Migranten und vorgegauckelte Gemeinsamkeiten

Vor 70 Jahren hat ein armes und zerstörtes Deutschland Millionen Flüchtlinge zu integrieren vermocht. (…) Warum sollte ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch stabiles Deutschland nicht fähig sein, in gegenwärtigen Herausforderungen die Chancen von morgen zu erkennen?“

So Bundespräsident Gauck in seiner Rede von gestern (zitiert nach faz.net). Da alle Kommentatoren gestern zu sehr mit Nicken und Klatschen beschäftigt waren, muss wohl wieder ein einsamer Werwohlf diese Frage beantworten: Die Millionen Flüchtlinge, die ins zerstörte Deutschland kamen, waren…Deutsche. Wer entweder nicht begreift oder nicht akzeptiert, dass Solidarität gegenüber im wahrsten Sinn des Wortes „Nächsten“ etwas anderes ist als gegenüber Menschen, mit denen man außer dem Menschsein nicht viel gemein hat, der sollte solch hervorgehobene politische Ämter vielleicht nicht bekleiden. 

Das heißt nicht, Deutsche sollten nur mit Deutschen solidarisch sein. 

Ziemlich sicher sind sie das auch nicht. Würden Massen von Dänen, Italienern, Franzosen oder (sogar?) Polen nach Deutschland flüchten, wäre die Solidarität wohl ähnlich groß wie damals. Und sicher sind die meisten Deutschen auch gerne bereit, Flüchtlingen aus anderen Regionen dieser Welt zu helfen. Nur lässt diese Bereitschaft eben mit den abnehmenden Gemeinsamkeiten nach. Man mag moralisch höhere Ansprüche einfordern, wie das die Kirchen gerne tun, aber daraus folgt kein politisches Recht, diese Ansprüche den eigenen Bürgern, zu denen inzwischen ja viele ehemalige Ausländer oder deren Nachkommen gehören, auch aufzuzwingen. Verbindlich sind allerdings das Grundgesetz und die Genfer Flüchtlingskonvention – allein diesen Verpflichtungen gerecht zu werden, dürfte schon einige Anstrengungen erfordern. 

Von linker Seite wurde natürlich sofort kritisiert, dass die Vertreibung der Deutschen damals und die Flüchtlingsbewegungen von heute auf eine Stufe gestellt werden. Allerdings nicht, weil die Deutschen dort, wo sie ursprünglich wohnten. tatsächlich um Leib und Leben fürchten mussten, dies für einen Großteil der jetzt nach Deutschland migrierenden Menschen aber nicht der Fall ist. Sondern aus dem Grund, den Volker Beck auf Twitter so skizzierte:

Ein Aspekt geht beim Gedenken unter: unter den Opfern der Vertreibung waren auch Täter, unter den Vertriebenenfunktionären NS-Kader.

Ob das im Gedenken wirklich untergeht, lassen wir mal offen. Aber dass sich unter den „Flüchtlingen“, wie die Migranten mittlerweile politisch korrekt überall genannt werden, nur moralisch integre Persönlichkeiten befänden, kann man angesichts diverser Aufgriffe auch getrost ausschließen. Selbst viele derer, die heute vor Verfolgung flüchten, würden nur allzu gerne selbst verfolgen, haben aber leider zu Hause den Kürzeren gezogen. 

Da hilft auch die tägliche Propaganda der Massenmedien nicht: Die Aufnahme so vieler Migranten ist eine Belastungsprobe, und das um so mehr, je überraschender und ungleicher diese Belastungen auftreten. Und die deutsche Politik ist in der Pflicht, nicht nur hehre, moralische Ansprüche zu stellen, sondern auch an die Leute zu denken, denen deren Erfüllung auferelegt wird. Das Zukleistern und Beschwichtigen stößt an seine Grenzen. Kein Mensch glaubt doch mehr, diese Migrationsströme seien nur eine Lösung des deutschen Demografieproblems. Und kein Mensch glaubt mehr, da kämen nur lang vermisste Fachkräfte ins Land. Oder wenigstens ausschließlich Menschen, die nichts anderes im Sinn hätten, als sich friedlich in diese Gesellschaft zu integrieren, auch wenn sie ihren Vorstellungen noch so sehr widerspricht. 

Irgendwann wird man, wenn man diesen Staat so erhalten möchte (wovon man nicht bei allen Beteiligten in der Diskussion ausgehen kann), nicht umhin können, Kosten-Nutzen-Rechnungen aufzumachen. Selbst wenn man sich gegen zu rationales und wenig empathisches „Rosinenpicken“ wehrt, so wird man doch vermeiden müssen, dass sich die Waage allzu sehr in Richtung „Kosten“ neigt. Wer zu viel Wert auf „Buntheit“ legt, sollte sich bewusst machen, dass manche Farben sich auch beißen können.

Die Debatte leidet immer noch darunter, dass die eine Extremposition die andere als Strohmann benutzt. Die Freunde bedingungslos offener Grenzen beschimpfen ihre Gegner ausnahmslos als Rassisten, die Xenophoben ihrerseits wittern hinter der Existenz von Migranten eine Verschwörung gegen das deutsche Volk und sehen die Befürworter von Einwanderung als deren Komplizen. Sinnvoll wäre, endlich über das „Wie“ und „Wieviel“ zu diskutieren. Geht das hierzulande eigentlich?

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