Was zur nationalen Tragödie

Eine „für Deutschland“ bei einem ebenso großen wie skurrilen Gesangswettbewerb angetretene Sängerin bekommt in der kultigen Abstimmung keinen einzigen Punkt. Die deutschen (der Begriff muss jetzt hierhin) Gazetten sind entsetzt. Da tröstet es nur wenig, dass sich die Abstimmenden offenbar entgegen der Geschichte für eine großdeutsche Lösung entschieden haben, denn die Sangesbrüder aus Österreich teilten dasselbe Schicksal. 

Was lief falsch? Was muss anders werden? Muss Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen? Den Griechen mehr Geld geben? Putin, dessen Schergin immerhin Zweite wurde, ewige Gefolgschaft versprechen? Oder sich nur in der Bühnenshow am siegreichen, nicht wirklich alten Schweden orientieren?

Wahrscheinlich sind die Gründe viel profaner. Offensichtlich fanden die Abstimmenden den deutschen Beitrag gar nicht so schlecht, aber eben auch nicht herausragend genug, um ihn unter den zehn Beiträgen aufzuführen, denen man jeweils Punkte zuteilen konnte. Und sowas führt dann eben mal in der Bewertungslogik zu Null Punkten – ein Umstand, auf den auch Kommentator Peter Urban deutlich hinwies. Andere, ebenso „ganz ok“-Beiträge bekommen dann aber mal Punkte aus irgendwelchen anderen Gründen – gerne aus nachbarschaftlicher Verbundenheit, wie man ja seit langem weiß. Die hat es für Deutschland nie gegeben, was dann auch damit zu tun hat, dass die deutschen Eroberungsversuche immer gescheitert sind, so dass die Deutschen nicht wie die Russen eigene Siedler in besetzten Staaten unterbringen konnten. Also im Nachhinein betrachtet eher ein positiv zu bewertender Umstand. Sprachliche Verbundenheit entfällt auch – dazu sind die deutschsprechenden Nachbarn viel zu klein, also einerseits das Bedürfmis, es dem großen Nachbarn zu zeigen, viel zu groß, und andererseits die kleinen Nachbarn aus Sicht des Großen viel zu unwichtig. So kommt es, dass der deutsche Beitrag nicht von vornherin auf einen Sockel von über zehn bis über dreißig Punkten aufsetzen kann wie andere Teilnehmer (im Fall Russlands dürfte dieser Sockel besonders hoch sein). Selbst die unfreiwillige Jazz-Nummer der Albanierin bekam ja dicke Sympathiepunkte aus Mazedonien. Wie das so ist, durfte Deutschland nur einmal erfahren, als die in ihrem Heimatland Bulgarien äußerst populäre Lucy dem schwachen Auftritt der „No Angels“ noch 12 Punkte einbrachte. 

Und die Aufregung in Deutschland um den Wettbewerb hielt sich offensichtlich auch in sehr engen Grenzen. Es gibt hierzulande eingefleischte Fans, aber dem Rest war zumindest dieses Jahr der Wettbewerb ziemlich egal. Das lag nicht nur am Vorausscheidungsdesaster, sondern auch daran, dass weder Sängerin noch Lied so richtig mitrissen. Eben so „ganz o.k.“. Nicht mehr, nicht weniger. Beim ESC braucht man aber etwas Originelles. Der Siegertitel war auch keine musikalische Offenbarung, aber die Bühnenshow riss es raus. Daraus aber zu schließen, es müsse nächstes Mal eine bombastische Bühnenshow her, wäre genau so dämlich, wie in diesem Jahr eine Dragqueen antreten zu lassen, nur weil letztes Jahr Conchita Wurst gewann. Man erinnere sich: Lenas Erfolg in Oslo kam auch ganz ohne besonderes Brimborium auf der Bühne aus. Lena war selbst die Show, geschickt in Szene gesetzt von Stefan Raab. 

Also: Wenn es nächstes Jahr wieder mehr Punkte werden sollen, schickt was Originelles hin. Das wird nicht unbedingt gewinnen, aber es wird, wenn es wirklich gut gemacht ist, dann doch den einen oder anderen Punkt einfahren. Beim ESC gewinnt, wer allen besonders gut gefällt. Oder Russland,. Aber auf Sieg zu setzen und es allen Recht machen zu wollen, ist auch mit dem Risiko verbunden, von allen als „ganz nett“ eingestuft zu werden und dann eben keine Punkte einzufahren. Wer sicher gehen will, überhaupt Punkte zu verbuchen, muss provozieren, überraschen, faszinieren. 

Und mal ganz ehrlich: Letztlich ist es doch Wurscht. Ob mit oder ohne Conchita.

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One Comment on “Was zur nationalen Tragödie”

  1. […] Reaktionen darauf mal ignorieren und uns auf das deutsche Abschneiden konzentrieren. Wie schrieb ein heller Kopf doch vor einem […]


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