Das Gespenst des Revisionismus

Um es gleich mal vorweg zu sagen: Selbstverständlich strebe ich nach meinem Austritt aus der AfD keine Mitgliedschaft in Union oder FDP an. Die Positionen beider Parteien, so sie denn als solche stabil feststellbar sind, sind schließlich nicht deshalb richtiger geworden, nur weil eine andere Partei sich für einen radikaleren Kurs entschieden hat. Been there, done that. Ich weiß also nicht, vor welchen Nasen die Herren Lindner und Tauber jeweils ihre Türen zuschlagen wollen – meine wird auf keinen Fall darunter sein. 

Gut, man könnte sich an der eigenartigen Logik stören, dass ausgerechnet jene, die jetzt endlich anfangen, das lange auch ohne entsprechende Belege vorgefasste Urteil der Etablierten zu teilen, die AfD sei „ressentimentgeladen, xenophob und fortschrittsskeptisch“, und deshalb jetzt ihren Austritt erklären, nicht als geläuterte Sünder empfangen werden, sondern als Stigmatisierte außén vor bleiben sollen. Aber in den Augen von CDU- und FDP-Funktionären kommen Mitglieder, die sich vorher intern gegen üble Bestrebungen stemmten, wohl nicht vor. Was auch immer das über diese Parteien dann aussagen mag…  FAZke Volker Zastrow jedenfalls bejubelt diese Einstellung – er möchte gerne die Guten von den Bösen dauerhaft geschieden wissen, wahrscheinlich als eine Art Arbeitserleichterung für Gott, wenn der Tag des Jüngsten Gerichts anbricht.

Was es über den Qualitätsjournalismus eines Zastrow aussagt, wenn sich dieser über „denunziatorische Töne“ aus den Reihen der AfD empört, selbst aber mit Begriffen wie „Rechtspopulist“, „Philister“, „Alltagshochmut“ oder „Rechthaberei“ nur so um sich wirft, wollen wir auch dem geneigten Urteil derer überlassen, die sowas lesen. Früher haben Liberale mal das Individuum in den Mittelpunkt gestellt, jetzt scheint es als deren Tugend zu gelten, wenn sie Pauschalurteile über die (auch nur ehemaligen) Angehörigen bestimmter Gruppen fällen. Vermutlich dürfte der wahre Beweggrund von FDP und CDU eher ein defensiver sein – sie fürchten das Medienecho, sollten sich in ihren Reihen plötzlich ehemalige AfDler tummeln. Denn die Medien haben die AfD längst in der Rolle des Schurken besetzt, und die machen keine Gefangenen.

Als Krönung des Ganzen darf bei Zastrow natürlich auch der gute, alte Nazi-Vergleich nicht fehlen:

Wenn man AfD-Sympathisanten, ob nun Lucke- oder Petry-Anhänger, über die „Euroretter“ oder die „Rettungspolitiker“ herziehen hört, fühlt man sich an den denunziatorischen Ton jener Zeiten erinnert, da deutsche Kanzler oder Minister als „Erfüllungspolitiker“ verunglimpft wurden, weil sie den Ausgleich mit unseren Nachbarn suchten.

„Eurohasser“ und „Nationalisten“ geht – das ist Kritik durch die lauteren Persönlichkeiten Lindnerschen Geistes, die das schwache deutsche Wählervolk vor dem Rechtspopulismus bewahren wollen. Aber „Rettungspolitiker“ oder „Euroretter“ (Wie zum Henker soll man die Verfechter der entsprechenden politischen Prioritäten sonst benennen? Heilsbringer? Allesrichtigmacher?) – das geht gar nicht, das ist „Erfüllungspolitiker“ und damit entlarvt. Und wie immer bei solchen Gelegenheiten gilt der eigene Strohmann als Beleg. 

Das eigentliche Verbrechen wird dann endlich auch benannt:

All diese Populisten eint dasselbe: der Revisionismus in der Europapolitik. Sie wollen zurück zur Nation. Deshalb ist ihnen der Euro ein Greuel. Die sogenannte Euro-Krise stört sie gar nicht wirklich, sondern kommt ihnen gelegen.

Interessant zu erfahren, dass die FAZ Antideutsche beschäftigt. Oder wie sonst soll man sich erklären, dass ein „zurück zur Nation“, das in den meisten anderen Ländern Europas mindestens neutral als politische Einstellung gelten würde, als Negativum hingestellt werden kann? Aber davon abgesehen: Dass Leute wie Zastrow hier auf jede Differenzierung verzichten und den Gegnern des Euro mal eben locker eine ganz bestimmte politische Einstellung unterstellen und dazu noch charakterliche Defizite, das kennzeichnet den Zerfall der einstigen Qualitätszeitung FAZ dann doch recht deutlich. 

Der Weg zum Zentraleuropa soll ebenso alternativlos sein wie der als wichtiger Baustein auf diesem Weg gedachte Euro. Demokratie ist was für Rechthaber und Philister, Diskussionsbedarf etwas für Populisten. Dass alle „Eurohasser“ mit ihren Prognosen von Beginn der Währungsunion an praktisch zu 100% Recht hatten, ist für tapfere Wanderer auf dem Weg ins europäische Shangri-La Ansporn, sie nur noch mehr auszugrenzen und selbst noch schneller zu laufen. Hochgehalten werden weiter die hohlen Phrasen der guten Europäer, und es werden all die Experten weiter als Kronzeugen angeführt, deren Vorhersagen krachend gescheitert sind. Das Motto lautet: Einmal muss es ja klappen. Es ähnelt fatal den Parolen aller, die trotz der gescheiterten zahlreichen, insbesondere sozialistischen Experimente, einen Himmel auf Erden zu schaffen, immer wieder neue Anläufe dazu unternehmen möchten. 

Ganz ehrlich: Als junger Mensch würde ich mir allmählich um die Demokratie und die Meinungsfreiheit in diesem Land ernsthafte Sorgen machen. Nicht, dass beides in akuter Gefahr wäre. Man schabt nur sehr kräftig daran herum, und auf die Dauer wäre auch diese Strategie erfolgreich.

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2 Kommentare on “Das Gespenst des Revisionismus”

  1. Gutartiges Geschwulst sagt:

    Starker Artikel, Wehrwolf, alles was recht ist!

    Wehrwolf: „Selbstverständlich strebe ich nach meinem Austritt aus der AfD keine Mitgliedschaft in Union oder FDP an.“

    Ein kluger Entschluss! Wer jemals eine Partei von innen gesehen hat (dieses Pech war ganz meinerseits), sollte zwar auch künftig bereit sein in einer verheißungsvollen Partei mitzuarbeiten, keinesfalls jedoch deren Mitglied zu werden.
    Mitglieder, solange diese still ihre Beiträge entrichten und an richtiger Stelle klatschen, werden lediglich als Verfügungsmasse betrachtet.
    Natürlich ist auch die Mitarbeit des Einzelnen von unschätzbarem Wert, sofern er sich dankbar damit begnügt auf der Ortsversammlung Streuselkuchen zu verteilen.

  2. […] sonst nichts zu gewinnen. Nein, die lange Rede soll begründen, warum wir uns an dieser Stelle nochmal mit dem von Bahners zu Recht kritisierten Verdikt des FDP-Chefs Lindner […]


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