Warum ich Kümmerts Verhalten nicht lobe und preise

Es ist ja im Grunde nicht nur Wurst, wer beim ESC gewinnt, sondern auch, wer da hinfährt. Und die deutsche Vorausscheidung geriet nur deswegen in die Schlagzeilen, weil der von den Zuschauern mit überwältigender Mehrheit (die Rede war von um die 80% in allen Runden) gewählte Sieger Andreas Kümmert nach seiner Wahl gleich zurücktrat, um der Zweitplatzierten das Ticket zu überlassen. Wahrscheinlich muss das so sein bei einem Wettbewerb, in dem die Musik nur einen Aspekt unter vielen darstellt. Man wählt da schließlich nicht nur nach Musikgeschmack, sondern auch, um ein Statement abzugeben, sei es ein nationalistisches, ein außen- oder ein gesellschaftspolitisches. Insofern sollte uns nicht wundern, wenn die finnische Punkband aus Lernschwachen diesmal das Rennen machen wird. 

Interessanter als die Musik sind dann also in Sachen Vorentscheid eher die Reaktionen. 

Während im Publikum nach der Entscheidung Kümmerts spontan gebuht wurde, gab es in den Feuilletons massenweise Lob für ihn. Die Rede war von Mut, Ehrlichkeit, Authentizität und ähnlich hehren Dingen. Der rundliche Sänger wurde z.T. geradezu als lebendiges Gegenstück zur doch so verlogenen ESC-Maschinerie gefeiert. 

Eins geriet dabei allerdings aus dem Blickfeld. Das eigentliche Problem ist nämlich nicht, dass die deutsche Teilnehmerin jetzt als offiziell zweite Wahl den Wettbewerb bestreiten muss. Das eigentliche Problem ist, dass sie nicht mit mehr Berechtigung antreten wird als jeder andere, der an diesem Tag schon vorher ausgeschieden war. Denn niemand weiß, wie die 80%, die sich für Kümmert entschieden haben, ihre Stimmen auf die anderen Teilnehmer verteilt hätten. Mit der spontan von Kümmert zusammen mit Moderatorin Schöneberger getroffenen Entscheidung, statt seiner Ann Sophie zu entsenden, sind diese 80% einfach unter den Tisch gefallen. 

Deswegen zieht man diese Nummer, erst anzutreten, alles zu geben, und dann nach Erfolg zurückzutreten, eigentlich nur durch, wenn man den ganzen Prozess als solchen bloßstellen will. Es sieht zur Zeit aber nicht so aus, als habe Kümmert das gewollt. Deswegen ist sein Verhalten vielleicht ehrlich und mutig, aber zugleich auch rücksichtslos und unverantwortlich gegenüber anderen zu nennen, und zwar sowohl gegenüber den anderen Teilnehmern als auch den Zuschauern und Abstimmenden. Menschen, die sich, wenn sie Erfolg eingefahren haben, dann der Verantwortung nicht stellen, kennen wir eigentlich schon zur Genüge. Da muss man ein weiteres Exemplar dieser Gattung nicht auch noch feiern.

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3 Kommentare on “Warum ich Kümmerts Verhalten nicht lobe und preise”

  1. erlingplaethe sagt:

    Erfolg verpflichtet? Interessante These.
    Hatte er denn ein Mandat?
    Und wie ist das eigentlich dann mit der Sinnhaftigkeit der Frage: Nehmen Sie die Wahl an?
    Genau das wurde Kümmert ja gefragt. Und er hat „nein“ gesagt.
    Sogar der Papst wird gefragt, ob er die Wahl annimmt! 😉

    Bei der Wahl zum Arbeitnehmervertreter in der Handwerkskammer ist eine Ablehnung der Wahl übrigens nur möglich, wenn derjenige das sechzigste Lebensjahr überschritten hat oder durch Krankheit oder Gebrechen verhindert ist, das Amt ordnungsgemäß zu führen.

    • Werwohlf sagt:

      Erfolg verpflichtet?

      Er bringt Verantwortung mit sich. Wie man damit umgeht, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Aber negieren kann man sie nicht.

      Und wie ist das eigentlich dann mit der Sinnhaftigkeit der Frage: Nehmen Sie die Wahl an?
      Genau das wurde Kümmert ja gefragt. Und er hat “nein” gesagt.

      Also ich habe ausgerechnet diese letzten Minuten tatsächlich live gesehen. Und ich kann mich nur erinnern, dass Kümmert gefragt wurde, ob er in der Lage sei, seinen Song noch einmal darzubieten, nicht etwa, ob er die Gunst des Publikums denn auch annehme. Und dann kam nach einigem Herumgedruckse die Absage.

      Aber das ist auch egal. Letztlich kann ihn keiner zwingen. Aber im Gegensatz zu den vielen Wahlen, bei denen die Gewählten zum Schluss gefragt werden, ob sie die Wahl denn auch anzunehmen gedächten, ließ sich da eben nicht noch schnell ein weiterer Wahlgang anhängen. Und auch da, wo gefragt wird, würde die Ablehnung zumindest Befremden und sicher auch Kritik auslösen, denn in den meisten Fällen wäre ein solche Vorgang dann ja eine Verarsche oder zumindest grober Unfug, da mit den Erwartungen und zum Teil auch Hoffnungen der Wähler gespielt und auf jeden Fall deren Zeit vergeudet wurde.

  2. Also ich habe ausgerechnet diese letzten Minuten tatsächlich live gesehen. Und ich kann mich nur erinnern, dass Kümmert gefragt wurde, ob er in der Lage sei, seinen Song noch einmal darzubieten, nicht etwa, ob er die Gunst des Publikums denn auch annehme. Und dann kam nach einigem Herumgedruckse die Absage.

    Die da lautete: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung die Wahl anzunehmen“. Vielleicht hat er ja die Antwort auf die eigentlich zu stellende Frage gegeben, die wohl nicht gestellt wurde, weil seine Antwort Frau Schöneberger bereits bekannt war.
    Vielleicht hat er Dinge erfahren, welche auf ihn zugekommen wären, die er nicht mitmachen wollte. Vielleicht fühlte er sich sogar übergangen oder seine Psyche war dem Rummel nicht gewachsen.

    Es sieht nicht nach einer Verarschung aus, und das ganze Spektakel ist eine Show. In diesem Business werden alle Nase lang Leute verheizt, zum Narren gehalten und zu Knechten gemacht.
    Zur Unterhaltung derer die dann beleidigt sind, weil sich einer überlegt, lieber doch nicht in das Hamsterrad zu steigen.

    Kümmert selbst wird einen viel höheren Preis zahlen als die wählenden Zuschauer, deren Wahl früher mal durch die Klatschlautstärke bestimmt wurde.

    Ich will gar nicht bestreiten, dass Kümmerts Entscheidung rücksichtslos und verantwortungslos ist, aber letztlich ist es eine Show und sonst nichts. Kümmert hat sich zwischen der Rücksicht und vielleicht auch der Verantwortung für sich selbst und für sein Publikum entschieden.

    Manche fühlten sich besser unterhalten als je zuvor bei dieser Veranstaltung und manche schlechter. No business is like showbusiness.


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