Die andere Seite

Kein Sommer ohne Winter, kein Yin ohne Yang, kein Hell ohne Dunkel, kein Leben ohne Tod. Praktisch alles auf Erden hat zwei Seiten. Jede Entscheidung für das eine ist zugleich auch ein Verzicht auf alles andere. Und es gibt – außer der Liebe vielleicht – nichts auf dieser Welt, was nicht zugleich Vor- und Nachteile hätte. Mancher begreift dies sehr schnell, mancher erst mit zunehmender Lebenserfahrung. Es gibt aber einen Bereich auf genau derselben Welt, der sich mit allem Verfügbaren gegen diese Erkenntnis wehrt: die Politik.

Egal, wer was und warum fordert: Es muss immer und ausschließlich Vorteile haben. Auch der kleinste Nachteil darf auf keinen Fall eingeräumt werden. Gut, dass das Verteilen von Geld erfordert, es vorher irgendwo herzunehmen, lässt sich inzwischen kaum noch verbergen. Aber das, was mit dem Geld gemacht werden soll, hat wieder nur noch Vorteile, und zwar für alle Zeiten. Und auf keinen Fall soll jemand auf die Idee kommen, dasselbe Geld hätte, woanders eingesetzt, einen höheren Nutzen erzeugt – die alternative Verwendung des politischen Gegners nämlich, und zwar nur die, die hat selbstverständlich nur Nachteile.

Es handelt sich hier um ein allgemeines Schema, das aber auch den Verlauf der Diskussion um Einwanderung („Debatte“ wäre hier ein durch nichts zu rechtfertigender Euphemismus) kennzeichnet. Die Befürworter malen die Resultate der Einwanderung in den leuchtendsten Farben und bemühen sich, jeden auch nur leisen Anflug von Kritik mit politisch ausgrenzenden Vorwürfen zu überziehen. Sie müssen das tun, weil sonst nach den herrschenden Spielregeln ihre Position unhaltbar wäre. Demzufolge predigen die jeweiligen Politiker unablässig die Segnungen von Migration und verleihen ihr die höchsten moralischen (also nicht hinterfragbaren) Würden, und die ihnen gewogenen, angeblich kritischen, in Wirklichkeit aber dem Dauerkonsens verpflichteten Medien überziehen ihre Zuschauer, Zuhörer und Leser mit den schönfärberischsten Statistiken und rührendsten Anekdoten.

Und dann wundern sie sich, dass ihnen das irgendwann keiner mehr glaubt. Und sei es auch nur, weil es auch andere, weniger rührende als erschreckende Anekdoten gibt. Und weil die zum Teil brisante Lage in bestimmten Städten und Stadtteilen sich eben nicht mehr dahinter verstecken lässt, dass es noch Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern ohne Moscheen gibt. Plötzlich reichen diese „diffusen Ängste“, die gegen Atomenergie oder Finanzkapitalismus eben noch als ehrenwert galten, nicht mehr, um politischen Aktionismus auszulösen. Da schließt man lieber die Augen und versammelt die eigenen Truppen im Kampf gegen die üblichen Strohmänner. Herrlich, wie witzig und ironisch in den sozialen Medien diese ausländerfeindlichen Klischees zerrissen werden. Und wenn dann doch jemand fehlt, der sie vertritt, werfen sich die investigativen Journalisten eben selbst die Bälle zu und treten als verkleidete „Rechte“ auf. Ist ja für eine gute Sache. Und außerdem Karnevalssaison.

Die Befürworter von mehr Einwanderung verhalten sich, als ob ihre Argumente so schwach wären, dass sie angesichts des kleinsten Nachteils in sich zu zusammenfallen würden. Ich bezweifle, dass es um ihre Sache wirklich so schlecht steht. Sie wäre wahrscheinlich auch sehr gut mit mehr Ehrlichkeit zu vertreten. Aber dass das alles nichts kostet, und zwar monetär als auch nicht-monetär, das können sie nur den unmündigen Bürgern erzählen, für die sie uns halten. 

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One Comment on “Die andere Seite”

  1. […] Entwicklung als quasi alternativlos hinstellte – er tat dies eben nicht, ohne auch auf Nachteile hinzuweisen, und damit verstieß er eindeutig gegen den […]


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