Wo die Grenze ist

Wem als allgemein kritisch denkendem Menschen ein wenig nach Masochismus zumute ist, sollte „Die Zeit“, die „Süddeutsche“, den „Tagesspiegel“ oder gar die „tageszeitung“ verfolgen. Es ist, zumindest für den Werwohlf, ein ungemein lehrreicher Ausflug in ein Paralleluniversum, in dem nicht nur viele andere Gesetze gelten, insbesondere im Bereich der Logik, sondern in dem auch in der hiesigen Welt längst wenn nicht völlig widerlegte, so doch aber sehr zweifelhafte Behauptungen immer wieder als selbstverständliche Tatsache auftauchen. Und in dem vor allem eins gilt: die korrekte Gesinnungsausrichtung. Nebenbei kann man dabei auch viel über die Kunst der Manipulation lernen. Zum Beispiel hier: „Der Mann, der von der Lügenpresse kam“ („Die Zeit„).

In diesem Beitrag geht es um Konrad Adam, einen der amtierenden drei Sprecher der AfD. Anlass ist zunächst dessen von der FAS veröffentlichter Artikel mit dem Titel „Wie die Christen schon einmal die Türken schlugen“, in dem Adam von der Seeschlacht bei Lepanto erzählt. Nun ist es natürlich schwierig, jemandem zur Last zu legen, er habe ein historisches Geschehen wiedergegeben. 

Da muss man schon ein wenig Selbstverleugnung betreiben: 

Anstößig ist vor allem die Überschrift „Wie die Christen schon einmal die Türken schlugen“. Eine Zeile, die wirkt, als wolle sie Mut machen für den nächsten Kampf gegen die Muselmanen. Adam selbst macht allerdings die Zeitung für die Überschrift verantwortlich.

Werwöhlfe sind zugegebenermaßen nicht als Journalisten tätig, aber alle, die von der Materie mehr Ahnung haben, versichertem diesem hier zu anderen Gelegenheiten mehrfach, dass die Überschriften und Texteinleitungen („Teaser“) in der Regel nicht vom Autoren des Textes selbst stammen. Dem „Zeit“-Autor Christian Bangel hingegen gelingt es, Adam zumindest im Verdacht zu belassen, er habe die Überschrift verfasst – wie wir aufgrund der einschlägigen Praxis annehmen dürfen, also gegen besseres Wissen. Zumal bekannt sein dürfte, wie die Sympathien gegenüber AfD oder Pegida bei der FAS verteilt sind (kleiner Tipp: nicht so vielfältig wie bei der FAZ). 

Aber Bangel hält sich damit nicht lange auf. Es gilt ja, schon die bisherigen Texte Adams als Beleg dafür anzuführen, wie unsagbar rechts, also mithin Nazi, dieser Mann eigentlich ist.

Der Islam, schrieb Adam, sei eine politische Religion, „deren Beitrag zur hiesigen Kultur im besten Falle unklar“ sei. Nach 9/11 wird Adams Sprache schärfer. Unter den Muslimen fände sich ein „aggressives Sonderbewusstsein“, das sich „im Festhalten an der Herkunftssprache, im Tragen von Schleier und Kaftan, im Besuch von Koranschulen“ zeige.

Unglaublich,. Bangel gelingt es auch, diesen Unsinn sofort zu widerlegen. Äh, Moment, tut er ja gar nicht. Diese Worte sind für ihn Beleg genug. Sowas sagt man heute nicht mehr, wenn es nach ihm geht. Das gilt auch für das Folgende:

Der Grund dafür ist in Adams Augen die Integrationspolitik seiner eigentlichen Gegner, der „Multikulturalisten“. Lange bevor die Deutschen in der Kontroverse um den Veggie-Day das Schreckgespenst einer links-grünen Bevormundung entdeckten, lange bevor sich Matthias Matussek als Gottvater der unterdrückten Konservativen inszenierte, schimpfte Adam schon mit großer Wut auf ein Milieu, das „mit Hilfe einer politisch korrekten Sprache“ eigene Vorstellungen durchsetze und andere verpöne. 

Das ist auch kein Kunststück, selbst wenn Herr Bangel das nicht wahrhaben will. Diese Mechanismen wirken, und sie wirken schon lange. Es ist aber allerdings wohl so, dass Bangel die Wirkung der von ihm vertretenen Ideologie als solche gar nicht wahrnimmt. Für ihn sind es Selbstverständlichkeiten, und wenn sich seine Sprachregelung sanktionsbewert durchsetzt, dann ist das eben eine unvermeidliche, progressive Entwicklung.

Das war die Zeit als Otto Schily seinen Anti-Terror-Kampf mit den Stimmen der Grünen durchdrückte. Schon nicht ganz einfach, sich zu dieser Zeit eine linksgrüne Diskurshegemonie zurechtzubasteln.

Hier ist hohe Manipulationskunst am Werk. Erkennen Sie die Scheinlogik? Zunächst mal erfahren wir nicht, was genau dieser „Anti-Terror-Kampf“ eigentlich enthält. Anklänge an den „Deutschen Herbst“ der 70er Jahre sind wahrscheinlich beabsichtigt, und Begriffe wie „Rasterfahndung“ sollen vor unserem geistigen Auge auftauchen. Nicht ganz klar (oder im Grunde doch?) ist auch, warum Anti-Terror-Gesetze (um solche kann es ja nur gehen) nicht mit einer linksgrünen Position vereinbar sein sollen. Aber nehmen wir mal an, sie wären es. Wer um alles in der Welt hat behauptet, dass eine Diskurshegemonie immer auch im aktuellen Regierungshandeln ihren Niederschlag finden muss? Und wer hat behauptet, dass sie flächendeckend wirksam sein muss? Bei der Terrorgefahr sind eben diese „irrationalen Ängste“ (zur Unterscheidung von „rationalen“, weil gegen das System gerichteten, wie bei Atomenergie oder Gentechnik) am Werk, gegen die der Diskurshegemon nur schwer anstinken kann und die deshalb dann letztlich doch auch an der Urne artikuliert werden. 

Adam aber zieht eine Linie vom vorgeblichen Gutmenschentum der Linken zu einer akuten Überfremdungsgefahr: „Migranten aus aller Welt haben das verstanden und sich danach gerichtet. Sie kamen eilends und sind nun da und werden in den Häusern, den Vierteln, den Städten und den Regionen Schritt für Schritt die Überhand gewinnen, da sie im Unterschied zur deutschen Stammbevölkerung Kinder noch nicht für überflüssig halten.“

„Überfremdung“ ist wie „Autobahn“: Geht gar nicht, weil Nazi. Gut, Herr Bangel muss das dem Herrn Adam erst in den Mund legen, aber in Zeiten, wo Kanzlerinnen in die Herzen anderer Menschen schauen können, sollte das für einen Qualitätsjournalisten die leichteste Übung sein. Ob es Herrn Bangel irritiert, dass die „Angst“ des Herrn Adam in diversen Stadtteilen und Schulen längst Realität ist, wissen wir nicht. Aber Realität ist ja bei Dekonstruktivisten kein Argument. 

Mitte der Zweitausender ist Adam dort angelangt, wo Pegida heute ist: „Was zählt, ist das, was immer zählte, die Zugehörigkeit zu einem Volk und einer Religion, Abstammung und Glaube also“, schrieb er. „Im Falle des Islam ist das ein Glaube, der, um mit Samuel Huntington zu sprechen, blutige Ränder hat. Kein Satz aus seinem bekannten Buch über den Krieg der Kulturen ist heftiger angefeindet worden als dieser; und keiner hat sich als richtiger erwiesen.“

Mit diesem Zitat hat sich Adam als konservativer Kulturpessimist entlarvt. Wenn das von ihm Genannte das ist, was zählt, dann ist der Untergang der heutigen deutschen Gesellschaft gewiss, denn weder von Religion, noch von Abstammung, noch von Glaube, geschweige denn von Volk will hierzulande jemand etwas hören. Er hat davon auch nichts hören zu wollen, wenn es nach Meinung von Herrn Bangel geht. Was man aber Herrn Adam schwerlich vorwerfen kann, ist, dass er von weiten Teilen der deutschen Einwanderer ein falsches Bild gezeichnet hat. Und wenn man es ihm vorwirft, dann vielleicht besser belegt. Richtig ist, dass nicht alle Einwanderer (Oder muss man jetzt zu den schon lange Eingewanderten auch „Flüchtlinge“ sagen? Bitte um Instruktionen!) so denken. Richtig ist aber auch, dass ein sehr großer Teil so denkt, wie einschlägige Umfragen immer wieder belegen und wie es auch dem einen oder anderen aus dem alltäglichen Umgang mit diesen Menschen bekannt ist. Wenn man da in pessimistischer Weise Tendenzen fortschreibt, erscheint Adams Vision so falsch nicht. Darf aber natürlich nicht sein.

Deswegen erklärt Herr Bangel solche Ansichten sofort zu „Pegida“ und damit letztlich zu Nazi (für alle, die von den bisherigen Argumentationslinien noch nichts mitbekommen haben – die Vorstufen „dumpf“, „Hass“ und „Hetze“ wurden der Kürze wegen übersprungen).

Solche Artikel sind gut und wichtig für alle, die wissen wollen, wo die Grenze wirklich verläuft. Der Werwohl hätte nie geahnt, dass ausgerechnet ein kleines Dresdner Häuflein den Diskurshegemon so aufzuscheuchen in der Lage ist, dass er sich in voller Montur sichtbar macht. 

Disclaimer: Konrad Adam ist in seiner aktuellen politischen Ausrichtung nicht der Freund des Noch-AfD-Mitglieds Werwohlf, obwohl er als Feind seines Feindes angesehen werden könnte. Seeschlachten oder Schlachten überhaupt gegen türkische Invasoren stehen nicht an.

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