Der Fortschritt der FAZ und der journalistische Wille

Also, früher… Da abonnierte ich mal die F.A.Z. Über zwanzig Jahre lang, ob ich nun im Inland oder im Ausland wohnte. Ich mochte den Sound mit den drei politisch unterschiedlich ausgerichteten Ressorts. Wenn man alle drei richtig diskontierte, konnte man selbst als politisch anders denkender Mensch Gewinn aus der Lektüre ziehen. Und dann ließ ich es bleiben. Ich würde ja gerne das Abbestellen zu einem Akt des politischen Widerstands erheben, aber das entspräche leider nicht komplett der Wahrheit. Richtig ist, dass ich manche Kommentare und Artikel nicht mehr als anregend, sondern nur noch als ärgerlich empfinden konnte. Aber richtig ist auch, dass mich die Abhängigkeit von der papiernen Lieferung mehr und mehr nervte, zumal die aktuellen Informationen auch ohne Abos im Netz zu finden waren und sind. Und dass ich aus beruflichen Gründen damit hätte rechnen müssen, dass sich vor meiner Wohnung wochenlang Zeitungen stapelten. Also reformierte ich die Art meiner Informationsgewinnung. Für das Aktuelle nehme ich das, was das Netz mir bietet, in all seiner Vielfalt, also natürlich auch das, was unter FAZ.net erscheint. Und für alles darüber hinaus Gehende gibt es ja noch den „Economist“ – mit dem doppelten Vorteil des anderen und des erweiterten Blicks. 

Auf FAZ.net vermischt sich jetzt ja alles irgendwie. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich nach der Lektüre eines Beitrags nach oben schaue, um die Ressort-Zuordnung zu prüfen, und oft blieb die Welt danach in Ordnung. Das linke Gewäsch fand sich dann doch im Feuilleton heimisch, die rechten Hardliner publizierten im Politikteil, und die liberalen Gralswächter hielten im Wirtschaftsteil die Stellung. Unter dem leider viel zu früh verstorbenen Herausgeber Schirrmacher hielt einiges „Moderne“ im Feuilleton Einzug. Das merkte man schon daran, dass als „Blogger“ dort nur in der Szene bekannte Linke erwähnt und der Leserschaft nahe gebracht wurden, obwohl sich zumindest damals auch eine sehr engagierte liberal gesinnte Community etabliert hatte (wenn man sich schon nicht mit den rechten Schmuddelkindern auseinandersetzen wollte). Und übrig geblieben ist aus dieser Zeit auch noch, dass ein Frank Lübberding die meisten Rezensionen der politischen Talkshows verfasst – ich kann das gut beurteilen, denn ich lese alle diese Rezensionen, weil ich mir diese schrecklichen Sendungen selbst schenke. Auch damit kann gut leben, wer so ungefähr eine Ahnung hat, wie Lübberding politisch tickt. Da erfreut man sich halt an den Passagen, die den Erwartungen nicht entsprechen, und man muss Lübberding zugute halten, dass es davon immer wieder welche gibt. In sofern also eher gute F.A.Z.-Tradition. Zumal eben auch Feuilleton. 

Aber dass ein Artikel wie „Seehofers Monolog“ mal auf FAZ.net einfach so unter „Politik – Inland“ verfasst werden würde, das hätte sich meinereiner nie träumen lasse. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist natürlich völlig okay, eine einseitig linke Sichtweise in einer Zeitung oder ihrem Online-Auftritt zu vertreten. Schön wäre es noch, wenn der Meinungsartikel als solcher erkennbar wäre. Noch schöner wäre es, wenn die Meinung einer Person zuzuordnen wäre. Und als Nicht-Linker hätte man es als angenehm empfunden, in den als Gegenmeinung zum „links-liberalen“ Mainstream bezogenen Publikationen auch überwiegend nicht-linke Meinungen zu lesen – wer die lesen will (warum auch nicht – auch die Meinung der „anderen Seite“ gehört zum demokratischen Entscheidungsfindungsprozess dazu), hat immer noch eine äußerst breite Auswahl an Printmedien, von den eh auf diese Linie eingenordeten „öffentlich-rechtlichen“ Medien ganz zu schweigen. 

Ich bringe das hier, weil ich nun mal zufällig gerade bei diesem „Sommerinterview“ reingezappt bin. Und ich sehen wollte, wie sich der praktisch unisono und überall kritisierte bzw. als Auslaufmodell charakterisierte Seehofer schlagen würde. Und mein Eindruck war: Die Interviewer stellten die erwartbaren Fragen. während Seehofer darauf angepasste Antworten gab. Der – interessanterweise anonyme – Autor dieses FAZ.net-Artikels sah das anders. Er empfand die Interviewer mehr als Stichwortgeber und kritisierte das entsprechend. Wie gesagt: mein Eindruck war ein anderer. Aber ich habe eine Idee, warum der unbekannte Autor das so sieht: Seehofer kam zu gut weg. Er (oder sie) hätte ihn lieber vor ein Tribunal gezerrt gesehen, wegen absolut verwerflicher Aussagen, die am auf allen Kanälen propagierten „Die Aufnahme aller Flüchtlinge ist nicht nur demografischer und ökonomischer Segen, sondern auch moralische Verpflichtung“![1]  Zweifel zu erwecken in der Lage wären.

Das wird schon bei so harmlosen Dingen sichtbar wie den Stimmenanteilen der CSU.

So konnte Seehofer diese Befürchtungen (oder beim politischen Gegner mögliche Hoffnungen) über den Stimmverlust des bayerischen Löwen spielend parieren. Das habe er schon solange gehört, wie er in der CSU aktiv Politik mache.

Nun, sowas sagte er. Er sagte aber auch, dass in den letzten beiden Jahren alle Meinungsumfragen der CSU in Bayern eine absolute Mehrheit in Aussicht stellten. Und eine jüngste der Union auf Bundesebene ebenso. Ohne diese zusätzliche Information könnte man sich vermutlich schon über mangelnde Nachfragen der Journalisten wundern, aber gegen die Empirie argumentiert man in solchen zeitlich eh limitierten Geprächen wohl besser nicht an. Das weiß sicher auch der unbekannte FAZnet-Autor, und deswegen erwähnt er es sicherheitshalber auch nicht. Könnte ja die eigene These gefährden, unter der dieser Artikel verfasst wurde. Immerhin lobt der unbekannte Autor Seehofer, und zwar immer dann, wenn es darum ging, für die aktuelle Migrationswelle zusätzliche Ressourcen bereitzustellen. Dieses Lob ist sicher berechtigt, denn diese Ressourcen werden benötigt, aber dass Seehofer und die CSU auch eine andere Seite der Medaille sehen, dafür ist der unbekannte Autor so gar nicht zu haben. Man lese: 

Zu dieser Erfahrung gehörte aber auch ein damaliger rassistischer Diskurs, der mit dem „massenweisen Missbrauch des Asylrechts“ hantierte. Er macht die Flüchtlinge zum Problem, nicht die Untätigkeit der Politik. Seehofer nannte berechtigterweise die „ökonomischen Anreizsysteme“ als eine der Ursachen für die Zuwanderung vom Balkan. Nur werden die erst von der Politik geschaffen und somit keineswegs von den Asylbewerbern missbraucht.

Mit dieser Rhetorik wird man den Trend zur politischen Marginalisierung der CSU kaum stoppen können. Da sollte sich Seehofer keine falschen Illusionen machen. Seit den 1980er Jahren hat sich die deutsche Demographie entscheidend verändert. Die heutigen Deutschen sind wesentlich liberaler und weltoffener als die der damaligen Zeit. Der bayerische Ministerpräsident heißt schließlich auch nicht mehr Strauß, sondern Seehofer. Das darf sogar der CSU-Vorsitzende zur Kenntnis nehmen. 

„Missbrauch des Asylrechts“ ist nach Meinung des unbekannten Autors „rassistischer Diskus“. Naive Geister könnten sich natürlich fragen, ob die auf Migranten bezogene Aberkennung der Fähigkeit, etwas zu missbrauchen, nicht selbst hochgradig rassistisch sei (keine Sorge, die entsprechenden Immunisierungen des linken „Diskurses“ sind mir bekannt), aber auch die Argumentation selbst ist nicht stimmig. Natürlich ist die Politik verantwortlich für die Anreize, die sie setzt, und man sollte niemanden persönlich dafür verurteilen, wenn er diese Anreize legal nutzt, aber dennoch ist es objektiv ein Missbrauch des Asylrechts, wenn jemand, der eben nicht politisch verfolgt wird, allein wegen der Aussicht auf das versprochene Taschengeld und die übrige Versorgung einen Asylantrag stellt. Die Leute vom Balkan sind nun mal nicht die naiven Deppen, zu denen sie mancher ernennen muss, um aus seiner Sicht die höhere moralische Warte zu rechtfertigen. 

Wie der unbekannte Autor absolute Mehrheiten mit „politische Marginalisierung“ in Einklang bringt, braucht man sich dann auch nicht mehr zu fragen. Es handelt sich offenkundig um einen Schopenhauer-Fan, mit Schwerpunkt auf „Die Welt als Wille und Vorstellung“. 

]1]Eine gewisse Widersprüchlichkeit ist hier automatisch mitgeliefert, denn wo die ökonomische Argumentation zieht, braucht es die werturteilende moralische nicht mehr, und wo vor allem letztere ins Spiel gebracht wird, hat sich erstere als schon mal als unhaltbar erwiesen. Man argumentiert in der Öffentlichkeit allerdings trotzdem gerne mit beiden Argumentationen gleichzeitig, um jedweden Widerspruch im jeweils passenden Keim ersticken zu können – dazu ist eine gewisse Beliebigkeit in der Zusammensetzung der jeweils betrachteten Migranten erforderlich, aber diese kann im moralisch nicht verwerflichen hiesigen Journalismus als „best practice“ vorausgesetzt werden.

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