Was zur Anonymität

Alle Jahre wieder kocht das Thema hoch – ist die weitverbreitete Anonymität im Netz sinnvoll oder schädlich?

Die Profis (z.B. Wolf Lotter) muss man nicht fragen: Ich kenne kaum einen Qualitätsjournalisten, der nicht gegen Anonymität wäre (zur Ausnahme später). Und aus deren Sicht ist die Sache auch klar, schließlich stehen sie selbst jeden Tag mit ihrem vollen Namen für die von ihnen verfassten Beiträge. Warum also sollte man für andere diese Regeln ändern? 

Nun, der Punkt ist: Wenn ein Qualitätsjournalist sagen wir mal des „Spiegel“ einen Artikel verfasst, den man im linken Spektrum einordnen würde, dann wird er dafür wohl kaum gefeuert. Gleiches dürfte einem FAZ-Qualitätsjournalisten des Politikteils widerfahren, wenn er eine Meinung zum Besten gibt, die geradewegs aus dem Führungszirkel der Union gekommen sein konnte. Will sagen: Der Qualitätsjournalist hat in der Regel den Job gefunden, der zu seiner Meinung passt, so dass er keine unmittelbaren beruflichen Nachteile zu befürchten hat, wenn er ihr treu bleibt. Auch Nicolaus Fest wäre vermutlich nie seinen Job los geworden, wenn Shitstorms heute nicht so absurd überbewertet würden. Aber das ist ein anderes Thema, wiewohl natürlich auch eins, das an diese Diskussion anknüpft.

Blogger und Twitterer wie meinereiner hingegen üben einen anderen Beruf aus. Einen, in dem politische Meinungen nicht nur keine Rolle spielen, sondern derartige öffentliche Positionierungen prinzipiell auch unerwünscht sind. Zumindest, wenn man Thesen vertritt, die nicht dem von den Leitmedien vorgegeben Konsens entsprechen. Und der Gefahr, gegen diese Regel zu verstoßen, ist eigentlich jeder ausgesetzt, der sich seine Meinung noch selbst bildet. Nicht generell, aber eben hier und da. Ich z.B. lehne vehement Politik ab, die auf moralischem Anschein beruht, und das bringt mich in Opposition zu vielen Vorgaben des Großen Konsens, von der Sozialpolitik bis zur Verteidigungspolitik. Und ich äußere das ganz gerne in Blogs und Tweets. Nichtsdestotrotz bin ich im Privatleben ein Typ wie jeder andere auch, vielleicht sogar noch einen Tick sozialer und empathischer als diejenigen, die mir politisch inakzeptable Kälte vorwerfen würden. Aber wie würde ein potenzieller Auftraggeber reagieren, der nach der Vorstellung meines Profils Google bemüht? Selbst wenn er selbst nicht gänzlich auf der anderen politischen Seite sieht und schon deswegen eine Aversion gegen mich entwickelt, so könnte er dennoch zumindest falsche Schlüsse von meiner Positionierung auf meine Person ziehen. Gebe ich ihm diese Chance nicht, erfahren wir beide im Verlauf des Auftrags gegenseitig nichts von unseren politischen Vorlieben und können uns ganz und gar auf die Sache konzentrieren, wegen der externe Unterstützung erforderlich wurde. Sowie uns als Person gegenseitig kennen lernen.

Und damit kommen wir dann noch zum nostalgischen Argument. Es gehöre doch zu einer Demokratie wie der unseren einfach dazu, dass die Bürger auch mit ihrer Person für ihre Überzeugungen einstehen. Das sei „vor Ort“, also z.B. in den Kommunen und auch sonst, wo Parteien wirken, doch seit Jahr und Tag die Regel. Letzteres ist richtig und sympathisch. Aber ich weiß nicht mehr, was Johnny Kaputnik bei der vorletzten Wahlveranstaltung im „Brüchigen Krug“ in Hintertupfingen im Jahr 2002 etwas zu angetrunken von sich gegeben hat. Und so gut wie alle Einwohner Hintertupfingens wissen es auch nicht, und selbst wenn sie irgendwas von der Art im Hinterkopf haben, sie können es nicht verifizieren. Auch jemand, der Johnny Kaputnik Übles will, stößt hier an Grenzen der Datengewinnung. Anders im Netz. Was da einmal steht, steht da für alle Zeiten. Und da komme mir keiner mit der Verpflichtung Googles, auf Antrag Suchergebnisse zu löschen. Erstens gibt es andere Suchmaschinen, und zweitens verschwindet der originale Eintrag damit eben nicht. Und noch schöner: Der Eintrag muss gar nicht von Johnny Kaputnik kommen, noch nicht mal von einem neutralen Qualitätsjournalisten, der entgegen der heutigen Mode seinen Ehrgeiz in das Berichten statt in das Missionieren steckte, sondern er kann auch von einem seiner erbittertsten Gegner verfasst worden sein. Zufälligerweise in leicht verfälschter Art und Weise. Wer macht sich jetzt die Mühe, das Verhältnis der „Quelle“ zu ihrem „Gegenstand“ zu untersuchen? Vermutlich jemand wie der eben erwähnte Qualitätsjournalist, der danach auf seinem Einhorn davonreitet. 

Ein letzterer Punkt, zugegebenermaßen keiner, der vor gestrengen Demokratie-Juroren Bestand hätte: das Spielerische. Ich lief fast 10 Jahre mit demselben Pseudonym im Netz herum und war dann doch aufgrund einer Nachlässigkeit zum Aufgeben dieses Nicks gezwungen. Aber der Neuanfang (daher auch mein jetziger Nick mit „h“…) war zugleich auch mit einer Chance verbunden: Ich konnte jetzt Meinungen vertreten, die nicht zu meiner vorherigen Netzexistenz gepasst hätten. Natürlich hat die Person hinter dem Pseudonym eine eigene Meinung, aber um diese auszutesten, ist es manchmal sehr sinnvoll, auch mit leicht abweisenden Thesen in die Diskussion zu gehen, um zu sehen, welche Gegenargumente kommen, und ob diese ungefähr dem entsprechen, was einen selbst bisher davon abgehalten hat, diese Position für sich zu übernehmen. Und womöglich entwickelt man in einer solchen Diskussion plötzlich selbst Argumente für die zunächst als Test gedachte These und beginnt dann, diese in einem neuen Licht zu sehen. 

Man sieht also, wenig überraschend, der Herr „Werwohlf“ spricht sich für Anonymität aus. 

Das wichtigste Argument gegen die Anonymität sind die leider viel zu oft anzutreffenden Pöbeleien. Bei vielen Leuten trifft der Gedanke, nicht selbst für die eigenen Worte einstehen zu müssen, anscheinend auf ein enormes Bedürfnis, Andersdenkende – man kann es kaum anders bezeichnen – „platt zu machen“. Diese Zeitgenossen nehmen sich nicht den Austausch von Argumenten vor, noch nicht mal die spielerische Variante, sondern die virtuelle Ausmerzung des Gegners. Und bei denen, die mit ihrem Klarnamen im Netz unterwegs sind, nicht nur die virtuelle.  In der Tat fiele auch mir kein Grund ein, sowas als eine die Demokratie und den Meinungsaustausch fördernde Institiution einzustufen. Ich durfte, vor allem in den Anfängen meines Bloggerlebens, als Leute mit meiner damaligen politischen Überzeugung von der im politischen Netz bis dato quasi alleinherrschenden Linken plötzlich wahrgenommen und als unerwünschte Störenfriede identifiziert wurden. Das führte dann übrigens, s.o., bei einigen meiner Gesinnungskollegen dazu, dass deren Arbeitgeber einen Anruf erhielten, in dem ein Anonymus (geht auch per Telefon!) gar schröckliche Dinge über die Netzaktivitäten des betreffenden Mitarbeiters zu berichten wusste. Kurz: Sowas braucht kein Mensch. Aber die Verwendung von Klarnamen ist keine Lösung (dann schon eher Alkohol…).

Denn wer prüft nach, ob der angebliche Klarname wirklich echt ist? Und wie darf er das? Und, Facebook zeigt es uns, gibt es nicht auch genug Deppen, die auch unter Klarnamen in erster Linie pöbeln? Und gibt es nicht auf der anderen Seite unter den Nicknames im Netz genügend Beispiele, die sich in erster Linie sachlich und moderat zu Wort melden? Gerade bei den Nicks, die über viele Jahre am Leben gehalten werden, kann man sehr gut beobachten, dass sich ihre „Kinderstube“ kaum von der unterscheidet, die auch von den Leuten gepflegt werden würde, die im echten Leben dahinter stecken. Vielleicht ist die Lösung dann eben doch die, dass es zur Effizienz einerd Website oder eines Angebots wie Facebook dann eben doch dazugehört, inakzeptable Beiträge konsequent zu löschen und ihre Autoren zu sperren. Kostet mehr, ist aber dann eben auch erforderlich. Denn seien wir mal ehrlich: Wir hätten die Probleme nicht, wenn jeweils genug Manpower hinter der Kommentarmoderation stecken würde. Doch statt das an der falschen Stelle sparende Geschäftsmodell von Anbietern zu kritisieren, rufen wir lieber nach Totaltransparenz. Mir jedenfalls ist die Anonymität im Netz wichtiger als der Profit von Twitter…

Oben schrieb ich doch was von Ausnahme. Richtig: Es gibt ja jetzt den „Münkler-Watch„. Eine Handvoll Studenten, erkennbar aus dem linken Spektrum, betreibt ein Blog, in dem über Vorlesungen des bekannten Professors Herfried Münkler berichtet wird. Allerdings ebenso erkennbar in dem Bemühen, ihn der Ketzerei zu überführen, also ihm alle möglichen Untaten nachzuweisen, die man so aus akademisch-linker Sicht begehen kann. Der Punkt ist nun: Diese Studenten handeln anonym. Qualitätsjournalist Ulf Poschardt nennt sie daher „Denunzianten„. Qualitätsjournalist Patrick Bahners (übrigens beide immer sehr lesenswert, wie auch der oben erwähnte Wolf Lotter) hingehen plädiert auf Twitter und Facebook für das Recht auf Anonymität. Ein gewichtiges Argument in dieser Debatte ist die Machtverteilung zwischen Professor und Student. Aus der Sicht von Bahners rechtfertigt diese Asymmetrie die Zuflucht in die Anonymität. Außerdem besitze das Blog der betreffenden Studenten ja eine Kommentarfunktion.

Ich würde Bahners in soweit folgen, als die Studenten selbstverständlich das Recht haben sollten, ihre Kritik anonym zu äußern. Aber damit hat es sich auch schon. Denn aus meiner Sicht handeln diese Studenten nicht fair. Wenn man sich die Beiträge auf ihrem Blog so durchliest, dann geht es doch sehr ins Persönliche, und selbst wenn Bahners anklingen lässt, dass ihn solche Vorwürfe nicht überraschen, sollte jemand, der sich in dieser Hinsicht so weit aus dem Fenster lehnt, auch in der Lage sein, unter Aufgabe seiner Anonymität dem Kritisierten gegenüber zu treten. Vielleicht mit Hilfe eines Moderators, vielleicht sogar öffentlich. Der Verweis auf die Kommentarfunktion des „Watch-Blogs“ überzeugt nicht: Ihr eigenes Blog ist das Terrain der Kritiker, auf dem sie die Regeln vorgeben und alle Freiheiten besitzen, während die andere Seite auf ihr Wohlwollen angewiesen ist. Erstaunlich, dass diese Machtasymmetrie nicht relevant sein soll. Ich jedenfalls stehe dazu: Sollte ich je eine reale Person (also keine Nicks) in ähnlicher Weise attackieren, würde ich auf deren Wunsch einen Austausch mit offenem Visier befürworten. Nun bin ich kein Student von Herfried Münkler. Aber zunächst mal würde ich arg bezweifeln, dass der sich die Blöße geben würde, Studenten, die ansonsten mit guten Noten glänzen, wegen dieser Kritik zu benachteiligen (deswegen habe ich auch einen nicht allzu netten Verdacht hinsichtlich der bisherigen Leistungen der Betreiber des fraglichen Blogs). Und selbst wenn er da willkürlich handelte: Wäre die Diskussion wirklich öffentlich, also für alle Seiten, sollten sich bei ansprechender Argumentation der Kritiker genug Unis finden, die diesen hoffnungsvollen Nachwuchs in ihren Reihen sehen wollen. Oder etwa nicht?

Also ja für das Recht auf Anonymität. Aber verbunden mit einem Appell an die Anonymen, anständig zu bleiben und zur Not auch die Maske fallen zu lassen, wenn die Fairness es gebietet. Auch letzteres kann man übrigens in abgestufter Öffentlichkeit tun.

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2 Kommentare on “Was zur Anonymität”

  1. n_s_n sagt:

    Ich mag diesen Beitrag.

    Wo du mir sehr aus der Seele sprichst:
    Dieses Messen der Moralität an Worten statt Taten. Empathie, Rücksicht und Hilfsbereitschaft im täglichen Miteinander machen einem dennoch zu einem unmoralischen Menschen, wenn man klare, liberale Politik vertritt oder wissenschaftlich agumentiert, anstatt warmherzig. Große Reden über Umverteilung und Weltenrettung machen selbst den größten Stinkstiefel zur anerkannten moralischen Instanz.

    Als Ergänzung sei vielleicht angemerkt, dass die Diskussion um Anonymität im Netz, respektive Nicks, nur das Symptom diskutiert und nicht das was dahintersteht.

    Anstand, Erziehung, Respekt, Empathie, Rücksicht sind Dinge, die den Umgang miteinander prägen. Dazu kommt auch Angst vor Sanktion des eigenen Verhaltens. An anonymen Wortmeldung kann man nun erkennen, wie es um Anstand, Erziehung, Respekt, Empathie und Rücksicht bestellt ist, sind sie von dieser Angst befreit.

    Das ist eine Sache der Persönlichkeit der Diskutanten. Die existiert mit oder ohne Anonymität.

    So betrachtet ist die Forderung des Klarnamens, eigentlich die Forderung danach, das menschliche Verhalten über Angst zu sozialisieren, weil die Sozialisation, als sie noch vernüftig, im Rahmen der Erziehung / elterlichen Liebe möglich war, versäumt wurde.

    — Schön, dass es den Werwohlf gibt. Er bereichert meine Welt sehr und ich wünsche ihm viel mehr Aufmerksamekt in dieser Welt. Auch wenn ich seine fußballerischen Vorlieben nicht teile.

    • Werwohlf sagt:

      Schön, dass es den Werwohlf gibt. Er bereichert meine Welt sehr und ich wünsche ihm viel mehr Aufmerksamekt in dieser Welt.

      Danke schön. Ich schätze Deine Kommentare auch sehr, nach wie vor.

      Auch wenn ich seine fußballerischen Vorlieben nicht teile.

      Da halte ich mich ja mittlerweile sehr zurück. Ich habe gelernt, dass andere Menschen das nicht so entspannt sehen wie wir beide, und ich habe keine Lust auf Zoff deswegen.


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