Was zum Kopftuch

Das in den Augen der Bundesbürger unfehlbarste Organ dieser Republik hat entschieden: Ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen in öffentlichen Schulen ist mit der Verfassung nicht vereinbar. Fürderhin muss sich jeder, der anderer Meinung ist, von Konsorten wie dem notorischen Volker Beck als „Verfassungsfeind“ beschimpfen lassen. Aber seit wann hätte das einen Werwohlf je gestört?

Auch, dass Medien sozusagen als Beweis für die Richtigkeit der Entscheidung vermelden, sogar „die AfD“ habe dem Urteil zugestimmt, ändert nichts an der Meinung dieses Mitglieds. Hilfreich dabei ist allerdings, wer da als „die AfD“ auftritt, nämlich Grufti Alexander Gauland, der darin nur eine Chance wittert, endlich wieder an staatlichen Institutionen christliche Symbolik zu etablieren. Kann auch sein, dass es sein subversiver Ansatz ist, den Leuten, die damals diverse „Kruzifix-Urteile“ bejubelten, den Spiegel vorzuhalten, aber als Aussage bleibt erstmal der Vorrang der Religion.

Aber lasst uns zum Kern des Ganzen kommen. Warum tragen Muslima überhaupt Kopftücher? Es wird – auch von Muslimen – mitunter heftig bestritten, dass der Koran das Tragen von Kopftüchern für Frauen vorschreibt. Weniger heftig wird bestritten, dass Hadithe, also die andere Basis des Islam, ein solches fordern. Letztlich meinen aber praktisch alle Kopftuchträgerinnen, das habe dann doch etwas mit ihrer Religion zu tun. Dem hat dann letztlich auch das Bundesverfassungsgericht zugestimmt, indem es die Religionsfreiheit ins Spiel brachte.

Das wiederum wirft dann grundsätzliche Fragen auf. Zum Beispiel die, ob auch eine Religion für sich diese Freiheit in Anspruch nehmen kann, wenn ihre Praxis grundgesetzlichen Werten widerspricht. Und spätestens hier wird es absurd: Gerade eben hat noch der Gesetzgeber eine Quotenregelung beschlossen, um einige wenige Frauen in höhere Positionen zu befördern, aber jetzt sagt das oberste deutsche Gericht praktisch, es sei ganz okay, wenn Frauen generell vorgeschrieben wird, sie müssten sich wegen der Wollust der Männer verschleiern (bzw. ein Kopftuch tragen).  Dem steht übrigens nicht entgegen, dass viele Muslima nach eigener Bekundung das Tuch tragen, ohne von anderen dazu gezwungen zu werden. Denn auch damit legitimieren sie die religiöse Praxis, Frauen anderen Kleidungsvorschriften zu unterwerfen, nur weil sie Frauen sind. 

Der gerne gezogene Vergleich zu christlichen Nonnen ist verfehlt, denn die besondere Tracht ist dort eben nicht für alle Frauen vorgesehen, sondern nur für solche, die einen ganz bestimmten Weg für sich gewählt haben. Es wäre aus wöhlfischer auch völlig unproblematisch, entsprechenden Organisationen islamischer Herkunft ihre Tracht an deutschen Schulen zu gestatten. Schließlich kommt es in diesem sensiblen Bereich nicht darauf an, wer was trägt, sondern vor allem warum. Denn damit weren dann auch Normen transportiert. Lässt der Staat eine Norm zu, die Frauen in ihren Rechten und Pflichten von Männern separiert, entspricht er nicht dem Artikel 4 GG, sondern widerspricht dem Artikel 3. 

Und warum soll Artikel 4 hier nicht ziehen? Ganz einfach: Weil es das eine ist, sein religiöses Bekenntnis zu äußern und an entsprechenden Kultstätten auch zu praktizieren, etwas anderes aber, dieses Bekenntnis in das Weltliche hineinwirken zu lassen. Denn sobald das geschieht, können, wenn man keine privilegierten Gemeinschaften schaffen will, nur die anderen Artikel des Grundgesetzes als Maßstab dienen.

Also bleibt als Fazit nur, dass das deutsche Verfassungsgericht einer Religion gegenüber dem Geist des Grundgesetzes den Vorrang eingeräumt hat, der ihr nach den Vorstellungen dieser Religion auch zusteht. Weshalb man sich auch keine Illusionen um irgendwelche Entgegenkommen machen sollte. 

Übrigens: Von den Qualitätsmedien wird die Gegenposition in der Regel nicht thematisiert. Deren Aufgabe ist es, das Volk auf die Meinung der dominierenden Klasse einzuschwören.

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One Comment on “Was zum Kopftuch”

  1. erlingplaethe sagt:

    Der eine der zwei Fälle um die es konkret in dem Urteil ging, war der einer Lehrerin die anstatt eines Kopftuches eine Wollmütze benutzte.
    Ein Entgegenkommen, über das ich schon gestaunt habe. Leider wurde es nicht von der unteren Instanzen als ein solches angesehen.
    Die Landesgesetzgebern die jetzt Korrekturen an ihren Schulgesetzen vornehmen müssen, obwohl der (mehrheitliche) Standpunkt des BVerfG seit 2003 bekannt ist, waren nicht mal im Angesicht des Scheiterns ihrer Gesetze zu einem Entgegenkommen bereit.
    Es ist m.E. beispielhaft mit welcher stoischen Beharrlichkeit klare Ungleichbehandlungen von Religionen verdrängt werden, nur um sich nicht den liberalen und toleranten Umgang praktizieren zu müssen, den man stets wie ein Popanz vor sich herträgt.
    Denn hätte man das Ziel religiöse Bekenntnisse aus dem Unterricht (bis auf den Religionsunterricht) herauszuhalten ernsthaft verfolgt, wäre es zu dem gestrigen Urteil gar nicht gekommenn.
    Aber nein, sich widersprechende Ansätze müssen eben als dritter Weg oder Quadratur des Kreises in Deutschland immer wieder zurechtgebastelt werden. Logik und Vernunft beiseite lassend.
    Und dabei ist auch kein Entgegenkommen in Sicht. Bayern verkündete sofort, weiter gegen die Wand rennen zu wollen.
    Die Maut läßt grüßen.


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