwo irgendwelche Kommentare hinterlässt. An „Refugees Welcome“-Websites herrscht im Netz ja nun auch wahrlich kein Mangel – man kann den Aufruf der Journalistin also nur so verstehen, dass man direkt an den Orten, wo die Hetzer Beiträge schreiben und kommentieren, widersprechen soll. Das aber ist – mit Verlaub – Unfug. Da, wo die Hetzer Admin-Rechte haben, werden diese Kommentare dann entweder gleich gelöscht oder zu mehreren in bekannt eleganter Diktion überzeugend widerlegt. Auch Rechte gruseln sich gerne mal, wenn die Reinigung danach gleich auf dem Fuße folgt. Und wo die Hetzer keine Admin-Rechte haben, fliegen in der Regel die Hetzer-Kommentare. Was also soll dieser Aufruf?

Vielleicht liegt der Schlüssel in der Definition von „menschenverachtender Hetze gegen Ausländer“ oder „Fremdenfeindlichkeit“. Natürlich, da, wo zur Gewalt gegen die Migranten aufgerufen wird oder wo diesen pauschal irgendwelche üblen Dinge angedichtet werden, können wir einen Haken dran machen. Aber wer mal mit Linken diskutiert wird schnell feststellen, dass bei denen schon jede Meinung unter diesen Labeln eingeordnet wird, die letztlich für eine Begrenzung von Zuwanderung eintritt. Solche Meinungen werden tatsächlich immer wieder geäußert, man findet sie in der Regel auch ohne umständliche Suche, und es werden wirklich jeden Tag mehr. 

Und plötzlich bekommt der „mutige“ Aufruf in den „Tagesthemen“ einen neuen, möglichen Sinn. Die Schläge treffen den Sack, aber gemeint ist der Esel[2]. Das eigentlich Fatale aber ist das Schicksal des letzten, des originalen „Aufstands der Anständigen“[1]. Kaum ausgerufen gegen rechte Übeltäter, brach er sofort in sich zusammen, als die wahren Täter in einem politisch unerwünschten Umfeld ermittelt wurden. Die rechten Trolle, vor denen die „taz“ sich für die Journalistin fürchtet, die aber außerhalb der diversen Netz-Filterblasen keine Rolle spielen, werden sich darüber wahrscheinlich schon längst amüsieren. 

[1] Auch wenn z.B. der „Tagesspiegel“ sich eine makellosere Herkunft des Begriffs wünscht: Es war anders.
[2] Der „Tagesspiegel“-Artikel bringt noch ein anderes Zitat, das den Tenor dieses Blogeintrags stützt: 

„Wenn ich mich jetzt hier hinstelle und öffentlich sage: Ich finde, Deutschland soll auch Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen – was glauben Sie, was dann passiert?“, fragt Reschke zu Beginn ihres Kommentars provokant, um sogleich das Szenario zu beschreiben: „Ich bekäme eine Flut von Hasskommentaren. ,Scheiß Kanacken, wie viel wollen wir noch aufnehmen, sollen abhauen, soll man anzünden …‘, all sowas halt.“

Die Einordnung der NDR-Redakteurin in die Gruppe der Befürworter uneingeschränkter Zuwanderung scheint zuzutreffen. Und dass sie versucht, Andersdenkende pauschal mit einer bestimmten Gruppe in Verbindung zu bringen, auch.

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