Ein paar Gedanken zu den Morden von Paris

Es ist jetzt das Wochenende nach dem Terror von Paris. In Paris versammeln sich bis zu einer Million Menschen, darunter auch diverse Politiker aus dem In- und Ausland, zu einer Trauerkundgebung. Der Schock sitzt noch tief. Kurz nach den Morden von „Charlie Hebdo“ und während der weiteren Taten der drei islamistischen Terroristen quollen die sozialen Medien über vor Trauer, Analysen, Kommentaren, aber leider auch Verharmlosungen und Rechtfertigungen. Aus meiner Sicht ist es im Moment schwer, genug Zeit zu finden, um all die Aspekte zu beleuchten, die hier beleuchtet werden müssten, und selbst, wenn ich mich auf wenige beschränke, erfordert dies doch mehr Aufwand als mal eben einen notwendigerweise extrem groben 140-Zeichen-Tweet rauszurotzen und dessen Unzulänglichkeiten mit der Beschränkung des Mediums zu entschuldigen.

Deswegen mal an dieser Stelle der Anfang eines Versuches, mit den Ereignissen umzugehen.

1. Terroristen und ihre Herkunft

Was wir da von außen mit ansehen mussten, waren unzweifelhaft Akte des Terrors, und zwar eines Terrors, dessen Ziel und Quelle feststehen. Ziel ist die liberale, „gottlose“ westliche Gesellschaftsordnung, Quelle die Lehre des Islam. Spätestens jetzt pflegt dann die allgemeine Islam-Debatte einzusetzen, aber bevor wir uns damit befassen, gehen wir lieber noch mal einen Schritt zurück. Wenn es nach mir geht, zurück in die Zeit des Terors der „Rote Armee Fraktion“. Deren Ziel und Quelle waren nämlich auch klar. Ziel war die kapitalistische („imperialistische“) Gesellschaftsordnung, Quelle der Sozialismus/Kommunismus. Wir konnten all die heutigen Phänomene auch schon damals erleben. Es gab Linke, die aus ihrer „klammheimlichen Freude“ über die Ermordungen von Repräsentanten des „Schweinesystems“ keinen Hehl machten, und es gab Nicht-Linke, die am liebsten alle Linken zu geistigen Mittätern der Terroristen gemacht hätten. Und tatsächlich: Die Terroristen hatten ihre Ideen aus einem durchaus lebendigen und aktiven linken Milieu bezogen, das keine Probleme hatte, sich mit ihren Zielen zu identifizieren. Niemand wäre je auf die Idee gekommen zu behaupten, die Verbrechen der RAF hätten nichts mit linker Ideologie zu tun. Es wäre auch zu lächerlich gewesen. [1]

Die Trennlinie zwischen verdammungswürdigem Terrorismus und zu tolerierender radikaler politischer Einstellung kann, auch wenn das gegenteilige Verständnis heute Allgemeingut zu sein scheint, nicht an der Ideologie selbst festgemacht werden, sondern erst durch die Taten selbst. Es gibt eine unscharfe Trennlinie, und die liegt ungefähr da, wo die Verfechter einer Ideologie oder Religion anfangen, sich über geltendess Recht hinwegzusetzen, und diese Trennlinie ist eindeutig überschritten, wenn diese Leute anfangen, sich zum Herrn über Leben und Tod aufzuschwingen, wenn sie zur Auffassung kommen, ihre Sache allein sei schon so unendlich wichtig, dass sie das Recht hätten, alle ihr im Weg Stehenden umzubringen. Due Täter von Paris riefen „Allahu akbar!“, wie das Millionen andere Muslime auch immer wieder tun. Sie rechtfertigten ihre Taten mit dem Vorbild ihres Propheten Mohammed, wie das Millionen anderer Muslime auch immer wieder tun. Sie waren ganz eindeutig Muslime, so wie die Terroristen der RAF Linke waren. Aber so wie man offensichtlich überzeugter Linker und trotzdem auf die Kraft der Überzeugung statt der Gewalt setzen kann, so ist dies auch für religiöse Muslime zu erwarten – wobei dann die große Zahl der kaum Religiösen und kaum Politisierten schon längst aus der Diskussion ausgeklammert wurde. Übrigens auch für Rechte, selbst wenn die NSU-Morde heutzutage als Beweis des Gegenteils herhalten sollen – das Messen mit zweierlei Maß ist leider im vereinigten Deutschland eine halb-offizielle Vorgehensweise.

Demzufolge erscheint es als unsinnig, würde man sich wegen der Terrorakte in Paris jetzt vorwurfsvoll an beliebige hiesige Muslime wenden und sie zu irgendetwas auffordern. Für sie gilt, was für alle anderen auch gilt: Wer durch sein Verhalten keinen Anlass gibt anzunehmen, dass er solche Taten auch nur im Geringsten gutheißt, den muss man auf diese auch nicht kritisch ansprechen. Die Zugehörigkeit zu einer großen ideologischen Richtung oder religiösen Gemeinschaft allein macht niemandem zum Sympathisanten. Im Gegenteil: Eins der Opfer der „Charlie Hebdo“-Killer war ein Polizist muslimischen Glaubens, der sein Leben dafür gab, die Journalisten des Magazins und die Werte seines Landes zu beschützen.

2. Eigene Reaktion

 Alle sagen jetzt „Je suis Charlie“. Ich bin nicht Charlie, weil ich keine Lust habe zu heucheln, im Gegensatz zu deutschen Qualitätsmedien (Quelle: @andreas_clever). Ich mochte die Karikaturen dort nicht leiden. Ich finde es nicht gut, wenn derart provokant auf dem Glauben anderer Menschen herumgetrampelt wird. Deswegen wäre „Charlie Hebdo“, hätte man mich auf diese Zeitschrift angesprochen, Ziel meiner Kritik und nicht meiner Sympathie gewesen. Aber selbstverständlich bedeutet Kritik nicht, dass man vorhat, deswegen die Rechte des Kritisierten zu beschränken, so wie es in Diskussionen erstaunlicherweise immer wieder mal vorausgesetzt wird. Und dass Kritik keinesfalls bedeutet, dass man dem Kritisierten persönliches Unheil wünscht, muss doch hoffentlich nirgendwo noch extra erwähnt werden.

Natürlich weiß ich, wie die Aussage „Ich bin Charlie“ gemeint ist: Als Akt der nachträglichen Solidarität, auch über vorherige Grenzen hinweg, nicht zuletzt, um den Terroristen zu zeigen, dass ihre Einschüchterungsversuche nicht erfolgreich sein werden. Es ist gut gemeint und bietet jedermann die Chance, mit seinen Gefühlen an die große anteilnehmende Bewegung anzudocken. Es gibt dennoch zwei große „Abers“ dabei.

Das eine „Aber“ betrifft die eigentliche Zielgruppe. Das sind nicht die vielen Hunderttausenden da draußen zur Zeit in Paris, jedenfalls nicht unmittelbar, sondern vor allem jene, die wie die Zeichner von „Charlie Hebdo“ in der Öffentlichkeit wirken. Und von denen sagen zwar viele, dass sie Charlie seien, verhalten sich aber genau entgegengesetzt, indem sie z.B. bekunden, Mohammed-Karikaturen niemals zu veröffentlichen. Mindestens ein bekannter Zeichner hat bereits eine Karikatur zurückgezogen, was man ihm kaum verdenken kann – es ist sein Leben und das seiner nächsten Umgebung, an das er denken muss. Es ist erschreckend simpel: So lange wir alle wissen, dass da draußen noch viele solche Typen wie die Paris-Attentäter herumlaufen, und das tun sie nach Erkenntnissen der Behörden in viel zu hoher Zahl, so lange wirkt der Terror auch, weil eben nicht jeder zum Helden geboren ist, auch nicht die Mitarbeiter des Ordnungsamts Leipzig.

Das andere „Aber“: Es mag dem zeitlichen Ablauf geschuldet sein und dass einmal eingeübte Rituale nicht so schnell wieder zu ändern sind, aber es wurde nicht nur „Charlie Hebdo“ angegriffen, sondern auch ein koscherer, lies: jüdischer, Supermarkt. Und auch dort wurden vom Täter eben gleich mal eben vier Menschen umgebracht – nicht, weil sie irgendetwas getan hätten, sondern allein schon deshalb, weil sie etwas waren: Juden. „Je suis Charlie“ reicht jetzt also nicht mehr. Wer sich nur zu Charlie bekennt, schließt – bei allem guten Willen – damit indirekt die jüdischen Opfer aus. Und während sich Zeichner noch durch Anpassung („Unterwerfung“ sage bitte nur der, der sich ähnlich exponiert) vor den Anschlägen von Islamisten bewahren können, steht Juden eine solche Option nicht offen. Sie sind jetzt die am größten gefährdete Gruppe Menschen in Europa.

3. Reaktionen der Anderen

Seltsamerweise aber waren nach „Je suis Charlie“ zumindest hierzulande die nächsten Reaktionen die, dass nun auf keinen Fall der Islam etwas mit den Taten zu tun haben könne. Wenn Funktionäre von Islamverbänden solche Aussagen treffen, könnte man das ja vielleicht noch verstehen – wenigstens als minmale Form von Distanzierung. Dass aber Politiker plötzlich derart zu Islamvertretern oder -experten mutieren, ist dann doch erstaunlich. Und dass es Quatsch ist, ist auch ziemlich offensichtlich (s.o. und hier). Man muss es leider anders interpretieren, und zwar als Fortsetzung des Pegida-Bashings, das dann letztlich in den heute bekannt gewordenen Forderungen mündet, auf weitere Demonstrationen „auf absehbare Zeit“ (CSU-Chef Seehofer) zu verzichten. Leider, weil der so erhobene Vorwurf der Instrumentalisierung eben selbst eine ist und hier den Zweck hat, vom eigenen politischen Versagen abzulenken, weil man komplexeren Fragestellungen und Problemen nicht anders als mit dem Duo Schönfärberei und Ausgrenzung von Kritikern begegnen kann.

Ungeachtet dessen ist wenigstens mir nicht ersichtlich, wie Pegida aus den Pariser Morden Kapital schlagen will. Die Bedrohung durch Anschläge wurde dort meines Wissens nach nie thematisiert. Sie hat auch nicht viel mit „Islamisierung“ zu tun – außer, dass beides wiederum mit dem Islam zu tun hat. „Islamisierung“ geschieht, wenn und wo sie denn geschieht, in der Regel nicht durch Gewalt, sondern auf ganz zivilem, gewaltfreiem Weg, einfach, indem die eine Handlung nach und nach durch eine andere Handlung ersetzt wird – ohne Zwang, sondern weil sich das aufgrund der Mehrheitsverhältnisse oder der herrschenden Moralvorstellungen so ergibt. Islamistischer Terror ist auch nicht ohne weiteres durch Begrenzung von Einwanderung zu bekämpfen – unter den als gefährlich eingestuften „Syrern“ befinden sich auch in Deutschland Geborene. Kurzum: Wie die Ereignisse von Paris einigermaßen konsistent Wasser auf die Mühlen von Pegida sein sollen, ist alles andere als klar. Wenn etwas die Bewegung weiter befeuert, dann ist es dieses schamlose Instrumentalisierung der Pariser Opfer durch die deutsche Politik.

4. Das Journalisten-Universum

Und nicht nur die Politik. Auch der deutsche Journalismus entpuppte sich plötzlich als fremdes Wesen, das in einem eigenartigen Mikrokosmos vor sich hinexistiert. Wer Kommentare wie die von FAZ-Herausgeber Kohler und dem Vorsitzenden des Verbandes der Zeitungsverleger liest, kann nur zu einem Urteil kommen: Das größte Verbrechen, das die Islamisten in Paris begangen haben, war, ausgerechnet Journalisten umzubringen. Und dass dabei „Lügenpresse“ skandiert wird, ist das eigentlich Verwerfliche an den Pegida-Demonstrationen. Beide, terroristische Mörder und friedliche Demonstranten, sehen Journalisten als Gegner, und das reicht dann, beides in einen Topf zu werfen. Da kann man nur noch den Kopf schütteln ob dieser grotesken Konstruktion.

Und – wiederum leider – scheint es auch den Blick zu verzerren bei der Berichterstattung. So durfte man immer wieder hören, beim Überfall auf den Supermarkt seien „vier Geiseln“ „gestorben“, „ums Leben gekommen“, und ja, auch „erschossen“. Spätestens seit dem Interview des Dschihadisten während der Tat mit einem französischen Sender musste man aber wissen, dass diese vier Menschen niemals Geiseln waren, sondern von ihrem Mörder ebenso kaltblütig umgebracht wurden wie die Journalisten bei „Charlie Hebdo“. Auch, dass es sich bei ihnen um Juden handelte, wurde meist eher verschämt erwähnt.

Inzwischen scheinen die alten Reflexe auch wieder zu wirken. Auf SPON erschien ein Artikel, in dem die Autorin die Taten keinesfalls entschuldigen oder rechtfertigen wollte, oh nein. Sie wollte sich ihnen nur „annähern„. Und so taucht dann allmählich der wahre Schuldige am Horizont auf: die französische Gesellschaft. Oder eben bei Bedarf auch die deutsche.

Auch ZDF-Reporter Theo Koll wusste von der geringer werden Akzeptanz von Muslimen und Juden in Frankreich zu berichten, so, als wären beide Opfer einer dritten Gruppe, bei der es sich dann eigentlich auch nur um die französische Gesellschaft handeln konnte. Dies wurde dann auch prompt bestätigt durch die Aussage, dass Muslime eben nicht die gleichen Chancen in Frankreich hätten wie andere. Dass die Probleme Letzterer vor allem mit Ersteren zu tun haben, diese Information kann man dem deutschen Fernsehzuschauer aber keinesfalls zumuten. Wir wissen schon: nur nicht instrumentalisieren. Und die Attentate waren dann wohl so eine Art Hilfeschrei. Wunderbar: Dafür haben wir die passenden Sprachschablonen längst bereit (so auch Ulrich Wickert heute bei „Jauch“ übrigens). Alte Weltbilder sind wieder gerettet.

5. Umgang mit dem Islam

Ausbleiben konnten sie dann letztlich aber doch nicht, die Fragen an den Islam. Meine Versuche, mich dieser Religion zu nähern, haben mich einigermaßen skeptisch werden lassen, was deren Kompatibilität mit westlichen Werten angeht – und diesen Schluss ziehe ich nicht aus „islamkritischer“ Lektüre, sondern aus Werken anerkannter Islamwissenschaftler. Das Zusammenwirken von Buchstabenglaube (Koran als unverfälschtes, ewiges und endgültiges Wort Allahs) und Abrogation (bei Widersprüchen zählen die späteren, eher kriegerischen Suren), das wohl noch herrschende Lehre darstellt, wirkt da fatal. Immerhin: Es gibt Reformansätze. Doch es ist da wohl noch ein weiter Weg zu gehen, und es scheint insbesondere eine eher problematische Koranauslegung im Westen zu dominieren, was vermutlich auch mit der sozialen Herkunft muslimischer Einwanderung zusammenhängt.

Aber solche Fragen helfen nicht weiter, wenn es darum geht, wie weiteres Zusammenleben gestaltet werden soll. Meines Erachtens kann es nicht darum gehen, sich nach dem zu richten, was man nicht will, sondern die westlichen Gesellschaften müssen klar artikulieren als auch offensiv vertreten, welches ihre Werte sind und dass sie universal gelten. Es wird dabei unweigerlich zu Zusammenstößen mit Religionen kommen, die ihren Gläubigen sehr detaillierte Vorschriften für das tägliche Leben machen. Es ist sinnvoll, Gläubigen zu erleichtern, Auswege aus diesen Konflikten zu finden, aber es ist weniger sinnvoll, diese die Regeln des Zusammenlebens für alle setzen zu lassen, nur weil sie die rigideren Vorschriften haben. Ich halte es auch für richtig, Kopftücher als sichtbaren Beleg der Minderwertigkeit der Frau zu problematisieren – ob das in staatlichen Verboten zu münden hat, ist eine ganz andere Frage. All das sollten wir uns im Westen schuldig sein, auch im Sinn der Muslime, die ganz froh darüber sind, hier eine liberale Variante ihres Glaubens leben zu können.

All das löst das Terrorismus-Problem nicht. Um dahin zu kommen, sind sowohl geistliche als auch politische Anstrengungen erforderlich. Bevor es keinen Islam gibt, der sich selbstverständlich in westliche Demokratien integriert, wird das Problem weiter bestehen. Aber es ist kein rein religiöses. Es geht auch um Herkunft, Tradition, Fremdheitsempfinden, fehlende Ausbildung, Machotum – Dinge, die sich gegenseitig hochschaukeln können. All das ist nicht einfach per Beschluss zum Besseren zu wenden.

Aber wir sollten keine Verharmlosungen akzeptieren und keine Relativierungen, weder von Muslimen noch von Nicht-Muslimen. Und kein Terrorist soll sich bei uns als Fisch im Wasser fühlen dürfen..

[1] Eine andere interessante Parallele ist die klammheimlicheUnterstützung der Terroristen durch diktatorische Staaten.

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2 Kommentare on “Ein paar Gedanken zu den Morden von Paris”

  1. […] Ein paar Gedanken zu den Morden von Paris → […]

  2. […] lange ist es noch nicht her, da verfasste der Werwohlf seine Gedanken zu abscheulichen Morden, begangen in der wunderschönen Stadt Paris von islamistischen […]


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