Und wieder mal was zur AfD

Bei der AfD zeichnet sich ab, dass die unvermeidliche Klärung jetzt stattfinden könnte. Dort haben sich die unterschiedlichsten Positionen versammelt, die sich nur darin einig sind, dass sie vieles an der aktuellen Politik auszusetzen haben. Man trifft dort Leute an, die genau so gut in der NPD oder einer anderen rechtsradikalen Partei Mitglied sein könnten. Aber auch viele, die man sich in den großen „Volksparteien“ vorstellen könnte, manche auch in der FDP. Und dass es beim Anprechen des Protestpotenzials in Ostdeutschland Überschneidungen mit der „Linken“ gibt, wurde bei Wahlergebnissen ebenfalls schon deutlich. Dazu kommt die übliche Zahl von Spinnern, die in jeder neuen Partei den großen Auftritt ihrer so lang und akribisch ausgefeilten Abstrusität wittern[1].

Der Schreiber dieser Zeilen ist zwar Mitglied, aber eben überwiegend nur passives. Er war mal auf einem Landesparteitag in Baden-Württemberg, und er erhält sämtliche an die Mitglieder gerichtete Schreiben. Es ist da bei der AfD auch nicht anders als bei anderen Parteien: Die Lautesten und die Überzeugtesten bestimmen das Bild. Um so mehr, als man Parteitage als Mitgliederparteitage abzuhalten pflegt, weil man so anders sein will als die anderen KinderParteien. Leider sind Laut- und Überzeugungsstärke die Attribute, die Radikalinskis und Spinner gemein haben, und somit sind AfD-Parteitage auch keine sehr vergnüglichen Veranstaltungen. Dennoch, es gibt sie, diese bisher eher stillen Mitglieder, die sich im bisherigen Parteienspektrum nicht mehr vertreten fühlen, deswegen aber nicht gleich zum Systemgegner mutierten. 

Auf diese setzt Bernd Lucke, wenn er jetzt in die Offensive geht. Zu dieser Offensive gehört neben dem schon bekannten Klartext-Brief an die Mitglieder auch ein Entscheid, der mit sieben Thesen die Spreu vom Weizen scheiden soll. Es geht darin um die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland, die parlamentarische Demokratie, sachorientierte Politik, das Verhältnis zur Welt und EU, Marktwirtschaft, Asyl und Einwanderung, sowie schließlich um Religionsfreiheit und Islam. Das Mitglied „Werwohlf“ wird allen diesen Thesen zustimmen. Und es wird austreten, wenn sich eine Mehrheit gegen die ersten sechs Thesen finden sollte (bei der siebten These ist auch eine Art von Ablehnung denkbar, mit der zu leben wäre). 

Vermutlich wird das Ganze auf eine Spaltung der AfD hinauslaufen[2]. Die einzig offene Frage ist, wer unter dem alten Label weitersegeln darf: die ganz Rechten oder die (nennen wir sie mal so:) Liberal-Konservativen? Diese Spaltung wird ganz sicher stimmen kosten, aber die könnte auch zur Profilschärfung dienen. Während das Schicksal der „rechten“ AfD auf das hinauslaufen dürfte, das so viele Vorgänger ebenfalls erlitten, könnte die „liberal-konservative“ AfD hier und da tatsächlich zur Alternative für ehemalige Unions- und auch FDP-Wähler werden. Und vielleicht auch für so manchen Sozi, dem die „moderne“ Gesellschaftspolitik seiner Partei immer fremder erscheint. 

Natürlich hoffen die etablierten Parteien (und mit ihnen die Morgenluft witternde FDP) auf ein baldiges Ende der AfD (oder besser: in einer idealen Demokratie nicht natürlich, in dieser realen aber erwartungsgemäß). Dieser Hoffnung schließen sich ihre Hilfstruppen in den bekannten Medien nur allzu gerne an. Aber sie täuschen sich, wenn sie meinen, dass deren Wähler sich automatisch wieder unter die alten Fittiche begeben. Der größte Gewinner einer Auflösung der AfD wäre vermutlich die am stärksten wachsende Partei in Deutschland, die Partei der Nichtwähler. 

Es hat ja schon etwas Komisches: Erst verschwimmt die Politik in Deutschland zu einer großen „alternativlosen“ sozialdemokratischen Konsens-Soße, gespickt mit gesellschafts-klempnerischen Einlagen aus einem ins Orbit abgedrifteten, linken akademischen und journalistischen Milieu, und Kritiker werden mit allen gerade noch so rechtsstaatskompatiblen (und bisweilen darüber hinaus, geduldet von einer sympathisierenden Justiz) Mitteln untergebuttert. Wenn dann die Wähler, die sich in diesem Angebot nicht mehr wiederfinden, keine Lust haben, den Kakao, durch den man sie zieht, auch noch zu trinken, und als Konsequenz eben nicht zur Wahl gehen, tadelt die herrschende Elite sie ob ihres mangelnden Demokratieverständnisses und droht, die ersehnte Zustimmung der Massen mit Zwangsmitteln herbeizuführen.

Aus demokratischer Sicht es zu begrüßen, wenn die AfD bei ihren Positionen Klarheit gewänne. Und es wäre zu begrüßen, wenn sich eben doch entgegen den Wünschen der Etablierten politische Alternativen anbieten könnten. Egal, wie man zu diesen steht: Demokratie lebt nicht vom mit noch so moralisch hehren Begründungen geforderten Konsens und der Ausgrenzung von Abweichlern, sondern von der Diskussion unterschiedlicher Ansätze. 

Leider scheint diese Sicht für allzu viele Menschen heutzutage eher kontraintuitiv zu sein. Vielleicht war der Schulunterricht in den 70ern doch besser.

[1] In einer Replik auf den bekannten Brief von Bernd Lucke meint Konrad Adam dessen Forderung zur Sammlung in der Mitte für sich nutzen zu können und ebenso fürchterliche wie spalterische Marktradikale in der AfD ausgemacht zu haben. Dieser Blogger ist versucht, Konrad Adam für jedes Exemplar dieser Gattung einen Euro zu zahlen. Leider wird das wohl nicht reichen, ihm ein schönes Weißbier zu spendieren.

[2] Es gibt leider noch eine andere, reale Möglichkeit: Die Klärung wird wegen mangelnder Beteiligung der Mitglieder vertagt. Viele haben die entsprechenden Antragsunterlagen per Mail zugeschickt bekommen. Sie müssen jetzt den Abstimmungszettel und eine Erklärung zur korrekten Wahl ausdrucken, sich zwei Briefkuverts besorgen und alles in der richtigen Reihenfolge in die richtigen Umschläge packen. Das erscheint den Lesern dieses Blogs auf den ersten Blick wahrscheinlich als eine der leichteren Übungen, aber sie unterschätzen den inneren Schweinehund von Parteimitgliedern und wohl leider auch (nicht nur auf die AfD bezogen) deren sprachliche Intelligenz…

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2 Kommentare on “Und wieder mal was zur AfD”

  1. n_s_n sagt:

    „Vielleicht war der Schulunterricht in den 70ern doch besser.“

    Früher war alles besser. Ausser mir. Ich reife beständig! 🙂

    Sagen wir so: Die Schnelligkeit, mit der ich deiner Vermutung hier zustimmen möchte, läßt mich nachdenklich werden.

    Was mich nicht davon abhält, die Schulbildung von damals als weniger systematisch ideologisiert zu betrachten als heute. Ich hatte einige Sozen, wahrscheinlich sogar eine Kommunisten als Lehrer. Die wollten mich aber alle überzeugen, niemals belehren. Heute mag man die Menschen immer belehren. Woran diese Entwicklung liegen könnte, wäre doch ein tolles Beitragsthema. 🙂

    • Werwohlf sagt:

      Ich hatte einige Sozen, wahrscheinlich sogar eine Kommunisten als Lehrer. Die wollten mich aber alle überzeugen, niemals belehren.

      So ähnlich habe ich das auch in Erinnerung. Meine Lehrer haben, auch und gerade, wenn sie selbst anderer Meinung waren, kontroverse Diskussionen immer unterstützt und nicht etwa unterdrückt.


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