Vom Guten, dem Bösen, einem kleinen Nest und den Deppen

Was waren das noch für Zeiten, als die große linke Illusion die marxistische war: Der an sich gute Mensch musste nur aus den falschen Produktionsverhältnissen befreit werden, um sich dann im kommunistischen Paradies zur vollen, reinen Pracht entfalten zu können. Selbst die dann doch etwas zu lang dauernde Diktatur des Proletariats, während derer die dann doch nicht so guten, einer Befreiung nicht zugänglichen Menschen aussortiert werden mussten, konnte an diesem Ideal nichts ändern. 

Heute ist das anders. Heute hat das herrschende linke Weltbild (ein paar verstreute Marxisten gibt es noch, aber eher im linken Untergrund wirkend) anscheinend zu viel vom Opium für das Volk genascht: Es offenbart sich als eine Art säkularisiertes Christentum – dem guten Menschsein, also dem linken (daher kann es auch keinen Linksextremismus geben, weil das Gute auch extrem immer gut ist), steht ein böses, rechtes, neoliberales gegenüber (an der Identität von beiden Adjkektiven wird in Redaktionsstuben und Sozilologieseminaren eifrig gebastelt). Und die schlechte Nachricht ist: Es sind nicht mehr nur die Produktionsverhältnisse, die sich ändern müssen, es ist noch nicht mal deren verwaschenere Formulierung als „die Gesellschaft“, sondern es ist jeder Einzelne, der da Schuld auf sich lädt und von dem Buße, tätige Reue und Bekehrung erwartet werden, 

Noch schlimmer: Es gelten alte biblische Verhältnisse. Das Böse existiert nicht nur, es ist in der Mitte unserer Gesellschaft verankert, und gäbe es nicht die wenigen Gerechten, die wie weiland die Propheten Israels uns immer wieder auf unsere Verderbtheit hinweisen, wir hätten es allesamt verdient, wahlweise durch atomares Feuer oder hohlendioxidinduzierte Dürre dahingerafft zu werden. Verschlüge es einen der wackeren Streiter aus dem juste milieu in den Bible Belt Amerikas, er wäre von lauter Brüdern und Schwestern im Geiste umgeben.

„Vier alle“ (O. Waalkes) finden uns jetzt wieder ausgerechnet in Tröglitz, einem Nest in Sachsen-Anhalt. 

Dort sollen wohl um die 40 Asylbewerber untergebracht werden, und die Witterung der sich im Ort entwickelnden Mischung aus Angst und Widerstand wurde von Neonazis sogleich handfest aufgenommen und in Struktur gegossen.  Nicht nur, dass ein für die Aufnahme der Asylbewerber einsetzender Bürgermeister wirksam eingeschüchtert wurde, auch die zur Unterbringung der neuen Mitbewohner bestimmte Unterkunft fiel jetzt einem Brandanschlag zum Opfer. Und gleich erweist sich, dass auch die neuen Propheten eine gute Nase besitzen. Sofort geht es um das „Tröglitz in uns allen“ – die Brandstifter haben einem ganzen Volk, das nicht vor lauter Willkommenskultur begeistert jedem Neuankömmling Zuneigung und Ressourcen entgegenbringt, die Maske vom Gesicht gerissen. Wenn wir wollten, wie wir könnten, würden wir ja wieder gerne. Nur manchmal gelingt es uns wie Dr. Seltsam nicht, den nach oben zuckenden rechten Arm mit dem linken unter Kontrolle zu halten. 

Für Mitglieder des juste milieu ist die Sache klar: Der verirrten Masse muss geholfen werden. Durch noch mehr Predigten von noch mehr betroffen dreinblickenden, gesellschaftlich relevanten Persönlichkeiten, durch noch mehr Aufklärung, durch noch mehr Mahnen, durch noch mehr Erinnern.

Passenderweise gab es heute gleich die nächste Schreckensmeldung: Es gibt Ausländerfeindlichkeit in diesem Land. Da ist jedem Neonazi vor Entsetzen die Fackel aus der Hand gefallen, und wir warten sekündlich auf die unerwartete Aufdeckung, Hitler sei womöglich gar Antisemit gewesen. Nun ist „Ausländerfeindlichkeit“ zunächst mal nur ein Begriff, der einer genaueren Bestimmung harrt. Manche halten sich da auch gar nicht erst lange auf und springen gleich über zum noch griffigeren Rassismus. Aber ist es erst „Ausländerfeindlichkeit“, wenn ich einem Menschen mit anderem Pass Übles zuzufügen gedenke oder ihm ein solches Übel nur an den Kopf wünsche? Oder reicht es schon, wenn ich sage, dass ich dann doch lieber badische, meinetwegen baden-württembergische oder noch meinetwegener deutsche Nachbarn hätte? Und wenn ich französische arabischen vorziehe, bin ich dann kein Ausländerfeind mehr oder dann erst oder längst schon Rassist oder was? Und was ist mit Neubürgern oder Doppelpass-Inhabern? Muss ein Bayer gar Preußen neben sich dulden? Fragen über Fragen. 

Aber als Ersteller einer Studie ist man ja in einer dankbaren Göring-Situation: Wer Ausländerfeind ist, bestimmt man selbst. Man entwickelt einfach ein Fragenset und definiert als Ausländerfeind denjenigen, der auf diese Fragen in einer bestimmten Weise antwortet. Das Problem dabei: Diese Fragen sind mitunter so dämlich gestellt, dass es tausend Gründe geben kann, sie in der einen oder anderen Weise zu beantworten. Zumal unter den Antworten nicht sowas möglich ist wie „Wenn Sie das oder das Wort weglassen, vielleicht“ oder „So allgemein gesagt nicht, aber manchmal vielleicht schon“. Viele Blogs haben sich schon in früheren Jahren ausführlich damit auseinander gesetzt, aber das hindert natürlich kein Leitmedium daran, denselben Unsinn jedes Jahr zu wiederholen. Wenn es denn die Art von Unsinn ist, die man mag…

Etwas ernsthafter: Selbstverständlich gibt es eine dem Menschen angeborende Abwehr des Fremden. Das ist universal. Und es ist auch vernünftig, sonst hätte es sich evolutorisch kaum durchsetzen können. Tausend Alltagsrituale, beim Handgeben angefangen, zeugen von dieser Grundskepsis. Zugleich gibt es auch die menschliche Neugier dem Fremden gegenüber – aber die befriedigt man nur ungern auf eigenem Terrain, sondern selbst als Fremder in fremden Welten. Was im Kleinen besagt: Wer gerne Italienisch essen geht (für manchen der Höhepunkt des Weltbürgertums), muss noch lange kein Haus mit lauter Libanesen neben sich haben wollen. Auch das ist logisch: Als Besucher bestimmt man maßgeblich Zeit, Ort und Dauer, während man als Aufnehmender in der Regel von solchen Entscheidungen Anderer abhängig ist. Also wie gesagt: All das ist normal .Und Menschen, die solche Einstellungen äußern, sollte man dankbarer sein als jenen, die sie vor lauter politischer Korrektheit unterdrücken. 

Es ist auch der Wunsch ebenso verständlich wie legitim, im Wesentlichen unter seinesgleichen bleiben zu wollen. Diesen Wunsch haben nicht nur Deutsche, sondern sehr offensichtlich auch diejenigen, die nach Deutschland kommen. Dieses Bedürfnis nicht nur nicht für voll zu nehmen, sondern öffentlich zu delegitimieren, wie es die herrschende Klasse tut, spielt nur denen in die Hände, die daraus weit mehr machen wollen. 

Um so bedauernswerter ist es, dass gerade Tröglitz jetzt als Ort der Schlacht gewählt wurde. Denn der von den Neonazis weggemobbte (und wohl von anderen staatlichen Institutionen nicht hinreichend unterstützte) Bürgermeister des Ortes war so jemand, der sich einerseits die eigenen Bedenken eingestand, aber andererseits auch nicht vor der Aufgabe kapitulieren wollte, vor der sich die mehr oder weniger definierbare Gemeinschaft gestellt sieht, die heute als „Deutschland“ bezeichnet wird. Mit dieser ebenso nachdenklichen wie offenen Haltung hätte er vielleicht sogar den Widerstand im eigenen Ort überwinden können, aber kapitulieren musste er erst vor organisierter Gewalt von außen. Dass ihm die schweigende Mehrheit nicht zur Seite springt, wie im „Tagesspiegel“ vor allem beklagt wird, sollte nur wenig verwundern: Individuell gäbe es da nur wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren, und zum Helden sind nur die Wenigsten geboren. 

Es ist auch keine neue Dimension, die durch den Brandanschlag entstand. Im Gegensatz zu den Schreckenstaten von Hoyerswerda oder Mölln bestand hier die Absicht offensichtlich nicht darin, Menschen an Leib und Leben zu schädigen, sondern eine Sache zu zerstören. In anderen Fällen wird das von politischen Koimmentatoren gern als lässliche Sünde eingestuft, aber natürlich nur, wenn es für die richtige Sache geschieht. Aber wir sollten uns auch nichts vormachen: Dass es unter den Rechtsextremen nicht doch mindestens eine Handvoll Deppen gibt, die auch Tote in Kauf nehmen (wenn nicht gar Mord beabsichtigen), um ihre Ziele durchzusetzen, kann niemand erwarten. Um so lächerlicher (obwohl aus Sicht des Betroffenen natürlich bedeutend) müssen die Meldungen erscheinen, man habe dem zuständigen Landrat mit Mord gedroht. Eine Morddrohung absenden kann wirklich jeder Hirni. Man muss nur mal irgendeinen in der Öffentlichkeit bekannten Juden fragen, was der so jeden Tag für Post bekommt. Selbst wenn dieses Land nur 0,1% Deppen beherbergte, kämen damit immer noch 80.000 Leute zusammen – das wäre eine ganze deutsche Stadt, dreißigmal größer als Tröglitz. Und dass sich die Deppen als radikale Liberale entpuppen, ist eher nicht zu erwarten…

Dass es zum Rücktritt des Bürgermeisters in Tröglitz kommen musste, ist der entscheidende Fehler in dieser Angelegenheit. Hier hätte die Demokratie Wehrhaftigkeit beweisen und die Demo vor seiner Haustür untersagen müssen. Dieser kleine Sieg hat die Rechtsextremen nur ermutigt,und von diesem Moment an haben es die Tröglitzer gar nicht mehr in der Hand, von diesem Moment an bestimmen Andere, was bei ihnen vorgeht. In angenehmeren Zeiten hätte man das als Lektion verbuchen können, so ist es ein Drama. Man kann nur hoffen, dass die Täter des Anschlags schnell gefasst werden und vor aller Augen ihre geistige Dürftigkeit unter Beweis stellen. Und dass durch die Bewohner von Tröglitz ein Ruck geht, der sie zur Einsicht kommen lässt, dass ihnen 40 bislang unbekannte Typen lieber sind als die ihnen nunmehr bekannten Nazi-Visagen, die alles andere im Sinn haben, nur nicht das Wohl der Einheimischen. Was man nicht zuletzt daran sieht, dass die einzigen durch den Brand Gefährdeten zwei von ihnen waren – ein Umstand übrigens, der manchen Kommentatoren eigenartig peinlich zu sein scheint.

Dennoch: Eine Regierung kann nicht Politik machen aus einer Pose der moralischen Überlegenheit gegenüber ihrem Volk, so sehr dies auch vom juste milieu erhofft wird. Es nutzt auch nicht viel, dass aus dem Asylanten erst der Asylbewerber und dann der Flüchtling wurde, und es nutzt auch nicht viel, dass dem Stereotyp vom frauenschändenden Drogendealer das der armen Flüchtlingsfamilie entgegengestellt wird – der typische Einwanderer über das Asylsystem hat mit beidem nichts zu tun, obwohl beides vorkommt. 

Dass es Menschen sind, die da kommen, ist ja viel mehr als nur ein Appell an Mitmenschlichkeit. Es ist auch Beschreibung der ganzen Komplexität der Situation, denn Menschen sind nie voraussetzungslos. Sie bringen immer etwas mit, angefangen von ihren eigenen Erfahrungen bis hin zu der Kultur, in der sie groß wurden und deren Werte sie übernommen haben. Und nichts und niemand garantiert uns, dass diese Werte kompatibel mit denen sind, die uns haben diese Menschen aufnehmen lassen. Auch eine universelle Aufnahmebereitschaft kann den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Es ist gerade die Kunst von Politik, eine Balance zu finden zwischen all den verschiedenen Ansprüchen, die an sie gestellt werden. Leider sind gerade diejenigen, die an anderer Stelle so gern mit dem Schlagwort „Primat der Politik“ daherkommen, an dieser Stelle bereit, dieses anzuerkennen, statt ihren moralischen Vorgaben bedingungslos zu folgen. Aber es gibt historisch nur weniges, das genau so kompromittiert wäre wie der Ersatz von Politik durch Moral. Und man komme nicht mit den Nazis als Gegenbeispiel: Noch nicht mal Captain Hindsight glaubt, dass die sich als moralisch unterlegen betrachteten.

Es ist – wie fast immer – ein Spagat, den die heutige Politik leisten muss. Sie muss Regeln aufstellen, die Zuzug sowohl in großer Zahl ermöglichen wie auch wirksam begrenzen. Sie muss Regeln aufstellen, welche Art von Zuwanderung es geben soll und welche nicht. Und sie muss, gleichgültig, in welche Richtung sich die politische Diskussion entwickelt, dafür sorgen, dass denen, die bereits hier sind und die daher zu Recht auf den Schutz des deutschen Staates hoffen, kein Leid geschieht. Da werden Predigten nur wenig bewirken. Sinnvoller wäre es, Polizeipräsenz zu stärken und gleichzeitig die Menschen in den aufnehmenden Orten frühzeitig einzubeziehen. Und zwar zielführend, aber das Problem besteht anscheinend ja schon in der innerstaatlichen Kommunikation. Statt landesweite Gehirnwäsche anzustreben, ist strimgentes staatliches Handeln erforderlich. 

Und das Gute daran ist: Das ist auch machbar, wenn man es will. 

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