Litaneistörende Fakten

Das Schöne an den linken Blättern in diesem Land: Sie sind so verlässlich. Man kann mit stets wiederkehrenden Artikeln gleichen Tenors rechnen, und, das macht es so besonders, ganz egal, wer sie schreibt oder wie sich inzwischen die Fakten geändert haben. Nehmen wir mal dieses jüngste Beispiel aus der führenden, donnerstags erscheinenden, linken Postille „Die Zeit“: „UNGLEICHHEIT – Reich und Reich vermehrt sich gern“.

Wahrscheinlich handelt es sich dabei nur um einen verspäteten Piketty-Nachschlag, auch wenn die Autorin sich bemüht hat, die Diskussion, die nach Erscheinen dessen Buches entstand, irgendwie nachzubilden. Dass auf amerikanischen Econ-Blogs eine viel tiefere und interessantere Kritik zu lesen war und noch ist, als sie Frau Oberhuber uns in knappen Worten vorstellt, könnte man ihr nur vorwerfen, wenn sie dort mitlesen würde. Vermutlich tut sie das aber nicht. Allerdings wäre von einer deutschen Qualitätsjournalistin zu erwarten, dass sie hin und wieder in deutsche Medien schaut. Da aber scheint ihr etwas entgangen zu sein, oder sie lässt es weg, weil der Artikel dann nicht mehr der üblichen Sprachregelung entsprochen hätte. 

Frau Oberhuber fragt also: 

Die großen Vermögen werden also immer größer, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. An Pikettys These kam 2014 niemand vorbei. Die große Frage war nur: Stimmt sie?

Und sie antwortet: Ja. 

Doch für die Industrieländer gilt: „Arme sind ärmer geworden, Reiche reicher“, so fasste es auch die OECD in ihrem jüngsten Bericht zusammen. Über die vergangenen 20 Jahre war der „Anstieg der Ungleichheit weit verbreitet und deutlich, wenn auch nicht so spektakulär wie zumeist wohl angenommen wird.“ In den letzten zehn Jahren hätten sich die Armutsquoten jedenfalls in der überwiegenden Zahl der OECD-Länder erhöht. Das habe überdies zu einer „Ausdünnung der Mittelschicht geführt“.

Man muss hier natürlich immer berücksichtigen, dass „Armut“ und „Reichtum“ reine Verteilungskategorien sind – über das Vorhandensein von Not und Elend sagen sie nichts aus. Das ist für die Argumentation im betreffenden Artikel zwar nicht entscheidend, sollte aber vielleicht zwischendurch auch mal erwähnt werden, insbesondere wenn man vorher über die Erfolge in den Entwicklungs- und Schwellenländern sprach. 

Dann zitiert sie als ihren Kronzeugen ausgerechnet einen Historiker. Selbst wenn dieser Mann ein nicht nur in seiner Zunft bekannter ist: Ob er sich zu aktuellen ökonomischen Fragestellungen als besonders fundierte Quelle eignet, darf bezweifelt werden. Die Vermutung, dass hier nur eine prominente Meinung, nicht aber eine als Beleg taugliche Quelle zitiert wird, liegt nahe, besonders, wenn man so etwas zu lesen bekommt:

Die Lage habe sich „dramatisch zugespitzt“, doch habe die Regierung den Bürgern diese Zahlen im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht vorenthalten, kritisierte Wehler. 

Woran könnte das gelegen haben? Immerhin: Auch Ökonomen vermag Frau Oberhuber als Zeugen aufzurufen. Ignorieren wir mal den leichten Schönheitsfehler einer gewissen politischen Schlagseite dieses Instituts – seriös arbeiten sollte es allemal: 

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnte dieser Tage: Der Mittelschicht gehe das Geld aus, die Bundesrepublik drifte bei der Verteilung des Vermögens immer weiter auseinander.

Moment mal – das DIW? Hatte sich nicht derjenige, der für die entsprechende Forschung dort zuständig ist, in der Presse zu Wort gemeldet? Doch, hatte er:

„Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.“ Dieser griffige Spruch ist auch in Bezug auf Deutschland immer wieder zu hören. Doch er stimmt offenbar noch weniger als bisher gedacht. Korrekt war: Die Reichen werden reicher – und die Armen werden auch reicher, aber langsamer. Deshalb hätte sich die Kluft zwischen Arm und Reich dennoch weiter vergrößert. Doch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt jetzt: Seit 2006 ist die Ungleichheit praktisch dieselbe geblieben.

Das sagte der DIW-Wirtschaftsforscher Gert Wagner dem „Berliner Tagesspiegel“ und verwies auf Langzeituntersuchungen des Instituts. „Danach hat die Spaltung der Gesellschaft, was die Verteilung von Einkommen und Vermögen angeht, zwar in den Jahren zwischen 1985 und 2005 zugenommen, aber seitdem hat sich nichts mehr wesentlich verändert.“

Ups. Hätte Frau Oberhuber das gewusst, hätte sie ihren Artikel ganz sicher nicht geschrieben. Oder anders. Aber dann kein Geld dafür bekommen, so als freie Journalistin, die nicht schreibt, was ihr Auftraggeber sehen will. Aber was ist mit den anderen Aussagen? Natürlich stimmen die. Wenn sich in den letzten acht Jahren die Verteilung kaum verändert hat, in den 20 Jahren davor aber schon, dann hat sie sich natürlich auch in den letzten 28 Jahren verändert. Alles eine Frage des richtigen Start- und Endzeitpunkts. Aber die Aussage wird natürlich eine andere, wenn man die jüngste Periode gesondert betrachtet. Das könnte vielleicht auch erklären, warum der oben genannte Historiker an dieser Stelle lieber Philosoph geblieben wäre, statt der Bundesregierung üble Machenschaften zu unterstellen. 

Auch politisch bekommt das Thema natürlich einen ganz anderen Spin. Wenn sich die Sache eben nicht dramatisch zuspitzt, sondern seit ca. acht Jahren Ruhe im Karton ist, sind die nahezu verzweifelten Rufe nach Vermögensteuern oder der „Deckelung“ von Managergehältern, und was die Autorin noch so alles aus dem Horrorkabinett staatlichen Dirigismus‘ auffährt, womöglich etwas verfehlt. Wenn das Schiff aus stürmischer See kommend in ruhigem Fahrwasser segelt, hört man Forderungen, man müsse dem Kapitän unbedingt ins Steuer greifen, eher ungern. 

Ein kluger Artikel hätte dasselbe Thema natürlich anders behandelt. Er hätte mit der Frage angefangen, was denn die Zunahme der Ungleichheit im betrachteten Zeitraum verursacht hat. Er hätte auch gefragt, ob nicht eher die Zeit davor als untypisch zu gelten habe. Er hätte sich ein wenig mit der Messung von Reichtum beschäftigt. Er hätte abgewogen, inwieweit staatliche Maßnahmen überhaupt in der Lage sind, solch langfristige Trends zu „korrigieren“ (ganz abgesehen von der Legitimiation dazu). Und zu guter Letzt hätte er auch an andere Maßnahmen als an rein nachträglich umverteilende gedacht, wenn es in ihm wirklich um eine Bekämpfung der Ursachen gegangen wäre. 

Just kidding.

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