Das Erfolgsmodell

Es war klar. Ich hielt die ganze Aufregung um einen „Grexit“ schon immer für eine gigantische Schmierenkomödie. 

Erst ein wenig „business as usual“, also die üblichen nächtelangen Verhandlungen darüber, was die griechische Regierung alles versprechen soll, damit die jährlich benötigte Knete herüberwächst. Dann die Aufregung: Die neue Regierung will nicht nur viel weniger versprechen, sie will auch zusätzlich zu den üblichen Milliärdchen aus all den Rettungspaketen noch, dass ihr möglichst viel von den alten Schulden erlassen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, entfacht sie auf heimischem Terrain ein rhetorisches Feuerwerk von „Stolz“ und „Würde“, beschwört den „Terrorismus“ der Geber, die durch ihr Bestehen auf Rückzahlung die unschuldigen Griechen in die „Knechtschaft“ zwingen wollten, brüskiert ihre Verhandlungspartner ein ums andere Mal und zeigt der eigenen Bevölkerung schon mal die Folterwerkzeuge, allerdings nicht ohne mit dem Finger Richtung Norden zu deuten.

Warum macht die griechische Regierung das? 

Die Antwort darauf muss natürlich wie fast immer lauten: Weil sie es kann. Denn im Grunde haben sie keinen Verhandlungsgegner. Die auf der anderen Seite bluffen nur. Slowball gehen sie vielleicht noch mit, aber spätestens beim All-in werfen sie weg. Denn sie wollen vor allem nicht, dass die Griechen vom Tisch aufstehen müssen. Der Grexit gilt bei allen als GAU, den es unter allen Umständen zu verhindern gilt. Was ein gewisses Problem darstellt, da es sich dabei um die ökonomisch sinnvollste Lösung handelt. Aber wie immer, wenn die Lage ökonomisch nach einer bestimmten Lösung ruft, treten die Primaten der Politik auf den Plan. Man erkennt es daran, dass rhetorisch die ganz großen Haubitzen aufgefahren werden. 

„Es geht nicht nur um Geld, es geht um Europa!“ 

„Historische Verantwortung! Demütigung! Gespenster der Vergangenheit! Spaltung!“

Fünf Jahre sind in Politik und Medienwelt eine lange Zeit. Da kann man schon mal darauf setzen, dass sich keiner daran erinnert, wie diese Vokabeln recht verlässlich jährlich aufgeboten werden, um die stets letzte Zahlung an Griechenland zu begründen, mit der dann alles gut werde. Zumal es ja neben einigen Wissenschaftlern, die es gewohnt sind, dass ihre Worte von der Politik ignoriert werden, weil sie dieser nicht in den Kram passen, nur noch wenige Bösewichte im Spiel gibt, die auch nur wagen, an etwas anderes zu denken als an ein weiteres Durchfüttern eines reformunwilligen Staates. Insbesondere im Land der Hauptzahler gibt es immer wieder in der Öffentlichkeit gern vernommene Leute, die nichts lieber tun, als ihre moralische Lauterkeit durch das Ausgeben des Gelds anderer Leute unter Beweis zu stellen und sich dafür gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Es gibt praktisch keine Forderung an Deutschland, die von dort nicht begeistert aufgenommen werden würde und für die nicht der passende moralische Anspruch bereit stünde. Dass sich in den Staaten, die jetzt mit dem Finger auf Deutschland zeigen, nichts Vergleichbares zu regen vermag, belegt ja geradezu, wie recht die Gutmenschen tun, wenn sie ihre wohltätigen Griffel in fremde Taschen stecken. „Solidarität“ heißt das Zauberwort, und alle Ehre fällt dem zu, der sie fordert, während die allgemeine Verachtung den trifft, der sie tatsächlich leistet. 

Man ist fast versucht zu sagen: Ok, Leute, nehmt euch, was ihr wollt, aber haltet wenigstens die Klappe dabei und verschont uns mit euren hohlen Phrasen. Wir haben begriffen: Die Welt spaltet sich in Menschen, die Einkommen erarbeiten, und solche, die dessen Verwendung beschließen. Erstere sind zu Schuldbewusstsein verpflichtet, letztere sonnen sich in moralischer Vollkommenheit. Und weil das immer so gut klappt, gibt es daran auch überhaupt nichts auszusetzen – alle haben sich in jeweiligen Rollen nachhaltig eingerichtet.

Eine beliebte Verschwörungstheorie auf der Linken lautet ja, pöhse „Neoliberale“ wollten die wackeren griechischen Streiter für die Armen und Entrechteten auf jeden Fall zum Scheitern bringen, weil sie den Erfolg eines „Gegenmodells“ um jeden Preis zu verhindern trachteten. Da ist was dran, denn das „Gegenmodell“ sähe ja so aus, dass die lokale Regierung das eigene Volk mit sozialistischen Wohltaten beglückt, während das finanzielle Scheitern dieser Politik immer wieder durch die bösen „Neoliberalen“ aufzufangen wäre. Die Deutschen kennen dieses Modell nur allzu gut: Es heißt Länderfinanzausgleich. Das Griechenland-Modell hat dazu noch den Charme, dass je mehr die lokale Politik scheitert, desto mehr Anspruch auf Unterstützung besteht. Jeder kann sich leicht ausrechnen, wann in diesem Modell die Zahlungen aufhören: nie. 

Das scheint dieses „Europa“ zu sein, das unseren Eliten in Politik und Medien überwiegend vorschwebt. Aber warum trinken wir den Kakao, durch den man uns da zieht, auch noch so begierig?

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One Comment on “Das Erfolgsmodell”

  1. Dirk sagt:

    „Man ist fast versucht zu sagen: Ok, Leute, nehmt euch, was ihr wollt, aber haltet wenigstens die Klappe dabei und verschont uns mit euren hohlen Phrasen.“

    In der Tat. Der Bettler und die Moralisten fauchen die gebende Hand an sie solle mal nicht so geizig sein. Diese Abart (beruhigt euch Linke, abartig ist nicht entartig) der Moral wurde schon perfekt von Ayn Rand in den 50ern beschrieben. Dort kann man dann auch den Rest des Fahrplans entnehmen.


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